Heiliger Ernst, ein Kinderspiel

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 24. Januar 2015. Diese Welt ist schwarz und weiß. Auch grau, aber mehr schwarz und mehr weiß. Und alles, was glänzt, und alles, was Farbe hat, das gehört zur Welt der Kunigunde. Zur Welt der Lüge, des Truges, des Scheines also. Der gegenüber steht das Käthchen von Heilbronn. Die Tochter vom Schmied Theobald Friedeborn erblickt Friedrich Wetter Graf vom Strahl, und wie ein Blitz durchzuckt sie eine Gewissheit, der sie nicht eigentlich Ausdruck verleihen kann. Etwas bestimmt sie von da an wie eine Naturgewalt. Eben: Wetter, Blitz, und später Feuer.

Viel entpuppt, nichts erhellt

"Das Käthchen von Heilbronn" von Heinrich von Kleist zeichnet die Geschichte der Beziehung zwischen der Titelheldin und dem Grafen: Blitz, Gefolgschaft, Gericht, Rückkehr zum Vater, Rückkehr zum Grafen, der inzwischen eine Art Verlobung mit Kunigunde von Thurneck eingegangen ist. Die entpuppt sich als Lügnerin, auch was ihre Schönheit angeht. Dafür entpuppt sich das Käthchen als Tochter des Kaisers. Am Ende steht auch im Originaltext eine gar nicht so fröhliche Hochzeit. In der Inszenierung von David Bösch am Wiener Burgtheater wird sich nichts erhellt haben, und dem Käthchen winkt alles andere als ein Happy End.

Erhellen könnte sich ja nur die Welt der Lüge, des Trugs und des Scheins. Weil das Käthchen aber immer schon in der heißen Sonne der Wahrheit lebt, gibt es für sie nicht eigentlich eine Möglichkeit der Entwicklung. Wenn im Finale auf die Heirat zwischen dem Käthchen und dem Grafen vom Strahl angespielt wird, dann zögert sie. Warum? Weil plötzlich Zweifel aufkommen. Weil er nicht hält, was er versprach. Weil die Lüge, der Trug und der Schein doch auch immer schon in der heißen Sonne gedeihen. Weil jetzt wirklich wird, was vorher bloßer Gott- und Cherubim-Glaube war. Oh. Ihr ist jedenfalls nicht wohl dabei.

kaethchen 2 560 reinhard werner uVom Schicksal vereint: Sarah Viktoria Frick als Käthchen und Fabian Krüger als
Graf Wetter vom Strahl © Reinhard Werner

Sarah Viktoria Frick und Fabian Krüger lassen zumindest nie einen Zweifel aufkommen an der schlafwandlerischen Selbst-Intransparenz des Käthchens und des Grafens. Es stehen sich hier nämlich nicht unbedingt die dem Schicksal verbundene Frau und der beliebig begehrende Mann gegenüber, vielmehr erscheinen beide als Kinder, die – ganz im großen Ritterschauspiel versunken – nur eben ihren Kinderglauben verfolgen. "Mein liebes Kind", das sagt der Graf und meint, sich damit von der Welt des so naiven Käthchens zu distanzieren. Mitnichten, mitten drinnen lebt auch er. Was auch immer ihm vor die Augen kommt, es erfüllt sein ganzes Denken. Nicht das Käthchen, nicht der Graf vom Strahl besitzen jenes Maß und Ziel, jenes Verhältnisdenken der Erwachsenen. Beide machen dauernd heiligen Ernst mit ihrem Kinderglauben.

Grautöne aus dem Kinderzimmer

Was also an den Kostümen noch recht einfach scheint, das verschmiert sich mit den Figuren. Nicht hier schwarz oder weiß und dort das schillernd Ungewisse. Nicht hier Käthchen und dort die Lüge. Sondern überall die Frage nach dem Schein. Jeweils anders gestellt. David Bösch dekonstruiert zwar keine Rollenbilder, müht sich aber, die verschiedenen Töne dieser Frage in Erscheinung treten zu lassen. So wird aus dem wahnwitzig eindimensionalen Käthchen eine Figur, die neben dem Kinderglauben aller anderen Figuren sich nur in ihrer immensen Zielstrebigkeit von diesen unterschiedet.

Demgemäß kann sich an diesem Abend vielleicht auch gar nichts erhellen. Die heiße Sonne der Wahrhaftigkeit gibt es hier ohnehin nicht. Alle bleiben in dem schwarzen Bühnenkasten. Kunigunde glaubt an die Schönheit und das Geld, der Kaiser glaubt an seine kaiserlichen Lenden, die Ritter glauben an ihr Recht. Mehr und mehr Dinge türmen sich auf der Bühne. Kissen und Federn und Asche und überall Beweismittel. Das Futteral und das Bildnis und das Gift. Eine ganze Schicht Realität liegt dann da und gibt auch nur Auskunft. Kein Engel, nur die Federn. Kein Aufstieg aus der Höhle, kein Holunderbusch, kein weites freies Land. Nur schwarzer Bühnenkasten und Dinge, die noch lange nichts bezeugen müssen. Wenn dann der Kaiser erklärt, das Käthchen sei wohl doch seine Tochter, dann hängt über der Szene in goldenen Lettern das Wort "Gottesurteil". Ja, dieser Gott war vorher nur in der komödiantischen Besessenheit des Käthchens beim Finden des Futterals präsent. Doch am Ende gibt es ihn wohl gar nicht. Heiliger Ernst und Kinderglaube, das funktioniert auch ganz ohne göttlich wahrhaftigen Grund.

