Die Gewissheiten von gestern

von Christian Muggenthaler

Coburg, 20. Dezember 2014. Erich Kästners Roman "Der Gang vor die Hunde", im Jahr 1931 in leicht entschärfter Form unter dem Titel "Fabian" erschienen, ist das Portrait eines Intellektuellen im Berlin zur Zeit der sich dem Ende zuneigenden Weimarer Republik. Ein Ende, das sich zwar erst in der historischen Rückschau tatsächlich verifizieren lässt, in dem Buch aber Kapitel für Kapitel eigentümlich prophetisch durchscheint: Kästner gestattet den Blick auf eine ruinierte Gesellschaft, in der der Mensch auf seinen ökonomischen Wert reduziert, Liebe hübsch handlich in käufliche Quäntchen Libido verpackt und intellektueller Überbau auf seine sofortige Verwendbarkeit in Medien und Warenwelt oder zu ideologischem Zunder zurückgestutzt wird.

Die unzähligen Formen der Käuflichkeit

Jede Nischenexistenz wird da sofort prekär, jede humanistische Haltung brüchig. Jakob Fabian, der auffallend autobiografisch angelegte Titelheld des Romans, studierter Germanist, dann "Propagandist", also Werbefachmann, schlussendlich arbeitslos wie so viele in jener Zeit, versucht, sich der allgemeinen Käuflichkeit zu entziehen ("Ich habe kein pekuniäres Organ"). Mit einer ganzen Aramada von Nebenfiguren spielt Kästner derlei Käuflichkeitsformen durch: von den diversen Spielarten der Prostitution bis zum über Leichen gehenden Karrierismus im universitären Wissenschaftsbetrieb, dem Fabians bester Freund Stephan Labude zum Opfer fällt. Und auch Fabian geht zuletzt im wahrsten Wortsinn: unter.

Ein Roman womöglich nicht nur als Parabel für seine Zeit: Am Landestheater Coburg haben Autor Georg Mellert und Regisseur Torsten Schilling jetzt versucht, die Gegenwartstauglichkeit dieses Stoffs auszuprobieren. Denn die Ökonomisierung des Individuums ist augenscheinlich spätestens seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und den beständigen marktliberalisierenden Tendenzen der Gegenwart erneut fiese Realität.

fabian1 x xZwischen vielen Stühlen: "Fabian" in Coburg © Landestheater Coburg

Die prunkbunt fetten Bilder der einstigen 20er Jahre sind zunächst ja ganz keck: Munter kommt Frau Sommer (Eva-Marianne Berger), die Chefin eines Swingerclubs, in der plakativen Kostümausstattung durch Gabriele Wasmuth als Wiedergängerin von Otto Dix' "Bildnis der Tänzerin Anita Berber" daher. Schon schön. Ebenso wie die Stummfilm-Schminke der Protagonisten. Aber derlei dekorative Elemente bleiben erstrangig: dekorativ.

Kuddelmuddeliger Überfluss

Denn eine wirklich überzeugende theatrale Antwort auf die Aufgabe Romanumsetzung unterbleibt großflächig. Bieder wird hechelnd rätselhaft zusammengekürzte Szene an Szene gepappt, statt dass ein paar wesentliche wirklich ausgespielt und durchinszeniert würden. Ein kuddelmuddliger Überfluss, der sich im Bühnenbild fortsetzt: Wasmuth hat einen Raum gebaut mit vielen horizontalen und vertikalen Ebenen von Stühlen (weil Herr Fabian ja zwischen allen sitzt und alles in seinem Leben verrückbar und wohl auch verrückt ist) und vielen herumfliegenden Zeitungen (weil die Gewissheit von gestern ratfatz der Müll von heute ist), aber auch diese metaphorische Tändelei reiht sich ein in eine Abundanz von Zeichen in einer Inszenierung, die, wenn's wirklich drauf ankommt, ratlos bleibt.

