Sieben zu eins

von Falk Schreiber

Hamburg, 20. September 2014. Ausstellungsstücke: Johannes Schütz hat 13 Vitrinen in den Malersaal des Hamburger Schauspielhauses gebaut, 13 Vitrinen, in denen zehn Schauspieler Biografien darstellen. Michael Weber in Vitrine 10: Raùl Hansen, Germanistikdozent in Florianópolis, verbindlich, ein wenig übereifrig. Oder Sasha Rau in Vitrine 6: die animistische Priesterin Olayinka, ehedem Anna von Hülsten, eine Auswandererin, die alle Brücken zu ihrer protestantischen, deutschen Vergangenheit abgebrochen hat. Großartige Bilder sieht man, während man zwischen den Vitrinen herumläuft: Ute Hannig vor einem dampfenden Kessel, der ihr gläsernes Gefängnis langsam einnebelt, Yorck Dippe, der fliegenumschwirrt auf eine altertümliche Schreibmaschine hämmert. Es schüttelt einen ein wenig, dann zieht man weiter, zur nächsten Lebensgeschichte.

pfeffersaecke2 560 klauslefebvre uAusstellungsstücke und Wärterinnen: Ute Hannig, Markus John, Florence Adjidome,
Michael Wittenborn, Kathrin Wehlisch, Sasha Rau © Klaus Lefebvre

"Pfeffersäcke im Zuckerland", Karin Beiers Spielzeiteröffnung am Hamburger Schauspielhaus, ist ein Rechercheprojekt in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Sao Paulo: Beier suchte nach den Nachfahren deutscher Auswanderer, die im 19. Jahrhundert von Hamburg aus nach Südbrasilien zogen. Und die dargestellten Lebensgeschichten sind das Ergebnis dieser Recherche: die Suche nach dem deutschen Wesen mittels migrantischer Biografien. Das ist ganz raffiniert gedacht und passt zu Beiers erster Spielzeit, die Hamburg als Stadt vermessen wollte, die ihre Identität über Migration konstruiert – tatsächlich hätte "Pfeffersäcke im Zuckerland" auch schon in der Vorsaison Premiere feiern sollen und verschob sich wegen der chaotischen Umstände 2013/14. Ganz glücklich ist das nicht: Zumindest der Beginn des Abends hätte eine konkrete Ergänzung abgegeben zu Christoph Marthalers manchmal allzu poetischer Auswandererballade Heimweh & Verbrechen vergangenen Februar. So aber hat man erstmal das Gefühl einer aufwändigen, beeindruckend gespielten Recherche, die aber alles in allem mit dem grundsätzlichen Problem von Oral History kämpft: einer allzu ungebrochenen Subjektivität.

Gehöriger Widerstand

Doch nach und nach schleicht sich ein überraschend kritischer Ton in das Gezeigte. Man merkt: Das sind meist unsympathische Gestalten, die da das Deutschtum in Südamerika hochhalten. Die verbohrte Wagnerianerin (Rosemary Hardy), die in einfältiger Überheblichkeit die ganze "moderne Musik" abwertet. Der Geschäftemacher (Bastian Reiber), der schwafelt, weswegen die brasilianische Gesellschaft dem Rest der Welt überlegen sei. Oder der Musiker (Yorck Dippe), der den behaupteten Niedergang brasilianischer Kultur daran festmacht, dass die Deutschen an Einfluss verloren hätten. Da verliert der Abend seinen abbildenden Charakter, da wird er böse, denunzierend auch, da nimmt er eine Haltung ein.

