In der Tropfsteinhöhle des Dämmerungs-Magiers

von Martin Krumbholz

Mülheim an der Ruhr, 23. Oktober 2014. "Was schaust du mich so an?" Es ist der Satz, der in diesem Stück am häufigsten fällt. Da sind vier Personen, Vater, Mutter, zwei Söhne, die einander kaum einmal aus den Augen lassen – es sei denn, der ältere Sohn James verschwindet für ein paar Stunden in irgendeinen Club, "zu den Weibern und zum Whisky", oder Mary, die Mutter, macht sich ins "Gästezimmer" davon, um sich einen Schuss zu setzen. Sie alle fühlen sich unbehaglich, wenn sie von ihresgleichen beobachtet werden, dabei hat Ibsens Lebenslüge in diesem autobiographisch motivierten Drama von Eugene O'Neill jede Scham abgeworfen. Es gibt nichts mehr zu verschleiern, es ist offensichtlich, dass alle drei Männer Alkoholiker sind, die Mutter Morphinistin ist, man könnte sich hemmungslos gehenlassen und tut es auch, und doch bleibt ein Rest von Unbehagen, genährt durch fahle Erinnerungen an die drittklassigen Hotels, in denen der Schauspieler James Tyrone, begleitet von seiner Familie, die aktive Zeit seines Lebens verbracht hat. Die Verzweiflung ist die letzte Etappe vor dem Delirium, vor dem Absturz.

Der große Magier der Dämmerung

Gralf-Edzard Habben hat zwei identische flache Pools auf die Mülheimer Bühne gesetzt, dahinter eine hohe leere Apsis. In den Pools schwimmt allerlei Kram, Koffer, Bücher. Die Bruchbude, als die Mary Tyrone ihr Heim in der Provinz apostrophiert, hat hier einen schönheitstrunkenen Anstrich erhalten, und wer Roberto Ciulli kennt, diesen großen Magier der Dämmerung (der Ausdruck wurde einmal für Peter Handke geprägt, aber für den Italiener passt er beinahe noch besser), wird sich darüber nicht wundern. O'Neill's Dämmerung ist die des Alkohols und die des ganzen Lebens, obwohl zwei der Figuren noch jung sind. Trotz dieses kostbar-morbiden Settings, der delikaten Arrangements, der treffsicher ausgesuchten Musik von Jimi Hendrix, den Doors und so weiter ist diese Aufführung frei von jeder Manier.

langentages 560 joachimschmitz uDie kaputte Familie: Fabio Menéndez, Marco Leibnitz, Klaus Herzog und Simone Thoma
© Joachim Schmitz

Das liegt daran, dass Ciulli die vier Schauspieler bewundernswert klar und unverschmockt führt. Ganz präzise, ohne ein Nachlassen, zwei Stunden lang. Man muss sie einfach feiern. Simone Thoma mit ihrer kunstvoll-derangierten blonden Frisur verrät ihre Mary nicht an irgendeine billige Hysterie, an ein Flatterweibchen: Jede Geste, jeder Ton sitzt. "Wahrscheinlich ist er durch das Leben so geworden, und er kann gar nichts dafür." So wie sie diesen Satz sagt, ist man nahe daran, ihn ihr zu glauben. Eine vollkommen vernünftige Verteidigerin des Menschen: Alle sind durch das Leben so geworden, wie sie sind, und können schließlich nichts dafür. Klaus Herzog mit Clownsnase und trotz Hosenträgern ständig rutschender Hose ist die Ruhe selbst, kein Anflug von Cholerik oder schlechter Laune mindert sein paternales Ego, und selbst sein notorischer Geiz ist kein übler Zug, sondern eher eine liebenswerte Marotte. Die weiche und noble Lesart der Figur verblüfft zunächst, aber sie erweist sich als stimmig: Dieser abgewrackte Mensch ist ganz mit sich im Reinen.

