Der eindimensionale Prinz

von Frauke Adrians

Jena, 5. Februar 2015. Ohne Hamlet wird der "Hamlet" nichts. Anders gesagt: Eine Fehlbesetzung in der Titelrolle, und der Theaterabend ist fast schon gelaufen. Diese Erkenntnis hat bereits viele Regisseure ereilt, und auch den Gebrüdern Schönecker bleibt sie am Theaterhaus Jena nicht erspart. Ihr Hauptdarsteller füllt die Rolle nicht aus; und Moritz Schöneckers Inszenierung rappelt recht tönern in der übergroßen Hamlet-Hülle.

Aus dem Hirn

Schöneckers erklärtes Ziel war es, dem Wahnsinn des Dänenprinzen auf den Grund zu gehen – wer ist hier eigentlich verrückt, einer oder die ganze Gesellschaft? - und die Geschichte sozusagen aus Hamlets Hirn heraus zu schildern. Nur merkt der Betrachter davon nichts. Was er in Jena zu sehen bekommt, ist ein geradlinig nacherzählter, biederer "Hamlet" ohne besondere Inspiration und ohne besondere Vorkommnisse – wenn man von der Besetzung der Titelrolle absieht. Yves Wüthrich, klein, kompakt, sehr grelle Stimme, beherrscht anderthalb Gesichtsausdrücke und wechselt stimmlich allenfalls zwischen Keifen und Kreischen. Sein Dänen-Prinz ist ein dauerbeleidigtes, zänkisches Kind. Hamlet, der Grübler, Hamlet, der Zauderer, Hamlet, der Melancholiker: Sie kommen nicht vor und all die anderen Hamlet-Facetten auch nicht.

hamlet 7 560 joachim dette uHinten performt Claudius (Leander Paul Gerdes), vorne probt Hamlet (Yves Wüthrich) vergeblich das Grübeln © Joachim Dette

Kleines Glück am Rande

Ein langer Theaterabend, dem die Mitte fehlt: Ein großes Vergnügen kann das nicht werden. Aber der Rest des Ensembles ist nach Kräften – und zumeist in Mehrfachrollen - bemüht, dem Publikum etwas Stimmiges und Unterhaltsames zu bieten. Das kleine Glück findet man auch hier in manch einer Nebenrolle: Johanna Berger etwa ist hervorragend als grenzenlos ehrerbietiger und ehrpusseliger Polonius, bis Hamlet den Ärmsten im Affekt erschießt und die Reste durch den Schredder schickt.

Leander Gerdes ist ein so wandlungsfähiger, glänzender und dazu auch noch übermäßig jugendlicher Stiefvater Claudius, dass man sich mehr als einmal wünscht, er möge mit Yves Wüthrich die Rollen tauschen. Benjamin Mährlein und Maciej Zera gefallen als unverwüstlich gutgelaunte Rosenkranz und Güldenstern im Golfplatz-Look sowie in diversen weiteren Rollen. Anne Greta Webers Horatio stottert sich mit Leidenschaft durch seinen wichtigen Part, und Ella Gaiser verleiht Königin Gertrud stilsicher einen Hauch mondän-dekadenter Verlebtheit. Das alles lässt sich gut ansehen und anhören. Wenn da nur ein Hamlet wäre. Er muss ja zum "Sein oder Nichtsein" nicht mal einen Schädel mitbringen; aber etwas mehr Kopf wäre schon gut.

Ein Hain und ein Kasten

Bis zum finalen Fecht-Match zwischen dem Prinzen und Laertes (Maciej Zera) muss sich das Publikum manches Überflüssige von nur mäßigem Unterhaltungswert ansehen, etwa den Topfpflanzenhain, den ständig jemand über den Haufen läuft, eine Hamlet-Nacktszene sowie diverse Nutzungsideen für den beleuchteten Glaskasten, den die Bühnenbildner Benjamin Schönecker und Veronika Bleffert auf die Bühne gestellt haben. Das Ding taugt – mehr oder minder – als Schauplatz von Sexorgien, als Dusche, als Trockeneisschwaden-Container und zum Beseitigen von Leichenteilen. Sophie Hutters zarte, aber selbstbewusste Ophelia ertrinkt hier zwischen den Topfpflanzen – nicht ganz so ästhetisch wie auf dem Gemälde von John Everett Millais – und darf zuvor, schon leicht vom Wahnsinn umjubelt, zwei schöne Songs singen; damit wären auch schon die besten Momente von Joachim Schöneckers Bühnenmusik benannt.

Am Ende, das bringt Shakespeares Stück mit sich, sind fast alle tot. Das Bedauern hält sich in Jena in Grenzen; selbst der Premierenbeifall war eher freundlich als frenetisch.

 

Hamlet
von William Shakespeare, Deutsch von August Wilhelm von Schlegel
Regie: Moritz Schönecker, Bühne und Kostüme: Benjamin Schönecker und Veronika Bleffert, Musik: Joachim Schönecker, Dramaturgie: Friederike Weidner
Mit: Yves Wüthrich, Leander Gerdes, Ella Gaiser, Johanna Berger, Sophie Hutter, Maciej Zera, Anne Greta Weber, Benjamin Mährlein, Mathias Znidarec.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

In der Ostthüringischen Zeitung (7.2.2015) schreibt Angelika Bohn, Yves Wüthrichs Hamlet sei "agil und aggressiv, ein Kind, das außer Rand und Band gerät". Dieser Hamlet sei "gegen den Strich" inszeniert wie seine Mutter als "kühle, elegante Lady", Claudius als "bös überforderter Schönling, von Kokswölkchen umweht" und andere. Die Ausstattung sei schlüssig, mit "poetischen Ideen", die Regie erzähle Hamlets Geschichte "als Krimi, Bubenstück und Lovestory". Die Inszenierung wirke "fragmentarisch", "manches bezaubert, anderes nervt, wieder anderes amüsiert." Aber man wolle unbedingt wissen, wie es weitergeht. Die Defizite in der Sprechkultur seien beklagenswert.

Frank Quilitzsch schreibt in der Thüringischen Landeszeitung (7.2.2015), es tue "weh", Yves Wüthrich zuzusehen, wie er sich als Hamlet abstrampele, ihm zuzuhören, sei auch "kein Genuss", weil er immerzu fistele oder schreie. Die ganze Angelegenheit sei offenbar vorsätzlich gegen den Strich gebürstet worden, doch werde die Tragödie immerhin so "nacherzählt, dass man bequem folgen kann". Die Inszenierung sei dabei "teils bieder, teils fantasievoll und am Ende gar furios". Allerdings hätte Quilitzsch "von den Theateravantgardisten mehr Experimentierfreude erwartet". 

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