In der Sperrzone

von Verena Großkreutz

Pforzheim, 23. Januar 2015. Wer verlässt schon seine Heimat, seine Familie, seine Freunde freiwillig, begibt sich grundlos aufs dünne Eis der Fremde? In ein Land, dessen Sprache er nicht mächtig ist? "Ohne Sprache ist man tot", sagt die irakische Chemikerin, die mit ihrer Familie 2001 vor dem Krieg in ihrem Lande floh, "man kann gar nichts machen. Sprache ist wie die Augen, Sprache ist Sehen". Sie landete in Pforzheim. Ihre Flucht fand ein gutes Ende. Sie und ihre Familie wurden eingebürgert. "Ich wollte Sicherheit für uns. Die haben wir", sagt sie. Jeden Tag träume sie aber von Bagdad, "von Bagdad wie es früher einmal war". Jetzt ist ihre Herzensstadt zerstört.

Paten der Migranten

Das Schicksal dieser Irakerin ist eines von zehn, denen die Journalistin Anna Koktsidou in langen Gesprächen auf den Grund gegangen ist. Einwandererschicksale der letzten Jahre, die alle in Pforzheim mündeten, der 120.000-Einwohnerstadt am Nordrand des Schwarzwaldes. Und eines der vielen Einzelschicksale, die sonst in der Anonymität nackter, kalter Zahlen statischer Erhebungen eingeschmolzen werden und hinter den Begriffen "Migranten" und "Asylbewerber" verschwinden. In Pforzheim gelten 46 Prozent der Bevölkerung als Migranten oder Deutsche mit Migrationsgeschichte. Sie kamen aus der ganzen Welt.

UnsereneueStadt2 560 ChristianPaulo uPeter Christoph Scholz in "Beweisen" © Christian Paulo

Anna Koktsidou hat aus den Gesprächen mit den Flüchtlingen, aus den O-Tönen, zehn Monologe in hochdeutscher Sprache komponiert, die jetzt auf der Bühne der kleinen Spielstätte "Podium" des Pforzheimer Theaters zu hören waren – gesprochen von Mitgliedern des Schauspielensembles, sozusagen als Paten der Migranten. Ziel: "Den Flüchtlingen ein Gesicht geben."

Begegnungen ermöglichen

Der angekündigte Theaterabend fand statt im Rahmen einer Veranstaltungsreihe unter dem Motto "Unsere neue Stadt" – viele der Flüchtlinge, Migranten, Heimatlosen, Auswanderer lebten und wirkten schließlich schon ihr ganzes Leben lang in Pforzheim, ihr Leben sei Teil der "neuen" Geschichte der Stadt, so das Theater. In "Interkulturellen Salons" waren schon im Vorfeld des Theaterabends Auszüge der Monologe gelesen und von einem Fachvortrag begleitet worden. "Wir wollen uns nicht politisch positionieren, sondern Begegnungen zwischen den Neuankömmlingen und den Alt-Pforzheimern ermöglichen", so Murat Yeginer, der Theaterleiter.

Die Geschichten sind in der Tat beeindruckend: etwa jene der 20-jährigen Sudanesin, die ihr Heimatland verließ, nachdem der Bürgerkrieg in den 80er Jahren ihre Familie auseinandergerissen hatte. "Ich will frei sein, anziehen, was ich will, sprechen, mit wem ich will, meine Meinung sagen, wann ich will. Selbst aussuchen, mit wem ich zusammen sein will. Niemand darf mir etwas verbieten." Sie schaffte es, sich den deutschen Pass zu erkämpfen und selbstbewusst ihren Weg zu gehen.

Durch die Katakomben

So weit weg ist der existenzielle Druck zur Flucht auch in Deutschland nicht. Im Zentrum des Abends steht deshalb auch der Bericht einer deutschen Frau, deren Ausreiseantrag in der DDR mit langen Inhaftierungen bestraft wurde. Eingestimmt wurden die Zuschauer, indem man sie erst einmal scheinbar ziellos durch die Katakomben des Pforzheimer Theaters führte, bis sie auf der Bühne landeten, wo sie vor einem "Sperrzone"-Band erstmal warten mussten, um dann einzeln und auf Kommando endlich in den Zuschauerbereich wechseln zu dürfen – immer die scharfen Anweisungen des "Bewachungspersonals" in den Ohren. Man soll sich wie ein Flüchtling fühlen.

