Wer mögen die Spitzel sein?

von Falk Schreiber

Hamburg, 11. Dezember 2014. Natürlich kann man sich Lignas "Die große Verweigerung" verweigern. Man hat nur nichts davon, man sitzt dann im Zuschauerraum des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel, starrt auf eine Bühne und sieht deren Bespielung, Darsteller, die den Raum durchmessen – aber man versteht nicht, was sie da tun. Auf der Bühne derweil sind die Zuschauer, die sich nicht verweigert haben, die sich mittels Headset durch den Raum leiten lassen. "Die große Verweigerung" ist zumindest in der ersten Hälfte das, was man von Ligna kennt: eine Publikumschoreographie mit politischem Überbau.

Der besteht diesmal in einer verpassten historischen Chance: Im August 1914 plante die Zweite Sozialistische Internationale, den Ersten Weltkrieg im letzten Moment mit einem Generalstreik zu verhindern. Bestechend logisch – die Kriegsindustrie lief auf Hochtouren, und wenn diese Industrie zusammenbrechen würde, dann wären auch die Kriegsvorbereitungen hinfällig: Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.

Raffinierte Variante des Reenactment-Genres

Wie man weiß, stand nichts still, der Streik fiel aus, und wer hat den Plan verraten? Sozialdemokraten. Die stimmten nämlich in ihren Heimatparlamenten mehrheitlich für die Kriegskredite, aus "vaterländischer Verantwortung" – der pathetische Grundsatz "Die Arbeiterklasse hat kein Vaterland!" war ein Witz. Die Inszenierung ist eine Dreiviertelstunde lang ein Reenactment dieses historischen Diskurses: Man durchstreift die Kampnagel-Räume, flüstert sich die Losung "Nieder mit dem Krieg!" zu, beäugt einander misstrauisch ("Schauen Sie sich um: Wer mögen die Spitzel sein?"), und als erste Rangeleien beginnen, langen die einen beherzt zu, und die anderen halten sich ängstlich zurück.

ligna verweigerung 560 anjabeutler hGereckte Fäuste, reenacted © Anja Beutler

Bis zu diesem Punkt ist "Die große Verweigerung" eine raffinierte Variante des Reenactment-Genres: Nachgestellt wird keine historische Realität, nachgestellt werden Spuren, Strukturen, Verhaltensweisen. Wenn man dem Gegenüber in die Augen starrt und einem die Stimme im Ohr Zweifel an der Solidarität des Genossen einflüstert ("Was, wenn du streikst und er die Gelegenheit nutzt, dich anzugreifen?"), dann schafft das eine kaum erträgliche Anspannung, zumal man nicht weiß, was das Gegenüber gerade hört. Ein wenig aber hat man auch den Eindruck, gerade eine unglaublich ausgefuchste, durchdachte und kluge Geschichtsstunde zu erleben, der nur der letzte Kick fehlt.

Wann hast du dich verweigert?

Der folgt nach der Pause. Statt am Vorabend des Ersten Weltkriegs befindet man sich jetzt im "Paedagogium", einer Lehranstalt, in der individuell und kollektiv Strategien der Verweigerung eingeübt werden. Was erst einmal heißt, sich überhaupt der Strukturen von Individuum und Kollektiv bewusst zu werden. Man bewegt sich also durch den Raum, sanft an- und manchmal auch auf den Holzweg geleitet von den Stimmen im Ohr. Man spürt Grenzen, man überschreitet Grenzen: Man berührt Unbekannte. Man brüllt. Man rennt jemanden um. Man wird angestarrt, was will der von mir?

Zwei spielen Szenen aus der Literatur nach, Melvilles "Bartleby, der Schreiber", auch so ein großer Verweigerer. Man schlendert mit einem fremden Menschen Arm in Arm durch den Raum, man unterhält sich: "Wann hast du dich zum letzten Mal verweigert?" (Man stellt erschrocken fest, dass man sich eigentlich noch nie richtig verweigert hat, dass man immer macht, was von einem erwartet wird.)

"Schließen Sie die Augen!"

Der zweite Teil der Inszenierung ist schwerer zugänglich als der Einstieg, weil er abstrakter ist. Es gibt keine Geschichte, an der man sich festhalten könnte, man ist zurückgeworfen auf sich selbst, in einem Theater, das manchmal ins Esoterische zu lappen scheint, manchmal ins Therapeutische. Irgendwann betritt man einen Nebenraum, hier sind Feldbetten aufgestellt, das ist wohl ein Link zum Weltkriegsmotiv des Einstiegs, man legt sich hin, man deckt sich zu: "Schließen Sie die Augen!" Man könnte einfach liegen bleiben, sanft pluckern elektronische Beats durch die Kopfhörer, man könnte jetzt aussteigen, vielleicht ist Schlaf die ultimative Verweigerung, vielleicht Traum. "Gibt es kollektive Träume?", fragt die Stimme. Da ist wieder die Frage: Kollektiv oder Individuum? "Wenn die Gesellschaft ganz fremd wird – handelt es sich dann überhaupt noch um eine Gesellschaft?" Man muss sich zwingen, die Augen wieder zu öffnen.

Die Verweigerung bleibt eine theoretische, man kann nicht so einfach aus der Gesellschaft aussteigen, man kann nicht einmal wirklich aus dieser Inszenierung aussteigen. Man weiß, aus dem Generalstreik wurde nichts, man weiß, der Weltkrieg forderte am Ende rund 17 Millionen Menschenleben. "Die große Verweigerung" ist ein trauriges Stück. Weil es, wenn man es zu Ende denkt, so unglaublich hoffnungslos ist.

 

Die große Verweigerung
von Ligna
Konzept, Text, Regie: Ligna (Ole Frahm, Michael Hüners, Torsten Michaelsen), Stimmen: Christiane Nothöfer, Iris Minnich, Maria Magdalena Wardzinska, Hanns Jörg Krumpholz, Thomas Kügel, Nicola Duric, Alexander Rischer, Gottfried Schnödl, Samuel Weiß, Musik: Aaviko, Victor Antonio D'Almeida, Einstürzende Neubauten, Pascal Fuhlbrügge, Emilian Gatsov, Jan Jelinek, Moondog, Sam Prekop, Pantha du Prince, Günter Reznicek, Terre Thaemlitz, Tortoise, Mika Vainlo, Aufnahme: Arne Berger, Florian Matthews, Mastering: Florian Matthews.
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, eine Pause

www.kampnagel.de

 

Kritikenrundschau

Auf der Internet-Plattform von Deutschlandradio (11.12.2014) schreibt Elisabeth Nehring: Der Generalstreik, von dem die Sozialistische Internationale zu Beginn des 1. Weltkrieges geträumt habe, sei Traum geblieben. Ligna eröffne via Kopfhörer nun diese Welt "voll pazifistischer Reden, aber auch ängstlicher Bedenken" und säe gleichzeitig Misstrauen zwischen den Mitspielern. Alles müsse man sich vorstellen. Im zweiten Teil gelte es zu lernen, "uns zu verweigern". Aber man sei zu beschäftigt mit der Choreographie der "Anweisungen zum Gehen, Stehen, Sitzen, liegen oder Kontakt-aufnehmen", als dass man dem "theoretischen Überbau", den Ligna zu den Spielanweisungen mitliefere, wirklich folgen könne. "Eine freundliche Versuchsanordnung, die mit gruppendynamischen Prozessen sich dem Thema Verweigerung annähert – ausloten tut sie es nicht."

 

 
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