Sind wir nicht alle ein bisschen Anklam?

von Wolfgang Behrens

18. November 2014. Die Stadttheaterdebatte kommt über den Umweg der Niederlande auch im November zu uns zurück – sie ist in der Magazinrundschau längst eine alte Bekannte. Ganz neu hingegen ist – mit einem Gastauftritt – Lettre International dabei, in dem Alain Badiou theaterphilosophische Vollwertkost auffährt. Ansonsten sind noch der Einbruch der Performance in die Oper und einige DDR-Nachwehen zu vermelden.

Theater heute

Theater heute dokumentiert in seiner November-Ausgabe eine aufschlussreiche Rede, die Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, zur Eröffnung des Nederlands Theater Festivals 2014 gehalten hat. Er charakterisiert darin das niederländische Theater nicht zuletzt im Rückgriff auf die Historie: Es sei "ein Theater für Stadtgesellschaften und regionale Gemeinschaften, ein Theater der Truppen, der Schiffsmannschaften, wenn man so will, die auf Reisen gehen." Ein nicht-elitärer Kunstbegriff, eine "emanzipierte Schauspielerkultur" (Schauspieler als "selbstverständliche Co-Autoren im Entstehungsprozess der Aufführung") und ein "in seinen Mitteln transparenter Naturalismus, der mit den Jahren immer epischer und installativer wurde", seien daraus erwachsen.

th 11-14Von hier aus gelangt Oberender zum Vergleich der niederländischen und deutschen Theaterstrukturen: "Die Verschränkung von kommunalen und nationalen Trägerschaften war – muss ich wirklich sagen, war? [eine Anspielung auf die grundstürzenden Kürzungsbeschlüsse der niederländischen Regierung aus dem Jahre 2011] – wegweisend. In Holland wurden Produzenten und Institutionen über vier Jahre gefördert, nicht fallweise von Projekt zu Projekt, was in Deutschland für viele freie Gruppen bis heute eine prekäre Situation erzeugt." Und schließlich landet Oberender bei der deutschen Stadttheaterdebatte, für die er einen Vorschlag unterbreitet, der Erfahrungen des (alten) niederländischen Systems zu integrieren versucht: "Mein Vorschlag ist [...], nicht mehr im alten Sinne von Stadttheater und Freier Szene zu sprechen, sondern die Trennungslinie innerhalb des Systems an einer anderen Stelle zu ziehen: Der entscheidende Unterschied ist der zwischen einer exklusiven [nur auf ein Haus gerichteten] bzw. einer kooperativen Produktionsweise." Oberender erhofft sich, dass künftig "das Verhältnis zwischen exklusiven und kooperativen Produktionen zur Grundlage der Förderpolitik" gemacht werde. "Denn zwischen den pauschalen Budgets großer Institutionen, die zusätzlich immer projekthafter arbeiten, und den fallweisen Budgets der freien Projektgruppen, die im Erfolgsfalle über die Jahre hinweg zu Institutionen werden, besteht kein fundamentaler Gegensatz mehr."

Mit einem sehr lesenswerten Beitrag von Torben Ibs gedenkt Theater heute des Mauerfalls vor 25 Jahren. "Die sogenannte Wende", heißt es da, "nahm auch in den kleinen Städten der DDR oft ihren Ausgang von ihren Theaterhäusern – und an Theatern war in der DDR kein Mangel. 1988 verfügte die Republik über 68 Theater mit 200 Spielstätten, also einer ganzen Menge potentieller oppositioneller Keimzellen, die nun zu Demokratie-Inkubatoren wurden." Torben Ibs hat einige historische Eindrücke gesammelt, u.a. von Konstanze Lauterbach, die damals als junge Regisseurin in Rudolstadt wirkte, und von Matthias Brenner, dem heutigen Hallenser Schauspielintendanten, der 1989 noch Schauspieler in Erfurt war. Wir hatten am 4. November an eine andere Keimzelle erinnert: an das Theater in Schwerin mit seinem legendär mutigen Schauspieldirektor Christoph Schroth.

Die deutsche Bühne

In der Deutschen Bühne reisen Michael Laages und der Schauspieler Horst-Günter Marx anlässlich des Mauerfall-Jubiläums sogar noch weiter in die DDR zurück – nämlich ins Anklam der frühen 1980er Jahre, mithin ans legendäre Anarcho-Provinztheater, das damals einen jungen Regisseur namens Frank Castorf beschäftigte. Für Schauspielabsolventen war der Weg nach Anklam seinerzeit ein Abenteuer. Denn die "Absolventeneinsatzkommission", die die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler auf die Theater verteilte, war der Ansicht, dass Frank Castorf sehen sollte, wo er bleibt, "da oben in Deutsch-Sibirien." Marx, als Studentenvertreter in der Einsatzkommission, "war anderer Meinung: 'Ich habe gesagt, wie interessant es doch bei solch jungen Theatermachern sein könnte und dass da sicher viele Studenten hingehen wollten.'"

