Der Logiker im Liegestuhl

von Thomas Rothschild

21. Oktober 2014. Bruno Ganz hat schon die richtige Wahl getroffen, als er als Nachfolger für den Iffland-Ring den nur ein halbes Jahr jüngeren Gert Voss vorsah. Dass Voss einer der genialen Schauspieler unserer Zeit, dass er einzigartig war – dem wird kaum jemand, nicht einmal ein Verächter seiner Kunst (auch die gab es) widersprechen. Aber worin bestand seine Einzigartigkeit? Am besten hat das, jenseits der Floskeln, Luc Bondy formuliert: "Gert ist logisch, und er versteht etwas davon, logisch zu sein in einer Figur. Aber das in Fleisch umzusetzen, in die Realität zu bringen, das kann Gert wie im Wahn." Und weiter: "Was wirklich nur Voss kann, das sind die tragisch-komischen Rollen. In der Tragik zugleich komisch zu sein, und berührend."

cover gert voss auf der buehne

Nah an der Hagiographie

Klar, dass solch ein Band, zumal wenn er von der Ehefrau und lebenslangen Mitarbeiterin des Menschen und Künstlers, von dem er handelt, und von der Institution, der er sein Archiv vermacht hat, herausgegeben wurde, auf kritische Stimmen verzichtet, sich an einigen Stellen der Hagiographie nähert. Klar, dass die Autoren die einzelnen Rollen Revue passieren lassen, die den Ruhm von Gert Voss begründet haben. Klar, dass es bei so vielen Augenzeugen zu Wiederholungen kommt. Schließlich sprechen sie von derselben Person. Rückblickend fallen vielen auch die früheren Partien ein, aber es herrscht weitgehend die Überzeugung, dass der Durchbruch zum Superstar des Theaters 1982 mit der "Hermannsschlacht" in Bochum erfolgt ist – mit einer Rolle, die, woran Klaus Vöker erinnert, Peymann ursprünglich mit Traugott Buhre besetzen wollte.

Der Blick von außen kann mancherlei aufdecken. Der Blick hinter die Kulissen, wenn er denn nicht bloß indiskret ist, vermag ihn zu vervollständigen. So verrät Elisabeth Plessens Beitrag Interessantes über die Zusammenarbeit von Gert Voss und Peter Zadek, von dem jener stets mit der größten Bewunderung sprach. Er war, neben Tabori und Peymann, gewiss der wichtigste Regisseur in seinem Leben, noch vor Peter Stein und Luc Bondy.

Es fehlt nur der Hamlet

Der Band ist chronologisch angeordnet, durchbricht das Prinzip jedoch durch einen mehr als sechzigseitigen Einschub über die Shakespeare-Rollen, die Voss verkörpert hat. Und in der Tat, sie ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Bühnenbiographie. Siebzehn waren es von Lucentio 1968 in "Der Widerspenstigen Zähmung" bis zu Vincentio 2011 in "Maß für Maß". Es fehlt – man staunt – lediglich Hamlet. Diese Rollen sind zugleich ein Bekenntnis zu jener Ausprägung von Schauspielkunst, der Gert Voss bis zuletzt treu blieb. Improvisatorisch, "ganz aus sich selbst heraus" eine Figur und eine Geschichte zu entwickeln, wie es sich Tochter Grischa von ihrem Vater wünscht, war sein Ding nicht. Da spiegelt sich der Generationenkonflikt des gegenwärtigen Theaters in der Familie Voss.

Ergänzt werden die Aufsätze durch Dokumente, durch vormals veröffentlichte Aussagen über Voss, durch ausführliche Kritiken, beginnend mit dem Debüt 1966 in Konstanz.

Glücksmomente in den Bildern

Ein Buch ist naturgemäß nur eine Hilfskonstruktion, wenn es um die Konservierung von Bühnenereignissen geht. Aber wenn schon, denn schon. Wenn man schon auf die flüchtige physische Präsenz des Theaters und sogar auf die reproduzierbare Bewegung in der Zeit durch das Video verzichtet, muss man nutzen, was das Medium Buch, das bedruckte Papier zu leisten vermag. Zumindest ebenso wichtig wie das beschreibende und analysierende Wort ist in diesem Zusammenhang das Bild. Und da geizt der schön gestaltete großformatige Band nicht mit Glücksmomenten.

Sie, die Fotos, in die man sich hineinschauen kann, enthalten nicht weniger Information als die Texte. Zum Beispiel der noch ziemlich junge Voss im Liebesduett mit Edith Heerdegen oder, schon 1975, im grotesken Zusammenspiel mit Ignaz Kirchner in der Stuttgarter Inszenierung von Brechts "Kleinbürgerhochzeit"; Voss als kahlgeschorener Woyzeck mit Kirsten Dene als Marie und Peter Sattmann als Andres; Voss als Richard III. und als Othello im Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann, kongenial fotografiert von dessen mit 40 Jahren verstorbenem Sohn Oliver; Voss mit Ritter und Dene in dem Stück, für das sich Thomas Bernhard ihre Namen geliehen hat; die komische Seite von Gert Voss in Sacha Guitrys "Der Illusionist" in der Regie von Luc Bondy 1995 in Berlin; ganz wunderbar, in Schwarz-Weiß und wiederum von Oliver Herrmann fotografiert, Voss und Kirchner in "Fin de partie", Regie George Tabori, und farbig in Bernhards "Elisabeth II.".

Die Pfeife im Mund

Und Voss mit Johanna Wokalek in jener Szene, die diese in ihrem überwältigenden Nachruf heraufbeschworen hat: "In meiner Erinnerung ist mir die Liegestuhlszene der 'Möwe' die liebste. Wir haben nichts gespielt damals. Die Szene entstand jedes Mal vollkommen neu und überraschend: Wir sitzen allein in der Sonne, ich auf der Armlehne, du bequem zurückgelehnt im Stuhl. Du redest ununterbrochen. Über was du gesprochen hast, weiss ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich genau an deine blitzblauen Augen, die mir schelmische Blicke zuwarfen, und an den Geruch der Pfeife, die ziemlich schief in deinem grossen Mund hing. Ich fand es ein ungeheures Kunststück, so lange mit Pfeife im Mund sprechen zu können. Ich habe oft wie ein Kind darauf gewartet, dass sie dir endlich aus dem Mund fällt."


Gert Voss auf der Bühne
Herausgegeben im Auftrag der Akademie der Künste von Ursula Voss.
Berlin 2014. 292 Seiten, 29,00 €


Mehr zu Gert Voss: Dirk Pilz würdigte den großen Schauspieler in seinem Nachruf für nachtkritik.de im Juli 2014: In den Wunderkammern der Illusion.

 
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