Eine Flussfahrt, die ist lustig

von André Mumot

Berlin, 14 Dezember 2014. "Ups", sagt Kathleen Morgeneyer. Beinahe wäre sie nämlich auf einer der Bananenschalen ausgerutscht, die am Bühnenrand liegen. Ach – aber selbst wenn! Gestört hätte das gewiss keinen. Gut, Kathleen Morgeneyer vielleicht, aber womöglich nicht mal die. Lachen muss sie bloß, so wie die Darsteller oft an diesem Abend kaum das Prusten unterdrücken können. Nachdem sie angekaute Pizzareste in die ersten Reihen geschmissen haben zum Beispiel. Oder nachdem sich Alexander Khuon versprochen hat. Da grinst er dann sehr schelmisch und lacht noch ein bisschen, und im Publikum stimmen alle froh und glücklich mit ein. Überhaupt herrscht 'ne Bombenstimmung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

Was ein klein wenig verwundern mag, wenn man sich vor Augen hält, dass das neue Stück von Wolfram Lotz auf Vorlagen basiert, die alles sind, aber gewiss nicht heiter. "Nach Francis Ford Conrads 'Herz der Apokalypse'" heißt es im Vorsatz des Textes. Da geht es also schon los mit der frohgemuten Kalauerei. Man muss das gleich vorausschicken: "Die Lächerliche Finsternis" verhält sich zum "Herz der Finsternis" und "Apokalypse Now" in etwa so wie seinerzeit "Spaceballs" zu "Star Wars" oder "Hot Shots" zu "Top Gun".

Visuell hinreißend

Na gut, diese Geschichten von den Männern auf ihrer Fahrt durch die innere und die äußere Wildnis irgendwelcher Krisengebiete bilden ja längst ein Genre für sich, warum sollen sie also nicht parodiert werden: Von zwei Bundeswehrsoldaten erzählt Lotz, die auf einem Boot den Hindukusch entlangschippern (der hier kein Gebirge, sondern ein surrealer Fluss ist), um am Ende jemanden zu liquidieren, der nicht Marlon Brando, sondern Kathleen Morgeneyer ist. Die hat jedoch als irrer Oberstleutnant ebenso hemmungslos gemordet wie das Vorbild, insofern geht das wohl irgendwie in Ordnung.laecherliche finsternis 560 arnodeclair h Schabernack vor weißer Folie © Arno Declair

Es ist, Ausstatterin Claudia Kalinski sei Dank, eine visuell hinreißende Bootsfahrt geworden: Verträumt und stoisch zugleich schwebt das militärische Verkehrsmittel als schlichte Plattform die meiste Zeit über dem Boden, ausgepolstert von dickbauschigen weißen Folien, die sich im Verlauf der Reise immer weiter entfalten, riesig und immer riesiger werden, bis sie den gesamten Horizont ausfüllen. 

Demonstrativ sorglos

In dieser leeren Weite stehen Oberfeldwebel Oliver Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch unverdrossen ihren Mann, spritzen sich Mineralwasser auf die knallgrünen Uniformen, essen jede Menge Bananen und versuchen tapfer, nicht die Kontrolle zu verlieren. Alexander Khuon plustert sich auf, ist kerlig bis zum Umfallen, verzieht verächtlich die Mundwinkel und ignoriert sämtliche freundschaftlichen Annäherungsversuche des großartig verlegenen, gutmütig eingeschüchterten Moritz Grove. Die beiden bilden ein fabulöses Komödiengespann, während die viel beschäftigte Kathleen Morgeneyer von links und rechts dazu eilt und die grotesken Figuren darstellen darf, die ihnen auf ihrer Reise begegnen – einen italienischen Blauhelmsoldaten mit Espressotassen in der Hose, einen scheinheiligen Priester, ein geschäftstüchtiges Kriegsopfer und einen Papagei. So ganz scheint ihr die Clownerie allerdings doch nicht zu behagen, und wirklich bei sich ist sie nur, wenn sie ihre Augen zwischendurch ins fassungslose Tränenglitzern treiben darf.

Erst im September ist "Die lächerliche Finsternis" am Akademietheater Wien unter der Regie von Dušan David Pařízek uraufgeführt worden und hat sich viel Applaus und Zuneigung abgeholt. Wohl weil das Stück, das eigentlich ein Hörspiel ist, so etwas jugendlich Keckes hat, eine demonstrative Sorglosigkeit im Umgang mit den Sorgen dieser Welt. Natürlich könnte so eine unbekümmerte Komödie über unsere Klischeevorstellungen von den weit entfernten Krisengebieten, über westliche Arroganz und soldatische Attitüden, eine feine Sache sein. Wolfram Lotz aber mag sich auch dafür nicht wirklich entscheiden, möchte zwischen den Zeilen immer wieder gesinnungszwinkernd versichern, dass er auch wirklich auf der richtigen Seite steht. 

Herzensguter Oberflächenschabernack

Da kann man dann auch ruhig mal für angemessen simple Betroffenheit sorgen und einen somalischen Piraten zur triefend sentimentalen Gutmenschenkuriosität machen. Oder den Priester, der sich später über die verschleierten Musliminnen ereifert, als unterkomplex bigotten Lüstling karikieren, der eigentlich nur nacktes Fleisch sehen will, während er von Freiheit redet.

Regisseurin Daniela Löffner vertraut jedoch voll und ganz auf den herzensguten Oberflächenschabernack des Autors und entfernt gleich noch alle eingewobenen Selbstzweifel. "Aber das ist ja trotzdem auch nur so ein Text", heißt es an einer wichtigen Stelle, die an diesem Abend nicht gesprochen wird: "Denn es ist ja nicht hier, das Grauen, es geschieht hier ja nicht, man darf das nicht verwechseln mit dem, was in der Wirklichkeit geschieht." Die Gefahr besteht allerdings ohnehin nicht, denn was sich auf dieser Bühne ereignet, ist so synthetisch wie nur irgend möglich, ein papierner Jux, der alles, was sich nach wahrer Ohnmacht anfühlen könnte, konsequent vermeidet.

