Die Sklavin des Materiellen

von Jens Fischer

Hamburg, 17. Oktober 2014. Oh wie fein, willkommen bei den Reichen daheim. Damit wir gleich wissen, was dort los ist, erstrahlt eine eisig grell ausgeleuchtete, bedrohlich gemütlichkeitsfreie Metall-Glas-Beton-Designerhölle. Schräg zum Publikum hin gebaut, kippt sie die Geschichte der Gier geradezu ins Parkett. Wie immer bei Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbauten gibt es auch einen Ausblick: Zwei Lichtbänder weisen den Weg zu einem glitzerndem Meeresprospekt. Aber Fluchtfantasien oder Sehnsüchte hegt das Stückpersonal nicht – trödelt lieber missmutig durch den Thronsaal der Patriarchin.

Champagner in Nippweite

Im Zentrum der Leere residiert sie als Lehrerin der Leere auf einem roten Ledersofa. Reederin Wassa Schelesnowa (Maria Schrader) fühlt sich dort sicher. Schuhe aus, Füße auf dem Tisch, gern Tee und Champagner in Nippweite. Steht sie auf, dann stolzgerade, Fäuste forsch in die Hüfte gestemmt, Unterkiefer herausfordernd vorgeschoben, dauergenervt spöttisch ihr Leben als Mir-kann-keiner-Show moderierend. Wassa weiß, sie ist nicht einfach nur gut, sondern immer besser als die anderen, weil sie deren Schwächen durchschaut und für ihren Vorteil zu nutzen versucht. Klappt meist, macht zynisch – und zur Misanthropin. Mit Maxim Gorkis Stück will Dieter Giesing die zur Schau gestellte Stärke als kraftraubende Anstrengung zeigen, das Innere zu verbergen: die Leere, die Kälte.

Wassa2 560 JimRakete uRotes Sofa statt roter Teppich: Das Schauspielhaus-Ensemble kehrt bei der
reichen Reederin Wassa (Maria Schrader auf dem Sofa) ein © Jim Rakete

Selbstanalytisch verweist Wassa darauf, Opfer männlicher Gewalt gewesen und zur Gebärmaschine degradiert worden zu sein, dann starben auch noch einige ihrer Kinder. Nun führt sie das Familienunternehmen, während Gatte Sergej, dank Suff und "Unzucht mit Minderjährigen", am Beginn einer Knastkarriere steht. Sühne? Rache? Ausgleichende Gerechtigkeit? Jedenfalls will Wassa ihre gesellschaftliche Stellung unbedingt behalten, Reichtum und Macht mehren. Dabei schreckt sie nicht vor Betrug, Erpressung und Mord zurück.

Bemitleidenswerte Powerfrau

Als Ehefrau war ihr Dasein also eine Katastrophe, als Mutter ist sie abwesend oder abweisend, als Firmenchefin eine autoritäre Matrone – und unfähig, körperliche Nähe zu ertragen. Maria Schrader spielt eine bemitleidenswerte Powerfrau, streng gegen sich, noch strenger gegen andere – vor allem aber: gebrochen und todmüde. Einsamer geht es kaum. Da solche Wesen keine echten Emotionen kennen, nur Ahnungen davon lediglich vorspielen, also karikieren, ist Wassas Wutschnauben auch immer viel zu laut, sie stellt die ganze Palette von Liebe bis Hass hektisch überzogen aus.

In der hier gespielten 2. Stückfassung von 1935 tritt zum Showdown Wassas Schwiegertochter Rahel (Thea Rasche) auf. Unternehmerin und Revolutionärin, linksgescheitelte Schwarzhaarige und rechtsgescheitelte Blondine: der perfekte Konflikt, Kapitalismus wider marxistische Utopien. Aber nur recht oberflächlich werden die Systeme diskutiert. Deutlich hingegen die Ähnlichkeiten der ebenbürtig zielstrebigen Gegenspielerinnen beleuchtet. Kinderkriegen, da sind sie sich schnell einig, das war ein Fehler. Richtig aber sei, die Welt und die Menschen nach ihrem Bild zu formen und den Idealen der Karriere alles zu opfern.

