Das unerwünschte Theater

von Dirk Pilz

11. Februar 2015. Im November vergangenen Jahres ist es an der Universität Konstanz zu einer Inszenierung gekommen, die dem Theater bestätigt, was ihm immer schwerer zu glauben fällt, was es sich aber stets erhofft: dass die Bühne zum Ort einer Debatte werde, die weit über sie selbst hinausweist. Dass das Theater kritische Anstalt, Provokateur der Gesellschaft zu sein vermag.

Folgendes trug sich zu: Am 19. November 2014 wurde im Audimax "Die Liste der Unerwünschten" uraufgeführt, ein Monolog von Gerhard Zahner, Rechtsanwalt, Autor und Kritiker (auch für nachtkritik.de). Didi Danquart führte Regie, Luc Feit hat gespielt. 300 Zuschauer kamen, Augenzeugen berichteten von "betroffenen Gesichtern" (ich sah die Inszenierung in einem Videomitschnitt). Mit einem Nachspiel, hieß es damals, sei zu rechnen.

Ein Mandarin von Konstanz und die SS

"Die Liste der Unerwünschten" handelt von Hans Robert Jauß, einem der Großgestalten der deutschen Nachkriegsgeistesgeschichte, gestorben 1997, berühmt bis heute. Keiner, der in den letzten Jahrzehnten Literaturwissenschaften oder Philosophie studierte, kam an dem giftgrünen Suhrkamp-Taschenbuch vorbei, das nach Jauß' Antrittsvorlesung von 1967 benannt ist: "Literaturgeschichte als Provokation". Jauß: der Begründer der Rezeptionsästhetik, gemeinsam mit seinem Konstanzer Kollegen Wolfgang Iser, weg vom sturen Positivismus der 50er Jahre, hin zur Erforschung der vielförmigen Beziehungen zwischen Werken und Lesern. Jauß: Gründer, gemeinsam mit Hans Blumenberg und Iser, der Forschergruppe "Poetik und Hermeneutik", die auf 17 Tagungen zwischen 1963 und 1994 den Literaturwissenschaften ein neues, gesteigertes Methodenbewusstsein beibrachte und ihr die Fachgrenzen überspringen half. Und Jauß: der SS-Mann. Darum geht es in "Liste der Unerwünschten".

hans robert jauss 280 webreligion wordpress comHans Robert Jauss
© webreligion.wordpress.com

Die Fakten sind größtenteils bekannt, seitdem der Wuppertaler Romanist Earl Jeffrey Richards sie in den neunziger Jahren publik gemacht hatte: Bereits 1934, als es noch nicht Pflicht war, trat Jauß der Hitler-Jugend bei; im Oktober 1939 meldete er sich freiwillig zur SS-Verfügungstruppe, die später Teil der Waffen-SS wurde. In einer Pressemitteilung der Universität, herausgegeben im Rahmen des Nachspiels zu dieser Audimax-Aufführung, heißt es: "Die Laufbahn, die Jauß in der Waffen-SS nahm, weist darauf hin, dass Hans Robert Jauß mehr war als ein normales Mitglied." Individuelle Tatbeteiligung sei jedoch nicht nachzuweisen.

Das Theaterstück

Zahner hat für sein Stück allerdings selbst nachgeforscht: Es gab da etwa gut 8000 freiwillige Franzosen in den Reihen der Wehrmacht, die 1944 zwangsweise der Waffen-SS unterstellt wurden. Man schuf hierfür die Inspektion Charlemagne, geleitet von SS-General Gustav Kruckenberg. Sein Verbindungsoffizier war – Hans Robert Jauß. Die Aufgabe dieser Inspektionen: Wer den Vorstellungen der Waffen–SS nicht entsprach, wurde ins Konzentrationslager Stutthof oder ins Arbeitslager geschickt; die entsprechenden Listen trugen die Überschrift "die Unerwünschten", daher auch der Titel von Zahners Stück. In ihm lässt er Jauß bei seiner Antrittsvorlesung statt über Literaturgeschichte von seiner NS-Vergangenheit sprechen, rechtfertigend, relativierend, voller Widersprüche und Ausreden. "Die Liste der Unerwünschten" ist ein Monolog über Jauß, aber auf Jauß nicht zu reduzieren. Das Stück stellt, noch einmal, die Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit der NS-Geschichte und ihrem Fortleben im Bewusstsein der Gegenwart, nach einer Vergangenheit, die nicht deshalb aufhört, nur weil sie vergangen ist.

liste der unerwuenschten 560 didi danquart uLuc Feit als Hans Robert Jauß im Audimax der Universität Konstanz. Filmstill aus
"Die Liste der Unerwünschten" von Gerd Zahner, ein Film von Didi Danquart.