Zahnloses Komödieneinerlei

Dabei wird kein Elend ausgelassen, nicht die Armutsprostitution in Asien, nicht Afrika und Afghanistan, nicht die Religionen und die Gewalt und die Ausbeutung. Und vor allem geht es natürlich immer darum, dass wir uns all das ja sowieso nicht vorstellen können, es aber doch tun. Ein Theater, das vor seinen eigenen Themen fröhlich kapituliert, während es in unverdrossen ironischem Leerlauf vor sich hinfabuliert. Es kann einen in tiefste Trübsinnigkeit stürzen, wie leicht aus dieser von weitem angestellten Weltbeobachtung zahnloses Komödieneinerlei wird, ein Bühnenzeitvertreib, der harmloser und knuffiger gar nicht sein könnte. Ach, wie unproblematisch es ist, die Finsternis zu etwas Lächerlichem zu machen: Ein paar zynische Witze über zynische Witze, eine Träne im Knopfloch und eine Bananenschale, auf der dann doch keiner ausrutscht. Ups.

 

Die lächerliche Finsternis
von Wolfram Lotz
Regie: Daniela Löffner, Ausstattung: Claudia Kalinski, Musik/ Sounddesign: Sebastian Purfürst, Licht: Marco Schwerle, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Alexander Khuon, Moritz Grove, Kathleen Morgeneyer, Andy Kubiak, Patrick Sommer, Marof Yaghoubi. Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Im Tagesspiegel (online am 16.12.2014) vergleicht Christine Wahl den Abend mit Dušan David Parízeks Wiener Uraufführungsinszenierung des Stücks – und findet, Löffners Version mute "ziemlich vordergründig" an. Wo Parízeks Karikaturen zu Figurenkernen vordrängen, halte "Löffners plattes Typenkabarett" sie uns vom Leib. "Schade, dass lediglich Moritz Grove als gutwillig-einfältiger Unteroffizier Dorsch bisweilen in erhellendere Figurenzeichnungsgefilde vordringen darf."

Lotz "schmales, aber sehr zu recht viel beachtetes Werk" charakterisiert Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (16.12.2014) als "so schrillen wie zarten Protestruf wider den Zynismus der Wirklichkeit", weshalb sich dieses Werk auf allen erdenklichen Weisen die freche Anmaßung der Realität vom Textleib zu halten versuche, immerfort real zu sein – "und wir sehen ein Theater, das schnurgerade in den Real-Spiel-Modus schaltet. Das so tut, als sei die Wirklichkeit haltbar genug, um sie auf der Bühne verdoppelnd abpinseln zu können." Die Stärke dieser Inszenierung könnte, so Pilz, "die Entdeckung der Verzweiflung im Unterbau der Lächerlichkeit" sein. "Statt dessen aber buhlt der Abend um Verständnis, will mit seiner Mischung aus Trauer- und Komödienspiel unsere Welt begreifbar machen, glaubt also an Bühnenmöglichkeiten mit festestem Vertrauen, das Wolfram Lotz längst aufgegeben hat. Weil die Wirklichkeit verrückter ist, als wir es uns ausmalen können."

"Es ist die Realität der Bilder, der Lotz misstraut", schreibt Barbara Behrendt in der taz (16.12.2014). Die Fahrt in die Finsternisse des Krieges werde zur Expedition in die Irrsinnswelt des eigenen Innern. "Claudia Kalinskis Bühne zeigt das augenfällig: Die Folie wächst und wächst, am Boden und in den Lüften, es ist eine Falle ohne Ein und Aus, im gleißenden Weiß werden alle zu Insassen einer gigantischen Gummizelle." Denn darauf komme es der Regie an: "Sie zeigt, neben den pointierten Slapstick-Einlagen von Khuon, Grove und Morgeneyer, den existenziellen Wahnsinn dieser militärischen Expedition."

Auf der Website des Kulturrradios von Radio Berlin Brandenburg (15.12.2014) schreibt Mounia Meiborg, es sei dies ein gutes Stück, entgegen der Klagen so etwas gebe es gar nicht auf deutschen Bühnen. Der Text bestehe zum großen Teil aus erzählerischen Passagen. Daniela Löffner finde szenische Übersetzungen, habe "große Lust am Theaterhaften und an der Verkleidung". Das führe zu "witzigen, überdrehten Szenen". Aber manchmal werde es "allzu albern", das lasse "die Verstörung vermissen, die im Text steckt". Die Bühnenbildnerin Claudia Kalinski habe "die Gefahr von Dschungel-Folklore umschifft" und mit ihrer Plastikplane "starke, eindrückliche Bilder geschaffen". Alexander Khuon und Moritz Grove spielten beide "virtuos und oft sehr komisch".

Hartmut Krug rezensierte in der Sendung Kultur Heute auf Deutschlandfunk (16.12.2014). Er findet das Stück sei "effektvoll, aber nicht einfach". Regisseurin Daniela Löffner mache es sich "leider allzu einfach". Sie inszeniere eine "überbordende Komödie" und benutze das Stück als "Regie- und Schauspielerfutter". Ein "durchaus lustiger und zeitweilig auch unterhaltsamer Abend", der jedoch nur "witzelnd über die Oberfläche des Stücks und der Probleme" husche. Wo doch die Ironie, die der Autor seinem Text eingeschrieben habe, aus "durchaus verzweifelter Ernsthaftigkeit gespeist wird".

 
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