Essenpoetik

von Kathrin Röggla

5. Januar 2015. Als poetologisches Tagebuch hat die Schriftstellerin Kathrin Röggla die erste ihrer drei Vorlesungen als Poet in Residence an der Universität Duisburg-Essen im Dezember 2014 angelegt. Darin beschreibt sie ihren Arbeitsalltag, ihre literarische Praxis, ihre ästhetischen Positionen und ihren an Foucault geschulten Kritikbegriff. Der Gesamttext der Vorlesungen ist auf der Poet-Seite der Universität Duisburg-Essen nachzulesen. nachtkritik.de veröffentlicht hier die erste und die dritte Vorlesung in Auszügen.

 

Erste Vorlesung: Literatur und Politik – Betrieb und System

Gebrauchsanweisung: Diese heutige Vorlesung funktioniert wie ein Kaleidoskop, das man langsam dreht. Es mischen sich nicht nur die Blickwinkel, sondern auch die "Steinchen" in der Röhre: Tagebuchaufzeichnungen, stehen neben Theoriezitaten, stehen neben Film- und Audiomaterial. Es ist eine Art Collage, die viel mehr über mein Arbeiten erzählen kann, als es ein gebundener Vortrag vermöchte.

5.10.

Der Alltag eines Schriftstellers/einer Schriftstellerin besteht aus tausend kleinen Anpassungen an Diskurs und literarische Programme. Auftragserledigungen, Jurysitzungen, Radioaufnahmen, Studiobesuche, Workshops in Kleinstädten, Poetikdozenturen, Hörspielmanuskriptabgaben, Leseproben im Theater, Lektoratstreffen, Schreibaufträgen für eine Tageszeitung, Podiumsdiskussionen, Kurzstatements, Transferaufgaben, Lesereisen, Moderationen, unterwegs sein in aktuellen Themenfeldern: NSA, Frontex, Ökonomie/Finanzkrise, Biopolitik, IS, usw. und so fort.

kathrin roeggla2 280 uni essenKathrin Röggla bei ihrer Vorlesung in Essen
© Universität Duisburg-Essen
Mein Oktoberprogramm ist insofern typisch: Eine Lesung in Tirol aus meinem gegenwärtigen Buchprojekt, um die Texte öffentlich zu testen. Einen Workshop zu Facebook mit Schülern in der Akademie der Künste, eine Lesung in dem Berliner Club "ExnPop" zum Thema Arbeit, einen Auftritt zu Foucaults und Derridas Todestag samt Podiumsgespräch, ein Galerie-Opening in der Berliner Auguststraße zur Buchpräsentation der Anthologie "Bibliothek der ungeschriebenen Bücher", und ein Theaterdiskussionsabend zu Ödon von Horvath in der Berliner Schaubühne, zu dem ich eingeladen wurde, vermutlich, weil ich Österreicherin bin, den ich aber absagte. Foucault und Derrida in einer Woche reichen. Danach fahre ich nach Mailand zu einer szenischen Lesung von "wir schlafen nicht" samt Podiumsgespräch mit einer Wirtschaftswissenschaftlerin und einer politischen Journalistin vom Corriere della Sera, danach nach Wien, um das erste Deserteursdenkmal Österreichs zu eröffnen, das der Konzeptkünstler Olaf Nicolai gestaltet hat. Daneben werde ich mit dem Leiter des International Institute of Political Murder, Milo Rau, skypen, der mich im Sinn hat als Gerichtsschreiberin für sein nächstjähriges Reenactmentprojekt zum Kongo-Tribunal, während im Nebenzimmer mein Mann ein kleines Theater-Festival zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls vorbereitet. Wenn ich noch daneben sechs kleine Aufnahmen für das Deutschlandradio hinbekomme, bin ich glücklich. Der reinste Irrsinn? Der reinste Irrsinn, bzw. eine Variante von entweder: "im Geschäft bleiben" oder "im Diskurs bleiben", "im Gespräch bleiben", sich unterhalten – Geld verdienen. (natürlich!) Die Rolle des Schriftstellers bzw. der Schriftstellerin hat sich enorm gewandelt in den letzten 20 Jahren, sie hat sich angeglichen den zahlreichen Formen des eifrigen Dabeiseins, wie sie Rainald Goetz beschrieben und betrieben hat – was die Frage nach gesellschaftlicher Kritik neu definiert bzw. die Unmöglichkeit des "klassischen" Konzepts kritischer Distanz deutlich macht. Mit Rainald Goetz, zumindest dem Rainald Goetz der Neunziger und frühen Nuller Jahre, glaube ich allerdings, dass es eine Option sein kann, eine Art hysterischer Affirmation als Teilstrategie kritischer Arbeit zu betreiben. Literatur entsteht allerdings nie aus nur einer Strategie, sondern aus zahlreichen, sich widersprechenden, widerstrebenden. In ihren Spannungszuständen liegt enormes ästhetisches Potential.

10.7.

