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Ja, warum eigentlich nicht?

von Bernd Schmidt

1. Oktober 2014. Kürzlich schlug der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner in einer Veranstaltung der SPD vor, die Berliner Theater mögen ihre Inszenierungen auch als kostenlosen Online-Stream ins Internet stellen. Er erntete dafür sofort Kritik. Der Deutsche Kulturrat hatte Missfallen an dem Wort "kostenlos", andere witterten den Kulturverfall, wenn das Theater aus den Sälen in die Weiten des Internets wanderte. War dies also schon das Ende der Diskussion? Schade wär's.

Das Theater kann die digitale Welt nicht ignorieren

Nehmen wir den Faden daher wieder auf und stellen wir zu Beginn fest: Das Theater ist ein wunderbar funktionierendes – Achtung! – analoges Medium. Das Analoge ist dabei in der digitalen Welt das Alleinstellungsmerkmal des Theaters, das es nicht aufgeben wird und nicht aufgeben kann. Wenn wir ins Theater gehen, wollen wir nichts Reproduziertes sehen, wir wollen die Schauspielerin, den Schauspieler aus Fleisch und Blut und in Echtzeit erleben. Eigentlich ist damit alles gesagt, jedoch: Wir leben in einer digitalen Welt und auch das Theater kann und wird dies nicht ignorieren. Längst nutzen wir Twitter, Facebook & Co, um das Publikum zum Kommen zu motivieren; Trailer werden erstellt und auf die Websites geladen. Die social networks verbinden uns im täglichen Datenstrom miteinander und haben das Theatererlebnis um ein neues Gemeinschaftsgefühl erweitert. In Windeseile können wir uns digital auf einen Theaterabend vorbereiten und auf nachtkritik.de geben wir eventuell sogar unseren Senf dazu, wenn die Kritik am Morgen nicht nach unserem Gusto ist. Und nun fordert Tim Renner auch noch das Streaming von Theaterinszenierungen. Ja, warum eigentlich nicht? Oder wollen wir auf halber digitaler Strecke stehen bleiben?

Streaming als Beitrag zur Barrierefreiheit

Springen wir in der Zeit zurück: Als ich vor einigen Jahren beim Intendantengespräch in Mainz saß – das ZDF schaffte damals die aktuelle Inszenierung ab und etablierte gerade den inzwischen nicht mehr existierenden Theaterkanal – fragte mich der damalige Programmdirektor, warum ich denn überhaupt glaube, dass Theaterinszenierungen vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk übertragen werden sollten. Meine Antwort schien ihn zu verblüffen. Ich wies darauf hin, dass trotz der immer wieder bewunderten und dichten Theaterkulturlandschaft unser Land ein Flächenstaat mit ländlichen Regionen sei und dass auch Menschen auf dem Lande ein Bedürfnis nach Theater haben könnten. Hinzu komme, dass Theatergänger – heute noch im mobilen Alter – in den nächsten Jahren möglicherweise nicht mehr so gut zu Fuß sind, um sich in München, Hamburg oder Senftenberg Theater anschauen zu können. Damals kam mir das Wort "barrierefrei" nicht in den Sinn, weil es noch nicht gebräuchlich war. Tatsache aber ist, dass viele in diesem Land auch im Alter nicht auf Theater verzichten wollen. Notfalls möchten sie es eben im Fernsehen sehen.

streamingulm 560 screenshot uZu den wenigen deutschsprachigen Theatern die streamen gehört das Theater Ulm
Foto: Screenshot

Die Hoffnung, das öffentlich-rechtliche Fernsehen könnte die Gebrechen des Alters mit zahlreichen Theaterabenden versüßen, haben wir inzwischen aufgeben müssen. Aber vielleicht sind es ja die Theater selber, die ehemalige Abonnenten zukünftig nicht im Stich lassen, weil sie – wie ARD und ZDF – Mediatheken aufbauen, die es erlauben werden, auch von zu Hause aus auf diverse Inszenierungen zuzugreifen. Und reden wir jetzt nicht nur vom Alter, reden wir auch von dem Bedürfnis nach Information. Nach Nürnberg, Köln oder Bielefeld kann nicht jeder reisen, aber die neuen Stücke, die gut besprochenen Klassikerinszenierungen, die dort gerade laufen, hätte man gern gesehen...

