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Kommt, wir spielen Patriarchat

von Jan Fischer

Hannover, 10. Januar 2015. Manche Ideen klingen gut. Diese, zum Beispiel: In Shakespeares moralisch ambivalentem, heldenlosem Stück über Macht und Machtmissbrauch "Maß für Maß" werden alle Rollen mit Frauen besetzt. Um zu sehen, was passiert. Was dabei herauskommt, wenn Frauen die Fäden im patriarchalen Intrigenspiel ziehen. Wie sich die Summe ändert, wenn man mit vertauschten Vorzeichen rechnet.

Florian Fiedlers Inszenierung beginnt in Hannover als Spiel: Sechs Frauen sitzen in einem Raum, der stark nach verrauchter Eckkneipe aussieht, überlebensgroß an ein weißes, zweistöckiges Halbrund aus Türen projiziert, das sich über die ganze Bühnenlänge zieht. Sie spielen "Wer bin ich", sie haben Namen mit rotem Stift auf Zigarettenblättchen geschrieben und sie sich ins Gesicht geklebt. Es stehen Namen wie Herzog, Claudio oder Lucio drauf. Namen der Figuren aus "Maß für Maß".
"Ich hab die ganzen kleinen Rollen abgekriegt", beschwert sich eine, die das ganze Gesicht voller Zettel hat.
"Hast du das nicht an der Schauspielschule gelernt?" gibt eine andere zurück, "es gibt keine kleinen Rollen."

massfuermass2 560 karlberndkarwasz uNa, dann fangen wir mal an: sechs Frauen und ein Shakespeare. © Karl Bernd Karwasz

Teils Seifenoper, teils Tragödie

Der Anfang macht klar: Das hier ist Theater, das sich sich selbst bewusst ist. Dass die sechs Frauen, die sechs Schauspielerinnen, hier in Rollen schlüpfen werden, die Rollen bleiben werden – keine Figuren. Dass die eigentlichen Figuren des Spiels die sechs Darstellerinnen sein werden, die Shakespeare spielen spielen.

"Na, ich fang dann mal an", sagt eine, legt sich einen weißen Kragen an, und tritt als Herzog aus einer der Türen auf die Bühne. Macht einen großen, sich des Lichts bewussten Schritt in den hellen Punkt, den ein Spot auf den Bühnenboden wirft. Der Herzog, kündigt sie an, wird aus der Stadt verschwinden, ein paar Tage, ein paar Wochen. An seiner Stelle sollen der Saubermann Angelo und der Adlige Escalus über die Stadt herrschen, und wenn nötig auch die etwas lasch gehandhabte Gesetzgebung in der Stadt mit Härte durchsetzen.

Es entspinnt sich eine typisch Shakespear'sche Handlung: ein Teil Seifenoper, zwei Teile Tragödie, die tragischer nicht sein könnte. Angelo greit mit der Härte des Gesetzes durch und verhaftet Claudio, der eine Frau geschwängert hat. Claudio soll sterben, seine Schwester wird beim Herzog vorstellig, um Gnade zu erflehen, der wiederum verliebt sich in sie und will Claudio begnadigen, wenn sie mit ihm schläft. Sie will aber unbefleckt bleiben und schickt stattdessen Angelos ehemalige Verlobte zu dem Stelldichein. Im Hintergrund zieht der Herzog als Mönch verkleidet die Strippen.

Spaß am Machtgefälle

Die Darstellerinnen haben sichtlich Spaß an der ganzen Sache: Lisa Natalie Arnold gibt den verschmitzen, undurchsichtigen Herzog mit komödiantischem Elan, Elena Schmidt
setzt einen überzeichnet fiesen Angelo dagegen, Sophie Krauß' Isabella schwebt ätherisch zwischen Heulanfällen dahin. Immer wieder klappen die Türen in dem gigantischen, weißen Bühnenhalbrund, treten die Darstellerinnen im ersten oder zweiten Stock auf und wieder ab, verlagert sich die Handlung in einen der Räume hinter den Türen – ein Gefängnis, die Kneipe – fürs Publikum aufs Bühnenbild projiziert.

