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Repression, Schuld, Vergessen

von Simone Kaempf

Berlin, 14. November 2014. Im wirklich schönen Schlussbild dieses Abends blitzt so etwas wie eine Utopie auf. Der Vorhang auf der Rückwand reißt auf und eine opulente goldbraune Wüstenlandschaftstapete ist zu sehen, auf der eine Straße bis weit an den Horizont führt. Als wurde da eine schnurgerade Schneise durch eine Steppenlandschaft geschlagen, ein Weg, der in die unendliche Ferne reicht.

Das verheißungsvolle Bild entspricht ziemlich genau der Aufbruchsphantasie, die Lara und Nathalie erleben, zwei Frauen, die, in unterschiedlichen Systemen älter geworden, jetzt zufällig am Pflegebett zusammenkommen. Beide mit mehr Berührungspunkten, als sie anfangs grantelnd ahnen wollen.

Sowjet-Geschichte und alternde Gesellschaft

Ob sie am Ende tatsächlich den alten Citroën starten, um trotzig nochmal neu anzufangen und ins titelgebende "Land der ersten Dinge" aufzubrechen, ob das nur eine Phantasie ist oder gar eine Todesumschreibung, das lässt die 1983 in Georgien geborene Autorin Nino Haratischwili in der Schwebe. Und der folgt auch Brit Bartkowiak in ihrer Inszenierung in der Box des Deutschen Theaters Berlin.

Als im Sommer Haratischwilis mittlerweile dritter Roman "Das achte Leben" erschien, wurde sie für solch poetische Fähigkeiten, für ihren staunend-schönen Umgang mit der deutschen Sprache sehr gelobt, einer Mischung aus Neuschöpfung und Auskosten ihrer Bandbreite. Naturgemäß dialogsatter, dem Medium entsprechend, kommt ihr jüngster Theatertext daher. Doch wie im Roman ist auch in "Land der ersten Dinge" das Schicksal der weiblichen Hauptfiguren eng mit der Sowjet-Geschichte verbunden, verklammern sich die Familienbeziehungen zu einem Panorama, über das Haratischwili doch immer den Überblick behält und mit dem auch die Regisseurin sich nicht in falsche Experimente begibt.

Klare, stringente Inszenierung

Der Abend beginnt erst einmal wie ein handfester Beitrag zur Debatte um die alternde Gesellschaft, mit einem Pflegebett und einer Badewanne als Bühnenbild. Die Osteuropäerin Nathalie lebt als Pflegekraft bei der westdeutschen ehemaligen Richterin Lara. Die eine soll sich kümmern, die andere will nicht versorgt werden, was dem Stück den schönen ersten Satz beschert: "Ich habe schon Schlimmeres überlebt, die überlebe ich auch noch." Der erste Schlagabtausch strotzt vor verschrobener Komik, aber en passant entwickelt sich daraus ein Drama um politische Repression, Schuld und Vergessen. Tote tauchen plötzlich wieder auf: Nathalies Ehemann, der als einstiger Regimegegner die Seiten wechselte. Und Laras verstorbener Enkel, zu dem sie so liebevoll war, wie sie es zur Tochter sein wollte.

Was den Figuren halb wie im Traum passiert, funktioniert in Brit Bartkowiaks klarer, stringenter Inszenierung ganz realistisch. Lautlos tauchen die Männer aus dem Bühnenhintergrund auf, vergangene Situationen nachspielend. Mit kleinen Ideen entwickeln sich Szenen wie von selbst, wenn mit einem Fön das Haarwehen auf einer Autofahrt simuliert wird. Unerbittlich landen die Figuren dann wieder beim Text, der ungemütliche Fragen aufwirft und Bekenntnisse abverlangt.

Die slowakischen Schauspieler rücken immer mehr ins Zentrum

Bartkowiak hat das Stück als Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin und des Nationaltheater Bratislava mit deutschen und slowakischen Schauspielern erarbeitet. Das wirkt inhaltlich absolut überzeugend, spiegelt das Stück über die Figuren den Umgang mit den Verwerfungen des Kapitalismus wie des Kommunismus wieder. Nur, dass die slowakischen Schauspieler immer mehr ins Zentrum rücken. Das geht Hand in Hand mit dem Text, und dazu kommt noch eine ganz eigene Qualität in der Weise, wie die slowakischen Schauspier die Erzählungen um Verrat und politischer Fremdbestimmtheit schultern.