Am Bildschirm vermissen, was man im Theater findet

Natürlich: Spätestens jetzt muss es wieder heißen – Theater ist analog, nichts ersetzt den Besuch im Theater. Und was sollen das überhaupt für Mitschnitte sein, die in solchen Mediatheken angeboten werden? Das ist doch kein Theater, wenn aus vielleicht einer Einstellung heraus der Abend dokumentiert wird, künstlerisch bleibt das doch minderwertig. Na und, frage ich? Am Bildschirm werden wir vermissen, was wir im Theater finden können. Genau deshalb werden wir unsere Plätze in Rang und Parkett wieder einnehmen. Das Theater im Digitalen ist nicht perfekt, es bleibt zweite Wahl, aber gerade deshalb kann es dazu verführen, wieder altmodisch zu werden und auf analogen Wegen zu schreiten. Wer das alles nicht will, der ignoriere die digitale Welt und besuche sein Theater wie eh und je, nichts geht verloren. Schluss also mit der Meckerei: Wir wollen ein lebendiges Theater mit vollen Sälen. Und mit einem nachwachsenden Publikum. Machen wir die Türen weit auf! Lassen wir das Theater zu einem digitalen Dinosaurier mutieren! An Ideen, wie und nach welchen Vergütungsschlüsseln das Streaming von Theateraufführungen eingesetzt werden kann, wird es gewiss nicht mangeln.

.... aber bitte mit Vergütung

Was allerdings nicht infrage kommt, ist das kostenfreie Streaming. Jedenfalls nicht, wenn der Berliner Kulturstaatssekretär damit das honorarfreie Streaming meinen sollte. Dessen Hinweise auf die Fehler und Versäumnisse der Musikindustrie in Zeiten der Tauschbörsen greifen hier nicht. Nach § 32 des Urheberrechtsgesetzes haben ausübende Künstler das Recht auf eine angemessene Vergütung, dieses Recht ist unverzichtbar. Wenn also das Streaming von der Kulturpolitik erwünscht wird, dann sollten die Zuwendungen an die Theater in der Größenordnung erhöht werden, wie es die Honorare für die Urheber und Künstler erfordern. Vergütungen für Urheber- und Leistungsschutzrechte wären mit den jeweils zuständigen Verbänden oder Verwertungsgesellschaften zu vereinbaren, im Falle der Autoren säßen sich der Deutsche Bühnenverein und der Verband Deutscher Bühnen- und Medienverlage e. V. gegenüber. Beide Verbände verhandeln seit Jahren mit Augenmaß. Ob schließlich unterschiedliche Tarife für ein Livestreaming oder die Archivnutzung in einer Mediathek infrage kommen, wird – neben anderen Fragen etwa zur Lizenzdauer, zur kommerziellen Nutzung, zur Eingruppierung der Theater – zu diskutieren sein.

Eine Vergütung wird das Streaming auf jeden Fall erfordern. Diese sollte angemessen sein – wie es das Urheberrechtsgesetz vorsieht. Sollte dieses Geld im Kulturetat nicht zu finden sein, hier ein Vorschlag zur Güte: Fordern wir doch – der Sauerland Boxstall und der DFB gehen auch nicht leer aus – eine adäquate Summe aus der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgebühr dafür. Denn Geld für das Theater und die Theaterversorgung der Regionen hat man bei ARD und ZDF in den letzten Jahren reichlich gespart.

 

berndschmidt 140 henrikschmidt uBernd Schmidt, 1958 geboren, ist geschäftsführender Gesellschafter des Medien- und Theaterverlags Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb. Studium der Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin; danach u. a. Redakteur bei der Berliner Stadtillustrierten "Zitty", Geschäftsführer der Neuen Gesellschaft für Literatur sowie der Berliner Buchmesse "ex libris". Seit 1985 im Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb, seit 2000 als geschäftsführender Gesellschafter. (Foto: Henrik Schmidt)

 

Fürs Livestreaming von Theateraufführungen plädierte im April 2014 auf nachtkritik.de auch Tina Lorenz, Bloggerin und Kulturpolitikerin für die Piraten.

Zu den Theatern, die bereits ein Streaming ihrer Produktionen anbieten, gehören u.a. das Theater Ulm, das National Theatre in London und die Bayerische Staatsoper in München.