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Auf dem Hamsterfahrrad

von Leopold Lippert

Graz, 20. Dezember 2014. Das Vorspiel beginnt schon im Foyer: Sebastian Klein und Michael Ronen treten mit Megaphon vors Publikum. Sie sind Hausbesetzer und haben das Schauspielhaus Graz in Beschlag genommen. "Sie werden heute Abend kein Stück sehen", verkünden die beiden. Stattdessen sollen die Zuschauer Teil der "Community" werden, und deshalb dürfen sie auch gleich mal auf die Bühne, um die famose Do-it-yourself-Recycling-Selbstversorger-Einrichtung (Bühnenbild von Sylvia Rieger) aus der Nähe zu bestaunen: eine fahrradbetriebene Waschmaschine, ein selbstgebautes Klo mit Gas-Wärme-Generator, ein überbordendes Gewächshaus, Dusche mit Trampelantrieb, Feldbetten auf Holzpaletten (mit Laken aus den Stoffbannern früherer Schauspielhaus-Produktionen), und dazwischen jede Menge Gerümpel aus dem Fundus.

Dystopie des Jahres 2018

Die sechs Schauspieler begrüßen jeden Neuankömmling persönlich: manche werden in Gespräche über die Praktikabilität der Bühnenmechanik verwickelt, andere einfach nur umarmt. Einige kennen einander von früher (es ist schließlich Premiere), andere stehen bloß eine Weile still im Rampenlicht. Vor lauter Heimeligkeit vergisst man ganz schnell, dass Regisseurin Yael Ronen für "Community" ja eigentlich ein dystopisches Zukunftsszenario entworfen hat, das als Newsflash über die Fernsehschirme läuft: Wir schreiben 2018, und nach einer erneuten Wirtschaftskrise kann kein Staat mehr irgendwelche Banken retten. Es gibt Massenarbeitslosigkeit, Delogierungen, und eben Theaterschließungen. Höchste Zeit, um ein anderes, gemeinschaftlicheres Leben zu versuchen.

community2 560 lupi spuma uMichael Ronen auf dem Stromerzeugungs-Fahrrad © Lupi Spuma

Zum Glück will Ronen weder radikaldemokratische Theorie wälzen noch die Geschichte kommunalen Lebens aufarbeiten. Sie will ja nicht mal ein Loblied auf irgendwelche Commons anstimmen, oder gar zur um sich greifenden Romantisierung von Communities aller Art beitragen. Stattdessen fragt sie bewährt naiv und brachialhumorig, welche Art von Gemeinschaft am Theater (schlimmer noch: am Stadttheater!) überhaupt möglich sein kann. Ihre Antworten sind spaßig, wenn auch eher ernüchternd:

Die Schauspieler etwa, die ohne Text gar nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen, und bloß Monologe deklamieren anstatt miteinander zu reden. Jeder Streit muss zu Tode geprobt werden, und jede Rolle bis ins Detail ausbuchstabiert. Die Zuschauer, süffisant als "Silberwald" adressiert, sind um nichts besser: die protestieren ja nicht mal, als das Theater geschlossen wird! Überhaupt schlafen sie dauernd ein, und sind auch sonst eher teilnahmslos: "Hin und wieder ein Publikumsgespräch, das ist einfach nicht genug!" Und die Stücke erst! Furchtbar! Birgit Stöger spielt lakonisch alle Vergewaltigungen ihres bildungskanonischen Bühnenlebens nach (es sind erschreckend viele), und Katharina Klar mault, dass Frauen am Theater sowieso "gnadenlos zugequatscht" werden und außerdem "wahnsinnig geduldig" sind, weil sie das ganze Stück lang auf ihre Männer warten müssen und trotzdem nie zu Wort kommen.

