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Im Western nichts Neues

von Martin Thomas Pesl

Wien, 9. Januar 2015. Um Udo herum tobt beängstigende Seltsamkeit. Er ist gekommen, um ein Verbrechen aufzuklären, dessen Schuldige, wie der Kneipenwirt erklärt, längst gefasst sei. Was wirklich passiert ist, will Udo wissen. Die ältere Whiskytrinkerin lacht laut auf. Der Schelm mit Hut und Stock – ein im Kindskörper gefangener Mann, der zwar nicht wachsen, dafür der eigenen Meinung zufolge auch nicht sterben kann – verabschiedet sich, er müsse Sticker tauschen gehen. Auch die zwei Dreikäsehochs, die einander mit Weichschaumschlagstöcken hauen und sogar zum Kacken zu blöd sind, geben sich nicht gerade kooperativ: Sie halten den Neuankömmling für einen T-Rex und testen ihr Repertoire origineller Drohungen an ihm aus: "Ich reiß dir die Brust auf und scheiß dir ins Herz." Später werden die beiden ums Leben kommen und im Wagen der alten Dame landen, weil die nämlich Bestatterin ist.

Was hier vorgeht? Nun ja, diese erste Uraufführung eines Stückes der in Leipzig Schreiben studierenden Juliane Stadelmann ist ein Abend, bei dem die anschließende Lektüre des Programmhefts so manches Aha-Erlebnis generiert.

Kinder im Plattenbau

Aha! Da gab es mal einen realen Fall: Once upon a time in the East (konkret 1999 in Frankfurt/Oder) ließ eine Mutter ihre kleinen Söhne in der Plattenbauwohnung zurück und ging zu ihrem Liebhaber. 14 Tage lang kehrte sie nicht zurück, die Kinder verhungerten. Die Autorin ließ der Gedanke nicht los, wie die Nachbarn das Schreien der Sterbenden nicht mitkriegen konnten. Hätte es nur damals einen Ermittler gegeben, der diese Frage stellte! Freilich ist auch dem Paralleluniversum keine Auflösung vergönnt: Udo findet nix raus und kann auch weitere Todesfälle nicht verhindern.

Aha! In Juliane Stadelmanns Schreibklasse gab es also mal die Themenvorgabe "Western". Das erklärt, warum der Detektiv immer wieder Sheriff genannt und, während zwischendurch kaum verständlich geflüsterte Verse vom Band zu hören sind, ein Steppenläufer über die Bühne geschoben wird. Dieses "Tumbleweed" war ursprünglich als musikalisches Element geplant, das Tom Waits zitiert. Regisseurin und Ausstatterin Daniela Kranz nuschelt es so musik- wie lieblos weg.

Setzkasten-Setting

Es ist gewiss nicht so, dass dieser Mix aus Western, Tatort und Plattenbautragödie nicht gründlich durchdacht wäre. Stadelmanns sprachlich stilsicheren Dialoge bieten dem Ensemble auch Gelegenheit, aus der konfusen Umsetzung zumindest für Einzelmomente das Beste herauszuholen: Florian von Manteuffel trägt mit Würde die undankbare, weil als Identifikationsfigur skurrilitätsreduzierte Hauptrolle und verliert gegen Ende dafür umso effektvoller die Nerven. Martin Vischer und Gideon Maoz bilden ein perfektes Pärchen aus Comic-Idioten der alten Schule. Auf der anderen Seite rückt Simon Zagermann im gestreiften Gauklerlook seinen Gesprächspartnern genau den einen Zentimeter zu nahe, sodass diese nicht gleich merken, wie sehr er ihnen auf die Nerven geht.

noch ein lied vom tod1 560 alexi pelekanos u Identitäts-Verwirrspiel und Dreiecksgeschichte mit Simon Zagermann, Barbara Horvath,
Florian von Manteuffel © Alexi Pelekanos

Barbara Horvath als Mädchen, das den Kommissar verführt, schaut verklärt lächelnd ins Leere und hat gerade nicht zugehört. Ihre Darstellung lässt auch für diese Figur Vernachlässigungs- oder ähnliche Kindheitstraumata vermuten. "Die Frage ist doch: Wer sind hier die Kinder?", heißt es an einer Stelle. Tatsächlich bemüht sich auch Daniela Kranz, diese Frage offen zu lassen. Ihre Bühne gibt ein Kasperletheaterprinzip vor: Wie Puppen ragen die Köpfe der Figuren hinter den Querstreben eines schwarzen Setzkastens hoch, sodass man erst mal nicht sieht, ob man es mit großen oder kleinen Menschen zu tun hat. Verhalten und Sprache sind so abseitig, dass man erst recht im Unklaren bleibt.

Surreales Figurenpersonal

Das umschifft offensiv ein schauspieltechnisches Dilemma – uaaa, Erwachsene spielen Kinder! – und schafft ein noch surrealeres Figurenpersonal. Doch der zu erzählenden Geschichte schadet die Verkasperung. Sie verwischt, was sich an interessanten Bögen spannen müsste, ja macht es teils schwierig, der Handlung zu folgen. Die Westernassoziation wirkt trotz Ennio-Morricone-Einspielung und Mundharmonika-Pantomime aufgesetzt und kippt gar ins Lächerliche, wenn Manteuffel einen Kulissenkaktus in phallischer Pose herumtragen muss.

Wie Juliane Stadelmann für "Noch ein Lied vom Tod" eine Nominierung zum renommierten Heidelberger Stückemarkt erlangen konnte, erschließt sich durch diese Uraufführung nicht. Woanders würde der Text womöglich besser zum Leuchten gebracht: in einem anderen Medium vielleicht – Film, Prosa? –, oder auch einfach in einer ihm holderen Inszenierung.

Noch ein Lied vom Tod (UA)
von Juliane Stadelmann
Regie und Ausstattung: Daniela Kranz, Dramaturgie: Yvonne Gebauer.
Mit: Barbara Horvath, Steffen Höld, Florian von Manteuffel, Gideon Maoz, Johanna Tomek, Martin Vischer, Simon Zagermann.
Dauer: 1 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Mehr zu Juliane Stadelmanns Stück auf dem nachtkritik-Festivalportal des Heidelberger Stückemarkts 2014.


Kritikenrundschau

Diese Arbeit "trifft daneben", verrät die Presse (12.1.2015) bereits im Einleitungstext zu Norbert Mayers Kritik. "In eineinhalb Stunden werden Tiefsinn und Absurdität signalisiert, doch der Abend enttäuscht. Die junge Dramatikerin Juliane Stadelmann mag für ihr sprachlich recht gekonntes Stück das Hans-Gratzer-Stipendium erhalten haben, Daniela Kranz ist an sich eine einfallsreiche Regisseurin. Diesmal aber klappt es nicht, weder mit Tragik noch mit Coolness, die sieben Darsteller mögen sich noch so sehr um Originalität bemühen."

Regisseurin Daniela Kranz erzeuge anfangs eine "Atmosphäre nervöser Spannung. Wenn sie nachlässt, entstehen allerdings Leerstellen", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (12.1.2015). Autorin Juliane Stadelmann "macht keine Schuldzuweisung, sondern zeichnet das Zustandsbild einer schwachen (geschwächten) Gesellschaft, die sich selbst nicht im Griff hat."

Juliane Stadelmann habe "ein weitgehend überzeugendes, gut gebautes Erzählstück gemacht – dem es bei der Premiere am Freitag dennoch an Dynamik fehlte", urteilt Barbara Mader in einer Kurzkritik im Kurier (online 10.1.2015).