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Gewaltige dramatische Theodizee

von Hans-Christoph Zimmermann

Bochum, 13. April 2007. Noch ist es nicht recht ins Bewusstsein gedrungen, noch haben die Mystagogen einer neuen Wertedebatte und die Germanistikstudenten es nicht gemerkt: Roland Schimmelpfennig, der Wünschelrutengänger der Stimmungslagen in der spät- bzw. nachbürgerlichen Gesellschaft hat unter dem Übertitel "Trilogie der Tiere" eine gewaltige dramatische Theodizee verfasst.

Das Schlussstück kam bereits im Oktober 2006 am Wiener Burgtheater heraus. Nun wurde durch Elmar Goerden am Schauspielhaus Bochum der erste Teil "Der Besuch bei dem Vater" uraufgeführt. Das Mittelstück folgt im Herbst am Deutschen Theater in Berlin.

"Der Besuch bei dem Vater" ist ein Stück, das mit fast mythischer Wucht den Vater-Sohn-Konflikt in Szene setzt und dabei ganz beiläufig im Stil Tschechows beginnt. Der 60-jährige Heinrich, Anglistikprofessor, wohnt mit seiner Frau Edith und Tochter Isabel auf dem Lande. Man führt ein offenes Haus, so sind auch Marietta, Ediths Tochter aus erster Ehe sowie deren Nichte Sonja zu Gast. Im Zentrum allerdings thront Heinrich, dessen abgelebter erotischer Charme neue Nahrung erhält, wenn er mit Sonja auf die Jagd geht. Das klingt dann stark nach travestiertem Ibsen: Nicht nur, dass in diesem Jungbrunnen versehentlich auf das Ehebild von Heinrich und Edith geschossen wird, plötzlich steht auch noch Peter, Heinrichs Sohn aus erster Ehe, den er seit seiner Geburt nicht mehr gesehen hat, in der Tür.

Hier sind nur Frauen und ich!

In einer Folge aus geständnishaften Kurzszenen und verdichteten Dialogsequenzen komponiert Schimmelpfennig ein lockeres Gewebe, das sich jedoch inhaltlich immer weiter zuspitzt. Heinrichs Machtrefugium, das er Peter mit dem Satz "Hier sind nur Frauen! Nur Frauen und ich!" präsentiert hatte, beginnt zu wanken. Der Sohn schläft zunächst mit der jungen Sonja, danach mit Marietta, und auch Edith wird von einer tiefen Sehnsucht nach dem virilen Eindringling erfasst. Schimmelpfennigs Stück wirkt da zum Teil wie die Umkehrung seiner Medea-Paraphrase "Die Frau von früher" - wenn dort die frühere Geliebte auf dem einmal gegebenen Eheversprechen besteht, so nimmt hier der Sohn Rache für die einst verlassene Mutter.

Zugleich ist Peter aber Exponent eines archaischen Vater-Sohn-Dramas, wie es seit Uranos und Kronos immer wieder durchexerziert wird. Nicht zuletzt ist "Der Besuch bei dem Vater" eine Geschichte des Sündenfalls und seiner Folgen. Im dritten Teil der Trilogie treffen sich die beiden Halbgeschwister und Ex-Schauspieler Peter und Isabel in einem Versuchslabor wieder. Von hier aus zurückgedacht, erscheint die (vergebliche) Rache am Vater auch als Suche nach ihrem Platz in einer als Paradies gedeuteten Geschichte und ihrer Vertreibung daraus. Seit zehn Jahren arbeitet Heinrich an einer Übersetzung von Miltons "Paradise lost"; dem Theater, das sie engagiert, schlägt Isabel genau diesen Text als Projekt vor; und am Ende werden sie und Peter aus dem Haus getrieben, um dann im dritten Teil der Trilogie verzweifelt nach dem Punkt zu suchen, an dem "das Unglück seinen Anfang nahm". Schimmelpfennigs Trilogie ist eine dramatisierte Theodizee, in der christliche, mythische und dramengeschichtliche Einflüsse gnadenlos durch den Quirl einer wild wuchernden Autoren-Phantasie gejagt werden.