Zum Glück nicht zu Ende gedacht

Außerdem geht ja permanent alles schief bei Theaterproduktionen. Als Sebastian Klein an der Rampe pathosbeladen seine "Vision" von Gemeinschaft erklären will (bei Jean-Luc Nancy geklaut, der das Gemeinschaftliche für "unhintergehbar" hält), wird er dauernd von Kollegen unterbrochen, die umständlichst den Scheinwerfer adjustieren und ihn mit Fahrradenergie zum Leuchten bringen wollen ("Theater ist ein visuelles Medium, jetzt wart doch mal kurz aufs Licht!"). Und als die sozialphilosophische Weisheitsverkündung schließlich in voller Fahrt ist, explodiert im Bühnenhintergrund das selbstgebastelte Klo und besudelt den Rest der Truppe mit flüssiger Scheiße.

Klar: Ronens bloß einstündiges Scherzo auf großer Bühne hätte konzeptuell anspruchsvoller sein können, narrativ komplexer, und sprachlich präziser. Doch funktioniert in diesem Fall gerade das miniaturhafte, impulsive, verschmitzte, und vor allem: nicht zu Ende gedachte besser als ein großer Welterklärungsversuch. Denn gegen die staatlich sanktionierte Polizeigewalt (zweitausend Mann samt Tränengas!), mit der schlussendlich das Theater geräumt und seine Community vertrieben wird, hilft auch keine philosophisch fundierte Ernsthaftigkeit. Da schon besser ein flapsiger Witz.

 

Community
von Yael Ronen & Ensemble
Konzept und Regie: Yael Ronen, Bühne: Sylvia Rieger, Kostüme: Sophie du Vinage, Installationen: Osama Zatar, Musik: Yaniv Fridel, Dramaturgie: Veronika Maurer, Michael Ronen.
Mit: Katharina Klar, Sebastian Klein, Kaspar Locher, Michael Ronen, Birgit Stöger, Jan Thümer.
Dauer (ohne Vorspiel): 1 Stunde, keine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau

Yael Ronen habe mit "Community" in Graz seit 2012 einen dritten Erfolg in Serie erzielt, ist sich Norbert Mayer in Die Presse (22.12.2014) sicher. Tiefsinn gebe es in dieser Inszenierung nur in homöopathischen Dosen, Ironie im Übermaß. "Das Intelligente an der Regie sind die überraschenden Wendungen, das Wissen darum, dass dieser charmante Einfall vom Theater im Belagerungszustand nicht überdehnt werden darf." Es sei kaum zu glauben, dass nach nur 70 Minuten (inklusive Vorspiel) Schluss sein soll. "Man meinte doch beinahe, von Beginn an Teil dieser Kommune gewesen zu sein."

Ein doppeltes Plädoyer halte "Community", so Christoph Leibold im Deutschlandradio Kultur Fazit (20.12.2014): "zum einen für den Erhalt des Theaters als Schutzraum für das Denken, der seinerseits geschützt werden muss vor realen Eingriffen, ja Würgegriffen, die ihm Luft und Leben nehmen; zum anderen für eine Offenheit des Theaters dieser Realität gegenüber, die es einlassen muss in sein Denken, weil ein Theater, das sich im Elfenbeinturm verschanzt, nichts wert ist". Es habe allerdings "etwas von Koketterie", wie Yael Ronen und das Grazer Ensemble an diesem "zwar sympathischen, aber arg leichtgewichtig geratenen Theaterabend" ihr eigenes Metier hinterfragen. Denn es überwiege der spielerische Unernst.

"Regisseurin Yael Ronen gelingt ein dritter großer Wurf in Graz", so die Unterzeile von Colette M. Schmidts Kritik im Standard (23.12.2014). Wieder schaffe es Ronen, von stillen berührenden Momenten in komische zu wechseln. Man versucht das Publikum zu Verbündeten zu machen. "Mit einem ihrer eleganten Kniffe vergleicht Yael Ronen das Problem der Bürger, selbst basisdemokratisch Verantwortung zu übernehmen, mit Schauspielern, die ohne Regie dastehen."