UnsereneueStadt4 560 ChristianPaulo uTimo Beyerling in "Verantwortung" © Christian Paulo

Aber das war es dann auch schon weitgehend mit der Inszenierung vom Theaterleiter Murat Yeginer und der Projektleiterin Katrin Wiesemann. Ansonsten: Die SchauspielerInnen stehen oder hocken auf einer kahlen, schwarzen Bühne. Sie erzählen der Reihe nach ihre Lebensgeschichten: Von den Gründen ihrer Flucht. Von Schleppern, die das gesamte Vermögen einsacken. Von Irrfahrten. Vom Verlust der Familie, von der Einsamkeit. Von der komplizierten Gesetzgebung und Bürokratie, ergo von langwierigen Asylverfahren hierzulande, vom unzumutbaren, schier endlosen, phlegmatisierenden Warten auf die Entscheidung der Behörden, von der irrsinnigen Angst vor Abschiebung.

Das Projekt scheint noch nicht ganz fertig: Manche sprechen auswendig, manche aber lesen ihren Text ab. Und das geht auf Kosten der unmittelbaren Wirkung der erzählten Schicksale. Wie elektrisierend der Abend trotz Verzicht auf eine aufwendige Ausstattung und Inszenierung sein könnte, zeigt der Schauspieler Timo Beyerling. Er spielt einen 17-Jährigen, der als verfolgter Jeside aus dem Norden des Irak, aus Kurdistan, floh und nun – geduldet – in Pforzheim Fuß zu fassen sucht. Voller Energie wendet er sich ans Publikum, sucht dessen Nähe, drängt nach vorne, bis er endlich mit der Brust das Sperrzonen-Band zerreißt wie ein Hundertmetersprinter. Seinen Argumenten kann sich jetzt niemand mehr entziehen. Ja, natürlich: Jeder hat das Recht, dort zu leben, wo er sein Glück finden kann.

 

Unsere neue Stadt
Ein Theaterprojekt von Murat Yeginer in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt Pforzheim
Text: Anna Koktsidou, Regie: Murat Yeginer und Katrin Wiesemann, Kostüme: Gesa Gröning.
Mit: Meike Anna Stock, Mario Radosin, Mathias Reiter, Joanne Gläsel, Peter Christoph Scholz, Christine Schaller, Timo Beyerling, Rashidah Aljunied, Jörg Bruckschen, Musik: Lukas Diller (Saxophon) und Klaus Dusek (Kontrabass).
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-pforzheim.de

 

Kritikenrundschau

Regisseure Murat Yeginer und Katrin Wiesemann bewiesen ebenso wie die beteiligten Schauspieler sehr viel Fingerspitzengefühl, lobt Inga Läuter in der Pforzheimer Zeitung (26.1.2015). "Wenig Bewegung, dunkel gehaltene aber eben normale Kleidung als Kostüme und eine unaufgeregte Textarbeit lassen den Lebensgeschichten den Raum, den sie brauchen." Autorin Koktsidou hätte es geschafft, die Texte auf so empathische Weise anzupacken, dass auch ohne viel Aktion auf der Bühne nicht eine Sekunde der Langeweile oder gedanklichen Abdriftens aufkomme. Die Texte machten deutlich, "dass das Verlassen seiner Heimat kein leichter Schritt ist, dass man diesen nicht geht, weil man sich etwa auf eine ungewisse Zukunft in einem Land freut, dessen Sprache man nicht spricht". Hervorragend umgesetzt findet die Rezensentin den Beginn der Inszenierung, "der den oft wirren Fluchtwegen gleich, die Zuschauer durch die Katakomben und Gänge des Theaters und schließlich vom Bühneneingang her auf ihre Plätze führt".

 

 

 
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