Tadellos möbliert

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. Februar 2008. In der nüchternen Schiffbauhalle hängt ein geraffter Samtvorhang, so ein richtiger roter Theatervorhang wie aus dem 19. Jahrhundert. Wenn er sich öffnet, hübsch zur Seite hin drapiert, gibt er den Blick frei auf ein elegantes russisches Intérieur der 1860er Jahre, stilecht bis auf die elektrifizierten Leuchter, mit grünem Vestibül, rotem Salon, blauem Arbeitszimmer und Turquoise-Boudoir, dazu die dahinter liegenden Zimmer, alles in Damast und getäfelt, mit Braunbärfell am Boden und ausgestopftem Pfau auf dem Guéridon, mit frischgebackenen Blini auf dem Porzellanteller und Tee aus dem Messing-Samowar. Ein tadelloses Ameublement aus Dostojewskis Zeit: die Wohnung des Generals Jepantschin.

 

Hörbuch

Man könnte sich vorstellen, in diesen Salon einzuziehen. Wie Fürst Myschkin, der "Idiot", der sich am Anfang von Dostojewskis Roman bei den Jepantschins einnistet. Doch vorher kommt noch die Souffleuse Rita von Horváth und stellt sich als Souffleuse Rita von Horváth vor; sie beginnt die ersten Seiten des Romans zu lesen und wird während des ganzen Abends erzählende und kommentierende Passagen von der Bühnenseite her dazulesen. Das hat dann ein wenig die Anmutung eines Hörbuchs.

Der Rest ist Hörbuch szenisch. Kapitel zwei bis sieben aus Dostojewskis verästeltem Roman hat Alvis Hermanis im Zürcher Schiffbau auf die Betonbühne gebracht. Wort für Wort inszeniert er die Romanhandlung, und wenn die Souffleuse liest: "Es war bereits elf, als der Fürst an der Türe des Generals läutete" (in der Übersetzung von Swetlana Geier), dann klingelt es auch schon, und Jörg Pohl als Fürst Myschkin strahlt sein bubenhaftes Lachen aus der Eingangstür und beteuert mit kindlicher Umständlichkeit, er wolle keinesfalls zur Last fallen.

Jörg Pohl stattet seinen Myschkin mit allen verfügbaren Darstellungsmitteln der Geisteskrankheit aus, Tics, zwanghafte Motorik, epileptische Anfälle, spastisches Zucken, nervös übersteigerte Sprache, stumpfe Leere, irres Gelächter – was immer. Das ist virtuos; aber nicht konzis. Es bleibt zu unbestimmt und zu zufällig, als dass es tatsächlich Wirkung entfalten könnte. Myschkin ist ja eine dieser Katalysator-Figuren, die ein Magnetfeld um sich aufbauen, auf das alle andern Figuren zustürzen und in dem sie zugrunde gehen oder sich unwiderruflich verwandeln. Der verstörte Eindringling, der in ein geschlossenes System platzt und es dauerhaft stört. Doch so weit kommt es nicht in Zürich.

... und alle Türen offen

Alvis Hermanis gelangt nicht über die naive Wiedergabe der Erzählung hinaus. Aufs Erzählen legt er das ganze Gewicht seiner Inszenierung – könnte der Abend eine Parabel über das Erzählen und mithin über das Theater selbst als Ort des Geschichtenerzählens sein? Dafür bleibt er dann doch zu wenig geformt. Jörg Pohl ist ein toller Erzähler, doch bleibt er auf sich allein gestellt; kein Regisseur weit und breit, der sein ungestümes Erzählen in eine zweite Erzählung gösse.

Es bleibt unbefriedigend. Auch weil es sich bei der Vorlage ganz klar nicht um einen dramatischen Text handelt, sondern um die Eröffnung eines weit angelegten Romans, einen Text also, der viele Türen auftut, ohne eine davon wieder zu schließen. Was Alvis Hermanis leistet, ist das Ameublement. Die historische Installation, das Tableau vivant. Das hat für sich genommen einen gewissen Zauber – man könnte sich gut vorstellen, in die Salons der Familie Jepantschin einzuziehen. Wenn man es weniger freundlich ausdrückt, ist es nichts weiter als Folklore: Dostojewski-Folklore.

