Haltung, trotz allem!

von Kai Krösche

Wien, 22. Januar 2015. Endlich! Endlich einmal nicht durch ein Übermaß an Ironie zerbrochenes Schulterzucktheater, endlich einmal keine gelähmte Ratlosigkeit, nur weil die Welt nun einmal eben so (komplex, undurchdringlich und widersprüchlich) ist, wie sie ist, endlich einmal Mut zur klaren politischen Haltung, obwohl – oder gerade weil – eine klare politische Haltung so schwierig, kompliziert und vorbelastet ist!

Eine Geschichte der Beherrschten verspricht die 1976 im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführte "Proletenpassion", ein über 60 Lieder umfassender Musikabend, der die Geschichte des Aufstandes gegen das System von Unterdrückern und Unterdrückten – von den Bauernaufständen über die französische Revolution hin zu den Auswüchsen der Sowjetunion – nachzeichnet und ein Geschichtsbild der sich stets wiederholenden ungleichen Verhältnisse entwirft, in dem die Reichen reich und die Armen arm bleiben. Seitdem ist der real existierende Sozialismus in den größten Teilen der Welt endgültig gescheitert, hat der westliche Kapitalismus seinen erhabenen Siegeszug gefeiert, sind auch – und vor allem – in der Kunst die großen Utopien häufig einer erstarrten Ausweglosigkeit gewichen. Und man ertappt sich ja selbst dabei, wie man beim Anblick des Bühnenbilds – zahlreichen Plakaten und Transparenten aus den letzten Jahrhunderten, die in simplen Wahrheiten die Forderung nach mehr Gleichheit in der Welt in selbige hinausschreien –, merkt, dass man ja auch keine Lösung parat hat (die Forderung "Bedingungsloses Grundeinkommen" wirkt da noch am klarsten, weil greifbarsten und – je nach Ansatz – mit unserer aktuellen Gesellschaftsform kompatibelsten).

Die Hoffnung in Reinform
Aber dann beginnen die drei Frauen und sechs Männer auf der Bühne mit der Darbietung dieser "Proletenpassion", führen wild durcheinander und von der einen in die andere Rolle schlüpfend historische Ereignisse vor, singen dabei in eingängigen Melodien und treibenden Rhythmen von aufrührerischen Bauern, ratlosen Kapitalisten, die sich dem Faschismus anbiedern, oder aber der heimlichen Rückkehr Lenins nach Russland. Ein anfangs noch witziges, musikalisches Zwiegespräch zwischen den Industriegiganten Thyssen und Krupp, die über ihren Umgang mit den Faschisten beraten, eskaliert binnen kurzer Zeit in ein von einem der Kapitalisten regimetreu hervorgebrülltes "Heil Hitler", und der nationalsozialistische "Führer" selbst, in schnarrendem Ton verkörpert von Claudia Kottal, beklagt sich in "Hitlers Blues" über die harte Wartezeit und seinen genialen Einfall, wie er diese beschleunigen könnte ("Dabei hätt ich ein herrliches / Beinah unentbehrliches / Programm beisamm' / Es ist genial: / An 'national' / Häng ich hinten 'sozialistisch' an"). Überspitzt sind sie, die Gutsherren und Kapitalisten und "Führer"; sicher ist das vereinfacht und wird der Vielschichtigkeit der Welt nicht gerecht. Aber ist nicht auch die Karikatur, wenn sie sich gegen Protagonisten oder (tatsächliche oder dafür missbrauchte) Symbole der Unterdrückung richtet, eines der legitimen Ausdrucksmittel einer freiheitlichen Weltanschauung?

prolentenpassion2 560 yasmina haddad uWas alles nochmal gesagt werden sollte: "Proletenpassion" reloaded
© Yasmina Haddad

Über die zweieinhalb Stunden des Abends werden wir Zeuge einer kollektiven Erfahrung zwischen Darstellern und Musikern, die immer wieder in den Dialog treten, das eigene Tun hinterfragen und sich gegenseitig kommentieren, schließlich wieder in den gemeinsam vorgetragenen Liedern in immer wieder wechselnden Konstellation singen und mit Klavier, Synthesizern, Gitarren und Schlagzeug musizieren; mit einer stetigen Leichtigkeit wird gejagt, gekämpft und gestritten auf der Bühne, dass es zum Teil nur so kracht (der aus den Pappverpackungen diverser Konsumgüter auf der Bühne aufgestellte Schriftzug "REVOLUTION" ist schon nach den ersten Minuten nur mehr unvollständig). Das ist alles handwerklich und ästhetisch nicht immer perfekt, das klingt auch mal schief oder schrill, zu leise oder zu laut, aber es strömt von der Bühne mit Kraft und Leidenschaft und Humor, ohne dabei die explizit und implizit besungene Forderung nach und Hoffnung auf eine bessere Welt durch falsche Ironisierung oder feige Distanzierung zu denunzieren.

