Ödnis in der Sackgassengesellschaft

 von Christian Rakow

Düsseldorf, 23. Februar 2008. Im Finale sollte einiges klar werden, denkt man, schließlich hat sich die Inszenierung hier eine kleine Freiheit herausgenommen. Da tritt der Arzt Lwow (Felix Klare), das personifizierte schlechte Gewissen unseres Helden Iwanow, auf und schmäht ihn rührig, während sich die übrige Gesellschaft ringsherum in Palaver verliert, gemäß ihres selbst gesetzten Mottos "Das ist keine Hochzeit, sondern eine Quatschbude".

Iwanow aber hat sich unbemerkt längst tot geschossen; Blut rinnt aus seiner Kopfwunde. Und ja, man möchte meinen, so könnte es kommen mit diesem Iwanow, diesem latent libidinösen Zu-Feingeist: In einer Umgebung voller Geschwätz, Schacherei und Kuppelei, deren ganzes Denken am Kredit- und Mitgifthandel klebt, kann einer schon mal lebensüberdrüssig werden.

Aber das Schlussbild, das Regisseurin Amélie Niermeyer im kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses bemüht, weist dann eher in eine andere Richtung: Wie eine Wachsfigur hockt Iwanow, und wenig mehr war er in den gut zwei Stunden Spieldauer davor.

Tristesse Fatale
Götz Schulte lässt seinen Iwanow beginnen, als wolle er ins Tele-Marketing einsteigen. "Schauen Sie sich MEIN Leben an" betont er wie in TV-Spots für Klassikereditionen mit den größten Hits der 50er, 60er und 70er: Greifen sie JETZT zu!

Tatsächlich hat die Bühnenbildnerin Stefanie Seitz dort kräftig zugegriffen: Es staubt und muffelt uns die reinste Wirtschaftswunderoptik entgegen mit Polstersesseln, Sofas und Stehlampen, die zu beiden Seiten einer geräumigen Parkettbühne platziert sind, gelegentlich auch darauf. Das historistische I-Tüpfelchen setzt ein grüner Stoffvorhang, der hin und her geschoben werden kann und eingangs für ein Versteckspiel taugt.

"Es ist öde, voll blöde", meint Schabelski (Matthias Leja), der Sarkast im Pelzmantel. Auch die Regie legt Langeweile eher als Ärgernis aus, denn als Ausdruck oder gar Effekt existenzieller Befindlichkeiten. Und so werden gegen die gefühlte und gefürchtete Tristesse fatale lediglich ein paar Spielchen aufgeboten und allerlei gewollte Bilder: Wenn Iwanow sich seiner jüngeren Geliebten zuwendet – natürlich wild knutschend (damit wir es nicht verpassen) – legt sich seine Noch-Ehefrau Anna stumm und sinnbeschwert neben die beiden.

Auch zwinkert man gern ins Publikum: "Du musst nur mal die Leute um dich herum anschauen – furchtbar". Wobei stets als gesichert gelten darf, dass sich hier niemand wirklich angegangen fühlen muss.

Energiesparer mit Schreckschusspistolen
Relativ ungeführt schlingern die Schauspieler wie Nussschalen im Wolgastrom, wechseln sie zwischen Erregung und Paralyse (die in den schlimmsten Fällen als ratloses Umherstehen auffällt). Selten wird eine Haltung für tauglich befunden, mehr als eine Minute anzudauern. Iwanow darf sich nach und nach ein wenig aufreiben bis sein offenes Hemd im letzten Akt den definitiven Dropout bezeugt.

Die Lebedews (mit dem Appeal einer Internatsdirektorin: Gabriele Köstler; nüchtern und gutmenschlich gedämpft: Michael Abendroth) erweisen sich als fähige Energiesparer, die ihre ökonomische Ader im Ausschalten der Stehlampen manifestieren.

Borkin (Markus Scheumann) begleitet seine Auftritte bevorzugt mit Schreckpistolenschüssen und gibt auch sonst ein wenig breitbeinig den Cowboy/Goldgräber. Der einzige Nicht-Anzugträger, Lwow in hoffnungsfroh hellblauer Hose, ist zu sehr damit beschäftigt seine Arme vor oder hinter seinem Körper verschränkt zu halten – quasi verdrossener Arzt im Praktikum –, als dass er Iwanow mal eine bittere Wahrheit servieren könnte.

Das bisschen Restenergie
Von Film- und Fernsehstar Christiane Paul ist zu berichten, dass sie auch mit dieser Arbeit noch nicht auf der Bühne angekommen ist. Ihre Anna (Iwanows Frau) ist kaum über die Leseprobe hinausgelangt. Das zart Entrückte der Figur besorgen ein auffallender Augenbrauenstrich und ein mitunter diabolisches Grinsen. So bleibt das bisschen Rest-Energie an diesem eigentlich auf Schauspielertheater angelegten Abend Nadine Geyersbach als junge Geliebte, Schura, vorbehalten.

Unterschwellig bebend, oft mit geballter Faust und keckem bis herbem Witz, macht sie den Anschein, als wolle sie jeden Moment nicht nur aus ihrem Elternhaus und dieser ganzen ämtertreuen Sackgassengesellschaft ausbrechen, sondern auch aus all dem Moderaten, Risikolosen und Routinierten, das so drückend auf diesem Tschechow-Abend liegt.

PS. Wie schon bei "Drei Schwestern" spielen die Düsseldorfer eine Neuübersetzung von Alexander Nitzberg, die ebenso klar und poetisch wie, wo nötig, aggressiv klingt.

