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Der Solitär

von Simone Kaempf

Krakau, Dezember 2014. Am Abend zuvor ist es spät geworden. Mit Bussen war man weit nach Mitternacht aus der Vorstellung von Krystian Lupas "Wycinka" (Holzfällen) zurückgekommen. Jetzt am Vormittag ist der Andrang erneut riesengroß, zusätzliche Stühle werden herangeholt, viele Besucher sitzen auf dem Fußboden. Lupa beim Publikumsgespräch, das heißt, der polnische Regisseur redet über seine Arbeit, über Politik und Theater, die er lieber getrennt sehen will. Aber was heißt redet, es ist eine Predigt, wie man sie lange nicht mehr gehört hat. Lupa ist ein Magnet, ein intelligenter Denker, witzig, auf einige Fragen antwortet er geschickt ausweichend. Es ist mucksmäuschenstill, alles hängt an seinen Lippen.

lupa1 560 uKrystian Lupa (links) beim Publikumsgespräch © Boska KomediaMan versteht hier gut, warum der 71-Jährige für eine ganze Generation nachrückender polnischer Regisseure zum Lehrmeister wurde: Er ist bescheiden, zugleich absolut überzeugend, ein Mann der Praxis mit genauen, aber unverkopften Haltungen. Lupa hat bis vor kurzem in Krakau das Stary Teatr geleitet und lange an der Universität gelehrt. Jan Klata, Kristof Warlikowski und viele andere wurden von ihm geprägt. Auch Festivalchef Bartosz Szydłowski war sein Schüler.

Festival aus besserer Zeit

Der 46-Järige Szydłowski leitet eigentlich das Theater in dem 50er-Jahre-Arbeiterviertel Nowa Huta, in dem fast ein Drittel der Krakauer Bevölkerung lebt. Mit einer Mischung aus Stadtteilprojekten und avanciertem Regietheater hat er das Haus belebt, das ursprünglich eine Technikschule war. Vor sieben Jahren erhielt er den Auftrag, das Międzynarodowego Festiwalu Teatralnego Boska Komedia (Internationales Theaterfestival Göttliche Komödie) ins Leben zu rufen. Eine Initiative der Stadt, als Krakau zur Europäischen Kulturstadt (2000) ernannt wurde und genügend Geld zur Verfügung stand, für kurze Zeit zumindest. Nach dem ersten Jahr wurde das Budget im Zuge der Finanzkrise halbiert.

Szydłowski reagierte und lud fortan statt internationalen nur heimische Produktionen ein. Was sich als sehr geschickter Schachzug herausstellte. Heute gehört das Boska Comedia zu den wichtigsten polnischen Theaterfestivals, das aktuelle Trends abbilden und natürlich auch setzen will. Siebzehn Produktionen laufen in der Wettbewerbssektion, dazu nochmal die gleiche Anzahl Regietheater- und Nachwuchsarbeiten außer Konkurrenz, auf ein Dutzend Spielstätten verteilt. Geballtes polnisches Theater, das für gewöhnlich zu Extremen neigt: entweder sehr traditionell oder hochavantgardistisch. Nicht so allerdings beim diesjährigen Festival.

karaoke sakralne mozart requiem 560 "Karaoke Sakralne. Mozart Requiem"  © http://capellacracoviensis.pl

In der Schusslinie der Nationalkonservativen

"Weniger Schlachtfeld, mehr Ideenaustausch" ist der Slogan des Programms. Eingeladen sind Arbeiten, die sich eher zwischen den Extremen bewegen oder von denen neue Impulsen für Erzählweisen ausgehen, so Szydłowski. Dass er das Festival eher als Schlichtungsstelle zwischen den Fronten verstehen will, ist auch den jüngeren Ereignisse in Krakau geschuldet. Jan Klata, Intendant des Narodowy Stary Teatrs, war vor einem Jahr offen in die Schusslinie der Politik geraten, ausgelöst durch seine Inszenierung von Strindbergs "Nach Damaskus", in dem die Ultrarechten von Pornographie bis Blasphemie allerlei Angriffsflächen fanden. Der Versuch, Klata abzusetzen, scheiterte zwar, aber die Diskussionen schwelen im kultur-konservativen und erzkatholischen Krakau weiter.

Die nächste Auseinandersetzung wirkt programmiert: Rund ums Theater hängen die Ankündigungsplakate für Klatas Premiere kurz von Weihnachten, "König Lear", und sie zeigen Lear, den König, der sein Reich verspielt, in päpstlicher Soutane. Aber auch andernorts sind die Theater mit Anfeindungen aus dem rechtsgerichteten, nationalistischen und katholischen Lager konfrontiert. Im Sommer spitzte sich in Posen beim Malta Festival der Streit um Rodrigo Garcias Gólgota Picnic zu. Im Vorwege waren Massen-Demonstrationen mit 30.000 Teilnehmern angekündigt. Die Behörden konnten die öffentliche Sicherheit nicht mehr garantieren, schließlich setzte das Festival die Vorstellungen ab.

