Echt kruseliges Theater

von Alexander Kohlmann

Frankfurt, 8. Februar 2015. Eine Kruse-Premiere ist wie einen alten Bekannten wieder zu treffen. Es gibt kaum einen Regisseur in Deutschland, dessen Persönlichkeit so konsequent mit seiner Bühnenkunst verbunden ist, der immer wieder neu in die ewig gleiche Welt einlädt, mit unzähligen Zeichen, Versatzstücken, Puzzle-Teilen und Anspielungen, die Generationen von (Ex-)Hospitanten, Schauspielern und Kruse-Jüngern zuverlässig zu interpretieren wissen. Eine verlässliche Welt wie eine Art Kruse-Neverland, das irgendwo zwischen den sechziger und achtziger Jahren stehen geblieben ist. Ein Reich, in dem immer noch Platten gehört werden, Computer nie erfunden wurden und die Stones noch sehr viel jünger sind als heute.

Auf dem Bizarro-Boulevard

"Seid nett zu Mr. Sloane", die bizarre Farce von Joe Orton aus dem Jahre 1964, ist, das muss man zugeben, eine durch und durch "kruselige Geschichte", wie es auf der Bühne heißt. Orton beschreibt eine Art Albtraum-Version eines Douglas-Sirk-Films – oder eine Horror-Fassung von "Mad Men". Links neben der Bühne leuchtet mit Filzstift auf Pappe gekritzelt die Jahreszahl 1964, auf der rechten Seite ein gleiches Schild mit der Aufschrift 2014. Rock-Musik röhrt; hinter einem Gazevorhang funkelt es schon beim Einlass verführerisch. Das Spiel mit dem Licht, mit wenigen Scheinwerfern, die eher Schatten werfen, statt perfekt auszuleuchten, gehörte schon immer zu den Spezialdisziplinen dieses Regisseurs, der seinen Scheinwerfern gerne Namen gibt, um sie per Zuruf schon auf der Probe aufleuchten zu lassen.

sloane3 560 birgit hupfeld uVon der Lust übermannt: Kathrin (Heidi Ecks) befummelt Mr. Sloane (Manuel Harder).
© Birgit Hupfeld

Die Gaze verbirgt ein Wohnzimmer, in dem sich die scheinbar heile Welt der späten fünfziger Jahre längst in ein versponnenes Messie-Nest verwandelt hat. Mit Krempel vollgeladene Sofas, ein Schreibtisch mit Schreibmaschine, rote Tapeten und eine Treppe, die schwungvoll ins Obergeschoss führt, überall Stehlampen mit Schirmen, und alles im trüben Zwielicht. Dazwischen eine so durch und durch verdorbene Familie, dass die Gestalten von Tennessee Williams dagegen wie brave Biedermänner daherkommen. Die gealterte, aber immer noch geile Kathrin (Heidi Ecks) wartet mit immer neuen Perücken und engen Kleidern auf die Erlösung, der sie mit dem irgendwo da draußen aufgegabelten Mr. Sloane tatsächlich etwas näher kommt.

Ein echter Kerl ist dieser von Manuel Harder verführerisch in Szene gesetzte Lebemann Mr. Sloane, der sogar noch der Souffleuse Avancen macht. Harder gelingt es dabei immer irgendwie unschuldiger, unbeteiligter und charmanter rüber zu kommen als die inzestuöse Bande um ihn herum. Vor echtem Körpereinsatz scheut er nicht zurück als Kathrins Bruder Ed, gespielt vom smarten und wendigen Oliver Kraushaar sein lüsternes Zweit-Ich offenbart – jenseits des Biedermanns. Nachdem er sich ausgiebig mit einem Gel eingerieben hat, das irgendwo im Messie-Nest herumstand und von einer, die ganze Zeit im Obergeschoss ausharrenden Young Miss im weißen Kleid, liebevoll mit Federn beregnet worden ist, stürzt er sich förmlich auf den verdutzten Sloane, fällt mit ihm zum flotten Ritt in eben jenen Sessel wo eben noch Opa bzw. Papa vor sich hindämmerte.

