Krepieren muss die Welt!

von Michael Stadler

München, 15. Januar 2015. Ein bisschen Viech kann nie schaden, erst recht im Theater des Frank Castorf nicht. Einen wie Baal, der auf seiner hemmungslosen Glückssuche beständig säuft, frisst und die Weiber, sogar seine wahre Liebe, Ekart, verschleißt, kann man getrost als Schwein bezeichnen. Also ist gleich mal ein Schwein auf der Bühne, ein lebloses, von Franz Pätzold als Ekart getragen. Neben ihm spricht Aurel Manthei als Baal beruhigend textgetreu einen Ausschnitt aus dem Stück, bevor der Vietnam-Krieg als zweite Linie in den Prolog hineingesampelt wird. Andrea Wenzl macht als Perücken-Blondine das Eingangs-Trio perfekt, um sich im Lauf eines nicht unbedingt klar verständlichen Sprechfeuers als würdiger Neuzugang im Céline-erprobten Castorf-Team des Residenztheaters zu erweisen. Tempo, Exzess, aber bitte sofort.

Saumäßige Moral

Das Schwein erleidet im weiteren Verlauf der Dinge ein eher bemitleidenswertes Schicksal: Aurel Manthei benutzt es zur schnellen Triebabfuhr, obwohl Bibiana Beglau ihm bereits Blowjob-beschäftigt an der Hose hängt. Dann, aber vielleicht ist das auch schon ein anderes Schwein, wird es als Braten angeschnitten und verteilt. Ein ähnliches Schicksal droht auch Baal später mit seinem Kumpel Ekart: Beide stürzen sich auf eine weiß gedeckte Tafel, Hosen runter, es wird gevögelt, und die restlichen Gäste machen sich messerbewaffnet an den heftig kopulierenden Männerspeck ran. Bon Appetit, wünscht Castorf.

baal 560 thomasaurin uImperialistischer Expansionsdrang = Penetrationsdrang?  © Thomas Aurin
Was sich einem appetitlich darbietet, möchte man sich einverleiben, so könnte man den Bogen zum Expansionsdrang nicht nur einstiger Kolonialmächte schlagen, deren saumäßige Unmoral Jean-Paul Sartre in seinem Vorwort zu Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde" angeprangert hat. Sartres Text hat seinen großen Auftritt im letzten Viertel des Abends, dient aber offenbar als Grundierung für die gesamte "Baal"-Schau. Castorf setzt darin seine traurig-wütende Auseinandersetzung mit den Gräueln der Kriege und den darunter pochenden Herzen der Finsternis – nun mit eisern didaktischem Willen – fort.

Bertolt Brecht hat die erste Version des Stücks zwischen April und Juli 1918 unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs verfasst. Doch in der Beziehung Baals zu Ekart steckt auch ein Echo der Liaison der Dichter Rimbaud und Verlaine, wobei Rimbaud schon bei den Aufständen der Pariser Kommune 1871 mitmischte. Die Revolution, blutig niedergeschlagen, pumpte frische dunkle Energie in Rimbauds Verse. "Krepieren muss die Welt, so wie sie heute läuft. Das ist der wahre Fortschritt", heißt es im Rimbaud-bis-Brecht-trunkenen Rezitationsfluss der Inszenierung. Castorf konzentriert sich auf die Lyrik und pfeift auf die eh schwache Dramaturgie der Vorlage, an der Brecht zeitlebens bastelte, um zuletzt tiefstapelnd zu warnen, dass das Stück keine Weisheit habe.

"Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen!"