Vorverurteilung nach 70 Jahren

Bereits im Frühjahr 2013 hatte Zahner bei der Universität angefragt, ob er sein Stück im Audimax spielen lassen dürfe. Der Rektor, der Physiker Ulrich Rüdiger, beriet sich mit den Kollegen, der Germanist Albrecht Koschorke lud Zahner zu einem Kolloquium. Man kam überein, bei dem Potsdamer Fachhistoriker Jens Westermeier ein Gutachten über Jauß zu bestellen. Noch liegt es nicht vor, aber die Universität hat ein Zwischenergebnis bekannt gegeben: Jauß sei ein "Hochpolitisierter seiner Generation" gewesen, der sich durch seine SS-Mitgliedschaft auch "Vorteile für seine spätere Karriere versprochen habe". Nach bisher vorliegenden Unterlagen seien die Einheiten von Jauß jedoch nicht an Deportationen von Juden beteiligt gewesen. Die Aufführung des Stückes verteidigt der Rektor dennoch ("Wir müssen uns mit Herrn Jauß, mit seiner Vergangenheit, mit seiner Karriere, wie er die Literaturwissenschaft aufgebaut hat, auseinander setzen.") – und sieht sich jetzt massiver Kritik ausgesetzt.

In einem Brief an die lokale Zeitung "Südkurier" schreibt der emeritierte Konstanzer Althistoriker Wolfgang Schuller von "nachträglicher Gesinnungsprüfung", der Altrektor Bernd Rüthers sieht eine "Vorverurteilung des Kollegen Jauß". In einem weiteren, kürzlich überbrachten Brief an den Rektor, neben anderen vom Philosophen Jürgen Mittelstraß mitverfasst, wird zudem "ein interner Diskurs zum Komplex Jauß" gefordert, denn "Vorwürfe wegen NS-Belastung, womöglich Beteiligung an Verbrechen, gehören zu den schwersten, die in Deutschland erhoben werden können. Das hätte eine vorsichtige und äußerst gewissenhafte Behandlung nötig gemacht."

Wie sich die Lüge fortsetzt

Das ist sicher richtig, allerdings auch erstaunlich entlarvend. Denn die Altprofessoren appellieren an eine Untugend, die jahrzehntelang beim Umgang mit der NS-Vergangenheit leitend war: die Toten und die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. So kann nur argumentieren, wer glaubt oder hofft, dass die Vergangenheit und der Umgang mit ihr, keine Folgen für die Gegenwart hat – und haben soll. Das ist die typische Beschwichtigungsrhetorik. Denn unabhängig, zu welchem Ergebnis das Gutachten kommt, steht bereits fest, dass Jauß SS-Mann aus Überzeugung war – das ist keine bloße Fußnote in einem "Komplex Jauß". Und darüber eine interne Diskussion zu fordern, heißt nichts anderes als es, unter sich, ohne eine kritische Öffentlichkeit zu den Akten legen zu wollen. Intern meint ja vor allem: in den akademischen Stuben, aber nicht auf der Bühne. Abgesehen davon, dass sich hier einmal mehr die alte Angst vor dem Theater als Enthüllungs- und Debattenort offenbart, wird es auch als Fortsetzung der Wissenschaft mit anderen Mitteln genommen. Als ob eine Aufführung auf ihren Inhalt kleinzurechnen sei, als ob es nur um den "Fall Jauß" gehe, nicht um die Art und Weise, wie mit solchen Fällen umgegangen wird. Die hektischen, nervösen Reaktionen der Altprofessoren demonstrieren bestens, warum es ein Stück wie "Die Liste der Unerwünschten" (noch immer) braucht. Als bestätigten sie unfreiwillig, was Jauß bei Zahner verkündet: "Die Vergangenheit hat nie aufgehört, weil sich die Lüge fortsetzt in einer neuen, taktischen Wahrheit."

Jauß hatte in seiner Antrittsvorlesung übrigens gesagt: "Wer Kunst auf Widerspiegelung einengt, beschränkt auch ihre Wirkung (...) auf das Wiedererkennen von schon Erkanntem." Die Konstanzer Vorgänge dokumentieren dagegen, dass Wiedererkennung eine Kraft der Kunst bleibt, weil sie sonst nicht könnte, was sie in ihren brisantesten Fällen vermag: die Erkenntnis zu fördern, die Wirklichkeit sichtbar zu machen.

Aus Nachspielen werden so Vorspiele: Über Jauß, das Theater und die Theaterverhinderer wird noch zu reden sein. Didi Danquart hat seine Inszenierung mit zwei Kameras aufgezeichnet. Er arbeitet an einer filmischen Installation, an der Herstellung einer größeren Öffentlichkeit.

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