Vertraute Fremde

von Matthias Weigel

Timișoara, 11. November 2014. Holzjalousien und bröckelnde kaiserliche Fassadenreste lassen fast vergessen, dass sich im Erdgeschoss des prächtigen Gebäudes aus der Donaumonarchie längst ein MacDonalds eingenistet hat. Während sich das gentrifizierungsgeschädigte Touristenherz an den unsanierten, rohen Schönheiten im Zentrum von Timișoara kaum sattsehen kann, beklagen die Einwohner hier, dass die Gebäude über Jahrzehnte ihrem Verfall überlassen wurden – ein Versäumnis, dass nun mühsam nachgeholt werden müsse.

wahl 560 mw uDas Theater von Timișoara, Tauben und zwei Kandidaten © Matthias Weigel

Timișoara, das Wien Rumäniens, Herz des Banat. Im 17. Jahrhundert dem Osmanischen Reich entrissen, siedelten hunderttausende Deutsche in den Banat um. Und sie bauten sich ihr Theater. Noch bis zum Zweiten Weltkrieg wurde hier regelmäßig für die deutsche Minderheit Theater gespielt. Nach der Wiedereröffnung 1953 wurde die Bühne dann vor allem für kommunistische Propaganda genutzt – sagt Lucian Vărșăndan, der heutige Intendant des Teatrul German de Stat, des Deutschen Staatstheaters Temeswar, an dem derzeit das "Eurothalia"-Festival stattfindet.

Tschechows "Möwe" aus Wohnzimmersessel-Perspektive

Lucian Vărșăndan ist Kind rumänischer Eltern, die kein Deutsch sprechen. Wie viele andere hier ging er aber in einen deutschen Kindergarten und eine deutsche Schule. An der Temeswarer Universität kann man sogar Schauspiel auf Deutsch studieren. So wuchsen viele der Theatermacher hier zweisprachig auf – ohne unbedingt etwas mit Deutschland zu tun zu haben. Denn spätestens seit dem Ende des Ceaușescu-Regimes hat sich die Zahl derer, die sich rumänienweit als Banater Schwaben oder Siebenbürger Sachsen bezeichnen, auf verschwindend geringe 20.000 verringert.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf meint man auf der Bühne auch ein anderes, freieres Verhältnis zur deutschen Sprache wahrzunehmen. Der russisch-amerikanische Regisseur Yuri Kordonsky hat Tschechows "Möwe" am Deutschen Theater inszeniert, rund um die Spielfläche herum lassen sich die 150 Zuschauer bei Schummerlicht in Wohnzimmersessel nieder. Zwischen ihnen sitzen die Schauspieler, die den Theaterergüssen des jungen Kostja zusehen werden, der bei Tschechow nach "neue Formen" sucht, nach der Emanzipation von seiner Übermutter und nach der Liebe der naiven Jungschauspielerin Nina. Es sind bei Kordonsky keine egomanischen, mit sich selbst beschäftigten Individuen, sondern einfache Menschen, die nicht zu einander finden.

400 Euro Durchschnittslohn

In hoher szenischer Klarheit werden die Verflechtungen und Konflikte untereinander erzählt, während sich die Spieler im Spiel selbst das richtige Licht dimmen oder unpassende Streichersounds abwürgen. Zum Eindruck der Zeitlosigkeit trägt bei, dass die Sprache mit einer angenehmen Distanz im Raum schwebt. Womit keinesfalls gemeint ist, dass es an sprachlicher Perfektion mangelt – jeder im durchweg tollen Ensemble könnte als Muttersprachler durchgehen. Vielmehr tragen einige Schauspieler die Sprache wie ein perfektes sitzendes Kostüm – als eines der vielen Mittel des Theaterspiels.

moewetemeswar 560 petrucojocaru u"Die Möwe" in der Regie von Yuri Kordonsky © Petru Cojocaru

Dass trotz der großen Rückauswanderung deutsche Sprache und Kultur geblieben sind, hat sicher auch damit zu tun, dass sich Eltern für ihre Kinder bessere Berufschancen versprechen, wenn sie des Deutschen mächtig sind. Rumänien zählt trotz seiner geringen Arbeitslosigkeit zu den ärmsten europäischen Ländern. In der Politik, sagt ein junger Mann aus Temeswar, sei Korruption an der Tagesordnung, er glaubt, dass von den EU-Geldern sowieso nur ein Teil am Bestimmungsort ankomme. Während sich die politische Elite mutmaßlich bereichert, lebt die Bevölkerung von einem durchschnittlichen Einkommen von etwa 400 Euro pro Monat.