ddb 11-14Marx sammelte also "sieben Mitstudierende, die gern nach Anklam wollten" (darunter Silvia Rieger und Gabriele Gysi). "Die Schule war außer Rand und Band: Wieso Anklam?! [...] es endete im Kulturministerium, mit [Hans-Peter] Minetti und dem stellvertretenden Minister, wo sie uns sagten, dass Anklam nicht möglich sei und jeder ein Ausweichtheater bekomme. Sogar zwei zur Auswahl." Irgendwann stießen die Absolventen aber doch noch zu den "Faxenmachern vom Theater", wie die "Castorf-Kumpanei" von den Anklamern genannt wurde. Rückblickend sagt Marx über diese Zeit: "Anklam fängt an mit der Revolution in der Schauspielschule, da wurde ich zum Rädelsführer aus Gerechtigkeitsempfinden. [...] Anklam hat unwahrscheinlich viel Mut und Kraft gemacht, bis heute. Dieses Anklam ist immer noch im Herzen da und will immer wieder reaktiviert werden." Sind wir insofern nicht alle, die wir bis heute so gerne zu Frank Castorf an die Berliner Volksbühne pilgern, auch irgendwie ein bisschen Anklam?

Beim November-Schwerpunkt der deutschen Bühne muss der Magazinrundschauer ausnahmsweise die Waffen strecken – das Thema "Theaterpaare" interessiert ihn einfach zu wenig, als dass er ihn sinnvoll zusammenfassen könnte. Immerhin soll hier die Redakteurin Bettina Weber zu Wort kommen, die erklärt, worum es im Schwerpunkt geht: "Wir wollten nicht bloß willkürlich Paare im Rahmen von besseren Homestorys aus ihrem Privatleben berichten lassen. Wir hatten das Thema ja ganz bewusst ausgewählt [das hoffen wir Leser doch eigentlich immer!]: weil es mit der Kunst so eng verwoben ist. Weil der Einfluss einer Partnerschaft – ob es Verliebte, Freunde, Verwandte oder langjährige Arbeitsgefährten sind – auf das kreative Schaffen im Theater existentiell ist. Was macht die Liebe mit der Kunst? Und umgekehrt?" Ja, ja, da scheint es im Theater fast so zuzugehen wie im richtigen Leben ...

Theater der Zeit

Wenn es analog zu den fünf Wirtschaftsweisen fünf Theaterweise gäbe, Martin Linzer gehörte wohl dazu. In seiner monatlichen Kolumne "Linzers Eck" spricht er diesmal über Annekatrin Hendels Film "Anderson", eine Dokumentation über Sascha Anderson, der zu DDR-Zeiten als allseits beliebter Prenzlauer Berg-Poet und allseits unerkannter Stasi-Spitzel wirkte und nach der Wiedervereinigung als "Arschloch" (Zitat Wolf Biermann) zusätzliche Bekanntheit erlangte. Linzer schließt seinen Text versöhnlich: "Es gibt eben viele Stasi-Geschichten, nicht nur die bösen, menschenverachtenden und -zerstörenden. In den Theatern etwa waren die IM, die in den Kantinen jedes Wort einfingen, häufig den Kollegen bekannt und Zielscheibe ihres Spotts (auch ihrer Verachtung); einige haben sich, unter gezieltem Alkoholeinsatz, unfreiwillig selbst geoutet. Das ist noch ein weites Feld der Komik. Ich wünschte, dass man – im Film oder auf dem Theater – eine Posse folgen ließe, die auch die von vielen empfundene Lächerlichkeit, Unangemessenheit, das Monströse, den Widerspruch von Aufwand und Wirkung von 'Horch & Guck' zeigt."

tdz 11-14Der November-Schwerpunkt von Theater der Zeit gilt dem "Einbruch der Performance in die Oper". Neben Gesprächen mit dem Performer-Kollektiv Gob Squad (das noch in der laufenden Spielzeit Jahr mit "My Square Lady" an der Komischen Oper Berlin in den Musiktheaterbereich "einbrechen" will) und dem Bühnenbildner Christoph Ernst präsentiert der Schwerpunkt eine Podiumsdiskussion, die anlässlich der Buchpremiere des Theater-der-Zeit-Bandes "Die Zukunft der Oper. Zwischen Hermeneutik und Performativität" stattfand. Dorte Lena Eilers sprach dabei mit den Regisseuren Barbara Beyer, Matthias Rebstock und Michael von zur Mühlen und der Musikwissenschaftlerin Dörte Schmidt.

