Der Sound der Kerkereinsamkeit

von Cornelia Fiedler

München, 31. Januar 2015. Das sieht schwer nach Hospitalismus aus: die Schritte schleppend, die Gesten seltsam eng, immer wieder fahren die Hände wie suchend über den kurzgeschorenen Kopf. Wenn Brigitte Hobmeier die ersten Sätze ihrer Maria Stuart spricht, monoton und leicht gehetzt, ist es Sprache gewordene Kerkereinsamkeit, was da auf der schummrigen Bühne der Kammerspiele erklingt. Logisch, denkt man, nach 19 Jahren Haft ist das wenig verwunderlich.

Doch nach einigen weiteren Minuten wird klar, die reden hier alles so! Charaktergemäß gibt es kleine Abweichungen, bei Wolfgang Preglers wohlwollendem Lord Talbot etwa erhält die Monotonie eine weiche Färbung, bei Jochen Noch als Hardliner Burleigh eine kalte Schärfe. Doch alle sprechen und agieren gleichermaßen gehemmt, wie Gefangene: Gefangen in ihrer gesellschaftlichen Position, in Machtstrukturen und religiöser Überzeugung – gefangen aber auch im Regiekonzept von Andreas Kriegenburg, das alles auf die Wirkmacht der Sprache setzt und darüber den Kontakt zum Rest der Welt verliert.

Im düsteren Würfelkabinett

Vom Gefangensein kündet bereits das Bühnenbild, das der Regisseur selbst entworfen hat. Der quadratische Raum mit hohen Wänden aus schweren, leicht versetzt gestapelten Betonwürfeln wird, allein durch den Lichtwechsel von grell zu düster, vom Hof der Königin Elisabeth zu Maria Stuarts Gefängnis. Hier hatte die englische Monarchin, Annette Paulmann im ausladenden sonnengelben Tudor-Korsettkleid, vor nunmehr 19 Jahren die schottische Königin einsperren lassen, um zu verhindern, dass die Konkurrentin Ansprüche auf Englands Thron erheben könnte. Ob im Kerker oder bei Hofe, überall stehen und schreiten schwarzgewandete Lords herum, die jeweils ihre eigene politische Agenda verfolgen und auf Schillers Humanitätsskala recht unterschiedliche Stufen einnehmen. Einig sind sich jedoch alle darin, dass so mächtige und gutaussehende Frauen wie Elisabeth und Maria ständig wahlweise beraten oder gerettet werden müssen.

mariastuart1 560 judithbuss xNun, o Ergriffenheit, bist du ganz mein: Brigitte Hobmeier als Maria Stuart (in Rot)
vor Lords und Queen Elisabeth I. (Annette Paulmann in Sonnengelb) © Judith Buss

Der Rettung Maria Stuarts hat sich unter anderem der junge Möchtegern-Held Mortimer verschrieben: Max Simonischek spielt den konvertierten Katholiken als religiösen Eiferer, der nicht einmal seine eigene Körperkraft kontrollieren kann und so Maria mehrmals fast erdrückt. In seinem Fanatismus, der fiebrigen Unberechenbarkeit sticht Mortimer mit seinen Auftritten aus dem allgemeinen, statischen Verse-Raunen etwas heraus. Unwillkürlich denkt man an die Video-Botschaften von Jugendlichen, die allen Ernstes glauben, ihr Heil im Dschihad finden zu können. Hier wird sichtbar, wie viel diese Inszenierung zu erzählen hätte, wenn sie etwas von ihrer kühlen Distanz, ihrer bildungsbürgerlichen Feierlichkeit aufgeben könnte.

Sehnsucht nach zeitloser Wucht

Parallelen zu drängenden politischen und gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit finden sich bei Schiller zuhauf: Nach einem versuchten Mordanschlag auf die Königin kann gar nicht schnell genug ein Schuldiger gefunden werden. Bereits das Gerücht, ein Franzose könne daran beteiligt gewesen sein, lässt die nationale Empörung schlagartig in nationalistische Pogromstimmung umschlagen. Drohend umkreisen die Lords den französischen Gesandten Aubespine (Vincent zur Linden), der sich nicht nur durch den grünen Anzug, sondern auch durch seine quirlige Art wohltuend von den englischen Kollegen abhebt. Die Lage könnte eskalieren, doch es bleibt bei der Andeutung.

Hier, wie auch beim lang erwarteten Zusammentreffen der beiden Königinnen oder beim finalen Schuld-Pingpong zwischen Elisabeth und ihren Beratern nach der Hinrichtung Maria Stuarts, bleibt der akkurate Vortrag letztlich wichtiger als das Spiel, die Interpretation. Über dem gesamten Abend scheint der große Wunsch zu schweben, ein Humanismus-Klassiker wie "Maria Stuart" müsse doch irgendwie für sich selbst sprechen, seine zeitlose Wucht beweisen. Nur wem? Dem eingefleischten Schiller-Fan? Wenn Theater so entschieden jede Vermittlung zwischen dem schweren klassischen Stoff und einem heutigen, möglicherweise sogar jungen Publikum verweigert, dann arbeitet es an der eigenen Musealisierung.


Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad, Licht: Jürgen Tulzer, Dramaturgie: Tobias Staab.
Mit: Walter Hess, Brigitte Hobmeier, Oliver Mallison, Jochen Noch, Annette Paulmann, Wolfgang Pregler, Max Simonischek, Edmund Telgenkämper, Vincent zur Linden.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de


Kritikenrundschau

Recht begeistert zeigt sich Sven Ricklefs in seinem Beitrag für Fazit auf Deutschlandradio (31.1.2015): Kriegenburg zeige den Konflikt zwischen zwei großen Frauen, zwei Gefangenen, eine im Kerker und eine in den Fesseln der Politik. Zwei großartige Schauspielerinnen, "Drama Queen" Hobmeier mit großer Kunst und Lust diese Kunst zu zelebrieren und Annette Paulmann als "Staatsfrau im Understatement" in großen Bildern. Eine "stark auf die Sprache reduzierte Inszenierung", ungewöhnlich für den sonsthin gerne "Körperexzentrik" inszenierenden Regisseur, der Blankvers werde wie Alltagssprache "rübergebracht", selbst das im Raum herumstehende Männerensemble stehe auf großartige Weise herum.

Völlig konträr Rosemarie Bölts auf der Seite des Deutschlandfunks (2.2.2015): Kriegenburg habe "eine sehr der Klassik verhaftete Aufführung inszeniert", bei der "die Kulisse mit ihren beeindruckenden Lichtwechseln" nicht über den Stillstand auf der Bühne hinweg täuschen könne. Der "leiernde Tonfall" der Königinnen und des "Lordesken Halskrausen-Intrigantenstadl" bei Hofe irritiere nachhaltig, das sei dem Blankvers geschuldet, der aber noch keine Inszenierung ersetze. "Pudding löffeln oder einen grünen Paradiesvogel als Französisch parlierenden Abgesandten herum hüpfen zu lassen, ist niedlich, aber lange nicht ausreichend." Eine "Vorführung gespreizter bildungsbürgerlicher Feierlichkeit".

"Die Konzentration auf die fünfhebigen Jamben ist an diesem Abend bei allen Beteiligten spürbar groß", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (2.2.2015). Bei den Darstellern führe sie an die Grenze zur Erstarrung, beim Publikum zu einer Höranstrengung. "Es nimmt sie hin: Weiß man doch, wie selten Schiller ohne die von vielen verhassten Regiemätzchen zu kriegen ist." Und so gebe es in den Kammerspielen, "man höre und staune", tatsächlich "Maria Stuart" fast ganz ohne Regie(theater). Im Retro-Look. "Aber ein Gewinn ist das nicht", so Dössel. Vor Schillers Sprache habe Kriegenburg seine sonst so effektvollen Regiewaffen gestreckt. "Es ist eine Niederlage." Er wolle das Stück über Macht, Moral und Religion, den Schlagabtausch von Argumenten für sich selbst sprechen lassen. Aber so einfach funktioniere Theater halt doch nicht. "Es braucht schon den Zugriff, eine Haltung, die szenische Verlebendigung und Vergegenwärtigung."

"Eine Leistung von wirklicher Schönheit" hat dagegen Teresa Grenzmann gesehen und schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.2.2015): Es regierten nicht die Worte, sondern nichtausgesprochene Gefühle, nichtausgetauschte Blicke, nichtausgestandene Fehden. "Man sollte meinen, so viel Nicht-Sichtbares, Nicht-Hörbares sei ein Unding für ein Theaterpublikum – das überraschende Gegenteil ist der Fall." Denn genau dort, wo das Drama zuweilen ausfranse, "weil die Figuren nicht miteinander agieren", entstehe hier die unsichtbare dichte Dynamik einer kollektiven Hilflosigkeit. "Alle sind ganz bei sich. Und der Zuschauer ist ganz bei ihnen."

Ein Satz Elisabeths sei Kriegenburg besonders wichtig: "Was will das Volk?", schreibt Mathias Hejny in der Abendzeitung München (2.2.2.105). "Der geborene Magdeburger, Jahrgang 1963, inszeniert ein Stück deutscher Geschichte mit, in der auch aktuell darüber nachgedacht wird, was eigentlich das Volk will", so Hejny. Über das Verhältnis der Herrschenden über die Beherrschten ziehe er aber eine kunstinterne Metaebene ein und stelle die Frage: "Was will das Publikum?" Die historisierend hochgeschlossenen Kostüme mit den Halskrausen, das künstliche Rezitieren und die feierliche Bewegungslosigkeit gehörten zu einem "abgefeimten Retro-Stil", der dem Volk im Parkett seine eigenen Vorstellungen einer "klassischen" Aufführungstradition um die Ohren schlagen wolle. "Dabei ging es Friedrich Schiller vermutlich um wirklich nicht mehr als 'Aventuren' in einem effektvoll gebauten Politthriller."

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