Emília Vášáryová, ein Star im Ensemble des slowakischen Theaters, lässt ihre Pflegerinnen-Figur zwischen schlechtem Gewissen, Sorge um den daheimgebliebenen Sohn und rückengerader Würde oszillieren. Noch überzeugender reflektiert Dušan Jamrich als verstorbener Ehemann David die vergangenen Hoffnungen, melancholisch und doch hellwach, als würde sich die Vergangenheit gerade noch einmal abspielen. Er ist eine treibende Kraft dieses Abends. Den Schlagabtausch der Frauen wird man bald vergessen, aber wie Jamrich in seinem Monolog den Raum weitet, ist ein großer nachwirkender Moment. Die Zutaten stimmen: Ein kluger Text, gute Schauspieler, eine Regie, die Empathie nicht scheut und ein Blick auf die Systeme, der nie selbstgerecht wird. Etwas gerade ins Auge Schauendes hat diese Inszenierung, die als kleinformatige Studioproduktion keine Großkunst ist, aber doch einen Atem für die Fragen europäischer Geschichte hat.


Land der ersten Dinge / Bludičky
von Nino Haratischwili
Uraufführung
Regie: Brit Bartkowiak, Bühne: Nikolaus Frinke, Kostüme: Karin Rosemann, Musik: Thies Mynther, Dramaturgie: Ulrich Beck, Miriam Kičiňová, Peter Pavlac, Projektleitung: Christa Müller, Radana Hromníková.
Mit: Gabriele Heinz, Emília Vášáryová, Dušan Jamrich, Eric Wehlan.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

Mehr zur Art of Ageing-Projektreihe der European Theatre Convention: Wir besprachen auch Erdbeerwaisen am Staatstheater Braunschweig, das ebenfalls im Rahmen des Projekts entstand.

Emília Vášáryová spielte am Slowakischen Nationaltheater Bratislava auch in "Rechnitz" und "Die Wohngesinnten" – Arbeiten, über die im Juni 2014 im Theaterbrief Slowakei berichtetet wurde.

 

Kritikenrundschau

"Es besteht eine inhaltliche Vorgabe, die zudem Schauspieler zweier Sprachen berücksichtigen muss - Raum zum Ausprobieren bleibt da wenig", so Barbara Behrendt in der taz Berlin (17.11.2014). Doch Nino Haratischwili sei ohnehin keine Autorin des formalen Experiments, "ihre Stärke liegt in der Vielschichtigkeit der Figuren, den unverbrauchten, poetischen Worten, der inhaltlichen Substanz." Haratischwili entwirft ein Kammerspiel, in dem sich zwei Frauen an das Leben in gegensätzlichen politischen Systemen erinnern. "Das Handeln ersetzt Haratischwili durchs Eintauchen in die Erinnerung - das aber mit kräftigen Dialogen." Auch Bartkowiak neige nicht zu Formspielereien und hat (mit dem Bühnenbildner Nikolaus Frinke) schlicht ein Klinikbett auf die Bühne gestellt, einen Fernseher, eine Badewanne. Emília Vásáryová würge an ihrer Vergangenheit und spuckt dabei die Phantome aus. "Erst hält einen der fremde Klang der Sprache auf Distanz, dann öffnet sich eine Welt hinter den Worten."

"Wirklich schade, dass Haratischwili ihre Figuren zu derart spiegelbildlichen Systemrepräsentantinnen zurechtstutzen will", schreibt dagegen Christine Wahl im Tagesspiegel (17.11.2014). "Mit ihren überkonstruierten und abenteuerlich schrägen Gesellschafts-, Schuld- und Sühnevergleichen klemmt die Autorin den Damen die Luft ab." Rechts grantele Gabriele Heinz als Lara im lila Satinschlafanzug abendfüllend aus einem medizinischen Bett heraus, davor stoße ihre Kollegin Emília Vášáryová vom Slowakischen Nationaltheater mit der Backschüssel auf dem Schoß kopfschüttelnd muttersprachliche Flüche aus. "Immerhin: Der Putzigkeitsringelpiez bleibt aus. Das Altern als wirklich hirnaktivierende Kunstform aber eben auch."

Haratischwili benutze Ost- und Westbiografien, um von der Anpassung des Einzelnen an ein System zu berichten, "die großen Fragen über das alte und neue Machtgefälle" schwingen dabei stets mit, so Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (5.12.2014). Brit Bartkowiak inszeniere das Stück als intimes, berührendes Kammerspiel, "ein Bett, ein Fernseher, eine Badewanne, dazu zwei deutsche und zwei slowakische Schauspieler".