Wassa1 560 JimRakete uDie Wut der Einsamkeit: Maria Schrader als Wassa © Jim Rakete

Zum Zankapfel wird Rahels Sohn: Die Mutter will ihn zurück, die Großmutter ihn in ihrer Obhut behalten. Für Wassa ist er Ansporn, Rechtfertigung und Kronprinz ihres Lebens, soll er doch mal möglichst alles von ihr erben; für Rahel ist er Opfer einer hoffnungslos kranken "Sklavin des Materiellen". Mit der Arroganz ihrer Macht versucht Wassa den Start-Ziel-Sieg im Duell der Worte, gewinnt wie immer – und stirbt. Mit einem Päckchen Gift in der Hand.

Kein Lackschaden am Kapitalismus

Wassa behielt Recht. Zum Beispiel mit dem höhnischen Absingen der Internationalen. Denn mit ihrem Tod siegt nicht die Revolution, sondern Geldverstecke und der Safe werden flott geleert. Die bisher terrorisierte Hausgemeinschaft erwacht aus lähmendem Elend und erweist sich als genauso gierig, nur weniger diszipliniert als Wassa. Wenn nach ihrem Vorbild auch die Sphäre des Privaten durch und durch ökonomisiert und jedermanns Seele verkauft sei, zerfalle zwar die bürgerliche Familie, hatte Rahel analysiert – aber der Kapitalismus trägt nicht mal einen Lackschaden davon. Kein Vertrauen auf die Kraft eines Neubeginns, kein Interesse an der Umwälzung der Verhältnisse gibt es in diesem Zombiekabinett der Egoisten.

Altmeister Dieter Giesing ist ja keiner, der mit neuen Regieeinfällen alte Stücken belästigt, sondern diese behutsam entdeckt, als Zeitdiagnose entwickelt und die Figuren deutlich psychologisiert. Das wirkt im Deutschen Schauspielhaus nun auf wenig mitreißende Art: klassisch modern. Wenn die Langeweile von Figuren kunstfertig langweilend herüberkommt, ergibt das einen konsequent blutarmen Abend. Wie diesen hier, bei dem innere Leere von famosen Schauspielern im virtuosen Leerlauf dargeboten wird.


Wassa Schelesnowa
von Maxim Gorki
Deutsch von Ulrike Zemme
Regie: Dieter Giesing, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Fred Fenner, Musik: Jörg Gollasch, Choreografische Mitarbeit: Johann Kresnik, Dramaturgie: Rita Thiele.
Mit: Karoline Bär, Yorck Dippe, Paul Grote, Ute Hannig, Josefine Israel, Markus John, Johanna Küsters, Christoph Luser, Michael Prelle, Thea Rasche, Anna Sophie Schindler, Maria Schrader, Michael Wittenborn.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de


Jüngste Versionen der Wassa Schelesnowa von Maxim Gorki: in Saarbrücken mit Gertrud Kohl (Regie: Michael Talke), in Berlin mit Corinna Harfouch (Regie: Stephan Kimmig), in München mit Elsie de Brauw (Regie: Alvis Hermanis).

 

Kritikenrundschau

"Giesing hat Gorkis Drama wie einen Trivialroman inszeniert", befindet Heide Soltau im NDR (18.10.2014). Schwarz-weiß stelle sich der ganze Abend dar. "Ohne Geheimnis und ohne Zwischentöne. Die Figuren leben nicht."

Giesing und sein Ensemble präsentierten "eine zeitgemäß moderne Geschichte von der zerstörerischen Kraft des Geldes, der dysfunktionalen Familie, missratenen Kindern, einer eiskalten Karrierefrau," schreibt Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (20.10.2014). Aus Sicht der Kritikerin sind es die Schauspieler, die "das Klassenkampf-Drama wie einen Albtraum aus dem Banken- oder Bürowesen aussehen lassen".

 

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