Die Mauer-Fakire

von Simone Kaempf

Berlin, 13. Januar 2015. Das Bühnenbild ist schon mal ein Statement! Eine lange, flache Mauer führt wie ein Laufsteg durch den Saal, trennt die Zuschauerreihen auf beiden Seiten in zwei Blöcke: A und B, oder Ost und West, daran denkt man natürlich sofort. Dieser Catwalk dient als Hauptspielfläche von Armin Petras' Inszenierung "Der geteilte Himmel", nach jener Erzählung von Christa Wolf, die im Jahr des Mauerbaus spielt und in der sich nicht nur das Land, sondern mit ihm auch die Lebens- und Liebesansprüche der Protagonisten spalten. Bis die Mauer schließlich wie ein Messer durch ihre Leben geht.

Schmerzen auf der Mauer-Nahtstelle

Auf dieser Bühnenmauer soll es schmerzhaft zugehen an diesem Abend: Bald schon werden Blecheimer angeschleppt, aus denen die drei Schauspieler Glas-Steine auskippen und zu einer gleichmäßigen Schicht verteilen. Jeder Schritt ein Schmerz auf dieser Mauer-Nahtstelle, "der Linie, wo die beiden Hälften der Erde sich ineinanderpressten", wie es einmal heißt. Und das vor allem für jene Rita, gespielt von Jule Böwe, die nicht nur mit gebrochenem Herzen, sondern barfuß über die Glasscherben balancieren muss, mühsam die Füße aufsetzt und sich in jeder Hinsicht den größten Schmerz zufügt: Sie bleibt im Osten, entscheidet sich für den Staat, statt für ihre Liebe.

Verlust dominiert Armin Petras' Inszenierung. Die wichtigsten Motive aus Christa Wolfs Text hat er zu einer eigenen Fassung umgeschrieben und mit einer melancholischen Wiederbegegnung der Nachwendezeit gerahmt. Zu Beginn treten Böwe und Tilman Strauß als gealtertes Paar dreißig Jahre später zusammen auf. Ihr kurzer Dialog lässt die Vergangenheit Revue passieren, fragt, was sich eigentlich schob zwischen sie, ihre Wünsche und Ideen. So vom Ende her begonnen, gewinnt die Inszenierung etwas Schweres, das atmosphärisch dominiert und präsent bleibt, selbst wenn man dann in die Aufbruchstimmung des Liebes-Anfangs springt.

dergeteiltehimmel 560a dorotheatuch uSchmerzhafter Grenzstreifen: Fakir Jule Böwe © Dorothea Tuch

Mehr Übermalung als Weiterschreibung

Jule Böwe als Rita, Tilman Strauß als Manfred und Kay Bartholomäus Schulze als Arzt – die drei Schauspieler machen die Figuren bereits komplett und spielen die Handlung in wechselnden Zeitebenen: das Kennenlernen, das Zusammenleben der jungen Verliebten, der Zusammenbruch nach der Trennung, als Rita im Krankenhaus den Einbruch des Zeitenverlauf reflektiert. Anhand der Kostüme von Annette Riedel lassen sich die jeweiligen Stationen gut identifizieren: Sommerkleid und Gummistiefel gehören der Brigadearbeiterin Rita, der Bademantel ins Krankenhaus, im ladyliken Wollmantel balanciert sie über die Bühne beim Besuch in West-Berlin. Szenisch ist das sehr konkret. Der Text bleibt melancholischer und zarter, eine Vergangenheitsbefragung und -vergewisserung, die um die verlorenen Ideale mäandert. Mehr eine Übermalung als eine Weiterschreibung, mit einer Gegenwart nach der Wende gekreuzt, die auch schon weit weg wirkt.

Eine Komödie macht Petras daraus nicht, und dennoch gibt es Momente tapferer Ironie. Wenn es um den DDR-Alltag geht, die das junge Paar zwischen Mustertapete und Plastetisch erlebt und Manfred in der Ein-Raum-Wohnung mit brodelnden Laborkolben experimentiert. Als Videoprojektionen werden diese Szenen übergroß auf alle vier Saalwände projiziert. Nicht nur-Mauer-Laufsteg, sondern auch großer Erinnerungs- und Resonanzraum will die Bühne in diesen Momenten sein.