Der Weltuntergang naht, keine Frage, aber ein bisschen Spaß muss sein, gerade, weil Aleksandar Denic erneut eine seiner fulminanten Drehbühnenlandschaften ins Resi hochgestapelt hat: eine Spielwiese für die Spielwütigen und das übliche Kamerateam, detailverliebt und dieses Mal von Kopf bis Fuß auf Vietnamkrieg eingestellt. Hier ein Bambuskäfig für all die Kriegs-und-Leidenschaftsgefangenen, dort eine träumerische Pagode, aus der Bibiana Beglau weißgesichtig irgendwo zwischen Geisha und Glücks-Buddha hervorschießen kann. Die Monstrosität der Kriegsmaschinerie offenbart sich in Form eines waschechten Helikopters, dessen beide Rotorblätter weit und regungslos in den Raum ragen.
Geflogen wird nicht, dafür gesurft. Aurel Manthei und Franz Pätzold reiten mit ihren Brettern ins Wellen-Video und haben Zeilen aus Coppolas "Apocalypse Now" intus: die Strandszene mit dem berühmten Spruch "Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen". Die Amis wollen sich eben vom Krieg nicht den Fun versauen lassen.

baal4 560 thomasaurin uApokalypse Wow! am Münchner Max-Joseph-Platz. © Thomas Aurin

Castorf hat Coppolas "Apocalypse Now Redux" gesehen und lässt die nur in diesem Director's Cut enthaltene Plantagen-Sequenz eine gefühlte Ewigkeit lang nachspielen. Dabei werden die Darsteller auf die Filmbilder projiziert, die Dialoge erst parallel gesprochen, dann im Voraus: Na also, das Theater darf das Kino auch mal überholen. "In dir wohnen zwei Seelen: eine die tötet und eine die liebt", meint die französische Witwe, wenn sie den Ami Martin Sheen verführt. Castorf lässt den Satz im Loop laufen, wohl, weil er so schön faustisch klingt und als Kitsch-Essenz zu "Baal" passt.

Geschichtsstunde(n) mit Frank Castorf

Die Endlosschleife gehört zum Exzess dazu, und mittlerweile lässt sich auch das Münchner Publikum mit einer gewissen Freude von Castorf bis zur Müdigkeit unterhalten. Und es macht Spaß. Doch mögen die Darsteller den Text noch so herauskatapultieren und sich busengrapschend, knutschend, vögelnd in die Baalsche Vitalität schmeißen – ein schauspielerisches Highlight ergibt sich dieses Mal nicht. Selbst nicht beim entfesselten Franz Pätzold und auch nicht bei Bibiana Beglau, die für ihre Verhältnisse wenig in Erscheinung tritt. The Doors und andere auf der Soundspur treiben an, und es ist witzig, wenn die chinesische Opernsängerin Hong Mei, eine von Baals Girls, beharrlich die Arie Un bel di vedremo aus Puccinis "Madame Butterfly" singt, als ob sie uns die Kolonialfantasie der Geisha, die sehnsüchtig auf ihren US-Gatten wartet, mit gesanglicher Impertinenz heimzahlen will.

baal6 560 thomasaurin uDer Tod ist überall, und er sieht aus wie Napalm.  © Thomas Aurin

Manche Rechnungen sind noch offen: Im letzten Viertel, wenn Baal und Vietnam fast vergessen sind, speit Bibiana Beglau Sartres Vorwort ins Publikum. Frankreich ist heute eine Neurose. Und: "Ihr wisst genau, dass wir Ausbeuter sind." Meinte Sartre 1961. Dann fliegen die Darsteller wie Glücksdrache Fuchur durch die Bilder eines Paris-Image-Films: Notre-Dame, der Eiffelturm. Eine Pracht. Attentate und Kriege haben Ursachen – sollte man nicht vergessen. Die Geschichte lehrt es und Castorf auch.

Baal ringt noch mit Ekart auf dem Helikopter, ziemlich lange. Der letzte "Baal"-Satz fällt: "Ich horche noch auf den Regen", sagt er. Und dann geht's ein bisserl weiter, bis sie nicht mehr weiter wissen. Viertelstunde vor Mitternacht. Ein paar Sitze schon leer. Aber guter Applaus. So schnell wird man zum Münchner Mainstream.

 

Baal
von Bertolt Brecht
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Gerrit Jurda, Live-Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Hong Mei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Jürgen Stössinger, Andrea Wenzl.
Dauer: 4 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Letzte Stationen auf Castorfs Reise durch die Finsternis des Abendlandes: Kaputt nach Malaparte an der Berliner Volksbühne, Reise ans Ende der Nacht nach Céline in München (Oktober 2013).