Petra Gropp, meine Lektorin, kommt heute zu Besuch. Sie berichtet aus dem Literaturbetrieb, von den Plänen des Fischer Verlags, und kommt dann irgendwann auf ihre typisch nüchterne Art zum Statement: Menschen wie ich würden nur noch singuläre Ereignisse schaffen, den Diskurs nicht bestimmen können. Ich müsste mal eine Kampagne starten, ein Forum, irgendwas. Ich schlage die Hände übern Kopf zusammen: Wirkung ist alles! Und doch, sie hat vermutlich recht. Sie spricht schon weiter: Zu viele junge Debütanten bekämen Aufmerksamkeit, und dann verpufft alles. Keine intellektuellen Standpunkte mehr. Jeder hat Angst vor einer Konfliktsituation. Zurückweichende Meinungen. Auf Podien. Ich als Österreicherin bin natürlich andauernd ängstlich anzuecken. Zu diplomatisch.

Sie schlägt vor, ich solle eine Neue Rundschau machen. "Bitte, es steht Dir frei!" Mir schaudert vor der Zusatzarbeit, aber mal sehen. Ja, vielleicht doch. Warum nicht. Nächstes Jahr? – Nächstes Jahr. Vielleicht ist das eine gute Möglichkeit.

Silvia Bovenschen schlägt in unserem kurzen Telefonat am Nachmittag kollektives Schreiben vor, das wäre eine Form, die sich etablieren könnte. Ich wehre ab, glaube in Hinblick auf literarische Ästhetik nicht daran, habe es oft genug versucht.

5.10.

Moment in der Jurysitzung. Wo bleiben die Frauen? Wo sind all die Schriftstellerinnen, die man für ein Lebenswerk auszeichnen kann jenseits der üblichen Verdächtigen, schon überaus Bepreisten? Sie verschwinden, sind verschwunden, stellen wir fest, als wir die Namen derer durchgehen, die vor fünfzehn-zwanzig Jahren einen Förderpreis bekommen haben. Wohin verschwinden sie? Viele Namen fallen und ich finde mich wieder, wie ich einige zurückweise. Die nicht. Das sei mehr essayistisch, was sie mache. Die nicht, ist mir ästhetisch zu eindimensional. Ihre Themen zu unpolitisch. Inwieweit agiere ich genauso patriarchal, chauvinistisch, frauenfeindlich? In der konkreten Entscheidungssituation offenbart sich das, was gerne "gläserne Decke" genannt wird. Sie hat sich auch in mir eingenistet. Wie sie wieder loswerden? Die Quotenfrage bezogen auf das künstlerische Feld wird derzeit quer durch die Medien befragt. Und was sich abstrakt als Forderung nur richtig liest, wird in der konkreten Umsetzung plötzlich heikel.

9.10.

Etwas hat System, schreibt die Herausgeberin von Missy, Stefanie Lohaus, im Frauennetzwerksmailverkehr. Das System der SPD, Frauen nicht zu Wort kommen zu lassen. Nennen wir es Buddy-System, Männerkumpanei. Einladungspolitik. Reservedruck. Wie ich gleichzeitig genervt und doch angenehm erstaunt bin über den Satz: Etwas hat System. Damit lässt es sich politisch dingfest machen. Nur wie weiter? Das Frauennetzwerk geht publizistisch, Themen setzend, initiativ dagegen vor. Aber was bleibt im Gegenlobbykampf: Er sieht so verdammt ähnlich aus wie das, wogegen er sich richtet. Problem des Feminismus seit gefühlten 200 Jahren.

12.4.

Groteskes Castinggespräch mit dem Regisseur Christopher Rüping für das Zürcher Schauspielhaus im März. Kurz und knackig. "Wir würden gerne was Zeitgenössisches machen", legte er gleich los, "gemeinsam mit den Schauspielern was erarbeiten, du würdest natürlich schreiben, aber es gibt dann immer die Feedbackschleifen von den Schauspielern." Das Thema Alzheimer schlägt er vor, Demenz, Sprachverlust. Wann es begänne? In vier Monaten. – Ich kann nicht nach Zürich ziehen. – Ach so, dann klappt das wohl nicht mit uns.

Kurz und knackig. Während man im Theater dem Regieteam immer mehr das Gefühl geben muss, sie wären die eigentlichen Autoren, man selbst stellt nur eine Dienstleistungsfunktion zur Verfügung, suchte ich meine Satzstrukturen zusammen. Ich dachte mir: Gottseidank war dies mein erstes Gespräch dieser Art, aber ich ahne, da kommt noch mehr. Der Theaterbetrieb wird umgebaut. Die klassische literarische Autorschaft verschwindet oder wird verheizt in kleinen Stückchen. Wenige Namen, die oft selbst Regie führen, bleiben.

Der Autor ist der Dienstleister, der eher wie ein Dramaturg zuarbeitet, was die Schauspieler, was der Regisseur sich so überlegt, er ist den Kontrollinstanzen unterworfen, der Text muss sich andauernd den Bedürfnissen des Teams anpassen, er wird kontrolliert, eingepasst.

12.9.