 

Iwanow
Von Anton Tschechow
Neuübersetzung von Alexander Nitzberg
Regie: Amélie Niermeyer, Bühne: Stefanie Seitz, Kostüme: Kirsten Dephoff, Musik: Cornelius Borgolte, Dramaturgie: Christine Besier, Licht: Jean-Mario Bessière
Mit: Götz Schulte, Christiane Paul, Matthias Leja, Michael Abendroth, Gabriele Köstler, Nadine Geyersbach, Felix Klare, Claudia Hübbecker, Markus Danzeisen, Markus Scheumann

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr von Amélie Niermeyer: Wiliam Shakespeare "Wie es euch gefällt" .

Kritikenrundschau

Annette Bosetti schreibt in der Rheinischen Post (25.2.2008), dass Amélie Niermeyer eine "packende Realisierung des sozialpsychologischen Stoffes" gelungen sei. Eine universelle Gesellschaft hole die Regisseurin auf die Bühne, destilliert aus den "Umständen der Zeit", "ohne Birkenwald und Samowar-Geplauder", auf nahezu "leer gefegter Bühne". Die Spieler würden ihre Räume selbst möblieren mit "rollenden Sesseln, Licht und mit einem raumhohen grünen Vorhang". Das Spiel spitze sich mitunter extrem zu. "Herzenskälte stehe im Raum", "Boshaftigkeit ist Mischas Metier - Markus Scheumann beherrscht dies in ungeahnten Steigerungen", "Hysterie spielt selten jemand so schrill wie Witwe Babakina (Claudia Hübbecker) aus." Fazit der Rezensentin: "Ein umjubeltes Stück vom Sterben zu Lebzeiten."

Eva Pfister
in der Westdeutschen Zeitung (online-Fassung, 25.2.2008) ist nicht überzeugt. In Amélie Niermeyers Regie würden Lächerlichkeit und Tragik, die Tschechow seinen Figuren gemeinsam beigegeben hätte, auseinanderfallen. Auch die Bühne-auf-der-Bühne-Situation trüge dazu bei, die Szene zu überhöhen und auszustellen. Und Iwanow selbst? "Götz Schulte kämpft sich in der Titelrolle durch den Abend. Er macht zwar Iwanows Selbstmitleid ebenso sichtbar wie das ehrliche Leid an seinem ungewollten Zynismus, aber es gelingt ihm nicht, uns wirklich zu erreichen. Ist ja alles bloß Spiel. Wenn vor der geplanten Doppelhochzeit alle in heulendes Elend versinken, ist das eine komische Nummer. Und wenn Iwanow sich zum Schluss die Kugel gibt, war es vielleicht auch nur russisches Roulette."

"'Iwanow' ist ein munterer, schneller, unterhaltsamer Abend", resümiert Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (26.2.2008). Das 19. Jahrhundert sei in der Übersetzung von Alexander Nitzberg "fast ganz ausgetrieben",  "die komischen Möglichkeiten des Stückes sind gewachsen", und Niermeyer, die "eine Meisterin des Arrangements, des eleganten Übergangs" sei, hätte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Der Preis dafür: "der mangelnde Tiefgang". Flott, aber auch obenhin plänkele das Geschehen, und diese Gefälligkeit sei nicht nur Niermeyers Problem als Regisseurin in diesem Fall, sondern auch als Intendantin allgemein. Zumal ihr Oberspielleiter Stephan Rottkamp die gleiche Tendenz habe und die engagierten Gäste zum Teil (Walburg, Baumgarten) bislang "sehr schlappe Arbeiten" abgeliefert hätten. "Die Häufung der Flops deutet auf das Fehlen einer starken Dramaturgie". Insofern müsse man mit belangloser Munterkeit "derzeit schon zufrieden sein".

"Anderthalb Jahre, nachdem sie am Düsseldorfer Schauspielhaus angetreten ist, hat Amélie Niermeyer ihren ersten Treffer gelandet", verkündet Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.2.2008) Die Regisseurin begreife die Bühne "als Lebensmetapher", sie spiele eher "unaufdringlich" damit, wie "nah die Ebenen von Tragik und Komik, Illusion und Wahrheit beieinanderliegen." Der "blassgrüne Teppichvorhang hat bessere Tage gesehen", das "breite, abgewohnte Parkett" zeige "Lebensspuren". Hier reflektiert Iwanow "sein Leiden, und das macht es noch unerträglicher." Das Stück spiele in unserer Mitte und erzählt eine altbekannte, immer gegenwärtige Geschichte, schreibt Rossmann. Und wenn er auch einwendet, dass es im Zusammenspiel der Schauspieler "noch an Zwischentönen, Andeutungen und Faszination mangelt", scheint ihm das alles gefallen zu haben.

Die Begeisterung teilt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (27.2.2008) nicht: Niermeyer würde den Abend entspannt zwischen Komik und Tragik führen, "man könnte auch sagen: unbekümmert." Mit dem Schwermut käme der russischen Gutsherrengesellschaft von einst aber auch das Gewicht abhanden. Iwanow sei bei Götz Schulte ein "Mann nicht mit Existenz-, nur mit Midlifecrisis, etwas abgespannt, aber nicht zu Tode gelangweilt, wie es Tschechow ja zynisch darstellt." Keiner der Figuren glaube Boenisch, wenn sie herzschmerzvoll ihre "Langeweile!" beklagt. "Falls die Regie dies als Pose, also Gesellschaftskommentar versteht, bleibt er stumpf."

 
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