Unscharfes Scheitern der Liebe

Bis zum Ende summiert sich so einiges, was Petras an Mitteln, Motiven, Bildern und kleinen Kalauern unterbringt und die doch nicht richtig aufgehen. In den schwarzweißen Videoprojektionen scheinen auch immer wieder öde Landschaften auf, triste Dorfstraßen, kahle Bäume in einer düster wirkenden Landschaft, dessen Himmel tief hängt. Dass er sich über dem Paar teilte, bezweifelt man an diesem Abend nie. Die Unbedingtheit, die zum Scheitern der Liebe führte, wird jedoch immer unschärfer und erschließt sich nicht. Was am Ende bleibt, ist eine diffuse Trauer um verlorene Gefühle und vergangene Ideen.

Den Schauspielern sieht man bei all dem freilich gerne zu: Tilman Strauß mit seinen spröden Liebesattacken und ersten Zweifeln, die sich langsam einschleichen. Kay Bartholomäus als Arzt, der weniger an den Köper als an die Vernunft appelliert. Und allen voran Jule Böwe, die sich von der jungen in die alte Rita und wieder zurück verwandelt. All ihre Fragen an Ideale, Wünsche und Lebensentwürfe scheinen ihr in die Haut zu fahren und wie die Glassteine blutige Stellen zu hinterlassen – viele kleine Wunden, aber doch keine richtig große.

 

Der geteilte Himmel
von Christa Wolf, Bühnenfassung von Armin Petras

Regie: Armin Petras, Bühne und Kostüme: Annette Riedel, Video: Rebecca Riedel, Mieke Ulfig, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Dramaturgie: Maja Zade, Licht: Norman Plathe.
Mit: Jule Böwe, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

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Kritikenrundschau

"Provokant ist gar nichts an diesem Abend, und fast möchte man sagen: zum Glück, befindet André Mumot im Deutschlandradio Kultur "Fazit" (13.1.2015). "Petras, der Grenzgänger", betrachte und bestaune "dieses Hickhack" (gemeint ist die junge DDR) "mit der nötigen Distanz, mit Humor und großem Figurenverständnis, aber ohne jeden Wunsch, dorthin vorzudringen, wo es ernsthaft ungemütlich werden könnte". Die tiefere geschichtliche Auseinandersetzung, das mache er rasch klar, müsse anderswo stattfinden, "hier gibt's heute Menschentheater."

"Eine Erzählung über vertane Chancen und verpasstes Glück, eine Liebe im Konjunktiv II" hat Mounia Meiborg für die Süddeutsche Zeitung (15.1.2015) gesehen. Von Christa Wolfs poetischer Sprache, ihren Sätzen, deren psychologische Wahrheit sich manchmal erst beim zweiten Lesen erschließe, sei nicht viel übrig geblieben. "Petras’ Fortschreibung ist eine Überschreibung der Erzählung. Und die hat ihren eigenen atemlosen Sound." Da gehe es um Projekte und Selbstverwirklichung; "Begriffe, die eher in die Gegenwart und in ein Falk-Richter-Stück passen als zur Wendezeit." Doch der Tiefsinn, der bedeutungsschwanger aus jedem Schrägstrich ströme, sei oft nur simuliert.

Dass Petras mit diesem DDR-Stoff in der West-Berliner Schaubühne aufschlage, fühle sich auf beredte Weise anachronistisch und fremd an, schreibt Ulrich Seidler in der Frankfurter Rundschau (15.1.2015). Aber statt Funken aus diesen Widerständen zu schlagen, statt die Figuren und ihren Irrglauben an die damals noch unwiderlegte Utopie zu verteidigen, tauche er den Abend gleich zu Beginn in eine depressive Stimmung – und zersplittere Christa Wolfs Erzählung im folgenden "auf betont poetische Weise". Die Dialoge und kurzen epischen Passagen würden mehr rekapituliert als gespielt, "mit einer passionsspielhafter Wichtigkeit im Gesicht, als ginge es ums Herbeten von Gleichnissen – natürlich immer aus dem dumpfen Echoraum der Verzweiflung und Enttäuschung heraus". Was Petras da mache, sei das Gegenteil von Verklärung und Ironisierung. "Er kübelt ein postutopisches Burnout-Syndrom auf den Ku'damm." Ritas Anstrengung werde an diesem Abend in ihrer Vergeblichkeit quälend deutlich. "Nicht deutlich wird, wie jemand, mag er noch so dorf- und jugendvertrottelt sein, auf die Idee kommt, dass sich die Anstrengung lohnen könnte." Das sei auch heute, auch am Kudamm nicht gerade tröstlich, so Seidler: "Denn obwohl alle Weltverbesserungsversuche vorübergehend abgeschlossen sind und sich als peinliche Irrtümer erwiesen haben: Unanstrengender ist das Leben deswegen nicht geworden. Es wäre schön, auch ahnen zu dürfen, dass es noch nicht einmal an Sinnlosigkeit eingebüßt hat."