Midlife Crisis. Aufenthalt in Rom: Junge Kolleginnen, die nicht akzeptieren wollen, dass man 43 ist: "Und wo hast Du studiert?" als hätte ich gerade debütiert. Danach von ihrer Seite die Aufzählung, welche Stipendien, Hausautorenschaften man selbst schon bewältigt hat. Sie checken sich ab nach der Geschäftstüchtigkeit, dem Angekommensein im System. Es ist so merkwürdig geworden, wie heute Dramatiker- und Dramatikerinnenbiographien ablaufen: UDK, DLL, Angewandte in Wien, Hildesheim, Biel, Graz – da lernt man zu schreiben, und was noch wichtiger ist: Man vernetzt sich. Networking scheint auch auf dem ästhetischen Feld sämtliche Regulationsfunktionen zu übernehmen. Man wird an die Häuser rangeführt, bekommt eine Portion Pragmatismus verabreicht. Dann gibt es die Autorentheatertage in Wien, in Berlin, nochmal Berlin. Man wird Hausautor da und dort, man geht nach Stuttgart auf Solitude zum Stipendiumsantritt und macht zusammen mit bildenden Künstlern ein Projekt. Man macht überhaupt Projekte mit diesem und jenem Haus. Man macht auch Regien. Führt seine Sachen selbst auf. Kommt ins Regiemachen rein, findet Texte nicht mehr so wichtig, wie es am späteren Abend eine Kollegin ausdrückte, und landet dann als Regisseur im Stadttheater, um Projekte zu machen, die mit Jugendlichen, Alten, Stadtteilmannschaften entstehen. Man holt die Stadt ins Theater, nachdem sich die Städte mehr und mehr vom Theater verabschieden.

Oder: Man macht nur noch seine Texte weiter und schreibt 3-4 Stücke im Jahr, um sichtbar zu bleiben. Sagt: Ich mache immer das Gleiche, weil mich stets neu zu erfinden, ist neoliberale Ideologie. (So in etwa René Pollesch in einem der zahlreichen Interviews, die man online finden kann.) Dass es ebenso neoliberale Ideologie ist, das stets Gleiche als quasi neue Inszenierung zu verkaufen, bliebe doch zu überlegen. Vieles erscheint als perfekte Selbstrechtfertigung. Das Unangenehmste bleibt aber das konkurrenzige Sich-Abchecken und staten: Hallo, ich bin auch mit dabei. Bestürzend auch die Begegnung mit Schriftstellern ab 50: Sie haben alle 3-4 Stücke in der Schublade liegen, die keiner mehr will. Was ist mein Ablaufdatum?

{denvideo https://www.youtube.com/watch?v=zCkVF3X2zS4}
Dieses Pollesch-Video wurde an dieser Stelle in der Poetikvorlesung in Essen gezeigt.

 

Meine Biographie ist eine andere als die der beiden Jüngeren in Rom, aber ich bin genau im selben historischen Rahmen gelandet. Ich bin jetzt die auf der anderen Seite, die, die jetzt in den Jurys sitzt, die unterrichtet, die Workshops gibt. Ich bin die, die in der Akademie der Künste zugange ist und auf vielen Podien vertreten. Auch nicht viel besser.

Ich höre mich klagen: Die jungen Autoren kümmern sich nicht mehr darum, wer oder was vor ihnen war. Sie lesen nichts mehr. Sie wollen nur selbst schreiben. Sie wollen nur gehört werden, aber nicht hören. Sie wollen Erfolg haben. – "Wie denn? Willst Du keinen Erfolg haben?", kann man mich sofort fragen. "Naja, schon, aber ich möchte nicht nur gefallen in dem, was ich mache." – "Im Gegenteil", kommt gleich der lautstarke Protest der "Jungen": Dass alles viel zu glatt durchgeht, beschäftigt sie. Zu ungenau hat man sie in Biel beurteilt bei der Aufnahmeprüfung, sagt Katja Brunner. Und Anne Habermehl bekräftigt: Man kann doch nein sagen zum System. Es wirkt ein klein wenig abgehoben. Dass Utopie eine Schönheit in sich trägt, sagt sie aber zwei Minuten später in Bezug auf Ebner-Eschenbach, die sie gerade fürs Wiener Schauspielhaus bearbeitet. Es klingt hart am Kitsch vorbei. Aber, so als wüsste sie das, fügt sie gleich dazu: vielleicht wolle sie sich den Marie-Ebner-Eschenbachauftrag auch nur schön reden, und lacht. Man muss sich von mir erholen, ist mein Eindruck, als ich gehe.

13.9.

Auf eben jenem Short Theatre Festival in Rom sagte die rumänische Dramatiker-Kollegin Alina Nelega, als Autor braucht man nur eine Meinung haben, sprachliches Talent und etwas zu sagen. Die breite Zustimmung im Saal machte mich nachdenklich. Nein, eine Meinung hilft nicht weiter. Interessant sind doch die Verhältnisse jenseits der Meinung. Meinungen sind simpel, sie sind oft antiaufklärerisch. Einen komplexen Sachverhalt kann man nicht in eine Meinung fassen, auch wenn man durchaus eine Haltung zu einem Problem entwickelt. Alleine die Recherche zu den neuen Bürgerinitiativen im Rhein-Main-Gebiet für mein Stück "Lärmkrieg" hat mir gezeigt, dass das komplexe Netz aus Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten, aus den unterschiedlichsten Asymmetrien nicht einfach zu entwirren ist. Dass im Rahmen einer postdemokratischen Situation moralische Positionen dabei mehr denn je als Waffen in diesem Lärmkrieg fungieren. Die Guten waren die medial Sichtbaren, aber juristisch Unterlegenen. Die lobbymäßig Ausgebremsten. Gut zu sein und sich im Recht zu fühlen hilft nicht. Ja, oft nicht einmal, Recht zu bekommen.

