So sterben Arschlöcher

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 26. September 2014. "Was gibt's Neues in unserem Wackelstaat?", fragt Lord Hastings (Elmar Roloff), bevor er, wie die meisten anderen, sterben muss. Ach so, jetzt schnackelt's beim Zuschauer in Sachen Bühnenbild – gespielt wird durchweg auf einer runden, langsam rotierenden, blutroten Fläche, die mal nach hinten, mal nach vorne kippelt: In Englands Gesellschaft ist halt der Wurm drin. Die Machtverhältnisse ändern sich von Tag zu Tag, immer entlang einer fetten Blutspur.

Die wacklige Ebene wäre ja eine ganz schöne Idee, wenn sie im Stuttgarter Schauspielhaus, wo Robert Borgmann seine Version von Shakespeares "Richard III." vorstellte, nicht schon so oft dagewesen wäre: Zum Beispiel in Armin Petras' Kleist-Adaption der "Marquise von O" letzte Saison oder in der vorletzten in Stephan Rottkamps Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Einsamen Menschen". Immer kippelt's, immer ist der Rest der Guckkastenbühne wie kahlgeschoren.

Tschechow-Atmo
Wie schon in seiner Erfolgsinszenierung Onkel Wanja peppt Borgmann den nackten Raum auf mit schönen Lichtspielereien: Symmetrisch angeordnete Leuchtröhren formen mal grafische Muster, mal blenden sie durch Schockblitze. Und hier wie dort unterlegen Musiker live das Geschehen mit Elektro-Soundscapes, mal sanft, mal scharf rockend. Die träge Tschechow-Atmo atmet auch dieser Abend. Es herrscht Stillstand im Staate England. Und weil alles eh schon so tranig ist, stirbt man gelinde: Guckt auf die Videoleinwand, sieht sein Spiegelbild, wie es die Hände vor die Augen schlägt, und fällt um.

31083 richard iii honorarfrei 02 560 ju ostkreuzMarek Harloff als Richard III. © Julian Röder Ju / Ostkreuz

Anders als im Falle Wanjas hatte Borgmann auf "Richard III." aber offenbar keinen Bock, gibt sich auch keine Mühe, die Geschichte zu vermitteln. Stark gekürzt wurde die Thomas-Brasch-Übersetzung. Selbst wer den Text mal gelesen hat, wird der Geschichte kaum folgen können.

Sprache egal
In "Richard III." zeigt Shakespeare ja die blutige, aber verdammt simple Logik einer Machtergreifung: Wenn niemand mehr da ist, um seine Machtansprüche zu verteidigen, dann ist der, der übrigbleibt, der König. Ob Bruder, Neffe, Gattin: Scheiß auf Freundschaft, Vertrauen, Mitgefühl. So geht Richard über Leichen. Und stirbt alleine auf dem Schlachtfeld, verlassen, verfolgt nur von den Geistern jener, die er töten ließ. So stirbt ein Arschloch: Schreit am Ende nach einem Pferd. Aber diese Story wird erst groß, weil Shakespeare das Existentielle zu einem Kampf macht um die und mit der Sprache.

31097 richard iii 09 560 ju ostkreuz uBalance halten! Die Drehscheibe kippelt. © Julian Röder JU/Ostkreuz

Die spielt aber an diesem Abend in Stuttgart keine wirkliche Rolle. Warum brüllt Lady Anne (Sandra Gerling) derart, dass der Sabber fließt? Wer brüllt, den versteht man doch nicht. Das ist oft so an diesem Abend. Das Publikum blickt in ästhetisierende, abstrakt-grafische Bilder, die austauschbar sind wie die Kostüme. Ob Medicikragen oder Halskrause, ob Springerstiefel oder Stöckelschuh, ob Anzug oder Bankettkleid, Borgmann will sich nicht festlegen: Und die Bühne dreht sich, und mit ihr der Mummenschanz einer mit sich selbst beschäftigten, oft albern wirkenden Personage.

Eingesprungener Hauptdarsteller
Warum bloß trägt der Prinz – immer im Schlepptau der Königin Elisabeth, die Susanne Böwe schön schnippisch gibt – einen schwarzen Sack über dem Kopf? Ist Richards Bruder Clarence, den Manolo Bertling empfindsam spielt, jetzt schon ein Geist, oder warum trägt er einen Totenkopf mit sich herum? Warum ist der Herzog von Buckingham eine Herzogin (Katharina Knap)? Und warum suhlt sich Richard III. am Ende nackt in schwarzer Farbe? Reminiszenz an Othello und Thematisierung der Blackfacing-Debatte? Und warum bloß mutiert der debil sabbernde, lallende König Edward, leidenschaftlich komisch gespielt von Peter René Lüdicke, zwischendurch zur Heinrich-VI.-Witwe Margaret und dann sogar noch zum Mörder? Fragen über Fragen, die das Publikum plagen.