Was den Übergang zum zweiten Teil einleitet: der Uraufführung von Elfriede Jelineks "Strahlende Verfolger." – einer sprichwörtlichen Jelinek-Textfläche, die sich diesmal mit den und dem Deutschen auseinandersetzt. Als Regieanweisung verlangt die Autorin, dass der Text gebrochen gehört, also nicht von einer Schauspielerin vorgetragen oder gar gespielt wird: "Ich finde, man muss der Konsumption dieses Textes einen gehörigen Widerstand entgegensetzen. (…) Vielleicht von einem Kind abgelesen von einem Smartphone? Oder von einer, einem Gehörlosen? Oder vom Band?"

pfeffersaecke 560 klauslefebvre uWir sind Papst! Und Kinski! Und Wurst! Michael Wittenborn in seinem Kasten © Klaus Lefebvre

Bei Beier übernehmen das Florence Adjidome, Mariana Sene und Kathrin Wehlisch, sie sprechen mal chorisch, mal gegeneinander, mal spielen sie auch, und tatsächlich gibt das Jelineks Vorlage gehörig Kontra. Allerdings: "Strahlende Verfolger." ist giftig und scharf, aber ganz kann der Text nicht verhehlen, dass er nicht zu den besten Arbeiten der Nobelpreisträgerin gehört. Gerade im Vergleich mit Die Schutzbefohlenen, das gerade in der Regie Nicolas Stemanns am benachbarten Thalia läuft und das über den Widerstreit zwischen Fremdem und Eigenem thematisch verwandt ist, zeigt sich, wie wenig dringlich das Auftragswerk für das Schauspielhaus eigentlich ist. Es wird eben ein wenig gelästert über die Deutschen, die vom Führertum genug haben und die sich jetzt freudig in die Verfolgerrolle schicken. Ja, nun, gut.

Letzer böser Witz

Zwischendurch zerfasert der Abend auch etwas. Michael Wittenborn nämlich schlägt Krach und verlässt seine Vitrine: "Dieses ganze Gequatsche geht mir sowas von auf den Zeiger!" Reizend: Wie Beier es schafft, ihr Stück ein paar Minuten lang fragmentarisch und unfertig erscheinen zu lassen, wo doch alles hier bis ins letzte ausinszeniert ist. Der Ausbruch jedenfalls leitet über zu einem letzten, ganz bösen Witz. Der Krawallmacher wird beruhigt, er kehrt zurück in seinen Kasten, entschuldigt sich gar, nur um ein letztes Mal mit einem Hinweis auf die vergangene Fußball-WM aufzutrumpfen: "Aber immerhin: Sieben zu eins, ne?"

So ist er, der Deutsche: immer bereit, Fehlverhalten zuzugeben. Aber Hierarchie muss Hierarchie bleiben. Da versteht er keinen Spaß, ach, Spaß versteht er im Grunde gar nie.

 

Pfeffersäcke im Zuckerland & Strahlende Verfolger.
Von u. a. Elfriede Jelinek
Regie: Karin Beier, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Hannah Petersen, Musik: Jörg Gollasch, Dokumentarfilm/Kamera: Jorge Bodansky, Video: Meika Dresenkamp, Choreografie: Valenti Rocamora i Torà, Thomas Stache, Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Florence Adjidome, Yorck Dippe, Ute Hannig, Rosemary Hardy, Markus John, Martin Pawlowsky, Sasha Rau, Bastian Reiber, Mariana Senne, Michael Weber, Kathrin Wehlisch, Michael Wittenborn u. a., Musiker: Malte Witte
Dauer: 1 Stunde, 35 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.9.2014) schreibt Irene Bazinger, die "zunehmend amüsant und absurd werdende, frei flottierende Inszenierung" wasche allen Vorstellungen von "fremd" oder "Heimat" die Voreingenommenheit ab. "In ihrer intelligent-sinnlichen Installation lässt Karin Beier das alles völlig unaufgeregt geschehen, schwingt keine Moralkeule, schreit nicht nach der Gesinnungspolizei." Sie ermuntere gekonnt zum "Hinschauen und Hinhören, zum Mitdenken und Mitlachen". "Das ist sehr wirksam, weil sich dadurch Grenzen auflösen und nicht mehr so klar ist, wer recht hat und wer nicht, wer gut und wer böse ist."