Eine Seite der ganzen Konfrontation war eine Art Sichtbarkeitskrieg, der besonders für die Bühne relevant ist: Sichtbar kann schnell das Engagement der Bürgerinitiativen werden. Unsichtbar das der Kommunen. Sichtbar der Schaden der Bevölkerung, unsichtbar deren Gleichgültigkeit gegenüber ähnlichen Schäden, die sie selbst verursachen. Das St.Florians-Prinzip ist unsichtbar. Es sichtbar zu machen, arbeitet aber schon wieder den Konzernen zu.

16.9.

Telefongespräch mit Taz-Redakteur: "Wir als kleine linke Zeitung können nichts zahlen für die Veranstaltung in Leipzig über Google, Amazon und Facebook. Ich weiß, ich weiß, Sie kommen dann nicht, aber sehen Sie, jetzt werden wieder nur die Politiker kommen, die das ja machen müssen für lau."

23.8.

Ulrich Peltzer im Überflüssigrausch. Was alles überflüssig ist an Literatur. Falsche Aktualität oder sentimentaler Autobiographismus. Geschwafel in den Zeitungen. Wir beugen uns über die Wochenendausgaben. Unser nachlässiges Ritual. Unser gemeinsamer Freund Lothar schon ernsthafter: Ob uns schon aufgefallen sei, dass im politischen Teil immer mehr das Wort "soll" vorkommt, Nachrichten nehmen die Form von Gerüchten an in diesen Zeiten. Putin soll dieses oder jenes gemacht haben, der IS soll sonstwo stehen, die Bundesregierung überlegt etwas, Gerüchte gehen um, dass ein neues Gesetz entsteht. Weiß jemand, woran das liegt? Hallo?

beteiligten 560 anna stoecher uNachrichten nehmen die Form von Gerüchten an: Szene aus Kathrin Rögglas "die beteiligten"
Burgtheater Wien 2010 © Anna Stöcher

9.10.

Warten, bis ein Rechercheanfall wieder möglich ist. Ich mich an Menschen wenden kann, die mich im Grunde einschüchtern, oder deren Getriebenheit genügend gesellschaftliche Unheimlichkeit in sich trägt. Warten, bis ich mich wieder der Verpflichtung auszusetzen bereit bin, der man automatisch unterliegt, wenn man jemanden interviewt (ich gehe sozusagen verantwortungsvoll mit dem Material um, was natürlich an gewissen Punkten nicht stimmen kann), und es mir gleichzeitig möglich ist, diese Verpflichtung abzuarbeiten, sie wieder los zu werden, wenn sie einem im Weg steht. Warum bin ich der Hartz-4-Spur nicht nachgegangen und habe noch nicht den ehemaligen Angestellten der Agentur für Arbeit interviewt, der jetzt auf ehrenamtlicher Basis Menschen mit Hartz-4-Problemen berät? Was mache ich nun mit der Recherchelücke aufgrund des plötzlichen Todes eines Risikomanagers, der mir keine Auskunft über den Berliner Flughafen mehr geben kann? Werde ich nochmal zu jenem Rechtsanwalt zurückkehren, der mir so viel über den Frankfurter Flughafen erzählen konnte? Oder soll ich den Faden zu jener Juristin aufnehmen, die Krankenhäuser juristisch vertritt? Meine Situation ist derzeit offen, ich blicke zurück auf ein breites Feld der Themen, die so etwas wie ein Bild von dem ergeben, was man Gesellschaft nennen könnte, wollte man das noch. Wer will noch? Der juristische Diskurs ist dabei in den Vordergrund gerückt. Er ist der literarisch am schwersten zu packende. Trocken und komplex, in seiner eigenen Sprache verharrend, schließt er erstmal das aus, was man landläufig einen unterhaltsamen Theaterabend nennen würde. Die Anschaulichkeit herzustellen ohne didaktischen Übereifer, das nervige Zeigefingersyndrom, ist dort genau das Kernproblem. Was machen, wenn selbst Juristen sich erstmal ein Jahr in die Materie einarbeiten müssen, um ihren Konflikt juristisch zu verstehen?

Und während ich warte, dass ein Rechercheanfall wieder möglich ist, versuche ich mich zu orientieren, d.h. mir ein gewisses Orientierungswissen zu verschaffen, d.h. meine theoretischen Voraussetzungen zu klären. (Glossar der Gegenwart... Foucault)

(Ja, jetzt Foucault! Jetzt der Wahrheitsdiskurs- und Machtfoucault, der "Wille zum Wissen"-Foucault, der Sprechzwangfoucault, der, der sagt, dass Macht keine Essenz ist, die man besitzen kann und austeilen, sondern etwas Relationelles, zwischen den Menschen Stattfindendes. Der Foucault, der sich Gedanken zur Regierung macht. Der Regierungstechnologien seit dem 18. Jahrhundert schärfer unter die Lupe nimmt, und die Idee der gouvernementalen Regierungsform entwickelt Ende der 70er, ja, Ende der 70er, was im deutschsprachigen Raum erst so richtig in den 90ern aufgegriffen wurde von der Soziologie, ja, der Soziologie und nicht der Philosophie oder Geschichtswissenschaft – Krasmann/Lemke/Bröckling z.B. – mit ihren deutschen Gouvernementalitätsstudien, die versuchen das neoliberale Regime anders zu erklären denn als reine Ideologiekritik, als Verschwörungsnummer von ein paar Thinktanks, wie die kanadische Journalistin und Globalisierungskritikerin Naomi Klein in der "Schockstrategie" das beispielsweise gemacht hat. Und zwar als ein Ineinandergreifen von Praktiken, Technologien, Rationalitäten – d.h. wie Foucault im Glossar der Gegenwart zitiert wird: "die Gesamtheit von Prozeduren, Techniken, Methoden, welche die Lenkung der Menschen untereinander gewährleisten" (S. 10), d.h. Regierung verstanden als ein hegemoniales System von Herrschaft, das sich in die feinsten Verästelungen unserer Subjektbildung hineingesetzt hat, und deswegen gerade für Schriftstellerinnen sehr interessant ist, da es diese Brücke zwischen Vergesellschaftung und Individuierung baut.

