Bis die Kulisse in Fetzen hängt

von Jan Fischer

Braunschweig, 1. Oktober 2014. Am Anfang ist das Stroboskop. Helle, weiße Blitze, von der Decke kommen die Kostüme herunter gefahren, eine dreckig verzerrte Gitarre,
Ihr habt es nicht anders gewollt von Heisskalt. Alle ziehen sich in den Stroboskopblitzen Kostüme an, bemalen sich die Gesichter. Hamlet schaut nonchalant vom Bühnenrand aus zu.

Tango der Sprachebenen

Vor dem Anfang ist da Hamlet, der sich selbst nackt mitten aus dem Chor gebiert, der am Ende der Bühnenflucht kniet. David Kosel als Hamlet tritt an den Bühnenrand, lächelt, ein wenig irr, aber auch ein wenig niedlich, erste Lacher im Publikum, er zieht sich an. Hamlet und der Chor schaukeln sich gegenseitig vom Flüstern bis zum Schreien hoch, "Herr, brich mir das Genick im Sturz von einer Bierbank". Dann, wie gesagt, Stroboskop. hamlet 060 560 volker beinhorn uBea Brocks, Christiane Roßbach, David Kosel, Hans-Werner Leupelt, Moritz Dürr, Andras Vögler
© Volker Beinhorn

Im Grunde machen Rottkamps Hamlet vor allem zwei Dinge aus: Da ist einmal dieses Bühnenbild, zwei gigantische, schwarze Papierbahnen, die am Bühnenende in einem spitzen Winkel zusammenlaufen. Dann ist da das Spiel mit klar voneinander getrennten Sprachebenen: Manchmal der Shakespeare-Text, manchmal umgangssprachliche Passagen, aus der Fallhöhe dazwischen generiert sich Komik, beispielsweise wenn Polonius ankündigt "Ich mach jetzt mal 'nen Trick", sich hinter einer Tapete versteckt, natürlich prompt von Hamlet erstochen wird, der die Leiche anschreit: "Hast du wieder einen Trick gemacht?", und dann nahtlos in einen dieser wirr-tragischen Hamlet-Monologe übergeht.

Rottkamp reichert sein monumental-minimalistisches Bühnenbild und seinen Sprachebenentango mit Popsongs an – Mutter von Rammstein ist beispielsweise dabei, Hamlet tanzt dazu um seine Mutter herum – vor allem aber mit Schauspieleraktionen, -kostümen und Makeup, die wirken, als wären ein paar Puppentheaterfiguren plötzlich zu einem eigenartigen Halbleben erwacht und hätten beschlossen, jetzt mal den Hamlet zu geben. Hans-Werner Leupelt als Claudius, beispielsweise, schleppt an einem umgeschnallten Bierbauch herum, Rosencrantz und Guildenstern sind umherwieselnde, hörige Zwilingskarikaturen, vor allem aber tragen alle weiß geschminkte Gesichter mit verronnen Farbtupfern, und wenn sie mal gerade nicht in der entsprechenden Szene spielen, liegen sie an den Rändern der schwarzen Flucht wie fallengelassene Gliederpuppen.

Ins Absurde gedreht

Je irrer Hamlet wird, desto mehr wird er hineingesogen: Wirkte es anfangs, als ließe er – der einzige ungeschminkte, lässig am Bühnenrand lümmelnde – das Puppentheater mit dem Halbleben nur zu seinem Vernügen auftreten, ist er bald selbst Teil einer Realität, die sich an den Rändern auflöst. Der Geist seines Vaters ist er erste, der einen Teil der schwarzen Papierbahnen zerschneidet. Im Laufe des Stückes muss immer mehr davon dran glauben, bis die Kulisse in Fetzen hängt. Überhaupt dreht die Inszenierung ihre eigenen Mittel immer weiter ins Absurde: Anfangs trägt noch jeder ein Kostüm und ist nur im Gesicht geschminkt. Später mischen sich die Farben: Bea Brocks' schrille Ophelia zieht sich erst aus, wird dann am ganzen Körper weiß geschminkt und schminkt sich danach selbst lasziv schwarz, bevor sie stirbt. Alle suhlen sich in den Farbresten auf der Bühne, tragen weiße und schwarze Flecken davon, ziehen sich aus und um, während die Realität nach und nach zerfetzt wird. Und am Ende sind dann, wie bei Shakespeare üblich, alle tot.

Der Rest ist Lachen

Rottkamp liefert in Braunschweig einen formal stringenten, aber inhaltlich unentschlossenen "Hamlet" ab. Während das Ebenenspiel zwischen Tragik und Komik, zwischen Ernst und Absurdität, zwischen Heute und Shakespeare sich stimmig immer weiter bis zum Ende hin steigert, sind es gerade diese selbstauferlegten Brechungen, der immer wieder eingeschobene Sprachwitz, der manchmal an Klamauk grenzt, die dem Stück seine Atmosphäre rauben. Denn die Schauspieler – allen voran David Kosel als Hamlet – schaffen es, dem "Hamlet" einiges an Tragik abzuringen: Das alptraumhafte Puppentheater übersteigert die Tragik des Stückes bis kurz vor dem Zerreißen. Die Musik stellt sich manchmal leicht quer zum Stück, aber immer passend – über Rammstein kann man vielleicht diskutieren. Das Bühnenbild ist eine beeindruckend monumentale und depressive Realitätswand, die nur brutal zerfetzt werden kann, um ihr zu entkommen. Nur der Rest ist, leider, Lachen.

 

Hamlet
von William Shakespeare
Deutsch von Angela Schanelec und Jürgen Gosch
Inszenierung: Stephan Rottkamp, Bühne & Kostüme: Beatrix von Pilgrim, Dramaturgie: Christine Besier, Kampfchoreografie & Fechttraining: Thomas Ziesch.
Mit: David Kosel, Hans-Werner Leupelt, Raphael Traub, Christiane Roßbach, Moritz Dürr, Tobias Beyer, Christophe Vetter, Bea Brocks, Andreas Vögler, Ullo von Peine, Andreas Bißmeier, Hartmut Nolte.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

http://staatstheater-braunschweig.de

 

 

Kritikenrundschau

Von einem "ausgesprochen theatralischen Abend" schreibt Martin Jasper in der Braunschweiger Zeitung (4.10.2014). Doch verliert sich der Abend zunehmend in seinen Effekten. So fügt sich die Inszenierung, die aus Sicht des Kritkers durchaus "packende, tragische Momente" hat, nicht zu einem packenden Ganzen.

Kommentar schreiben