 

Kritikenrundschau

"Das beste ist das Bühnenbild", schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.1.2015). Es sei "hässlich, aufgeblasen, angeberisch. Eine gigantische Installation, die sich den ganzen Abend über spreizen und gorillahaft auf die Brust trommeln wird." Doch das Bühnenbild von Aleksandar Denić erweist sich aus Kritikersicht im Laufe dieses aufgeblasenen und angeberischen Abends auch als durchdacht und funktional. Es wisse "zu überraschen, weiß, was es will – und kann, was es will. Das ist mehr, als sich vom Rest sagen lässt". "Die Schauspieler brüllen, stolpern, rammeln", gibt Spiegel zu Protokoll. "Die Videoeinspielungen sind endlos und willkürlich". Wenn nichts mehr gehe, werde die Drehbühne in Bewegung gesetzt. "Nach der Pause fällt die Inszenierung matt und müde in sich zusammen, verläppert aber noch zwei endlose Stunden lang. So stirbt sie denselben Tod, den Brecht für seinen Baal vorgesehen hatte: langsam und qualvoll."

Die Überraschung bei Castorfs "Baal" sei, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (17.1.2015), "eine irisierende Zärtlichkeit". Aurel Manthei spiele den Baal, "ein Kerl, ein viriles Viech", der durchaus herumberserkere. "Aber: Dem Wüten wohnt im Kern eine verzweifelte Suche inne, es ist nur die Schauseite einer wehen Seele. Baal liebt und tötet, tötet auch sich selbst, zumindest balanciert er am Rande der Auslöschung des eigenen Ichs entlang. Weil er es nicht aushält, das Leben, die Menschen, sich selbst. Und dann findet Manthei immer wieder zu einer Stille, in der er herzzerreißend liebevoll werden kann, zärtlich gegenüber Ekart, dem in Gestalt von Franz Pätzold so schönen Gefährten der Nacht, oder auch zu dem Mädchen Johanna oder dem Mädchen Sophie".

"Kapitalismus hin, Kolonialismus her: 'Castorf' ist schon seit Jahrzehnten ein Markenzeichen wie Coca-Cola", schreibt Mathias Hejny in der Münchner Abendzeitung (17.1.2015). "Man weiß zuverlässig, was man bekommt. Und auch die Münchner 'Baal'-Übermalung des Berliner Volksbühnen-Intendanten ist überraschungsfrei bürgererschreckend mit ein paar starken Theaterbildern, der einen oder anderen voraussehbaren Provokationen und manchen Leerlauf."

Castorfs "Baal"-Lesart trägt aus Sicht von Christoph Leibold in der Sendung "Fazit" von Deutschlandradio Kultur (16.1.2015) nur bis zur Pause. Irgendwann hat er dann "das Gefühl, nur noch Variationen derselben Gedanken beizuwohnen. Das Schillernde, das an Castorfs Entwurf einer kaputten, verkommenen Welt in Célines 'Reise ans Ende der Nacht' (ebenfalls am Münchner Residenztheater) so faszinierte, vermisst man diesmal. Die Freude an den Schauspielern entschädigt aber für manchen Durchhänger."

"Brechts 'Baal'? Mitnichten", schreibt Hannes S. Macher im Donaukurier (17.1.2015). "Sondern eine reichlich konfuse und ärgerlich ausufernde Assoziationskette über den saufenden und hurenden Dichter Baal auf der Suche nach seinem ganz persönlichen Glück auf dem Niveau von Videoclips der miesesten TV-Sender. Zehn Prozent Brecht und neunzig Prozent Castorfscher Pseudoprovokation, Konfusion und Stumpfsinn. Ein in Hyperhektik mit verworrenen Bildern sich mühselig dahinschleppendes Martyrium für Theaterbesucher, die im Bayerischen Staatsschauspiel eigentlich gehaltvolle Stücke in einer klugen Inszenierung sehen wollen."