"Das unternehmerische Selbst" – so ein Buchtitel von Ulrich Bröckling – z.B. gibt Einblick in diesen Subjektivierungsprozess, den wir heute auch mit der Bezeichnung "Ich-AG" und Selbstmanagement verbinden. Also: Warum wir uns schuldig fühlen, wenn wir krank werden und warum wir den Zigarettenkonsum an fast allen öffentliche Orten verboten haben, gehört zusammen. Oder: Warum die Regierung so angestrengt über Geburtenraten nachdenkt und der Zwang über Sex zu sprechen ungebrochen anhält, gehört in den von Foucault beschriebenen biopolitischen Rahmen. Es handelt sich um eine Form der Herrschaft, die sich eben nicht um Territorien kümmert, sondern um die Beziehungen zwischen Menschen, die Bevölkerung, deren Konsum, Produktion und Reproduktion. Mal grob umrissen. Mal grob umrissen brauche ich das.)

dunkelziffer 560 bjoern hickmannBiopolitik am eisigen Felsmassiv: Kathrin Rögglas "Draußen tobt die Dunkelziffer"
Staatstheater Saarbrücken 2007 © Björn Hickmann

Warum? Ich möchte begreifen, was da draußen vor sich geht. Was diese Gesellschaft ausmacht, was uns als heutige Subjekte formiert, wie unsere Wissensmöglichkeiten definiert sind. Das kann ich nur, wenn ich einen begrifflichen Rahmen habe. Wenn ich eine theoretische Idee davon habe, wie diese Gesellschaft funktioniert. Wie die Machtbeziehungen aussehen, die letztlich alles in ihr regulieren. Die Machtbeziehungen, die durch die Körper durchgehen und nicht mehr vor ihnen halt machen. Aber das zu begreifen alleine ist es ja nicht. Es geht um jenes Bedürfnis, das Heiner Müller einmal so formuliert hat, Subjekt der Geschichte werden zu wollen, gerade, weil man Objekt der Geschichte geworden ist. Und wie kann ich das?

Es geht also um den Kritikbegriff.

Was ist Kritik, fragt Foucault: Ist es nicht jene Bewegung, "in welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin"? (Was ist Kritik?, S. 15)

Was ist Kritik, fragt Foucault: Nicht dermaßen und um diesen Preis regiert zu werden? Was ist ästhetische Kritik, frage ich mich. Sich ins Verhältnis zu setzen? Formal, inhaltlich? Geht das widerspruchsfrei? (Widerspruch – jene alte linke Vokabel, ganz schön ausgeleiert, aber noch brauchbar! Sieht nicht mehr nach Hegel aus, da können Sie noch so putzen, wie Sie wollen.)

Und dann: Über Foucaults Bücher wurde gerne gesagt, darin zeige sich ein Denken, das sich selbst widerspricht, er schreibe gegen sich selbst an. Das kommt mir vertraut vor. Es gehört zu meiner Grundausstattung. Schwer zu beschreiben, hat etwas mit einem, wie es gerne heißt, gesunden Selbstmisstrauen zu tun, wobei ich vor dem Begriff des Gesunden sofort halt mache, weil er so ideologisch ist. Es hat etwas mit offen bleibenden Fragen, mit Neugier, mit Unverständnis, das geblieben ist, mit Ärger, der geblieben ist, zu tun. Mit unprotestantischer Selbstinfragestellung, weil sie eben mehr der Neugier verbunden ist als mit der Selbstgeißelung.

14.11.

Gestern der Derrida-Foucault-Gedenkabend im LCB. Was sich erst einmal wie ein Witz anhörte, man wolle anlässlich der Todestage der beiden Poststrukturalisten – Foucault 30 Jahre tot, Derrida 10 Jahre tot – gedenken und zwei Dokumentationen zeigen, zwischen denen ich mit einem Philosophieprofessur – Herr Georg Bertram – diskutieren sollte. Beim Betreten des Veranstaltungssaales basses Erstaunen: Saßen da wirklich 100 Leute, die zu der 4-stündigen Veranstaltung weit außerhalb von Berlin am Wannsee gekommen waren? "Namen wie ein Donnerhall", so kündigte Florian Höllerer, der Leiter des LCB, die Veranstaltung an, und mich überkam eine kleine Panikattacke. War das nicht doch eine kleine Prüfung, der ich unterzogen würde? Ausgerechnet bei einem Theoretiker wie Foucault, der das Bedürfnis zu richten erschrocken zurückwies. Eine Vorstellung drängte sich auf: Wütende Kommentare aus dem Publikum, ich hätte die beiden Theoretiker nicht richtig gelesen, nicht richtig verstanden. Ein Gespenst aus Unizeiten, das mich gleichzeitig zum Lachen bringt. Wir manövrieren uns ganz gut durch den Abend, der manches hervorbringt, was ich nicht am Schirm hatte. Z.B. die philosophische und vor allem von den französischen Universitäten ausgehende Nichtakzeptanz der beiden Theoretiker. Ich habe sie in meinem Studium immer nur als absolute Mode erlebt, war genau in jenem Zeit-Frame an der Uni, als sie beide gelehrt wurden und Pflichtübung waren.