Vorbild: Sibiu (Hermannstadt)

Vor allem hier im ehemaligen Banat verspricht man sich Besserung von einem Deutschstämmigen – dem nationalliberalen Präsidentschaftskandidaten Klaus Johannis. Er tritt am 16. November in der Stichwahl ums Präsidentenamt gegen Victor Ponta an, den derzeitigen Premierminister aus der sozialdemokratischen Partei PSD. Als Regierungschef machte Ponta von sich Reden, als er 2012 den damaligen, verfeindeten Präsidenten abwählen lassen wollte. Nachdem nicht genug Stimmen zusammenkamen, sollte kurzfristig die Zahl der Stimmberechtigten nach unten korrigiert werden, um doch die nötige Zahl zu erreichen. Ponta scheiterte, konnte aber einfach weitermachen.

demo1h 280 mw uDemo vor dem Theater fürs "Recht zu Wählen"
© Matthias Weigel
Über Klaus Johannis sagen manche: Man weiß nicht ob er besser ist, aber schlechter kann es nicht werden. Die meisten in Temeswar halten ihn jedenfalls für ehrlich und verlässlich. Johannis war von 2004 bis 2012 Bürgermeister von Sibiu (Hermannstadt), dem Zentrum der Siebenbürger Sachsen. "Er hat Hermannstadt zu einer gepflegten, gebildeten, wirtschaftlich und kulturell fortschrittlichen Stadt gemacht. Wir hoffen, dass er auf ganz Rumänien einen ähnlichen Einfluss haben wird. Außerdem hat er gute Kontakte zu Deutschland und anderen europäischen Ländern", so der junge Temeswarer. Politische Wahlen werden in Rumänien bisher meist in erbitterten Kämpfen um verschiedene Interessensgruppen gefällt, die einander jeweils Vorteile versprechen. Dazu habe Ponta als Orthodoxer mehr religiöse Stimmen hinter sich als der reformierte Johannis.

Plätze und Gassen sind aufgerissen

In Temeswar aber scheint die Wahl längst entschieden. Am Abend wird demonstriert, direkt vor dem monumentalen Theatergebäude, das die Oper, das rumänische Nationaltheater, das deutsche Theater sowie das ungarische Theater – ebenfalls für die fremdsprachige Minderheit – beherbergt. "Recht zu Wählen" steht ganz schlicht auf den Plakaten. Es geht um die rund zwei Millionen Exil-Rumänen, die im ersten Wahlgang im Ausland ihre Stimme abgeben wollten und an den Botschaften vergeblich auf die nötigen Formularen warten mussten. Man ist sich hier sicher, dass diese Fehlorganisation kein Zufall war – viele der ausgewanderten Rumänien hätten wohl für Johannis gestimmt. Die Demonstranten fordern, dass dieses Problem bis zur Stichwahl behoben wird.

Vom viel gelobten Hermannstadt will man sich in Temeswar so manches abschauen. 2007 amtierte Hermannstadt als europäische Kulturhauptstadt, und für 2021 will sich Temeswar auf den Titel bewerben. Dafür hat man nicht nur ein zehnjähriges Kultur-Strategiepapier in der Region aufgelegt, das unter anderem besagt, dass für das Deutsche Staatstheater (entgegen seines Namens übrigens vor allem von der Stadt finanziert) eine zusätzliche Spielstätte gefunden werden soll. Auch wird in der Innenstadt heftig an der Oberfläche poliert, sämtliche Plätze und Gassen sind aufgerissen. Von den sich verzögernden Bauarbeiten sind zwar alle längst genervt, aber bis 2021 ist es ja noch etwas hin. Nicht zuletzt dürfte es ganz im Sinne der Bewerbung sein, dass wir Journalisten und Theatermacher zum "Eurothalia"-Festival nach Temeswar eingeladen sind und berichten.