 

Der Idiot. Anfang des Romans
nach Fjodor M. Dostojewski
Deutsch von Swetlana Geier
Regie: Alvis Hermanis, Bühne: Monika Pormale, Kostüme: Victoria Behr, Lichtdesign: Ginster Eheberg, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Franziska Machens, Nina Petri, Yohanna Schwertfeger, Patrizia Wapinska, Gottfried Breitfuss, Pascal Lalo, Andreas Matti, Jörg Pohl.

www.schauspielhauszuerich.ch

 

Kritikenrundschau

Alvis Hermanis habe sich von Dostojewskij zur Regung der Gefühle hinreißen lassen, kritisiert Eberhard Rathgeb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (24.2.2008) den Ansatz des Abends. Infolgedessen habe er sich wohl gedacht, "dass jene alten fürstlich-idiotischen Herzensergießungen wahrscheinlich erst dann ihre Wirkung entfalten, wenn es dazu in der fleckenlosen geschlossenen Welt des Salons kommt, die auf ihre Weise einer Heilanstalt gleicht". Denn scheinbar halte Hermanis diese Historisierung für nötig, um die Glaubwürdigkeit von Stoff und Figuren zu wahren. Rathgeb hätte sich hier mehr Mut zur "augenfälligen Aktualisierung" gewünscht, obwohl die Reaktionen des Publikums ihm auch zeigten, dass Hermanis Rechnung mit den Emotionen aufgegangen ist, also Hermanis' "Theater der Rührung" hier scheinbar doch eine Öffnung der Zuschauerseelen bewirkt oder zumindest befördert hat.

"Ganz zauberhaft", meint Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.2.2008), erzähle Hermanis den "Idioten" in hyperrealistischer Kulisse mit ebensolcher Psychologie nach. Ganz "so, wie man im Moskauer Künstlertheater um 1900 Theater und bei uns noch heute Fernsehspiele macht". Alles "wie in der guten alten Zeit". Es sei Hermanis wie intendiert gelungen, die "'Essenz' des Romans auf die Bühne" zu bringen, allerdings "um den Preis der Musealisierung". Jörg Pohl ist für den Rezensenten zwar ein "großartiger Idiot" und "Virtuose des Wahnsinns", dabei jedoch eine Spur zu übertrieben. Halter begreift diese "Ausstattungsoper" "mehr episch als dramatisch", als ein "Erzähltheater, so altmodisch, dass es schon fast wieder neu ist". So wolle man "im Ohrensessel versinken und der Suada des heiligen Narren bei einem Tässchen Tee bis ans Ende aller Tage lauschen".

Einen "unwiderstehlichen Zauber" verströmt Hermanis' "Idiot" auch für Barbara Villiger Heilig. In der Neuen Zürcher Zeitung (25.2.2008) beschreibt sie die "hingebungsvolle Mimikry" der Ausstatterin Monika Pomale: "eine Requisitenorgie, arrangiert nach Fotos aus der Epoche". Der Hyperrealismus signalisiere allerdings seine Künstlichkeit. In der Totalen sehe man "ständig alles", auch "wie artifiziell das Prozedere ist". Der Abend gehöre ganz Jörg Pohl, der den Fürsten "dezidiert pathologisch" anlege. "Bei aller Achtung vor der schauspielerischen Parforcetour" stört sich jedoch auch Villiger Heilig daran, "wie offensiv er die ‚idiotische’ Seite der Figur herauskehrt". Mit diesem "theatralischen Literaturprojekt", das man auch ein "Sehspiel" nennen könne, illustriere Hermanis den Roman lediglich. "Aber seine bedingungslose Versessenheit bei diesem Unterfangen bezwingt, betört – und verführt dazu, Jörg Pohl anzuhören, der uns als Myschkin (...) die reinste Wahrheit zumutet: menschliche Gefühle."  

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