Könige des Nichts

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 7. Februar 2015. Zunächst ist da nur der rote Samtvorhang, der sich in der Mitte ein wenig teilt. Ein Totenkopf lugt hervor. Dazu ertönt eine Stimme, die das Publikum begrüßt. Damit gehört der Anfang anders als im Stück, das erst einmal zum Ende einer Geschichte um ein dekadentes Aristokraten-Paar in den ersten Tagen und Wochen des Ersten Weltkriegs springt, dem Conférencier. Dieser schmierige Showman, der in Joël Pommerats hemmungslos durch die Zeiten springender Szenenfolge nur ein weiterer Verkäufer und Lügner unter vielen ist, wird in Hans-Ulrich Beckers deutscher Erstaufführung zum Zentrum des Geschehens.

Conférencier mit Totenschädel

Becker nimmt den Conférencier, der von sich sagt, ich "fand mich im Mittelpunkt dieses Kreises wieder, den ich unaufhörlich abgeschritten hatte", beim Wort und stellt ihn in die Mitte, um die alles andere kreisen muss. Natürlich sind die übrigen sieben Geschichten des Stücks auch schon bei Pommerat Illustrationen seiner Ideen und Variationen auf seine Versprechen. Aber sie bewahren sich eine größere Eigenständigkeit. Pommerat spielt mit Abweichungen, Becker zelebriert Gemeinsamkeiten.

Andreas Grothgars sich ständig anbiedernder, die Zuschauer zu seinen Komplizen machender Conférencier ist nicht einfach nur einer, der den Menschen ihre Haltlosigkeit als Freiheit und ihre Vereinzelung als Chance verkauft. Er trägt vielmehr von Anfang an mythische Züge. Zu Beginn mit dem Totenschädel in der Hand ist er ein feixender Wiedergänger Hamlets. Zum Schluss tritt er dann wie einst Gustaf Gründgens' Mephisto mit weißgeschminktem Gesicht und extrem hoch liegenden, scharf gezeichneten Augenbrauen auf. Mit seinem Versprechen, dass jeder sein eigener Gott werden kann, wenn er nur an sich glaubt, ist er der ewige Verführer, ein Teil der Kraft, die vielleicht sogar das Gute will, aber das Böse schafft. Nur einmal kommt so etwas wie Wahrheit über seine Lippen, als er den Metallica-Song "King Nothing" singt.

Könige des Nichts, genau das sind in Hans-Ulrich Beckers Inszenierung Pommerats Figuren: Der Adelige, der im September 1914 seinen Bediensteten verführen will, der Ritter, der 1370 an den Menschen verzweifelt, die Aristokratin, die 1901 eine neue Welt der kalten Logik propagiert, der Mann, dem 2005 zwei obdachlose Frauen in einer Parkgarage eine große Karriere garantieren, die vier Spaziergänger, die sich 2002 heillos im Wald verlieren, der Unternehmer, der 2007 zum Spielball einer Gruppe Obdachloser wird, und der Vertreter, der 2009 erfolglos eine "Universalbibel zum Erfolg" verkaufen will.

Pommerats postmodern-ironisches Spiel mit Zeiten und Geschichten wird zum großen und vor allem pathetischen Weltentwurf. Dabei greift alles perfekt ineinander. Die an sich nebeneinander stehenden Szenen und Bilder erweisen sich am Düsseldorfer Schauspielhaus als Teile einer großen Maschinerie der Zerstörung. Sie sind so beweglich wie die ständig hin und her fahrenden Wände, die in unterschiedlichen Konstellationen verschiedene Räume markieren. Zusammen mit seinem Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau hat Becker eine Welt geschaffen, die im steten Wandel ist und doch immer gleich bleibt. Alles zerfällt und setzt sich wieder neu zusammen, nur um erneut zu zerfallen.

Tableaus wie von Francis Bacon

Für Becker und sein Ensemble geht es ausschließlich ums Äußerste. So tritt Jakob Schneider als verzweifelnder Ritter nicht in Rüstung, sondern nackt auf. Hier quält sich einer bis zur Raserei mit seinem Glauben. Der nackte Jakob Schneider und der Bischof, auf dessen Schoß sich eine junge Frau räkelt und zu dessen Füßen sich das Gold stapelt, das ist eher ein Tableau von Francis Bacon als eine Szene von Joël Pommerat. An anderer Stelle rückt Becker das Stück, das den Wahnsinn der Welt und die Schwächen der Menschen eher umkreist, als sie auf den Punkt zu bringen, in die Nähe von Heiner Müllers düsteren Geschichtspanoramen. Nicht zufällig spricht Andreas Grothgar den zentralen Satz der Inszenierung, "Alles spielt sich hier ab", mit einem Blick auf den Totenkopf in seiner Hand. Ein durch und durch Müllerscher Gedanke: Die Welt als Ausgeburt eines leeren Totenschädels.