Petras haue Christa Wolfs Roman "nicht in seine Regiebeliebigkeitspfanne, wie er es ansonsten in zahlreichen Theatern zwischen München und Hamburg mit vielerlei Stücken zu tun pflegt", ätzt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.1.2015). "Nein, er verbeugt sich davor – so tief und so gerührt, dass ihm wenig einfällt, wie er mit der Vorlage umgehen könnte, und überdies naturgemäß aus den Augen verliert, was die Schauspieler auf der Bühne treiben." Petras begegne der zeitgeschichtlichen Dimension der Entfremdung zwischen Rita und Manfred "mit überraschender Hilflosigkeit und Verzagtheit", kapituliere "unter Einsatz von ein bisschen Regie-Kunstgewerbe" vor der historischen Komplexität der Ereignisse. "Und so bestimmt vor allem eine inhaltliche Verweigerungsstrategie seine fatal biedere Inszenierung."

"Der Inszenierungsversuch nach Christa Wolfs Erzählung kommt wie ein typischer Berliner Petras daher", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (15.1.2015). "Theater aus der Massenfabrikation, mit starkem Hörspieleinschlag." Niemand verletze sich an diesem Abend. "Himmel geteilt, Bett nicht mehr. Herz gebrochen. Na wenn schon!" Petras stelle die Menschen aus, "wie in einem Lehrstück ohne These".

"Der Balanceakt über die DDR-Grenze on the Rocks – bodenständige Markierungslinie für den geteilten Himmel – gelingt künstlerisch rundum", schreibt Stefan Grund in der Welt (16.1.2015). Zugleich werde die DDR auf Eis gelegt, die Erinnerung angetaut. Petras habe Christa Wolfs Erzählung "perfekt auf den dramatischen Kern zusammengeschmolzen". "Seine Übersetzungen in Bilder sind so punktgenau wie die Schilderungen Wolfs." Viele Fragen werfe dieser Abend auf. "Was wäre der sowjetische Trabant voller himmelblauer Trabis heute, wäre die Mauer nicht gefallen? Was Westberlin? Wer wären wir, und wer könnten wir sein?" "Nicht auszudenken", murmele der desillusionierte Berliner in Ost und West vermutlich, so Grund. "Aber nach nicht weniger fragt Petras auf der Großbaustelle Deutschland mit dieser wunderbar schlichten Text- und Bildcollage."

Kaum mehr als ein Kammerspiel, ja "Sandkastenspiel" mit Videoprojektionen ist aus Sicht von Katrin Bettina Müller von der taz (19.1.2015) vom Stoff nicht übriggeblieben. Mehr als die Bezirhungsgeschichte werde kaum erzählt. "Zwar spiegelt sich in der langsamen Entfremdung der Liebenden, wie der Aufbau ideologischen Fronten nach den Herzen junger Menschen griff; allein die Aufführung macht einen nicht satt."

Es tut sich niemand wirklich wie in dieser "Privatsoap liebesverblendeter Königskinder", urteilt Ulrike Baureithel im Freitag (27.1.2015). "Was bei Christa Wolf als Erprobungsfeld zwischen Ich-Zweifel und Skepsis gegenüber einer Idee aufgemacht und befragt wird und 1962 mit der Hoffnung auf eine innenpolitische Wende verbunden war, wirkt aus der Bühnenperspektive des Jahres 2015 wie Selbsttäuschung, das 'Vorgefühl des Paradieses' wie eine Parodie, auch wenn zumindest Jule Böwe den existenziellen Zwiespalt stimmlich und gestisch herauszuspielen versucht."

 

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