Im Weltenwahnsinn

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 18. Januar 2015. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so töricht sein kann, sich zu erschießen." Wäre ja auch ein Wunder, wenn der gefühlskalte, skrupellose Albert das verstünde. Werthers bis zum Hals bewaffneter Konkurrent in Sachen Liebe knallt, während er's spricht, ganz nebenbei Elefanten, Kängurus und allerlei seltsames Gefieder ab (gespielt vom skurril kostümierten Ensemble). Werther steckt sich die Waffe lieber in den eigenen Mund: Das bisschen Verstand, das ein Mensch habe, zählt eben wenig, "wenn Leidenschaft wütet und die Grenzen der Menschheit einen drängen".

In Simon Solbergs Bühnenadaption der "Leiden des jungen Werther", die jetzt im Schauspielhaus Stuttgart Premiere hatte, wird das berühmte Gespräch über den Selbstmord während einer Safari geführt. Die Welt des Werther hat sich gegenüber Goethes Briefroman eben geweitet. Nicht mehr Wahlheim und seine naturschwangere Peripherie sind Anziehungspunkt, sondern die ganze Welt steht Werther offen. Wir sind ja so mobil.werther 560 ju ostkreuz uWie kann man bloß auf die Vernunft hören? Ole Lagerpusch, Hanna Plaß, Julischka Eichel,
Gunnar Teubert © JU_Ostkreuz

Werthers Liebe zu "einfachen" Menschen und wilder Natur treibt ihn an den weltweit letzten Flecken unberührter Natur: Laut Programmheft liege der "irgendwo zwischen dem Kongo und Amazonien". Auf Lotte und Albert trifft Werther also inmitten indigener Völker. Und zumindest in körperlicher Hinsicht findet Werther hier emotionale Ventile. Es wird heftig getanzt, Körper an Körper, Rhythmus und Bewegung versetzen in Trance. Das behält Werther den ganzen Abend bei, dieses immer wieder ekstatische Herumhüpfen.

Vom Büro hinaus in die große Welt

Der Abend beginnt aber in einem sterilen Großraumbüro, in dem der Todesfall Werther rekapituliert wird: Ein kriminalistisches Forscherteam untersucht allerlei nummerierte Indizien, Zeugenaussagen und Briefdokumente und stellt den Selbsttötungsakt nach. Die Rollen werden verteilt. Werthers Emotionen sind in dieser kühlen, rationalen, grauen Arbeitswelt ein Unikum, etwas Befremdliches. Man macht sich lustig darüber: Spielt Werthers Suizid als Comedy inklusive albernem Geräuschemachen und Fratzenschneiden. Den Werther übernimmt der Büro-Nerd. "Wer klopft denn da?" "Mein Herz", sagt Werther. Es hüpft in Gestalt eines kleinen Mädchens aus einer Schublade und wird den ganzen Abend auf der Bühne herumwuseln. Die Wände des Büros werden derweil zu eng, die Topfpflanzen wollen Natur nicht mehr ersetzen. Der Raum öffnet sich. Werthers Geschichte wird mehr und mehr real bei aller Fiktion.

Bei Goethe erlebt Werther zunächst seine innere Befreiung in religiösen Naturgefühlen und seiner schwärmerischen, unbedingten Liebe zu Lotte, was aber angesichts der bürgerlichen Verhältnisse, in denen er leben muss, in Unfreiheit umschlägt und ihm derart zur Fessel wird, dass nur der Tod ihn erlösen kann. Solberg findet Parallelen zur heutigen Zeit: Werthers stürmisches Herz würde auch in unsere Gesellschaft an seine Grenzen stoßen. Emotionen seien aus ökonomischen Gründen aus der Arbeitswelt verbannt. Ergo entfremdet, isoliert sich Werther von der Gesellschaft, deren Ethos auf Arbeit und Leistung und auf Konsum basiert.

Monologe und packende Bilder

Werther flieht vor seiner Liebe: In irgendeinen Krieg, in irgendeine Armee dieser Welt. Auf der Bühne blitzt und qualmt und donnert es mächtig. Per Videoleinwand werden Bundeswehr-Werbevideos und reale Kriegsszenerien zugespielt. Das kleine Herz verzieht sich in die Musikerecke. Hier sorgt der phänomenale Sven Kaiser an seinen Tasteninstrumenten mit allerlei Zitaten aus Pop und Klassik für die emotionale Unterfütterung des Abends.