Das Pathos der Inszenierung hat seinen Reiz und seinen Zweck, etwa wenn sich Anna Kubin als vom Krieg berauschte Aristokratin in wildeste Vernichtungsphantasien versteigt. In diesem Moment offenbart sich die monströse Fratze unter den humanistischen Lügen der Privilegierten in aller Deutlichkeit. Aber in anderen Momenten erdrückt Beckers Emphase das Stück regelrecht. Wenn Michael Kamps Mann sich auf dem Boden windet, als seine kühnsten Karriereträume wahr werden, ist das einfach zu viel. Pommerats leichthändige, mit einem Augenzwinkern hingeworfene "Macbeth"-Paraphrase verlangt eher nach Witz als nach heiligem Ernst.


Kreise/Visionen
von Joël Pommerat
aus dem Französischen von Gerhard Willert
Deutsche Erstaufführung
Regie: Hans-Ulrich Becker, Bühne: Alexander Müller-Elmau, Kostüme: Stefanie Seitz, Musik: Matts Johan Leenders, Dramaturgie: Armin Breidenbach, Licht: Jean-Mario Bessière.
Mit: Andreas Grothgar, Jakob Schneider, Michael Kamp, Sven Walser, Reinhart Firchow, Katrin Hauptmann, Anna Kubin, Pia Händler, Jasper Schmitz, Oliver Sproll, Kofie Boachie / Bernardo Fallas, Karl Otto Hauptmann / Aljoscha Leonard, Tatjana Barinov / Tatiana Sacchi.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Mehr über den großen französischen Bühnendichter und Regisseur Joël Pommerat  im Theaterbrief aus Paris.
Die Uraufführung von "Kreise / Visionen" in der Regie von Joël Pommerat höchstselbst lief auf der Wiesbadener Biennale "Neue Stücke aus Europa" 2010.

 

Kritikenrundschau

Einen "flotten", "hervorragend gespielten" Abend hat Anna Brockmann gesehen und schreibt in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (8.2.2015): "Im Turbogang geht es durch Zeit und Raum, vom Mittelalter über das 20. Jahrhundert bis ins Heute, vorbei an Neppern, Schleppern, Bauernfängern, an goldenen Kälbern und Heilsversprechen. Am Ende steht man wie durchgeschüttelt da und muss erkennen: In diesem Spiel gibt’s keine Gewinner."

Max Kirschner schreibt in der Westdeutschen Zeitung (8.2.2015), bei "Kreise/Visionen" handele es sich um eine "unterhaltsame, aber nachdenkliche Zeitreisen-Collage" quer durch die letzten 700 Jahre und "ein wahres Schauspieler-Fest". Rasant schnurrten die Szenen vorüber, in denen "die Mimen" durch "temporeiche Verwandlungskunst und Spielfreude" brillierten. Am Ende des Spektakels bliebe allerdings "nicht mehr hängen" als die Erkenntnis, "dass die da oben und die da unten bleiben, jeder an seinem Platz".

In der Rheinischen Post (9.2.2015) schreibt Regina Goldlücke, eindringliche Bilder gebe es viele in der Inszenierung. Becker habe einen "eingängigen Rhythmus" gefunden, um die Reise durch das scheinbar Zusammenhanglose "spannend" zu machen. Es gehe um den "Glauben", um "Privilegien" und darum, wie sehr Arbeitslose bereit seien, sich "zu verbiegen" für den dringen benötigten Job. Das sei zunächst lustig, dann beklemmend anzusehen und jedenfalls wohl der "Wirklichkeit" "abgelauscht". Leider verliere "der Bühnenzauber" des ersten Teiles nach der Pause an Intensität. Doch "beglückend" sei die "fabelhafte Leistung" des gesamten Ensembles.

Martin Krumbholz schreibt in der Süddeutschen Zeitung (11.2.2015), "Kreise/Visionen" sei "ein Wurf". Der "zyklisch angelegte Trip durch die Zeitalter" entwickle einen "eminenten Sog", indem er das Thema Glaube "an lebensprallen Figuren exemplifiziert." In allen acht Geschichten zeige sich, was für ein "ambivalentes Ding der Glaube" sei. Dessen "spirituelle Kraft" sei durchaus spürbar, nur lasse sie sich eben nicht "für kommerzielle oder andere Interessen herunterbrechen und einfrieden". Hans-Ulrich Becker lasse in Düsseldorf ein "szenisches Feuerwerk abbrennen. Es gehe "turbulent zur Sache", schauspielerisch habe der Abend viel zu bieten: "Hinreißend" Pia Händler und Sven Walser, von "somnambuler Schönheit" Katrin Hauptmann, "brillant" Jakob Schneider.

 

 

 

 
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