Wie die Köpfe mit uns umspringen

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 15. Januar 2015. "Ich klarinettiere ohne dieses Hilfsgestell einer Klarinette verwenden zu müssen!" Es ging Gert Jonke, der Stücktitel so gerne aus der Welt der Musik gezogen und ihr auch so manches einprägsame Sprachbild abgewonnen hat, nicht zuletzt darum, unerhörte Musik im Ohr flott zu kriegen: So sollen auch die Gäste des Herrn Diabelli "die virtuoseste der nie gehörten Lautlosigkeiten“ mitbekommen – jene Gäste, die der Fotograf zu einem ganz besonderen sommerlichen Gartenfest eingeladen hat: Es soll jenem vom Vorjahr aufs Haar gleichen, "dieselben Gesten, Blicke und Sentimentalitäten".

"Gegenwart der Erinnerung" ist die erste der beiden Erzählungen aus Gert Jonkes "Schule der Geläufigkeit" (1977). Ein Text, der Theatermenschen wohl anspringt, weil den bizarren Szenerien viel Anschaulichkeit innewohnt. Christiane Pohle, die im Grazer Schauspielhaus mit Thomas Bernhards "Untergeher" schon einmal musik-inspirierte Prosa auf die Bühne gebracht hat, macht aus Jonkes Spirale aus Wort und Ton, aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Zeit und Stillstand einen durchwachsenen Abend.

Zum Sprechen ins Dunkle
Völlig ausgeräumt und über weite Strecken fast unbeleuchtet ist die Bühne (Penelope Wehrli), durch die große Tür ganz hinten sieht man ins Helle. Dort wird der Tisch fürs Fest gedeckt, dort begrüßt man die Gäste. Eine eigenwillige Gesellschaft aus Kunst und Regionalpolitik: der Fotograf Diabelli, der Maler Waldstein, der Dichter Kalkbrenner. Der Komponist Burgmüller zweifelt von Anfang an vehement am Gelingen des Zeit-Experiments. Johanna Diabelli kann der Wiederholung des Abends durchaus etwas abgewinnen, ist die Fete im Vorjahr für sie doch mit einem ansprechenden amourösen Erlebnis ausgegangen. Für genügend Anreiz zum Small Talk in skurrilen Wendungen ist gesorgt, nicht nur wegen der Kreativität der Künstler. Der Oberbaurat, der jetzt freilich "schon alles gesagt hat", hat seinerzeit "alle Irrenhäuser der Stadt geplant und und gebaut", wo nun gerade Künstler gerne gesehen sind.

Gegenwart1 560 LupiSpuma uPhiline Bührer, Franz Xaver Zach, Gerhard Balluch, Franziska Benz © Lupi Spuma

Die Figuren kommen allein, zu zweit oder in Grüppchen nach vorne ins halbdunkle Hausinnere, um zu plaudern oder zu philosophieren, zu sprechen oder vielsagend zu schweigen. Eine bunte Szenenfolge, mehr addiert als verbunden. Schrullige Typen pusten ausgiebig Luft in Sprechblasen, andere treffen mit ein paar Wörtern jene "Weltbilder", die gleich zu Anfang beschworen wurden: Gemälde, die jeweils exakt einen Ausschnitt der Welt abdecken und dieses Segment zugleich aufs Detaillierteste wiedergeben, so dass man die Wirklichkeit und das Gemachte gar nicht mehr auseinanderhalten kann. "Auch die Wirklichkeit ist oft eine gute Erfindung", sagt einer.

Die Reproduktion der Dummheit
Wenn erst die burleske Party-Szenerie dominierte, tendiert der Abend nach der Pause zum handfest Philosophischen. Das ist zwar entschieden tiefgründiger, aber auch langwieriger. Gert Jonke (1946-2009) ging es ja ums Wesen der Zeit, um die vermeintliche Reproduktion der immer gleichen Seicht- und Dummheiten ebenso wie um ein Herausschälen dessen, was wir für bar nehmen, obwohl wir es uns eigentlich nur ausdenken. "Wie die Köpfe mit uns umspringen", das ist – in der Hauskonzert-Episode – höchst illustrativ ausgebreitet.

Wacker führt Christiane Pohle das an Typen prägnante Ensemble durch die Textflut. Der episodenhafte Abend wird immer wieder von Jonkes ironischen Pointen aufgehellt. Letztlich geht er aber etwas zähflüssig dahin, findet nicht so recht seinen Rhythmus. Die Bühnen-Düsternis und die gelegentliche Musik-Untermalung durch einen Trompeter und einen Marimba-Spieler erfordern eine gewisse Anstrengung beim Hinhören. Und gerade deshalb, weil man aufgefordert ist, dieses so genau wie möglich zu tun, wird einem klar: Gert Jonke hat sehr bewusst entschieden, eine Erzählung zu schreiben und kein Theaterstück: Es raschelt ja doch das Papier.

Gegenwart der Erinnerung
nach der Erzählung von Gert Jonke
Textfassung von Christiane Pohle und Malte Ubenauf
Regie: Christiane Pohle, Raum und Kostüme: Penelope Wehrli, Komposition: Gerriet K. Sharma, Dramaturgie: Christian Mayer.
Mit: Sebastian Reiß, Christoph Rothenbuchner, Philine Bührer, Florian Köhler, Thomas Frank, Franz Xaver Zach, Gerhard Balluch, Franziska Benz.
Musiker: Lukas Hirzberger (Trompete), Matthias Frank (Marimba).
Dauer: Zwei Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau

Seine zweieinhalb Stunden fülle das dichte Sprachspiel voll aus, schreibt Colette M. Schmidt im Wiener Standard (17.1.2015), berichtet aber auch von vielen, die bereits in der Pause gegangen sind. Das gesamte Ensemble geht dem Eindruck der Kritikerin liebevoll mit dem Text um. Die Regisseurin lasse sich nicht hetzen. Von unterhaltsamen Szenen berichtet die Kritikerin auch.

"Christiane Pohle hat im Grazer Schauspielhaus fulminant Gert Jonkes Festspiel 'Gegenwart der Erinnerung' bearbeitet und inszeniert", schreibt Barbara Petsch in der Wiener Presse (17.1.2015). Auch die Schauspieler hätten das "fantasievolle Werk, das zwischen Realität und Imagination, Satire und Lyrik, Naturwissenschaft und Kunst hin und her hüpft, in bewundernswerter Weise einstudiert." Ihr Fazit: "Ein großer Abend im Grazer Schauspielhaus."

Es sei für das Publikum nicht immer nachvollziehbar, wann und wo der Autor auf das Vergangene und wann er auf das gegenwärtige Geschehen zugreife, so Andreas Stangl in der Kleinen Zeitung (17.1.2015). "Alles zerfließt und verschwimmt in Jonkes wunderbar kafkaesker, klarer Kunstsprache." Die Abstraktion der Realität werde von Wehrlis "nüchterner und klarer Bühnengestaltung optisch unterstrichen. Auch die dezente, von Gerriet K. Sharma komponierte Theatermusik entzieht sich unauffällig jeder billigen Plakativität und erfüllt damit den von Jonke beabsichtigten musikalischen Bezug."

 

 
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