The End im Pool

Fabio Menéndez ist der ältere Sohn James, Schauspieler wie sein Vater, noch früher gescheitert, Epileptiker zudem: Von den vier Tyrones bringt er die meiste Schärfe auf, sein Sarkasmus ist die dünne Außenschicht über Elend und Verzweiflung, und genau diese Spannung bringt Menéndez zum Vorschein. Schließlich der jüngere Sohn Edmund, der Dichter der Familie, an Tuberkulose erkrankt wie sein Autor: Marco Leibnitz übertrifft die anderen drei fast noch in der Filigranzeichnung eines dem Tode Geweihten, der wider besseres Wissen zum Whiskyglas greift, als wäre es der erste Schritt zum Suizid, und dennoch die Kraft aufbringt, gegen die vom Vater aus Geiz verordnete Kurpfuscherklitsche ebenso heftig wie theatralisch aufzubegehren. Wunderbar die Szene, in der er zu dem fast in voller Länge ausgespielten Song The End auf einem Bein durch den Pool tanzt und schließlich die Seiten eines zerfledderten Buchs herausfischt.

Unaufhörlich tropft das Wasser den ganzen Abend in Habbens Tropfsteinhöhle, die am Ende von Kerzen illuminiert ist. Dann spielt die Familie einträchtig das Spiel "Mutter, Mutter, wie weit darf ich reisen" – ein Spiel, das nie zum Ziel kommt, als gäbe es eine Gnadenfrist und als stünde das Ende der Welt doch nicht unmittelbar bevor.

 

Eines langen Tages Reise in die Nacht
von Eugene O'Neill, Deutsch von Michael Walter
Regie: Roberto Ciulli, Dramaturgie: Helmut Schäfer, Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostüme: Elisabeth Strauß, Musik: Matthias Flake, Licht: Ruzdi Aliji.
Mit: Simone Thoma, Klaus Herzog, Fabio Menéndez, Marco Leibnitz.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-an-der-ruhr.de

 

Kritikenrundschau

Ciulli habe diesen O'Neill "als eine Art Menschheitsgleichnis inszeniert", sagt ein begeisterter Stefan Keim im Gespräch für WDR3 (24.10.2014, hier im Podcast). Es gäbe keinen Realismus auf der Bühne, sondern "eine unheimliche leere, gespenstische Atmosphäre". Die Zuschauer "gucken eigentlich in eine Hölle hinein", und "wenn dann der Wiedergänger des Autors der junge Edmund zwischendurch einen Traum entwickelt, dann ist das reine poetische Vergeblichkeit". Ciulli sei damit "eine sehr melancholische, sehr stimmungsvolle Aufführung" gelungen.

Von einem "berauschenden Theaterabend mit Suchtfaktor" schreibt Britta Heidemann in der WAZ (online am 24.10.2014). Die Mülheimer Inszenierung zerre das Drama nicht gewaltsam in die Gegenwart, sondern spüre dem Geist der Zeit nach und gebe zugleich Raum für sehr moderne, traumschön-spielfreudige Theatermomente. Außerdem sei Simone Thoma als Mary Tyrone "auf der Höhe ihres Könnens" zu erleben.

"Was aber bleibt, ist die Schönheit der Bilder", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.10.2014). Roberto Ciulli dünne den Text aus und entwickele "atmosphärisch starke, zwischen Tag und Traum schwebende Bilder, die das Drama, seiner Äußerlichkeiten entkleidet, zum Gleichnis der gescheiterten Existenz verdichten." Naturalismus werde nicht zugelassen, Ort und Zeit nicht festgelegt. "Und schon gar nicht werden die von O'Neill unverhohlen eingestandenen autobiographischen Züge des vor antiker Wucht bebenden Familiendramas aufgegriffen". Der "alte Magier", der im Frühjahr achtzig geworden sei, benutze das Theater nicht für Botschaften, sondern setze es poetisch ins Recht.

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