Nichts Anstößiges nirgends

Wenn all das in Gesprächen am Rande nicht doch immer wieder Thema wäre, würde man beim Festival kaum etwas davon merken. Insofern funktioniert Szydlowskis Wunsch nach einem Festival, das alles und alle unter einem Dach vereint und die Stimmung entspannt, statt anzuheizen. Das Programm zeigt einen Querschnitt unterschiedlicher Handschriften, Anstößiges lässt sich nirgends finden.

thesecondwoman1 560 kuba dabrowski u"Druga Kobieta" ("The Second Woman") vom TR Warszawa  © Kuba Dabrowski

Am provokantesten gemeint ist noch das "Karaoke Sakralne. Mozart Requiem" konzeptioniert von Cezary Tomaszewski. In bunten Sturm-Masken und Kleidern à la Pussy Riot singen 13 Performer der Capella Cracoviensis Mozart als Karaoke-Show nach. Wenn sie zum "Dies Irae" mit Baseballschlägern auf die Bühne hauen, blitzt es für Momente tatsächlich gefährlich auf. Doch dann benehmen sich die Spieler wie normale Orchestermusiker, die gegenseitig um die Solopartien streiten, und der interessanten Setzung geht ziemlich die Luft aus.

Krzysztof Garbaczewskis Inszenierung von "Kronos" war dagegen einer der Favoriten um den Festivalpreis, der von der internationalen Jury vergeben wurde, darunter Stefanie Carp und sechs weiteren Theatermachern aus Brasilien, Indien, Kanada, New York, Ungarn, Irland. Und auch Grzegorz Jarzynas Inszenierung "Druga Kobieta" ("Die zweite Frau") nach John Cassavetes Film "Opening Night" sieht ziemlich gut und unverbraucht aus mit seiner glasklaren Atmosphäre: menschliches Dasein im klirrend kalten Design, in der Jarzyna ein Weiblichkeitsbild von heute entwirft. Das Porträt einer Frau, Schauspielerin, die sich in Realität und Illusion verliert.

Zwischen den Zeilen

Doch auch diese Inszenierung war kein wirklicher Gegenspieler zu Krystian Lupas Inszenierung "Wycinka" ("Holzfällen") von Thomas Bernhard, seit Jahren Lupas obsessiv verfolgter Autor. Vordergründig suggeriert die Aufführung Transparenz, Klarheit, Eleganz und Kultiviertheit, dahinter reißen etliche existenzielle Abgründe auf.

holzfaellen2 560 natalia kabanow u"Wycinka" ("Holzfällen"), inszeniert von Krystian Lupa © Natalia Kabanow

Im hohen Salon mit viel Glas und Beton sieht man einer Abend- und Trauergesellschaft zu, die einst von der Kunst zusammengebracht wurde und sich seitdem langsam voneinander entfernt hat. Das Bühnenbild ist das gleiche wie in seiner Grazer "Holzfällen"-Inszenierung, die er mit polnischen Schauspielern am Teatr Polski in Breslau inszeniert hat. So manche Anspielung auf die Verhältnisse in Krakau hat Lupa in den Abend eingebaut, seine Art, zwischen den Zeilen Kritik zu äußern. Das Publikum versteht sie. Nach viereinhalb Stunden lange Standing Ovations für den Regisseur, der in jeder Hinsicht der große Abräumer des Festivals ist. preisverleihung3 280 thomasz wiech uPiotr Skiba erhält den Preis für den besten
Schauspieler, links im Bild Intendant 
Bartosz Szydłowski. © Thomasz Wiech
Der mit 50.000 Zloty (12.500,- Euro) dotierte Hauptpreis fälll an ihn, genauso wie der Preis für die beste Regie. Piotr Skiba in der Rolle des Schauspielers, den die Abendgesellschaft erwartet, erhielt den Preis für den besten Schauspieler.

Ob das nun wirklich den Austausch zwischen den Generationen repräsentiert, den Festivalmacher Szydlowski sich zu guter Letzt wünscht, sei dahingestellt. Die Probleme durch die Angriffe aus der rechtskonservativen Ecke wurden zwar beim Festival auf kleiner Flamme gehalten, vom Tisch sind sie noch lange nicht. Man kann sich angesichts Lupas herausragender Arbeit und seines beindruckenden, mind-blowing Auftritts auf dem Festival aus deutscher Sicht aber noch etwas anderes fragen: Wie es kommen konnte, dass Regisseure ähnlichen Jahrgangs, Peter Stein, Claus Peymann, Luc Bondy, eigentlich derart den künstlerischen und intellektuellen Anschluss verloren haben.

 

Das 7. Internationale Theater Festival Boska Comedia (Göttliche Komödie) fand vom 5. bis 13. Dezember in Krakau statt.

www.boskakomedia.pl

 

Offenlegung: Simone Kaempf war auf Einladung des Festivals vom 10. bis 14 Dezember in Krakau. Das Festival übernahm die Reise- und Übernachtungskosten.

 

Kritikenrundschau

Gründer und Intendant Bartosz Szydlowski habe das Festival vor sieben Jahren wie einen Pfeiler in den Boden gerammt, "wie als Protest dagegen, dass alles schläft" in der Stadt, schreibt Margarete Affenzeller im Standard (19.12.2014). Heute komme man zu Boska Komedia "wegen der polnischen Erfahrung". Für Außenstehende sind die Bezüge innerhalb der polnischen Theatertradition oft nicht klar, "auf Altmeister Krystian Lupa und seine Thomas-Bernhard-Kennerschaft konnten sich aber doch alle Juroren einigen". Szydlowski wolle nicht die Crème de la Crème des polnischen Theaters zeigen, sondern ein Impulsgeber sein für Gruppen, die mehr am Rand stehen, wird er zitiert. "Darin liegt auch das Eingeständnis verborgen, dass das große zukünftige Theater derzeit nirgends stattfindet. Szydlowski macht sich über den Zustand der gegenwärtigen Kunst und deren Arbeitsbedingungen keine Illusionen. Er spricht von der grassierenden 'Erosion des intellektuellen Ethos' und träumt davon, dass sich Kunstschaffende der nach Effizienz und Pragmatismus verwalteten Produktion widersetzen."