Bilderfresser mit Filsstift

Michael Altmann spielt den misstrauischen Vater als einen fiesen, ergrauten und schlecht rasierten Hinterwäldler voller unterdrückter Aggressionen. Angesichts dieses Monsters im Sessel verzeihen wir Zuschauer dem charmanten Sloane nur allzu gerne den Mord – er erwürgt den Alten mit seiner eigenen, abgerollten und dreckigen Mullbinde. Und genau das ist der Pfiff dieses Kruse-Abends, denn diese Inszenierung ist nicht nur ein eitles Abfeiern des bekannten Wahnsinnes, sondern trotz aller Kalauer eine genaue Analyse und Auseinandersetzung mit der Fallhöhe des Orton-Textes. Wen wir für verkommen halten, das ist verdammt wandelbar und hängt entscheidend vom Umfeld ab – und mit wem wir in den Wahnsinn ziehen wollen auch.

Man könnte natürlich einwenden, dass die allzu große Geschlossenheit dieser Welt auch ein Manko ist. Oder umgekehrt größere, komplexere Stoffe für diesen Bilder-fressenden Künstler fordern, der diesmal immer wieder seine eigenen, in langen Winterabenden gezeichneten Filzstift-Kollagen auf den Bühnenwahnsinn projizieren lässt. Man kann sich aber auch einfach freuen, dass dieser unangepassteste aller Regisseure immer noch Orte zum Arbeiten findet. Heute, am 8. Februar, hat er Geburtstag: Seid nett zu Mr. Kruse!


Seid nett zu Mr. Sloane
von Joe Orton
Co-Regie: Jürgen Kruse, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Sebastian Ellrich, Dramaturgie: Hannah Schwegler.
Mit: Heidi Ecks, Michael Altmann, Manuel Harder, Oliver Kraushaar.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Gegen diesen 'Mr. Sloane' ist die 'Klimbim'-Familie (aus dem Fernsehen der 70er Jahre) ein gespielter Witz", schreibt Christoph Schütte im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.2.2015). Kruse gebe zwar dem Affen reichlich Zucker. "Wahrhaft komisch aber wird die Inszenierung durch die hochartifizielle Form, durch äußerste Präzision und Stilisierung, das Dehnen der Zeit bei gleichzeitiger Rhythmisierung und keineswegs zuletzt die gnadenlose Ironie, mit der hier Kruse aus der Distanz von 50 Jahren zurückblickt auf eine Zeit, als Sex und Drugs und Rock’n’Roll noch Schmutz und Abgrund und mithin ein wie weißes Pulver in die Luft geblasenes Versprechen waren."

Unentwegt paraphrasierten, verkalauerten die Akteure unter Kruses Regie Brigitte Landes’ Übersetzung, rauten sie lautlich auf und spitzten stenogrammartig zu, beobachtet dek in der Frankfurter Neuen Presse (9.2.2015). "Loben muss man den geschlossenen Ton der Darsteller." Ansonsten: "Sehr schnell alles, abrupt, bunt, unterhaltsam. Nicht schlecht, aber auch keine Offenbarung."

"Ein Theater von einst, das, wenn es jemals einen Sinn hatte, nichts mehr davon wissen will. Während die Darsteller total auf Draht sind", hat Judith von Sternburg gesehen und schreibt in der Frankfurter Rundschau (9.2.2015): "Ein Kontrast, dem man sich schwer entziehen kann." Der Abend sei über weite Strecken so, "als würde vom Text die Politur der Konversation, der allmählichen Annäherung an die Provokation entfernt. Als würde unverhüllt und aus dem Stand die wilde Losgelassenheit gespielt, die darunter nicht nur lauert, sondern faktisch ja zum Tragen kommt". Dabei gebe es keine Psychologie, nicht den Ansatz eines psychologischen oder meinetwegen auch gesellschaftlichen Interesses, kein Erbarmen mit den Figuren und dem Text. "Die Übersetzung von Brigitte Landes wird zelebriert und massakriert zugleich, ein impertinenter, aber doch auch entschlossener Vorgang." Durch den eine Besserwisserei, eine Wichtigtuerei entstehe, die gezielt völlig ins Leere gehe.

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