Solbergs "Werther" zieht von Anfang an in Bann. Werthers dramatische Verzweiflungsmonologe implantiert Solberg in packende Bilder, etwa wenn der blutbesudelte, verschwitzte Werther inmitten des Kriegsgemetzels in die Videokamera skandiert: "Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen Grabes." Das sitzt. Oder in Sachen Naturzerstörung: Projektionen verwandeln die Bühne in einen Urwald. Zack, Explosionen und tösende Motorsägen hinterlassen eine kahle, finstere Ödnis. Die Welt am Abgrund.

Goethes emphatisch rhythmisierte Gefühlsprosa lässt Solberg weitgehend unbeschädigt. Ole Lagerpusch spielt den Werther: in einer elektrisierenden Mischung aus Verzweiflung, Ekstase, nerdiger Schrägheit und kindlicher Naivität. Aber so manche seiner Aussagen landet auch im Munde der anderen Ensemblemitglieder: Werther als gesellschaftliches Phänomen. "Diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle!" – das empfinden auch andere. 

Alberts Vernunft, Lottes Status, Werthers Herz

Keine Frage. Werther ist einer von uns. Wie auch Albert (Gunnar Teuber): Bei Goethe ein bürgerlicher Lebensrationalist, jetzt ein kapitalistischer Profiteur, der Wälder abholzt und Kriege aus wirtschaftlichen Gründen führt. Um dann eine Albert-Stiftung zu gründen. Und Lotte? Keine Courage, um Sicherheit und Status aufs Spiel zu setzen. Dafür Verzicht auf das, was möglich wäre. Damals wie heute. Ihr schlechtes Gewissen beruhigt Lotte (Julischka Eichel) durch Arbeit für "Brot für die Welt". Klar, fasziniert ist sie schon von Werther, der seine Gefühle ohne Rücksicht auf Verluste lebt. Aber er scheint ihr auch bedrohlich. Und überhaupt: Gefühle lassen sich doch am besten in bekannten Popsongs ausdrücken, im Duett "If I needed you, if you needed me" etwa. Wenigstens das versteht Lotte. 

Wie kann man bloß auf die Vernunft hören, wenn das Herz spricht? Für Werther ein Unding. Das Herz hat die Macht über ihn. Bei Solberg ganz bildlich: Da ist das kleine Herz plötzlich ganz groß und springt Werther auf den Rücken, dass er fast erstickt. Das Ende kennt man ja. Und wohin geht's nun mit der Welt? Solberg will uns keine Antwort geben. Aber vielversprechend sind die Aussichten nicht.

 

Die Leiden des jungen Werther
nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Simon Solberg, Bühne und Kostüme: Maike Storf, Christina Schmitt, Video: Joscha Sliwinski, Musik: Sven Kaiser, Dramaturgie: Anna Haas.
Mit: Ole Lagerpusch, Julischka Eichel, Gunnar Teuber, Hanna Plaß, Matti Krause, Sven Kaiser, Emma Oberpaur/Anna Gesche.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

Aus dem Schulstoff "Werther" mache Solberg einen Theaterabend, der selten einmal Schultheaterniveau erreiche, schimpft Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (20.1.2015). Er benützt Homer-Szenen höchstens, um eine Ballerei zu inszenieren mit viel Nebel, Explosionen, sich auf dem Boden wälzenden Gestalten und liest den "Werther" wie ein Teenager: "Erwachsene sind lächerlich und doof und finden die Bundeswehr gut. Werther ist verpeilt, ­Charlotte ist eine sicherheitsbedürftige Schlampine." "Platt und banal" sei das, ein "Bilder-Regiebaukasten-Gewirr", in dem es immerhin gelegentlich ein Innehalten gebe: "Momente, in denen Matti Krause oder auch Julischka Eichel Werthers Liebesnöte und Selbstvernichtungsfantasien zart spielen. Doch dann brüllt schon wieder jemand 'Neeeiiinnn', oder irgendwer rast mit Neonröhren über die Bühne. Erstaunlich, wie wenig Interesse der Regisseur am Können dieser Schauspieler zeigt."

Adrienne Braun ist in der Stuttgarter Zeitung (20.1.2015) um einiges angetaner. "Die übermütigen Einfälle nehmen den Text oft wörtlich." Immer aufgedrehter und lauter werde das zweistündige Spektakel, das Sven Kaiser versiert musikalisch untermale mit Anklängen an Wagners Walkürenritt und Michael Jackson. In diesem wilden Spektakel falle kaum auf, dass es einige dramaturgische Stolperfallen und Unschärfen gebe. Etwa lasse sich nicht im Ansatz erahnen, was Werther an Lotte sehe. "Simon Solberg ist eben auch ein Kind seiner Zeit. Er kritisiert zwar mit Werther die Zwänge der Gesellschaft, bricht deshalb aber noch lange keine Lanze für die Liebe und die Unvernunft des Herzens."

 

 
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