Florian Fiedler hat sich in seinem "Maß für Maß" für die Überzeichnung entschieden, dafür, seine Darstellerinnen das Shakespear'sche Intrigengeflecht in all seiner Absurdität zeigen zu lassen, dafür, seine Darstellerinnen die Figuren ins comichaft-absurde treiben zu lassen. Er hat sich auch dafür entschieden, das Machtgefälle des Stückes zwischen den unantastbar mächtigen Männerrollen und machtlosen Frauenrollen noch weiter zu überhöhen. Seine Isabella ist keusch und sonst nicht viel. Mariana, Angelos ehemalige Verlobte, bettelt und weint ihrem Verlobten hinterher, tut aber nichts, bis der Herzog auftaucht. Gleichzeitig erinnert Fiedler immer daran, dass das alles im Theater stattfindet: Immer wieder blicken die Darstellerinnen in den groß projizierten Szenen in die Kamera, immer wieder wird der Text mit betont theatralem Gestus deklamiert und mit Alltagssprache durchbrochen. Am Ende gibt es eine Dreifachhochzeit, das Konfetti kommt aus einer Pappschachtel mit der Aufschrift "Happy End".

Abrutschen in den Slapstick

Wie gesagt: Es gibt gute Ideen, zum Beispiel, Frauen als Frauen, als Darstellerinnen ein Stück über patriachale Macht spielen zu lassen, die Hegemonie umzudrehen, gleichzeitig alles so sehr ins Absurde zu überhöhen, dass aus der Inszenierung, die als Versuchsanordnung, als Was-wäre-wenn beginnt, am Ende ein Zerrspiegel wird, der herrschende Machtverhältnisse umso klarer zeigt und ihre Irrationalität vielleicht sogar anklagen kann.

Leider bleibt Florian Fiedlers "Maß für Maß" hinter seiner eigenen Idee zurück. Seine Inszenierung ist unterhaltend, das auf jeden Fall, schafft dann aber nicht den entscheidenden Sprung vom Travestie-Klamauk ins Grotesk-Absurde. Die vielen, vielen Türen im Bühnenbild bilden dann nur den Hintergrund für Slapstick, aus denen den Darstellerinnen manchmal Wasser ins Gesicht gekippt wird. Fiedlers Experiment – oder das Experiment der Darstellerinnen – wird zur zahnlosen Komödie, solide Abendunterhaltung, die aber nirgends hin will außer zum nächsten Witz.

 

Maß für Maß
von William Shakespeare
Übersetzung: Marius von Mayenburg
Regie: Florian Fiedler, Bühne: Maria-Alice Bahra, Kostüme: Selina Peyer, Musikalische Leitung: Martin Engelbach, Video: Bert Zander, Dramaturgie: Kerstin Behrens.
Mit: Lisa Natalie Arnold, Elena Schmidt, Sophie Krauß, Julia Schmalbrock, Charlotte Müller, Veronika Reichard.

www.staatstheater-hannover.de

 


Kritikenrundschau

Die Besetzung mit einem reinen Frauenensemble schafft für Ronald Meyer-Arlt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (12.1.2015) nur "eine gewisse Grundaufgeregtheit, eine erhebliche Kraftanstrengung die fremden Rollen auch zu füllen". Bisweilen wirkten die Darstellungen der Männer "wie Schülertheater". Verschiedene handwerkliche Fehler (Lichtlöcher, Texthänger) lassen den Kritiker vermuten, "dass die Inszenierung irgendwie noch nicht abgeschlossen ist".

Regisseur Fiedler habe für die im Shakespeareplot vorgegebenen "Verwirrungen eine schöne Balance gefunden, die dem Spiel viel Raum gibt und den überzogenen Klamauk vermeidet", schreibt Jörg Worat in der Neuen Presse und – online nachzulesen – in der Kreiszeitung (12.1.2015). Fiedler beschreibe "Maß für Maß" im Programmheft als "krass patriarchalisches Stück", was durch seine "rein weibliche Besetzung scheinbar aufgehoben und zugleich betont würde. Zwingend vermittelt sich das so zwar nicht, die zwei pausenlosen Stunden bleiben aber interessant, kurzweilig und frei von echten Spannungslöchern."