Lange Wege, flackernde Gesten

In den Bochumer Kammerspielen ist das Paradies ein Ort ohne Zentrum. Vor einer breiten Projektionswand mit schwarzweißen Wolken- und Waldbildern stehen ein paar Stühle um einen einsamen Natursteinpfeiler herum. Von den Bühnenrändern jedoch haben die Bühnenbildner Silvia Merlo und Ulf Stengl Schränke in die Seitenbühne wachsen lassen, ein Küchenbord weit in den Zuschauerraum. Die einsame Weite der Bühne allerdings dehnt Schimmelpfennigs sowieso schon parataktische Szenenreihung durch lange Auftrittswege und lassen Elmar Goerdens Inszenierung merkwürdig zerfasert erscheinen. Leichtigkeit und Eleganz gehen ihr weitgehend ab. Trotzdem gelingen ihm immer wieder durchaus eindrückliche Szenen, so wenn Peter sich bei der Vorstellungsrunde unbemerkt an Heinrichs Platz unter den Frauen stellt, wenn Edith ganz in Schwarz gekleidet von ihrem erotischen Traum mit Peter erzählt, oder in den Gesprächsrunden mit ihrem merkwürdig brodelnden Konversationston.

Verblüffenderweise sind es gerade die älteren Schauspieler, die am Ende überzeugen. Allen voran Wolfgang Hinze, der einen angejahrten Intellektuellenbeau mit flackernder Gestik hinzaubert, und die beeindruckende Susanne Barth als Edith mit brodelnd verhaltener Unzufriedenheit und jäh aufbrechender Lust. Was diese Lust allerdings auslöst, bleibt weitgehend unbestimmt: Marc Oliver Schulze spielt Peter als verschlunzt-zupackenden Youngster, dem jede erotische Ausstrahlung abgeht. Am Ende überzeugt an diesem Abend eher die Idee des Stücks als seine Umsetzung. Hoffentlich wagt sich eine Bühne - Wagners Nibelungentetralogie lässt grüßen – einmal an die Aufführung aller drei Teile in einer Spielzeit.

 

Besuch beim Vater (UA)
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Elmar Goerden, Bühne: Silvia Merlo, Ulf Stengl
Mit: Susanne Barth, Marc Oliver Schulze, Wolfgang Hinze, Manuela Alphons, Karin Moog, Veronika Nickl, Katja Uffelmann, Louisa Stroux.

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung bespricht Christopher Schmidt "Besuch bei dem Vater" gemeinsam mit einem anderen Familienstück, "Offene Türen" von Christoph Nußbaumeder, das am 5. April in Mannheim uraufgeführt worden ist. Der Vergleich fällt zu Gunsten Schimmelpfennigs aus, des elf Jahre älteren und entsprechend erprobteren Kollegen. Wo sich Nußbaumeder "mit Ölkännchen und Handhobel" an den Szenen zu schaffen mache, gehe Schimmelpfennig mit "Wünschelrute und Zauberstab" zu Werke. "Nußbaumeder verabreicht Ibsens Figuren eine Blutkonserve, damit sie als Menschen von heute lebendig werden, Schimmelpfennig saugt die Gegenwart aus, bis man erkennt, dass wir alle nur gespenstische Wiedergänger der Ibsen-Menschen sind." Interessanterweise würde sich in beiden Stücken der Konflikt allerdings nicht durch die Aussprache der Figuren lösen lassen. "Es zeigt sich, warum die Dramaturgie des 19. Jahrhunderts fürs Heute letztlich nicht taugt. Weil niemand mehr hofft, dass eine Sache schon dann gebannt ist, wenn sie benannt ist." Anders als seine Kritikerkollegen konnte Schmidt auch der Uraufführung durch Elmar Goerden einige Momente "schmerzhaft-schönen Schwebens" abgewinnen.

Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau indessen stellt rundheraus fest: "Der Text bietet einem Regisseur viele Möglichkeiten, Bochums Intendant Elmar Goerden jedoch nutzt kaum eine. Brav und bieder spult er die Szenen und Skizzen ab, fokussiert die Monologe nicht, zerreißt den Fluss mit uneleganten Blacks, in denen die Schauspieler wie im Provinztheater manchmal schnell Requisiten von der Bühne räumen." Vom Stück ist auch er betört, es sei die "große Stärke" Schimmelpfennigs, die Charaktere mal ernst, mal ironisch über Abgründen schweben zu lassen, "in die sie selbst keine allzu genauen Blicke zu werfen wagen."

Dass Schimmelpfennig, "poetisch wie psychologisch gewitzt", nicht nur seinen Tschechow, sondern auch seinen Freud kenne und zudem allerhand Seitenhiebe auf den Theaterbetrieb parat habe, fügt noch Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an. Zur Uraufführung schreibt er etwas umständlich: "Die Inszenierung von Elmar Goerden entwickelt sich denn auch nicht gelöst und selbstverständlich genug, um den letzten Rest Bemühtheit abzustreifen."