Bertram erwähnte Derridas Beziehung zu Levinas und dessen Beharren und Priorisieren des Zwischenmenschlichen, die Bestimmung des Menschen von Anfang an durch seine Beziehung. Und ich: Gibt es nicht am Theater die einen Autoren, die sich mehr mit den Figuren, und dann die anderen, die sich mehr mit dem, was zwischen den Figuren stattfindet, auseinandersetzen? Zu letzteren zähle ich mich. Also mehr Zwischenmenschen als Menschen. Gerade in Derridas Konzept der Iterabilität, der verschiebenden, verändernden Wiederholung, des subversiven Unterlaufens, steckt die Möglichkeit, Bühnenfiguren als Zwischenmenschen auftauchen zu lassen. Das funktioniert über Sprache, ganz klar. Über das Sprechen, das sein Verhältnis zur Sprache und zum Diskurs hat, das Band, das die Figuren zusammenhält und den Herrschaftsraum, wie Judith Butler hinzufügen würde, stets neu konstituiert.
Der Redezwang meiner Figuren, der Zwang zur permanenten Selbstdarstellung, zum Selbstentwurf, wirkt sozial gesteuert und sozial hervorgebracht. Er ist absolut unindividuell.

{denvideo https://www.youtube.com/watch?v=YPN8gHhqh9w}
Dieses Pollesch-Video wurde an dieser Stelle in der Poetikvorlesung in Essen gezeigt.

14.11.

Noch einmal Foucault: In dem Portraitfilm über ihn, "Foucault gegen Foucault", ist kurz ein gedrucktes Statement zu sehen in Zusammenhang mit seinem Protest gegen die Verhältnisse in den französischen Gefängnissen Ende der 60er, in dem er über sein Vorgehen schreibt. Er sammle Dokumente und "sehe lediglich das Unerträgliche".

Banal, könnte man sagen. Jemand, der Dokumente sammelt und das Unerträgliche sieht. Sowas kommt vor. Die Frage ist nur, warum sehen nicht alle anderen auch das Unerträgliche? Wieviel Mut braucht man, um das Unerträgliche zu sehen und darauf zu reagieren. Das wäre ja noch der nächste Schritt. Und: Ist Mut eine literarische Kategorie? Ich denke ja, nur sehr, sehr schwer zu fassen.

Beispielsweise werde ich gegenwärtig von Sherko Fatah beschäftigt, den ich neu lese und weiterlese. Seine Bücher "Der letzte Ort" oder "Das dunkle Schiff" beschäftigen sich mit der Gewaltherrschaft zwischen Irak und Deutschland, der politischen Organisation von Gewalt, der daraus resultierenden Grausamkeiten, mit den Verhältnissen zwischen der kurdischen Provinz und dem globalen Interesse, der Situation eines Deutschen im Irak. Nichts von dem, was er schreibt, ist spekulativ. Man merkt ihm an, dass er sich seinen Themen aussetzt, dass er ganz nahe an den Menschen und ihren Erfahrungen dran ist, ins Detail gehen kann, und gleichzeitig prägnante, hoch aufgeladene Bilder dafür findet, und das in einer sprachlichen Knappheit, die etwas Berückendes hat. Ein mutiger Autor, denke ich mir jedes Mal, das ist es. Mut, sich diesen Fragen zu stellen. Ja, Mut ist es, was mich mehr und mehr beeindruckt. Man kann es nicht an Brisanzförmigkeit oder an Aktualitätsfragen festmachen.

Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob Milo Rau mit seinem Institute for Political Murder – mit seinen Beschäftigungen des Genozids in Ruanda, den Moskauer Prozessen, demnächst Kongo – so mutig ist, oder ob ihn die Kategorie des Muts überhaupt interessiert. Jemand, der von einer historischen Situation in die nächste springt und die Genauigkeit von anderen Menschen organisiert. Trotzdem würde ich seine Arbeit deswegen erstmal nicht schmälern wollen. Ich frage mich nur, wie man das aushält, sich mit einem Genozid zu beschäftigen und dann mit noch einem und dann mit noch einem. Wie schnell das gehen kann.