So ist Ingo Paulicks Fabian schon zu Beginn jeder Szene fertig und entwickelt sich nicht, spielt auf Außenwirkung. Es gibt da keine Nachspürbarkeit des Werdens, eher eine ölige, fast schon eitle Selbstgefälligkeit der Figur, die der in ihrer Gebrochenheit überhaupt nicht gerecht wird. Paulick ist beständig auf der Bühne, aber dennoch kein charismatisches Zentrum des Geschehens, auch, weil kaum auf ihn zugespielt werden kann: Eva-Marianne Berger, Stephan Mertl, Niklaus Scheibli und Katja Teichmann sind in der Fülle der Szenen viel zu sehr damit beschäftigt, ihre vielfältigen Rollen auszufüllen.

Hinter den Roaring Twenties verschwinden

Die Ratlosigkeit sticht jedoch hervor in der zentrale Szene der Vorlage, Jakob Fabians Alptraum nämlich, in dem sämtliche Elemente des Romans absurd gewendet wiederkehren; eine Steilvorlage eigentlich, die in Coburg deshalb erstaunlich blass bleibt, weil spätestens hier all die vorhin benutzten Bilder voller Absurdität schon verbraucht sind. Und da spätestens rächt sich, dass Schilling statt auf die heute noch gültigen gesellschaftskritischen Aspekte des Textes von vornherein konsequent auf die expressionistische Umsetzung im Stil der Roaring Twenties gesetzt hat: Es bleibt keine Fallhöhe mehr zur jetzt eigentlich nötigen Phantasmagorie. Der panikartige Analyseverlust im Traum findet auf der Bühne nicht statt, weil es diese Analyse dort in Wirklichkeit nie gegeben hat.

So weitet sich da vielleicht ein Blick in die Vergangenheit, aber es weitet sich kein Jetztzeitblick auf die Romanvorlage; die wird an eine – durchaus pittoreske – bildlich-museale Eindimensionalität verschenkt, hinter deren braver Abspulung die vielen räsonnierenden Aspekte des Romans und vor allem dessen sagenhaft lakonische Poesie schwuppdiwupp verschwinden.

 

Fabian
von Erich Kästner, Dramatisierung von Georg Mellert
Regie: Torsten Schilling, Ausstattung: Gabriele Wasmuth.
Mit: Ingo Paulick, Frederik Leberle, Anne Rieckhof, Eva-Marianne Berger, Stephan Mertl, Niklaus Scheibli, Katja Teichmann.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.landestheater-coburg.de



Kritikenrundschau

"Laut. Schrill. Exzessiv." So empfindet Christine Wagner von der Coburger Neuen Presse (22.12.2014) diesen Abend und fühlt sich "ein wenig erschöpft und ermattet angesichts der zahllosen visuellen und akustischen Eindrücke. Und auch ein wenig gelangweilt." Schillings "skurrile Revue" wirke oberflächlich und plakativ. Vielleicht, so die Kritikerin "sollte nicht jeder literarische Text bebildert werden. So manche Szene spielt sich eben besser in unserem Kopfkino ab als auf der Bühne."

"Ein toller, bildreich origineller Abend", der sich visuell an Gemälden von Otto Dix orientiere, sei in Coburg zu erleben, sagt Barbara Bogen im Rundfunk auf Bayern 2 (22.12.2014, hier im Podcast). Aus dem virtuosen Ensemble hebt die Kritikerin den "bemerkenswert souveränen, jovialen jungen Schauspieler Ingo Paulick" in der Rolle des Fabian hervor. Fabians Gespräche mit seinem Freund Labude, "ihre gesellschaftlich utopische Qualität, die Überlegungen zum Kulturstaat, die Forderung nach einer radikal bürgerlichen Initiative bei zeitgleicher Eindämmung der Technik gehören mit zum Verblüffendsten dieses gelungenen Abends." Einziger kleinerer Einwand: Im zweiten Teil verliere sich die Regie "zu sehr in Klischees".

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