Und Richard III.? Eine Woche vor der Premiere sprang Marek Harloff ein für den erkrankten Thomas Lawinky. Nicht genügend Zeit, wirklich ein Rollenprofil zu erarbeiten. Im schwarzen Anzug und in Springerstiefeln bietet Harloff einen pubertären, in seinen Stimmungen gnadenlos schwankenden Richard an: mal aggressiv-cholerisch, mal flattrig-nervös, mal rotzig gelangweilt oder provokant herumkaspernd. Wie alles an diesem Abend lässt einen aber auch Richards junges Alter Ego (Hosea Hellebrandt) kalt, das zu Beginn den Hausvogel würgt und am Schluss unter grellem Blitzgewitter seine Mutter (?) mit dem Messer massakriert. Und weil eh schon alles so beliebig ist, endet das Stück auch nicht mit Shakespeare, sondern mit einem Gedicht von T.S. Eliot: "The Hallow men", das Katharina Knap rezitiert. Aber das merkt nur der, der es kennt – im Programmheft, das offenbar ähnlich verrätselt daherkommen möchte wie die Inszenierung, ist es nicht erwähnt.

Richard III.
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie / Bühne: Robert Borgmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: webermichelson, Licht: Carsten Rüger, Video: Lianne van de Laar, Dramaturgie: Jan Hein.
Mit: Marek Harloff, Manolo Bertling, Susanne Böwe, Sandra Gerling, Katharina Knap, Peter René Lüdicke, Elmar Roloff, Hosea Hellebrandt, Georg Wesch / Samuel Liebhäuser, Frank Laske.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de



Kritikenrundschau

Borgmanns "Regie findet nicht das richtige Maß, um dieses dynastisch verwickelte Königsdrama nachvollziehbar zu erzählen", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (online 27.9.2014). Seine Inszenierung gebe "dem Zuschauer viele Fragen mit auf den Weg. Wer wen weshalb mordet, bleibt im Lauf des stark gerafften Handlungsgangs im Dunkeln, wobei zur unklugen Dramaturgie erschwerend hinzu kommt, dass einige Schauspieler in Mehrfachrollen zu sehen sind." Die in der Titelpartie "suggerierte Klein-Richard-Diagnose" wirke "banal". Immerhin könne man "bestechenden Effekten" beiwohnen. "Bühne, Licht, Musik machen ihre Sache so perfekt, dass sie gemeinsam als Multimedia-Installation jedes zeitgenössische Museum schmücken würden."

"Der Abend als dunkler Albtraum, das ist klug gedacht und erklärt manches Unerklärliche von Shakespeares Drama", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (29.9.2014). So klug die Inszenierung, so "akustisch fragwürdig" sei sie. "Bormann hat Thomas Braschs ruppige Übersetzung gewählt, da wäre das zusätzliche Vokale-Verschlucken, Keifen und Herumranzen im Bemühen um größtmögliche Gegenwartsglaubwürdigkeit nicht auch noch nötig gewesen", findet Golombek. Dennoch gelängen großartige Szenen. "Jeder spielt um sein Leben, aber stilvoll." Der Pessimismus, die inszenatorische Befreiung von dem Druck der psychologischen Erklärung gebe dem Abend etwas tragisch Flüchtiges, "wie ein Gebilde aus grauen Wolken, das drohend über einem schwebt, aber schön anzuschauen ist".

"Blutleer bleibt die reißbretthafte Theorie, die ihren faden Faden durch die Inszenierungsrätsel ziehen mag", schreibt Martin Mezger in der Eßlinger Zeitung (29.9.2014) und sieht ästhetischen Wagemut, "wenn's denn einer ist", in furztrockenen Seminarismus umschlagen und finalmente einen "Hirnkrampf, vom Publikum mit ratlosen Buhs bedacht".

"Robert Borgmanns 'Richard'-Inszenierung ist eine verunglückte Reflexion darüber, wie fern das Stück ist," schreibt Peter Michalzik in der Neuen Zürcher Zeitung (30.9.2014). Die Aufführung sehe aus, "wie wenn die neunziger Jahre nicht sterben dürften, grosse grelle Theaterbilder als simple Sinnbilder. Neonröhren und undefinierte Schwarz-Weiss-Videos. Die bühnengrosse Scheibe dreht sich und kippelt wie eine Schaukel, warum sie wer auf welche Seite senkt, erschliesst sich nicht. Das macht kein Übergewicht sinnfällig, ist kein Spiel, ist nichts. Die Aufführung kennt keine Dialoge, nur Zustände, sie ist ein Sich-um-sich-selbst-Drehen." Marek Harloff spiele die Titelrolle als "Narziss ohne Ich". Sonst mühe er sich. "Harloff hat die Rolle eine gute Woche vor der Premiere von Thomas Lawinky übernommen. Das Stück trotzdem herauszubringen, war fahrlässig, die Aufführung ist nicht nur unausgegoren, sondern unfertig."

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