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Die vor- und zurückfliehende Zeit

von Alexander Kohlmann

Mannheim, 10. Januar 2015. Wer kennt das nicht? Die Teenager-Träume im Freibad. Ein schwarzes Wasser ist das in Roland Schimmelpfennigs neuem Stück, das Freibad im Sommer – bei Nacht. Im Licht der Taschenlampe werden auf der tiefen, dunklen Bühne Gestalten erkennbar, das Mädchen im Bikini, Annäherungen zwischen einem Paar, und alles beobachtet von einem Nachtwächter, nie war die Welt größer, nie waren wir freier als in solchen Momenten.

Zeitsprünge im schönsten Augenblick

"In zwanzig Jahren..." sieht das alles ganz anders aus. Und bei Schimmelpfennig liegen das Jetzt der klassenübergreifenden Teenager-Romanze und das Endgültige der Zukunft dicht beieinander. Die hübsche Tochter des Gastarbeiters knutscht mit dem Sohn des hohen Tiers im Ministerium, nur einen Fingerschlag später, praktisch zeitgleich, ist er ein angehender Minister – und sie? Sie wohnt immer noch in der Vorstadt-Wohnung von damals.

Der Text springt vor allem im ersten Teil des Abends beständig hin und her, wechselt manchmal mitten im Satz die Zeit, lässt Figuren altern und ihre Widerparts wieder jung werden – und dehnt den magischen Moment am schwarzen Wasser so quälend lange aus, bis aus der Schönheit des Augenblicks ein Schmerz über den Verlust wird. Dieser eine großartige Moment, das soll es jetzt schon gewesen sein?

dasschwarzewasser2 560 florian merdes hTeenagerträume: Anke Schubert, Ragna Pitoll, Boris Koneczny © Florian Merdes

Altes Ich spricht mit jungem Ich

Intendant und Regisseur Burkhard C. Kosminski begegnet der Schimmelpfennig-Bühnen-Prosa mit Theater. Seine Schauspieler stehen nicht wie andernorts schon gesehen an Mikrofonen an der Rampe und vertrauen dem Text, sondern es gelingt ihnen auf der leeren Bühne immer wieder, die erzählte Geschichte in starke Bild- und Erinnerungsfetzen zu verwandeln.

Schon die Besetzung spiegelt das Gestern und Heute – oder ist es das Heute und Morgen? – wieder. Es gibt im sechsköpfigen Ensemble zwei junge Spieler und etliche gesetztere Gestalten. Die Zuschreibungen der Charaktere zu den Spielern wechseln, so dass das alte Ich mit dem jungen in einen Dialog treten kann.

Wiedertreffen, zwanzig Jahre später

Ein Teenager-Paar etwa trifft sich beim Elternabend wieder, sie, die Frau mit der hellen Haut ist jetzt eine in die Jahre gekommene, etwas rundliche Schulleiterin, während er den väterlichen Döner-Laden und auch den Bauch des Vaters geerbt hat. Oder jene Gastarbeiter-Tochter Leyla, die "zwanzig Jahre später" im Supermarkt arbeitet, und noch einmal ihre Teenager-Liebe für einen Sommer trifft: den Minister, der gleichzeitig der junge Mann mit dem Pferdeschwanz und neugierigen Augen, sowie der desillusionierte Mit-Vierziger im Sakko ist. Ihn kann nichts mehr überraschen, außer die Wiederbegegnung mit Leyla, deren "zwanzig Jahre später"-Ich, immer noch attraktiv, neben dem Traumbild der langbeinigen und lebenslustigen Fünfzehnjährigen steht, das sie einst war und für ihn immer noch ist.

Das Leben hält in Schimmelpfennigs Stück nicht viele Überraschungen bereit, jeder der Charaktere ist im selben Moment, in dem er jung war, bereits derjenige, der er zwanzig Jahre später ist. Das kann man als Kritik an einer zementierten und undurchlässigen Gesellschaft begreifen. Allerdings ist dieses Bild dann doch sehr grobkörnig gezeichnet. Die einen werden aufgrund ihres Elternhauses Schulleiterin oder gleich Minister, den armen Immigranten bleibt nur Döner-Verkäufer oder ein Job beim Supermarkt. Da ist Deutschland längst weiter, da gibt es mehr Grautöne als Schimmelpfennig uns weismachen will.

Wir fühlen mit ihnen

Macht aber nichts, denn im Kern ist der Text ein zutiefst melancholisches Sinnieren über die verlorene Zeit und die verlorenen Möglichkeiten und Spielräume, die sich auf der Bühne ganz sprichwörtlich immer mehr verengen – wenn die große, eiserne Bühnenrückwand aus der Tiefe der Schwimmbadszene unmerklich immer weiter nach vorne rückt, bis den Spielern ganz zum Schluss nur noch ein knapper Meter Spielfläche bleibt. Da stehen sie nun und überlegen, warum alles so gekommen ist.

Und wir fühlen mit ihnen, weil wir sie alle kennen und uns an diesem Abend an sie erinnern, an die magischen Momente – wie den Traum vom künftigen Minister Frank und der künftigen Supermarkt-Verkäuferin Leyla, die zwanzig Jahre früher für ein paar Sekunden glaubten, sie kämen aus derselben Welt. An der Bühnenrampe standen sie, langsam tastend, bevor Sekunden später alles schon wieder vorbei war.