Sherko Fatah hingegen bleibt. Er bleibt nicht nur nahe an seinen Figuren – Irrläufer, Mitläufer, Hineingeborene –, er bleibt bei seinen Provinzen, seinen Situationen und Widersprüchen. Und: Er schafft ein Gefühl der Dringlichkeit. Er schält aus den Erzählungen eine Welt heraus, die, so ahnen wir, uns ständig umgibt, auch wenn wir sie nicht wahrhaben wollen. Sein Schreiben geht aufs Elementare, das Framing der Gewaltbeziehungen, der Einbruch archaischer Gewaltmuster in unserer Gegenwart. Er ist dabei Realist, der nicht unbedingt den flirrenden Avantgarderoman zu schreiben sucht, den ich im Grunde so gerne lesen würde. Sherko Fatah ist so weit von mir entfernt wie sonst etwas. Und ich frage mich, warum mich seine dunkle Weltbeobachtung so fasziniert, warum ich mehr und mehr den Verdacht habe, dass diese Form der Klarsicht verlorengeht. Dass mir die Realismen abgehen, die sich mit etwas beschäftigen. Denn Realismen, die einfach nur dahererzählen, was Florian Kessler diesen Februar in der Zeit bemängelte, interessieren mich gar nicht. Es gilt, diesen Begriff genauer zu definieren – d.h. neu zu definieren, dazu werde ich später kommen.

Welchen Fragen stellen wir uns gegenwärtig als Schriftsteller? Welchen Konflikten begegnen wir? Welche Bilder finden Eingang in unsere Texte? Und wieviel Mut brauchen wir für sie? Dürfen wir noch unangenehme Nachrichten an die Öffentlichkeit haben? Gibt es die überhaupt noch oder verschwinden sie in der Unsichtbarkeit? Warum wird zum Beispiel Sherko Fatah nicht stärker wahrgenommen? Muss Literatur nur noch gefallen? Was ist das für ein Begriff von Ästhetik?

Gibt es sowas wie die Dringlichkeit von Literatur noch als Diskurskategorie? Was muss denn so heiß erzählt werden? Soll etwas herausgefunden werden? Oder umgekehrt gefragt: Was ist bloß sentimental? Was hält mich derzeit davon ab, Esther Kinskys neues Buch "Am Fluss" weiterzulesen? Ist es mir zu wenig gesellschaftlich oder sozial organisiertes Leben, gesellschaftlich oder sozial organisierter Tod (herrje!) oder halt ich einfach die Lektürenachbarschaft zu Sherko Fatah nicht aus?

(...)

Dritte Vorlesung: Fiktion und Dokumentarisches

Ein Freund, ein Physiker, fragte mich ganz direkt: Denkst Du Dir die Texte vorher im Kopf aus – so von A bis Z - und schreibst sie dann nieder? Klar, auf diese Idee könnte man kommen, überlege ich leichthin und tu mir dann doch schwer mit der Antwort. Es gibt ja strenggenommen kein wirkliches Vor und Nach den Texten. Ich bin immer schon mittendrin. Thematisch, stofflich, formal. Es fühlt sich nie nach weißem Blatt an, vor dem ich dann sitze. Sicher, manchmal fallen mir einige Sätze ein, die einen gewissen Ausschlag geben, den Text jetzt konkret zu beginnen, mit denen fange ich an, sie ziehen Sätze nach sich, die ich immer wieder überschreibe, die ich aus Gesprächen ziehe, aus Gehörtem und Gesagtem, aus meiner Reaktion auf Gehörtes und Gesagtes, bis irgendwann der Text da steht. Manchmal ist es eine Konstellation, eine rhetorische, eine räumliche, eine figurative. Manchmal ist es eine thematische Fragestellung, die mich schon lange beschäftigt hat, ich habe bereits Material gesammelt, Gespräche geführt, und dann fallen mir die richtigen Fragen erst ein – nach all den falschen Fragen plötzlich die richtigen – und ich glaube, loslegen zu können mit der eigentlichen Recherche. Oftmals steht dann schon ein anderer Text da und guckt sozusagen dumm aus der Wäsche. Aber aus seiner Dummheit entsteht erst die klare ästhetische Position des zu schreibenden Textes.

Es ist also sehr hypothetisch, wenn ich ihm antworte: Würde ich mir im Vorhinein alles ausdenken, dann wäre meine Geschichte schmäler, einfacher, linearer und blinder – und wer braucht blinde Geschichten? Nein, zudem arbeite ich mit Material, das ist einfach klüger als ich, es sieht mehr, macht meine Texte breiter, raumgreifender. Die Arbeit, im Dialog mit dem Material, ist dann allerdings komplexer.

Und korrigierst Du dann?, hat er aber längst schon gefragt. Habe ich geantwortet? In etwa: Ich korrigiere andauernd, ich überschreibe das, was ich am Vortag gemacht habe, ich schreibe es neu, immer in Schichten, das Material anders organisierend. Die Korrektur ist sozusagen die Hauptarbeit, insofern fällt es schon wieder schwer, überhaupt von Korrektur zu sprechen.

Aber ob ich bestimmte Metaphern hätte, mit denen ich arbeite, unterbricht er mich. Nein, dafür mit Techniken der Verkürzung, der Plötzlichkeit (Wechsels), des rhythmischen Wechsels, der semantischen Überlappung ..., beginne ich und bin schon dabei jede Menge Techniken preiszugeben. Frei nach Arno Schmidts Techniken in den "Berechnungen".

nicht hier die kunst 560 n klinger uKarthographie der Macht: Kathrin Rögglas "Nicht hier oder die Kunst zurückzukehren" 2011 in Kassel
© N. Klinger

Z.B. die Geschwindigkeitsebene (Textgeschwindigkeit): Verdichtung, Retardierung, Beschleunigung, rhythmischer Wechsel, Schnitt, plötzlicher Umschwung, semantische Überlappung, Auslassung, Ellipse, Parataxe, Hypotaxe.