Barbara Beyer, die an der Kunstuniversität Graz ein Forschungsprojekt zur "Zukunft der Oper" initiiert hat, konstatiert im Opernbereich eine gewisse konservative Stagnation des einst so revolutionären Regietheaters: "Es herrscht das Primat der Deutung: Alles, das Bühnenbild, die szenische Darstellung, die musikalische Interpretation werden auf eine Gesamtaussage hin verpflichtet." Mit dem Projekt, in dessen Rahmen auch drei "Così fan tutte"-Inszenierungen entstanden sind, sei es nicht darum gegangen, "ein Kochbuch für neue Regieformen zu erstellen, sondern um einen dezidierten Versuch, eben eine Deutung des Werkes zu vermeiden und geschlossene Konzepte zu verlassen."

Dörte Schmidt freilich möchte das eingeschränkt und präzisiert wissen: "Ich fände schade, wenn jetzt das Missverständnis entstehen würde, man könne Performativität gegen Deutung setzen. Der Mensch als deutungserzeugendes Tier kommt davon gar nicht weg. Der Unterschied zwischen den drei Projektinszenierungen und anderen liegt in der Haltung des Regisseurs: Sage ich, Sinnzuweisung funktioniert so, dass ich mir als Regisseur einen Sinn ausdenke, der dann transportiert und bitte schön vom Zuschauer verstanden werden soll? Oder stelle ich mir Sinnzuweisung als einen Vorgang vor, der über sinnliche Evidenzen erzeugt wird in einem Zuschauer?" Das ergibt eigentlich eine ganz schöne Faustformel für einen theaterhistorischen Dreischritt: 1. "Werktreues" Theater – der Autor erzeugt den Sinn. 2. Regietheater – der Regisseur erzeugt den Sinn. 3. Performatives Theater – der Zuschauer erzeugt den Sinn. (Dass ich "Werktreue" in Anführungszeichen setze, ist natürlich streng ideologisch zu lesen ...)

Lettre Interntional

Als special guest in der Magazinrundschau dürfen wir in diesem Monat Europas Kulturzeitung Lettre begrüßen, die in ihrer 106. Ausgabe (Herbst 2014) dem Theater einen äußerst reichhaltigen und ertragreichen Schwerpunkt widmet: "Theatergeister aufgewacht!" Es sind große (und – den Ungeduldigeren unter uns sei's gesagt – nicht enden wollende) Gespräche darin, z.B. mit dem Schauspieler und aktuellen Konrad-Wolf-Preisträger Jürgen Holtz, mit den Regisseuren Romeo Castellucci und Hans-Jürgen Syberberg oder dem scheidenden RuhrTriennale-Leiter Heiner Goebbels.

lettre herbst14Der längste Riemen gilt aber einem Gespräch des Journalisten Nicolas Truong mit dem französischen Philosophen und Gelegenheitsdramatiker Alain Badiou unter dem Titel "Theater als Ereignis": satte 14 der bekanntlich völlig überdimensionierten Lettre-Seiten – ein veritables Buch! Badiou sieht darin das Theater sowohl von rechts als auch von links angegriffen. Auf der rechten Seite betrachte man das Theater "entweder als ein Museum der altertümlichen Künste oder als einen Teil der Gesellschaft des Spektakels oder eher der Gesellschaft der Zerstreuung". Dieser rechtsgerichteten Tendenz zufolge müsse sich "das Theater, wenn es nicht die respektvolle Besichtigung eines Kulturschatzes ist, einen Platz in der Unterhaltungsindustrie schaffen".

Von der linken Seite hingegen dräut dem Theater Ungemach, weil dort die These lautet, "daß die Zeit des Theaters vorbei ist, daß man es aus seinem eigenen Innern her überwinden und dekonstruieren muß, daß man jede Form von Repräsentation kritisieren, eine gewisse gewollte Konfusion zwischen allen Künsten des Sichtbaren und des Klangs anstreben, eine Indistinktion zwischen dem Theater und der direkten Präsenz des Lebens organisieren, aus dem Theater eine Art gewaltsamer, der Existenz der Körper geweihter Zeremonie machen muß." Badiou möchte "all diese Bestrebungen gewiß nicht als nutzlos oder schädlich darstellen", doch wenn deren "Radikalität zur herrschenden Orientierung" werde, sei "sie notwendig zerstörerisch."

Alain Badiou selbst sieht eine "der fundamentalen Aufgaben des Theaters in einer Periode der Verwirrung [in der wir uns seiner Ansicht nach befinden], die Verwirrung als Verwirrung zu zeigen. Das Theater, will ich damit sagen, stilisiert und vergrößert, bis es diese Verwirrung zur Evidenz bringt und zeigt, daß eine verwirrte Welt für die Subjekte, aus denen sie besteht, unlebbar ist – sogar und vor allem, wenn diese glauben, die Verwirrung sei nur ein Normalzustand des Lebens. [...] Genau in diesem Aufzeigen der Verwirrung versucht das Theater dann eine noch nie dagewesene Möglichkeit aufkommen zu lassen." Da ist es wieder, das Theater als utopisches Projekt einer Gesellschaft. Jedenfalls ist das harter Denkstoff und den Gang zur Bahnhofsbuchhandlung allemal wert!

 

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