Annette Stiekele schreibt im Hamburger Abendblatt (22.9.2014): "Gewiss: Der Aufwand ist betörend. Die Aufmachung detailreich. Das Ganze lebendig und lebensnah gespielt." Das Dilemma sei, dass das "so schön ausgestellte Erzählte, auch wenn sich in ihm eine klar distanzierte Haltung zeigt," ungefiltert und zunächst unkommentiert bleibe. Das übernehme Jelineks Text mit "reichlich totgerittenen Klischees", der "sicher nicht zu ihren besten zählt". "Viel Pathos. Und eine seltsame Richtungslosigkeit. Es bleibt ein interessanter, toll gespielter, aufwendig eingerichteter Abend, der sich mangels Dringlichkeit aber doch eher wie der Besuch eines historischen Museums anfühlt."

"Bei Beier kommt da eine ziemlich negative Auslese von Zeitgenossen heraus, deren charakterliche Ambivalenz einerseits erschüttert, andererseits amüsiert", findet Monika Nellissen in der Welt Kompakt (22.9.2014). "Jedenfalls bietet sie genau jene farbige Folie, jene Tiefe und jenen bitteren Humor, die dann doch nachdenklich machen." Schön und grausam zugleich sei die Ausstellung.

"Die Künstlichkeit der Anordnung wird mit einigem Kalkül präsentiert", so Simone Kaempf in der taz (23.9.2014). "Skurrile Einwanderer der zweiten und dritten Generation sieht man hier, die wie aus der Zeit gefallen mit Schliff sprechen und neben Wagner nichts gelten lassen." Im zweiten Teil treibe Beier die Situation weiter, "drei Museumswärterinnen spazieren nun auf Kontrollgängen zwischen den Exponaten und teilen sich Jelineks Text. "Die Bilder verlieren zwar deutlich an Dichte, aber es ist ein starker Abend, der einen ernsthaften, düsteren Kern zeigt: die Selbsterkennung in der Fremde als Illusion, die im Festhalten mündet an dem, was man hat, kennt und mitbringt."

"Die Recherche in brasilianischen Deutschensiedlungen hat für den ersten Teil Monologe erbracht, die im Kern aus Klagen der deutschen Auswanderer über die unkultivierte neue Heimat bestehen", holt Till Briegleb aus in der Süddeutschen Zeitung (23.9.2014). "'Strahlende Verfolger' wiederum sind die Deutschen von heute aus der Sicht von Elfriede Jelinek." Inszenatorisch gefasst werde das Monsterkabinett durch einen Deutschen-Zoo. Fazit: "Von diesem ungepfefferten Stereotypen-Eintopf mit emsig verrührter Geschichte bleibt am Ende eher der fade Geschmack, dass deutsche Selbstironie kein Zuckerschlecken ist."

Auf dieser Besichtigungstour überwiege bald großes Unbehagen, denn neben meist eher belanglosen Lebensgeschichten springe einen aus nahezu jeder Vitrine Rassismus an, schreibt Dagrun Hintze in der Neuen Zürcher Zeitung (24.9.2014). "Verachtung für die faulen 'Caboclos', die nicht einmal in der Lage sind, anständig kochen zu lernen, und sich betrügerisch durchs Leben schummeln." Die Vorstellung von der Überlegenheit deutscher Kultur sei plötzlich allgegenwärtig. Im zweiten Teil soll Elfriede Jelineks Text "Strahlende Verfolger" ausloten, was dem "deutschen Wesen" in der Fremde widerfährt. "Die Museumswärterinnen spielen furios, können aber auch nicht ändern", dass ein Klischee nach dem anderen wird über prinzipientreue, berechnende und humorlose Deutsche aufgerufen werde. Kurz vor Schluss gelinge Beier dann doch noch ein grossartiges Bild: "Kinder stürmen die Bühne, die meisten von ihnen erkennbar 'mit Migrationshintergrund'. Sie bestaunen die Deutschen, die sich panisch in ihren Vitrinen in Sicherheit bringen. Und machen deutlich, dass ein Identitäts-Diskurs, der sich ausschliesslich an nationaler Herkunft festmacht, allenfalls ins Museum gehört."

 

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