Das Theaterbudget steigt – der Stadt sei Dank

Das Festival steht nach eigener Aussage für sprach- und kulturübergreifende Verständigung, eingeladen sind Stadttheater-Inszenierungen von befreundeten Häusern aus Deutschland, Russland, den Niederlanden und Rumänien. Highlight der ersten Tage ist eine erstmalige Gemeinschaftsproduktion des Deutschen Theaters und des Ungarischen Theaters, die sich übrigens nicht nur die Räumlichkeiten teilen, sondern auch Bühnentechniker und Werkstätten.

kaffeetemeswar 560 petrucojocaru uSilviu Purcăretes "Moliendo Café"  © Petru Cojocaru

Regisseur Silviu Purcărete hat aus Improvisationen beider Ensembles ein Stück ohne Sprache gebaut: "Moliendo Café". Man hat sich dafür tatsächlich dem Thema Kaffee gewidmet – laut Programmheft genauso überflüssig und gleichzeitig unverzichtbar wie Theater. In einem surrealen Café-Setting bedient ein enthaupteter Kellner, Frauen führen ihre Männer an Leinen, ergraute Alte legen eine Varieté-Einlage aufs Parkett, Schweine terrorisieren eine Geburtstagsfeier, ein Schneesturm weht Geheimdienst-Agenten herein, die sich gegenseitig dezimieren, und um eine eine Portion Tiramisú entspinnt sich ein Slapstick-Dauerbrenner. Die stärksten Momente hat "Moliendo Café" aber in seinen durch eine Plexiglaswand getrennte, bildhaft-entrückten Tableaux Vivants zwischen Stummfilm- und Sin-City-Ästhetik.

Mit Silviu Purcărete einen international erfolgreichen Regisseur aus Bukarest engagiert zu haben, ist ein Coup, auf den man hier zu Recht stolz ist. Ausgerechnet im kulturellen Sektor eines der ärmsten Ländern herrscht Aufbruchstimmung, alles scheint möglich. Seitdem Johannis' Partei PNL die Stadt Temeswar verwaltet, wurde das jährliche Budget des Theaters schrittweise auf derzeit rund 6 Mio Leu (rund 1,3 Mio Euro) erhöht. Zusammen mit weiteren Stiftungsgeldern und anderen Einnahmen stemmt man hier sieben bis acht Premieren pro Spielzeit mit namhaften Regisseuren und unterhält ein 25-köpfiges Ensemble. Der Preis, der dafür gezahlt wird – oder besser nicht gezahlt wird – betrifft das Einkommen der Angestellten.

Postmigrantische Theatertradition

Schauspiel-Einsteiger erhalten rund 160 Euro im Monat, dann entscheidet jährlich eine Expertenkommission um den Intendanten, ob die Schauspieler in eine höhere Kategorie aufsteigen; zu den Kriterien zählen Berufsjahre, künstlerische Eignung und Rollenanzahl. Erst in der höchsten (und sehr seltenen) Stufe "1a" erreicht man gerade mal das rumänische Durchschnittsgehalt von besagten 400 Euro. Darunter reicht es kaum zum Überleben, manche haben Nebenjobs, besser verdienende Angehörige – oder leben sehr bescheiden.

baustelle1 560 mw uBröckelnde Fassaden, offene Baustellen: Timișoara © Matthias Weigel

Der 27-jährige Deutsche Konstantin Keidel ist nach der Schauspielschule in Mainz vor zwei Jahren zum Theaterspielen nach Temeswar gezogen. Sein Gehalt wird in den ersten Jahren vom Institut für Auslandsbeziehungen aufgebessert, so dass es einem deutschen Einstiegsgehalt nahe kommt. Seine Beweggründe waren damals ganz pragmatisch: "Wenn man nicht von einer der bekannten staatlichen Schauspielschulen kommt, sind in Deutschland die Chancen auf ein festes Engagement sehr gering. Hier kann ich nicht nur mit interessanten Regisseuren arbeiten, sondern habe auf unseren Touren auch viele Erfahrungen gemacht, die ich so an einem kleinen Deutschen Stadttheater wohl nie gemacht hätte." Und seine rumänische Freundin, die hätte er sonst auch nicht kennen gelernt.

Deutsche, Auswanderer, Rumänen, Banater Schwaben – am Deutschen Theater in Temeswar gibt es längst eine postmigrantische Theatertradition, von deren künstlerischer Gleichberechtigung man in Deutschland noch weit entfernt ist. Sie wird getragen von einem Ensemble, das aus seinen perfekten Deutschkenntnissen alles andere als den größten finanziellen Vorteil zieht. Aber das steht hier für niemanden zur Diskussion. Kein Wort der Beschwerde hört man hier – dafür umso mehr Stolz, Teil dieser besonderen Theaterfamilie zu sein.


Offenlegung: Das Deutsche Staatstheater Temeswar hat die Kosten für Anreise und Unterkunft des Autors übernommen.

 

Mehr zumTheaterland Rumänien? 2012 waren wir beim Festival "Interferences"-Festival am ungarischen Nationaltheater in Cluj.

 
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