Der Markt als falscher Menschenfreund
Schließlich, kurz vor Ende, kommt (noch einmal) "der Markt" zu Wort: Bernhard Dechant zeichnet ihn als verschüchterten Weichling, der sich nervös für seine Verfehlungen rechtfertigt und nun verschämt den Wohlstand für alle predigt. Wir kennen diesen Markt, der den meisten von uns ein trockenes Dach über dem Kopf, einen vollen Bauch und außerdem ein Handy, einen Laptop und Fernseher gönnt – und nicht wenigen noch einiges mehr. Aufgefordert, ruhig zu sein, mit Widerspruch konfrontiert, windet er sich heraus, stottert immer weitere Zugeständnisse hervor, bemüht sich als Menschenfreund, gestikuliert beschwichtigend, ohne zu überzeugen. Bis er sich im Prinzip selbst abschafft, um, endgültig wieder aus der Rolle gefallen, mit den anderen das Schlusslied anzustimmen.

Und am Ende johlt und klatscht und trampelt das Publikum begeistert, und ja, klar, nachher geht trotzdem nicht der Aufstand los, werden keine Häuser besetzt vom erregten Premierenpublikum, werden nicht die (Selbst-)Ausbeutung, Unterdrückung und ungleichen Verhältnisse in unserer Gesellschaft plötzlich abgeschafft; und sicher könnte man sagen, dass hier ja ohnehin nur wieder Theater von Gleichgesinnten für Gleichgesinnte gemacht wurde, dass im Premierenpublikum doch sowieso nur überwiegend linke Künstler, Kunstinteressierte undsoweiter sitzen und die Welt jetzt ja nicht plötzlich wegen eines Liederabends weniger komplex ist etc. etc. – aber darum geht's doch nicht! Worum es geht, ist das Bekenntnis, das Aussprechen und Ausformulieren einer anderen Möglichkeit; ein Tropfen auf den heißen Stein vielleicht, eine Regung, ein Anstoß nur. Aber wie es das Schlusslied sagt: "Wir lernen im Vorwärtsgehen." Also, auf!

Proletenpassion 2015 ff.
von Heinz R. Unger und den "Schmetterlingen"
Inszenierung: Christine Eder, Musikalische Leitung: Gustav/Knarf Rellöm, Ausstattung: Monika Rovan, Video: Philipp Haupt, Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf.
Mit: Claudia Kottal, Tim Breyvogel, Bernhard Dechant, Gustav, Elise Mory, Didi Kern, Imre Lichtenberger Bozoki, Knarf Rellöm, Oliver Stotz.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.werk-x.at

 

Kritikenrundschau

"Auf Video erzählen Schauspieler als Zeitzeugen erst ganz harmlos aus den Siebzigerjahren, allmählich kommen sie auf ihre 'Politisierung' zu sprechen, bis man versteht: Das sollen die Terroristen und Palmers-Entführer Pitsch, Gratt und Keplinger sein, und, nein, sie bereuen nicht", beschreibt Thomas Kramar in Die Presse (24.1.2015) und findet: "Ein kluges Fragezeichen, ein Widerpart zum Zeigefinger-Gestus des Stücks." Was den Abend wirklich groß mache, sei die Musik von Eva Jantschitsch und ihrer Band. "Sie ist intensiv, expressiv, ja, auch pathetisch, zugleich scheint sie dem Hörer zu sagen: Hört her, so funktioniere ich, ich lasse euch romantisch glotzen und eure Herzen revolutionär schlagen, ihr wisst das, ist es nicht trotzdem schön?" "Wir lernen im Vorwärtsgeh'n", "schon im Original ein Heuler", sei von allen Premierenbesuchern in strenger Rührung mitgesungen worden, "zumindest inwendig", so Kramar: "Noch ein Refrain, und wir hätten das Theater besetzt. Wem gehört das eigentlich?"

Die Musik von Gustav und Knarf Rellöm sei der größte Trumpf des Abends, findet auch Peter Temel im Kurier (24.1.2015). Der Sprung in die Gegenwart geschieht ihm allzu abrupt, führe vom Faschismus direkt zum Neoliberalismus. "Dass seit der 'Proletenpassion', deren Aufführungen 1976 direkt in die Arena-Besetzung mündeten, viel passiert ist, und der Realsozialismus spätestens im Jahr 1989 einen entscheidenden Dämpfer erlitt, wird nicht aufgegriffen", so Temel. "Ebenso wenig wird das Versprechen eingelöst, eine Beschäftigung mit aktuellen Protestbewegungen wie Occupy oder Gezi-Park zu bieten."

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