kaethchen 3 560 reinhard werner uIm Bildersturm: Dörte Lyssewski (Kunigunde von Thurneck) und Fabian Krüger
(Graf Wetter vom Strahl) © Reinhard Werner

Abgesehen von ein wenig Schwertkampf und einer Leder-und-Nebel-Herr-der-Ringe-Ästhetik ist der Abend weniger historisches Ritterschauspiel – wie es im Untertitel heißt – und dafür umso mehr groß. Das heißt es auch im Untertitel. Die Gefühle sind hier riesengroß. Richtige Körper, die wanken und zittern, und Stimmen, die beben, und so weiter. Das scheint uns naiv, das scheint uns eindimensionaler und selbstvergessener Kinderglaube der Figuren und des Theaters zu sein. Die Gefühle sind aber so dermaßen riesengroß, dass sich der entstehende Spott überall in fröhlichem Lachen entlädt. So ein fremdes Übermaß und so eine vermessene Zielstrebigkeit! Vorschlag für einen neuen Untertitel: Eine große historische Komödie mit unheimlich vielen Plot-Twists für ein Publikum, das sich seine eigene Vernünftigkeit im Lachen über die Naivität der Anderen unter Beweis stellen darf.


Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe
von Heinrich von Kleist
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Meentje Nielsen, Musik: Karsten Riedel, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Martin Schwab, Fabian Krüger, Hermann Scheidleder, Dörte Lyssewski, Frida-Lovisa Hamann, Falk Rockstroh, Sarah Viktoria Frick, Dietmar König, Daniel Jesch.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at



Kritikenrundschau

"Das Stück ist ein Wunder", ruft Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.1.2015) aus und fügt hinzu: "Wenn man es glaubt. Wenn man es kann." Und Regisseur David Bösch kann es in den Augen des Kritikers nicht. Statt Menschen gebe es bei Bösch "lauter Untote" zu sehen, "die hier ihr Comic-Unwesen treiben. Hier wird nicht geträumt. Hier wird klischeehaft gespukt." Die Titelheldin erscheine als "Mädchengespenst aus der Trotzkopfgasse"; um sie herum sei eine jede Figur "in einer Einmal-Haltung begraben und verbrannt". Finaler Seufzer: "Schade um das schöne Stück."

"Bösch ist wild entschlossen, Kleists Rätsel nicht zu ernst zu nehmen", schreibt Roland Pohl im Standard (26.1.2015). "Prompt setzt das Ensemble der dunklen Materie komische Glanzlichter auf. Man kann sich mit diesem 'Käthchen' glänzend unterhalten. Wie ja auch das Genie Kleist, laut Überlieferung ein linkischer Stotterer, über seine eigenen Einfälle schallend lachen konnte."

"Regisseur David Bösch, in erfolgreicher Reduzierung von Weltliteratur versiert, setzt diesmal gar nicht subtil auf Klamauk und Klamotte", berichtet Nobert Mayer in der Presse (online 25.1.2015). Und: "Es funktioniert nicht so recht. Er schüttet das Käthchen mit dem Bade aus." Bösch sei mit dem Schwert durch Kleists Fünfakter gefahren, habe viel gekürzt. Aber: "Wo will er hin, der Ritter Bösch? Seine Schläge wirken ziellos und ermüden rasch. Das Spiel mit Schein und Sein trifft nicht sehr oft."

"Bösch, eines der sorglosen Supertalente des zeitgenössischen Theaters, scheint von keiner gequält-existenzialistischen Metaphysik angekränkelt wie ein Heiner Müller, nicht von der Intensität des Rätsels beseelt wie ein Jürgen Gosch, nicht mal von gerechter Wut wie ein Claus Peymann. Sein Kleist ist elegant und witzig." So urteilt Jan Küveler in der Welt (26.1.2015). Und da Kleists Stück ja auch eine "Räuberpistole" bzw. ein "romantischer B-Movie" sei, erscheine es nur "fair, wenn Bösch mit dem Stück Achterbahn fährt, steil kürzt, 'Amphythrion' untermogelt, Ritter und Kaiser zu Schießbudenfiguren stutzt."

Die Inszenierung wisse mit dem Raum, den sie sich selber freigeschaufelt hat, nicht viel anzufangen, meint Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (27.1.2015). "Bösch hat keinen Plan, nur ein paar Ideen." Die beste sei, dass er seine Lieblingsschauspielerin Sarah Viktoria Frick als Käthchen besetzt hat. "Die spielt kein somnambul-unschuldiges Mädchen-Käthchen, sondern eine merkwürdige Kindfrau, in der auch eine Besessene steckt." Fabian Krüger als Wetter vom Strahl hingegen scheine seine Figur selbst nicht ganz ernst zu nehmen. "Er spielt sie vorsichtshalber unter ironischen Anführungszeichen." Dabei wirke er ähnlich unentschieden wie die ganze Inszenierung.

"Der deutsche Mittdreissiger David Bösch denkt, wenn er Regie führt, mit und seziert gnadenlos", schreibt Martin Lhotzky in der Neuen Zürcher Zeitung (27.1.2015). "Das kann Stücke völlig entstellen, sie in etwas eigenes, Böschiges verwandeln." In diesem Fall führe es mindestens hierzu: "Auch wer die Handlung nicht mehr ganz in Erinnerung hat, verliert nie den Faden." "Kleist-Verehrer werden zetern, Kleist-Verächter, aber auch Kleist-Neudeuter müssten zufrieden sein", so Lhotzky. Die "erstaunliche Wendung" zu Schluss – "Bösch lässt den Schauspielern Zeit, Gefühle zu entwickeln" – mache den Abend zu einem "Abgesang auf Kleists Märchen-Posse".

 

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