"Keine Operation, keine Provokation, kein Erkenntnisgewinn an diesem Abend," schreibt Michael Schleicher im Münchner Merkur (17.1.2015). Das sei schade für die wunderbaren Darsteller um Aurel Manthei, Franz Pätzold, Bibiana Beglau und Andrea Wenzl, "die sich einen Wolf spielen. Vergeblich. Die Inszenierung läuft ins Leere, pendelt laut, doch nichtssagend zwischen Räucherstäbchen und Redundanz, Wasserbecken und Wackel-Kamera, Perücken und Petting, Düsternis und Dampf. Es hätte eine Reise ins 'Herz der Finsternis' werden sollen, Castorfs 'Apocalypse Now"'. Es wurde: 'Und täglich grüßt das Murmeltier'. Nur ohne Witz. Langweilig."

Baal ist in München Franzose, und Castorf klopfe sich in einem Interview völlig zu Recht auf die Schulter, er habe bei seiner dramaturgischen Konzeption geradezu "seherische Qualitäten" bewiesen, schreibt Matthias Heine in der Welt (21.1.2015). "Die Aufführung wirkt nun wie ein Kommentar zu den Ereignissen in Paris." In der Inszenierung gehe es darum, wie die koloniale Gewalt auf die Kolonisten zurückschlage. "Das faszinierende, schwer zu packende intellektuelle Irrlicht Castorf belästigt uns aber selbstverständlich nicht mit einfachen Erklärungen der Art, dass der Terrorismus die gerechte Strafe für den Kolonialismus sei." Seine Sympathie sei dann doch zu eindeutig beim Dichter-Musiker-Paar Baal und Eckart und ihrer Sophie (in der die zahlreichen Frauengestalten aus Brechts Stück verschmelzen), für die der Dschungel Vietnams Kulisse einer Reise in die Abgründe ihrer Sexualität und ihrer Todessehnsucht wird." Castorf sei "ins Unterbewusstsein des Brecht-Stückes" gereist und habe dort über Rimbaud und Verlaine die Frankreich-Verbindung entdeckt."

Castorf müsse kein "Je (ne) suis (pas) Charlie"-Plakat zeigen, um klarzumachen, was er sagen will, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (22.1.2015): "dass der Krieg in Vietnam unter anderem hier begonnen habe und dass, was Paris jetzt erleidet, eine Antwort sei – der Rückstoß früherer kolonialer Schläge". Das sei der Ehrgeiz des "uferlosen Historikers Castorf": "Unter jedem Film verbirgt sich ein tieferer Film, und jede Geschichte verzweigt sich in hundert Vorgeschichten." Gegen Ende falle im Bühnengetümmel "der Satz, der den Abend zusammenfasst", so Kümmel: "Eine Geschichte, die man versteht, ist nur schlecht erzählt." So gesehen, sei Castorf "einer unserer größten Erzähler".

Bereits mit Blick auf die Suhrkamp-Klage gegen diese Inszenierung rezensiert Peter Laudenbach sie für den Berliner Tagesspiegel (1.2.2015). Er sah in München "die atmosphärisch dichteste Castorf-Inszenierung seit Jahren". Castorf "parallelisiert die narzisstischen Räusche des Extrem-Hedonisten Baal mit den drogenbeschleunigten Revolten der Hippies der sechziger Jahre", und zeige mit Anleihen an "Apocalypse Now" Baal als "GI auf LSD, der im Dschungel Hendrix hört". Den Suhrkamp-Urheberrechtsansprüchen entgegnet der Kritiker: "Man kann Castorf vieles vorwerfen – nicht aber, dass er Brechts Radikalität durch gedankenfaule Traditionspflege verraten hätte."

Anlässlich des Gastspiels von "Baal" beim Berliner Theatertreffen im Mai jubelt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (18.5.2015): "Ein grandioser Abend! Castorf steckt mit einer Inszenierung eine ganze Theatersaison in die Tasche! Man möchte einziehen in diese Inszenierung, sie bewohnen und ergründen, sich nötigenfalls auch wecken und verletzen lassen und vielleicht auch draufgehen! Weg mit den Rücksichten! Auf in den Krieg! Her mit dem Sex und dem Fleisch und der Kunst und dem Tod!"

 

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