Beim Zeus, wie schwer ist doch die Kunst

von Martina Senghas

Mannheim, 17. Dezember 2014. Dietmar Dath ist Mitte 40, Autor von dreizehn Romanen, Feuilletonist und Filmkritiker, Übersetzer und Verfasser von Hörspielen, Sachbüchern und Theaterstücken – er schreibt also viel und er schreibt gerne über das große Ganze: über Herrschaft und Befreiung, Produktionsbedingungen und Erkenntnistheorie, technischen Fortschritt und Kunst. Dath ist bekennender Marxist, entsprechend geht es auch in seinem neuen Theaterstück "Farbenblinde Arbeit" von Anfang an politisch zur Sache. Also rein ins Milieu der kulturell und gesellschaftlich Engagierten, in dem das Stück angesiedelt ist.

Kunst im Bau

Es beginnt damit, dass Michelle, eine Wissenschaftlerin, ihre Künstlerinnen-Freundin Sofie aus der Wohnung wirft. Die beiden haben sich bei ihrer gemeinsamen Arbeit für einen feministischen Filmclub überworfen, und außerdem will Michelle lieber, dass ihr Bruder Gerald bei ihr einzieht. Der ist ein wenig erfolgreicher Schriftsteller, den sie für ihre Experimente mit einer ganz besonderen Datenbrille braucht, die sie entwickelt hat. Die Künstlerin Sofie zieht also aus und siedelt direkt in eine Gefängnisanstalt über, deren Direktor sie für ein Kunstprojekt mit den inhaftierten Frauen engagiert hat.

"Kunst im Bau" wird gewitzelt, aber bald soll dem Direktor das Lachen vergehen, denn was er nicht weiß ist, dass es Sofie nicht nur um ihr Kunstprojekt geht. Sie will sich für ihre Schwester rächen, die im Gefängnis Selbstmord begangen hat - vermutlich, weil sie vom Direktor vergewaltigt worden ist. Sofie plant den Aufstand der Gefangenen, sie bringt sie zum Sehen und dazu, die Grenzen, die ihnen gesetzt worden sind, nicht mehr zu akzeptieren. Dabei hilft ihr die Datenbrille, die Michelle entwickelt hat – eigentlich eine Brille für Menschen mit Realitätsverlust, wie er beispielsweise bei Schizophrenie vorkommt.

"Man sagt heute auch Content dazu"

Ganz so linear wird die Geschichte allerdings nicht erzählt. Jeder Schauspieler und jede Schauspielerin hat mehrere Rollen – elf sind es insgesamt – und wechselt diese andauernd: eine andere Jacke, und Michelle wird zu Madame Rovira, die zwischendurch einen Zeitungsartikel über die prekären Arbeitsbedingungen im Bremer Online-Versandlager von Tchibo aufsagt; den Umschnallbauch weg und der Gefängnisdirektor ist Göttervater Zeus, der lange Monologe über die medialen Umwälzungen hält, die er im Laufe der Jahrtausende erlebt hat und dabei über das Verschwinden der Zeitung lamentiert.

Seine eigentliche Aufgabe ist aber, in Dieter-Bohlen-artiger Manier darüber zu entscheiden, ob bestimmte Bewerber in den Künstler-Olymp aufgenommen werden oder nicht. Da wird ihm beispielsweise ein Möbelkomponist vorgeführt (eine zweite Rolle des Gerald-Darstellers) und: Dietmar Dath persönlich. Der Theaterautor in einer Art Cameo-Auftritt, für den sich Sofie mal eben einen Schnurrbart anklebt. "Ich schreibe", stellt die Theaterfigur Dath sich vor. "Es ist eine Art Lieferungspraxis. Man sagt heute auch Content dazu. Manchmal ist es Anzeigenumfeld für Printmedien. Man kann es aber auch ins Radio blasen oder auf die Bühne schieben."

Das Gegenteil von Farbenblindheit

Die Reflexion über das künstlerische Tun und die künstlerische Freiheit, die Reflexion über die Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten, die Reflexion darüber, wie wir wahrnehmen und Realität konstruieren – all das wird sprachmächtig angegangen, übereinander und aneinander gelegt und widergespiegelt, so dass eine Art Prisma entsteht, in dem alle Farben zur Geltung kommen sollen. Dath will das Gegenteil von Farbenblindheit, will eine geschärfte Wahrnehmung erzielen. Und dabei geht es keineswegs nur ernst zu, sondern ist auch Selbstironie, Persiflage und absurder Humor am Werk.

farbenblinde arbeit 560a christian kleiner h An Dietmar Daths nicht ganz einfach zu erklimmendem Textbrocken mühen sich
mit vereinten Kräften Sascha Tuxhorn, Dascha Trautwein, Matthias Thömmes
und (hinten) Isabelle Barth ab. © Christian Kleiner

Regisseur Robert Teufel und sein Team haben sich in ihrer Inszenierung dieses Denkbrockens für Schlichtkeit entschieden: eine große, schwarze, mühsam zu erklimmende schiefe Ebene prägt das Bühnenbild, davor ein schmaler horizontaler Streifen, ein paar Koffer als Requisiten, sparsam eingesetzte Musik und Licht-Projektionen, normale Straßenkleidung. Bei einem inhaltlich derart überfrachteten Stück hat diese Zurückhaltung eine Logik, allerdings geht die nicht durchgehend auf.