Bildlichkeitsebene: Metapher, Katachrese, Collage, Wiederholung, Monochromie, Minimal.

In der Rhetorik: Unterbrechen, sich irren, darauf bestehen, Fragen, sich fragend stellen. Belehren, sich vordrängeln. Etwas schildern, stottern, nicht zu Wort kommen, sich ausschweigen, etwas verwechseln, zaudern, ängstlich sich umsehen. Unbeteiligt sein. Den Mund endlich zumachen, die Augen öffnen.

Kinderrhetorik: Schon vergessen, was man eben sagen wollte, weil man nicht gleich zu Wort kam. Auch erzählen wollen. Etwas besser wissen. Fragen. Nochmal Fragen. Nachfragen. In der Frage abdriften. Das Wort nicht verstehen. Auf dem Wort bestehen. Quatsch machen.

Erwachsenenrhetorik: Sich nicht zuhören können. Mit den Gedanken woanders sein. Gerade eben nicht zugehört haben. Sich nicht von etwas Wichtigerem abwenden können. Gerade jemand anderem zuhören. Den anderen ausreden lassen. Den anderen nicht ausreden lassen. Wichtigeres vorhaben. Komplizierte Sachen besprechen. Komplizierte Sachen aussprechen können. Sich hineinmogeln in ein Gespräch. Dazwischenhauen. Ermahnen. Lauter werden. So leise sprechen. Eine Sache beenden. Lächerlich machen. Über einen lachen. Dazwischenhauen. Lauter werden. Das Übliche machen. Die Liste ist zu erweitern.

Also sind es mehr Gesten, die Du schriftstellerisch einbringst? Nicht nur – Texte sind auch Musik. Sie organisieren sich nicht nur nach Plot und Dramaturgie. Es gibt auch etwas wie Mathematik in ihnen. Gleichungen, die aufgehen. Rhythmen, die stimmen müssen, Quantitäten von Satzbaustrukturen. Es macht keinen Sinn, das alles auf die Lyrik zu schieben, in die Lyrik hineinzuschieben, in der man die Musik offiziell vermutet. Das ist auch bei der Prosa so, das ist auch im Theater so. Auch da gibt es Gesetzmäßigkeiten, Muster und Spannungsbögen jenseits der Psychologie, jenseits des Plots. Natürlich gibt es auch eine Erzähldramaturgie, eine sogenannte inhaltliche Spannung, das eine funktioniert nicht ohne das andere – das Schreiben hat ja immer seinen Grund, seine Motivation, seine Ausgangssituation im Nichtverstehen, des Irritiertseins, der Ratlosigkeit.

Tim Etchells, der englische Schriftsteller und Performer von Forced Entertainment, schrieb in "Not even a game anymore": "Wir sprachen an einem bestimmten Punkt viel über das nicht-narrative Theater. Wir stellten fest, dass wir nichts gegen das Erzählen einzuwenden hatten – wir wollten bloß jede Menge davon." (S. 287)

Ja, aber – fragt mein Physikerfreund etwas irritiert – was genau ist denn dann die spezifische Qualität eines literarischen Textes?

Intensität, antworte ich prompt.

Doch ich weiß, ich weiß, Intensität heißt für sich genommen nichts, lässt sich schwer erklären. Ist so eine Deleuze-Vokabel, von Bergson irgendwie rübergschustert. In der Literatur resultiert sie beispielsweise aus dem Gewicht der Geschichte, die Heiner Müller in seinen Schreibknochen hatte. Oder aus der Wut, die Elfriede Jelinek in all ihre sprachlichen Prismen zu zerlegen versteht.

Doch was für Geschichte tragen wir in unseren Knochen? Was reimt sich noch auf rot? Rosarot? Ja, das ist irgendwie eine Mischung aus Orange und Rosa geworden mit ein bisschen Schwarz bei all den orangenen und samtenen Revolutionen, der Spaßguerilla und der relativen Gleichgültigkeit unserer Epoche, d.h. der politischen Ökonomie. "Die ukrainische Machtelite macht weiter wie immer, die mafiösen Strukturen dauern fort." Höre ich.

Ja, Heiner Müller hatte Rosa Luxemburg, Friedrich den Großen, Figuren der französischen Revolution auf seinem Schreibtisch. Wir haben Oligarchen, Steuerhinterzieher, sogenannte Beraterfiguren und bestenfalls Fußballtrainer, die den Sieg versprechen.

Allesamt Wichtigtuer, die Entscheidungen treffen, die sie, vermutlich sogar auch die Oligarchen, nicht wirklich für die ihren halten. Die neoliberale Gouvernmentalität scheint voll umgesetzt, und man muss sich einmal die Frage stellen, wann man eine Entscheidung überhaupt noch trifft.


kathrinroeggla 140 amrei marie wikimedia uKathrin Röggla, geboren 1971 in Salzburg/Österreich und wohnhaft in Berlin-Neukölln, ist Schriftstellerin und Theaterautorin. Für ihre gegenwartsanalytischen Texte wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichet, darunter der erste Franz-Hessel-Preis 2010. Zweimal war sie zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen, wo sie am Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis teilnahm, der wichtigsten Auszeichnung für deutschsprachige Gegenwartsdramatik.

 

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