 

Das schwarze Wasser
von Roland Schimmelpfennig
Uraufführung
Inszenierung: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Lydia Kirchleitner, Musik: Hans Platzgumer, Musikalische Gestaltung: Roxy Bar / Till Rölle, Dramaturgie Tilman Neuffer.
Mit: Katharina Hauter, Ragna Pitoll, Anke Schubert, Boris Koneczny, Reinhard Mahlberg, David Müller.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Mittlerweile gehöre "die kritische, kreative Reflexion darüber, wie gesellschaftlich relevantes Theater im Einwanderungsland Deutschland heute aussehen kann", zum Standard, schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (12.1.2015) und konstatiert: "Auf dieser Welle surft das neueste Werk des derzeit auf Kuba lebenden Dramatikers Roland Schimmelpfennig." Doch sein Determinismus-Drama "Das schwarze Wasser" greife "enttäuschend kurz, und die Mannheimer Uraufführung in der Regie des Intendanten Burkhard C. Kosminski zeugt vor allem von Ratlosigkeit." Das Stück sei "ein simpler, etwas altmodischer, melancholischer Abgesang auf eine Gesellschaft, die niemals vorhatte, Chancengleichheit herzustellen. Der männliche, weiße Denker verzweifelt ein wenig an der Welt, that's it – keine Analyse, kein Aufbegehren."

"Das schwarze Wasser" gehöre "sicher nicht zu den großen Texten Schimmelpfennigs (…). Aber als Routinier des poetischen Sprachspiels und der Szenen-Collage erweist er sich auch diesmal", meint Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (12.1.2015). Die sechs Darsteller bildeten in der Inszenierung des Stücks "eine Typenparade, bei der das Kollektiv mehr zählt als das Individuelle. Deshalb verbietet es sich, Einzelleistungen herauszustreichen. Am Ende bleiben der Katzenjammer und die Einsicht, dass eine Utopie für eine Nacht im Schwimmbad funktionieren kann, auf Dauer aber nicht."

Schimmelpfennig scheue das Klischee nicht, schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (12.1.2015): "Kinder aus der Oberstadt werden Anwalt, Minister, Schulrektorin oder Zahnärztin, während Postmigranten im Vorzimmer, am Döner-Spieß oder der Supermarktkasse landen. Geplatzt der Sommernachtstraum, die Utopie trägt nicht, die Parallelgesellschaft ist traurige Realität. Das ist dem magischen Realisten Schimmelpfennig schon eine gehörige Portion Melancholie wert." Regisseur Kosminski treffe "die richtige Entscheidung, choreographiert die Personen und Zeitwechsel markant in teils hochpoetischen Bildern, lässt sie pantomimisch-köstlich U-Bahn fahren, Döner schneiden oder am Beckenrand albern, statt die Mimen – wie branchenüblich – vor ein Mikro an die Rampe zu stellen."

"Manchmal, na ja, oft erzählt das Theater einfache Geschichten aus dem Leben, und es erzählt sie auch ganz einfach, und doch ist es schön und sogar nützlich, in Ruhe hinzuschauen", meint Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (12.1.2015). Das neue Stück von Roland Schimmelpfennig entblättere eine solche Geschichte. Die Darsteller in der Inszenierung Kosminskis repräsentierten "dabei das verschiedene Alter, die verschiedene Herkunft allerdings, wie am deutschen Theater weiterhin üblich, nicht. Ja, es gibt Szenen, in denen wirkt das schal (beim lustigen Dönerschnipseln mit Karnevalsschnauzer), dabei geht es auch in Mannheim darum, dass die Bewohner beider Welten, beider Seiten der ungenannten Großstadt ihren Klischees nicht entrinnen können. Es nicht einmal versuchen. (…) In den starken Szenen verwickeln sich die Spielenden aber in die Rollen, ganz einfach."

„Es ist Schimmelpfennigs große Gabe, gesellschaftliche Widersprüche in ganz banalen Situationen zu verdichten, ohne Lösung, leicht melancholisch umflort", sagt Christian Gampert auf Deutschlandfunk (11.1.2015). "Regisseur Burkhard C. Kosminski legt die vom Autor angeregte Umarmung deutscher und türkischer Kultur allerdings äußerst spartanisch und brechtisch an, um nicht zu sagen: fast frigide. Die sechs nur sehr langsam auftauenden Schauspieler dürfen allerhöchstens mal nette Politikerposen abliefern oder lustig-religionsparodistisch vor falscher Coca-Cola-Exegese warnen. Ansonsten schwebt die Power der deutsch-türkischen Love eher als Schnulze von 'Frankie goes to Hollywood' über der Aufführung."

Über Schimmelpfennigs "melancholisch Paradiesgeschichte" berichtet Elske Brault im Gespräch auf Deutschlandradio Kultur (10.1.2015, hier im Podcast). Das Stück besitze die "typische leise Schimmelpfennig-Poesie" und sei "richtig gutes Schauspielerfutter". Als herausragend und anrührend empfand die Kritikerin vor allem die beiden jungen Schauspieler*innen Katharina Hauter und David Müller.

"Es hätte so schön werden können, wie es nie war", schreibt Martin Halter in der Rhein-Main Ausgabe der FAZ (13.1.2015). Aber Regisseur Burkhard C. Kosminski schaue "wie ein nachsichtig lächelnder Bademeister vom Beckenrand aus zu, wie die Gotteskinder baden gehen". In Schimmelpfennings Stück erfülle sich der "Sommernachtstraum von einer Welt, in der alle sozialen, kulturellen und religiösen Unterschiede verschwimmen, im Freibad". Und die Botschaft findet der Kritiker "kurz nach den Attentaten von Paris, hochaktuell und aller Ehren wert". Doch seien Schimmelpfennigs Manierismen ein wenig alt geworden und dieses Sozialmärchen ohne Happy End wirkt auf ihn "manchmal nur wie eine synkopisch verfremdete Multikulti-Schnulze von Xavier Naidoo."