Immer wieder wird der Text zu mächtig, kippt ins Vorlesungshafte, Essayistische, Unverständliche und bekommt zu viel Raum auf der Bühne, so als wäre er selbst eine der Hauptfiguren. Keine leichte Aufgabe für die Schauspieler, die aber das Beste daraus machen und sich darauf konzentrieren, das Szenische auszuspielen, wo immer es geht. Großartig ist besonders Sascha Tuxhorn in seiner Rolle als Zeus und Gefängnisdirektor. Insgesamt schaut man allen vieren gern bei der Arbeit zu und bleibt trotzdem ein bisschen ratlos zurück. Ob man sich tatsächlich so sehr an allen Themen gleichzeitig abarbeiten muss? Vielleicht hätten ein paar blinde Flecken im Prisma nicht geschadet.

 

Farbenblinde Arbeit
von Dietmar Dath
Uraufführung
Regie: Robert Teufel, Bühne und Kostüme: Friederike Meisel, Licht: Damian Chmielarz, Dramaturgie: Ingoh Brux und Lea Gerschwitz.
Mit: Isabelle Barth, Dascha Trautwein, Matthias Thömmes, Sascha Tuxhorn.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Was sonst noch in Mannheim läuft? Zum Beispiel Herrinnen, ein Stück von Theresia Walser über Karrierefrauen (Oktober 2014). Von derselben Autorin wurde in Mannheim im Januar 2013 das Stück Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel uraufgeführt.

 

Kritikenrundschau

"Das Stück steckt voller Schlaumeiereien, aber wenn man kritisch nachbohrt, stellt man schnell fest, dass Daths Gedankengebäude aus ziemlich dünnen Brettern zusammengeschraubt wurde", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (19.12.2014). "Und wenn man dranklopft, klingt's nach hohlem Zeitgeistgewäsch aus dem Resonanzkörper." Robert Teufel pushe das Ganze mit Bühnenebel und Kyrie-Eleison-Klingklang. "Allerhand für 75 Minuten!"

Überfrachtet und konstruiert findet Alfred Huber das Stück von Dietmar Dath im Mannheimer Morgen (19.12.2014). Robert Teufel habe es zwar geschickt entzerrt und den Schauspielern "existenzielle Spielräume geschaffen", in denen sie nicht ohne Witz und Selbstironie "ihre fragile Normalität diskutieren und ausleben können". Doch zu einer zwingenden Handlung verdichte sich das nur selten.

Das Material zerfalle letztlich in stärkere und schwächere Sketche, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (19.12.2014). Es finde sich manch guter Witz, und "es wäre womöglich besser gewesen, es dabei zu belassen, beim wirklich Witzigen, anstatt sexualisierte Gewalt gegen Frauen, Feminismus und die Kritik an neuen Techniken dann eben doch auch noch (anscheinend) ernsthaft diskutieren zu wollen." An den Stellen, an denen es ernst werde, stelle sich die Frage, "ob die Inszenierung von Robert Teufel wirklich so gut ist, wie es die meiste Zeit über den Anschein hat". Ob die Regie mit diesen Stellen nämlich geschickter hätte umgehen können, sie unter Umständen mehr ins Satirische ziehen. "Allerdings sind sie eigentlich gar nicht satirisch." Und vielleicht habe Teufel völlig recht, den Essayisten Dath auch im Drama als solchen stehen zu lassen.

Die Erzählmasse des Stücks würde gut und gerne für drei Romane reichen, meint Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (19.12.2014). Allerdings: "Ein Theatertext als Vorlage, der den Namen tatsächlich verdient, wäre besser gewesen." Robert Teufel begegne Daths "Seminardramatik" "mit inszenatorischer Schlichtheit".

"Die Wirkung dieses redundanten Szene-Geschwafels ist derart sedierend, dass man gelegentlich wohlig wegdämmert, bald aber durch das Geschrei auf der Bühne wieder in die trübe Gegenwart geholt wird", so Christian Gampert auf DLF Kultur heute (19.12.2014). "Denn Regisseur Robert Teufel vertraut angesichts der amorphen Textmasse auf Lautstärke und Körperlichkeit." Am Anfang schieben die vier Darsteller pantomimisch vier Koffer eine schräge leere Ebene hinan und lassen sie hinter der Bühne ins Nichts fallen. "Das wäre im Grunde auch der adäquate Umgang mit der Stückvorlage gewesen. Da man die aber zur Uraufführung angenommen hat, setzt man im weiteren Verlauf auf Kunst."

 

 
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