Die subtile Organisation des Abfalls

von Simone Kaempf

14. Oktober 2014. Schauspieler, die einfach nicht rauswollen aus der Kantine? Ein Regisseur, der mit ihnen herumalbert, statt im aufgebauten Bühnenbild zu probieren? Tage später absolvieren dann alle draußen Sportübungen, in Frauenkleidern, die überraschend in großen Mengen geliefert wurden. Zum Amüsement einer kleinen Zuschauerschaft, die parallel am Haus arbeitet. So geschehen am Hamburger Schauspielhaus, als Christoph Marthaler den "Wurzelfaust" oder "Kasimir und Karoline" probte.

cover 140 arbeitsbuchmarthalerEigener Kosmos

Fast zwanzig Jahre ist das her. Natürlich kann man sich das sofort vorstellen, ohne dass es einem komisch vorkommt. Gewinnt ein Bild, wie es so manchmal bei Christoph Marthaler abgelaufen sein muss. Weil man ähnliche Szenen in seinen Inszenierungen gesehen hat, mit gegen den Strich gebürsteten Figuren in aberwitzigen Situationen, von der Regie liebevoll menschenfreundlich geführt.

Man begreift aber auch: Diese Art des Ausprobierens war überhaupt nicht selbstverständlich am Schauspielhaus Hamburg, als Marthaler dort unter Frank Baumbauers Leitung zu arbeiten begann, wahrscheinlich ist es das bis heute nicht. Im Haus kursierten "die schönsten Verwirrungen", was er eigentlich mache. Der Intendant war kurzzeitig verzweifelt, bis er "irgendwann verstand, das war ja das Großartige an ihm". Zu verstehen galt es, dass Marthaler genau das Gegenteil von dem anstellt, was andere Regisseure in brenzligen Situationen machen: nicht despotisch in Verzweiflung ausbrechen, nicht mit zermürbten Gesicht dasitzen und Szenen verbessern wollen. "Meine ganze Theaterarbeit basiert auf Abfallprodukten", kommentiert Marthaler, "ich glaube tatsächlich, dass ich durch Abfallprodukte zu anderen Resultaten komme". Bei ihm klingt das bescheiden und selbstreflexiv, auch im verschriftlichten Gespräch hört man Schweizer Unaufgeregtheit durch.

Umwege zum Wesentlichen

In acht Interviews gibt Marthaler im Theater-der-Zeit-Arbeitsbuch Einblick in seine Denk- und Arbeitsweise. Stefanie Carp und Malte Ubenauf haben die Gespräche geführt. Ubenauf stand bei den jüngeren Arbeiten als Dramaturg zur Seite, Carp war Dramaturgin in Hamburg, Co-Direktorin in Zürich und von Anbeginn eine wichtige Kommunikatorin nach außen. Wer von ihnen kritisches Nachfragen erwartet, wird enttäuscht. Beide fungieren als Stichwortgeber. Man wirft sich Bälle zu, um sich gemeinsam zu erinnern, und für weit zurückliegende Arbeiten funktioniert das gut.

Man bekommt einen Eindruck der ersten inszenatorischen Gehversuche, die stets von Musik inspiriert waren und in öffentlichen Räumen spielten. Auch wie prägend das Bündnis mit Frank Baumbauer wurde, der ihn in Basel auf die große Theaterbühne holte. Oder mit Anna Viebrock, die ihm fortan im Theater Ersatzräume baute für das, was er vorher draußen vorfand. Marthaler spart die schwierige Intendanz in Zürich nicht aus, deren Ende für ihn demütigend war er, daraus macht er kein Hehl. Damit mag schon viel gesagt sein, mehr kommt dann aber auch nicht. Eine Analyse der jeweiligen Verhältnisse, Hintergründe zu den zahlreichen Eklats? Vielleicht wär's auch zuviel des Wühlens in der Vergangenheit. 

Blick ins Privatarchiv

Kleine interne Details gibt der Band dennoch preis, der halb-private Bilder und unveröffentlichte Probenfotos, Zeichnungen und Skizzen enthält. Teils stammt das Material aus Marthalers Archiv, teils aus Arbeitsbüchern, die während der Proben zu jedem Stück entstehen. Zur Entspannung und als Ventil, sagt er. Wie auch immer, die Zeichnungen sind großartig, da scheinen noch Schätze zu heben. Dazu gibt es viele Fotos: auf einer Wanderung in den Bergen, wo der junge Marthaler mit Kühen posiert. Selbstauslöserfotos aus einem Moskauer Hotelzimmer. Schweizer Bahnfahrkarten aus den achtziger Jahren, die unendlich anachronistisch wirken. Oder eine Guiseppe-Verdi-Schokoladen-Büste in unterschiedlichen Verwesungsstadien, die Marthaler 19 Jahre lang an seine Wohnorte mitnahm – man ist da durchaus gewillt, eine assoziative Parallele zu der in seinen Inszenierungen stets mitschwingende Nostalgie zu ziehen.

Marthaler-Liebhaber werden an solchen Fundstücken ihre Freude haben. Der Band liefert einem den untrüglichen Beweis, dass sich bei ihm die Kunst aus dem Leben speist. Doch es beschleicht einen auch das Gefühl, dass hier so einiges nach dem Zufallsprinzip und mit Mut zur Lücke zusammengeführt ist. So geht's einem mit dem Arbeitsbuch wie mit so mancher Inszenierung, deren Sinn sich nicht festklopfen lässt – und die doch besondere Momente erzeugt. 

Beharrliches Erkunden

Erhellend wird es, wenn der Regisseur Marthaler über die Arbeiten spricht, die an historisch belasteten Orten entstanden, "Schutz vor der Zukunft" im Jahr 2005 im Wiener Otto-Wagner-Spital, in dem während der NS-Zeit behinderte Kinder umgebracht wurden, und Letzte Tage. Ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments, der auf antisemitische Denkweisen vor dem Ersten Weltkrieg und den Rechtspopulismus der europäischen Gegenwart verweist. Da offenbart sich, wie genau und beharrlich der Regisseur seine Inszenierungen entwickelt. Wie er und die Schauspieler die Orte erkunden, die Aura aufgreifen, dass die Situationskomik scharfkantig gedacht ist. Schärfer, als es sich manchmal auf der Bühne offenbart, das macht das Arbeitsbuch auf den letzten Seiten klar. Zwar wirkt das Material-Sammelsurium insgesamt chaotisch zusammengeführt, aber wie sagt Marthaler einmal über seine Arbeit? "Chaos höchst organisiert."

 

Herausgegeben von Malte Ubenauf und Stefanie Carp:
Christoph Marthaler. Haushalts Ritual der Selbstvergessenheit, Arbeitsbuch 2014, Verlag Theater der Zeit, 222 Seiten, 24,50 Euro

 
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