Rebellengedenken

von Elisabeth Maier

Tübingen, 13. Februar 2015. Das Veredeln eines Obstbaums war für ihn wie ein Liebesakt. In unzähligen Kommunen kandidierte Helmut Palmer als Bürgermeister. In Schwäbisch Hall hätte es der Querkopf mit 40,1 Prozent im ersten Wahlgang fast geschafft, doch dann setzte eine Hetzkampagne ein. Das Landestheater Tübingen (LTT) erinnert nun mit "Palmer - Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland" an den "Remstal-Rebell", der für den richtigen Obstbaumschnitt und gegen das Vergessen der NS-Verbrechen kämpfte. Das "Political" von Gernot Grünewald und Kerstin Grübmeyer berührt zutiefst.

Und das nicht nur, weil Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der Sohn des radikalen Demokraten, mit seiner Mutter Erika im Premierenpublikum saß. Wofür sich der Vater vergeblich abstrampelte, das hat der Sohn als eloquenter Grünen-Politiker geschafft. So ging die Saat des Obsthändlers, der lautstark auf Wochenmärkten polterte, doch noch auf.

Das Hakenkreuz als christliches Symbol
Regisseur Grünewald und Dramaturgin Grübmeyer orientieren sich an der 2014 erschienenen Palmer-Biografie von Jan Knauer. Sie zeichnet nach, wie der gebrochene Mann, der unter den Nazis Todesangst ausstand und 1986 in seiner Heimat Geradstetten noch als "Jude" beschimpft wurde, bis zu seinem Krebstod 2004 Furore machte. Mit musikalischem Figurenspiel gelingt der Inszenierung das Kunststück, Dokumenten Leben einzuhauchen. Dem Original täuschend echt nachempfundene Puppen zeigen Palmer als Obstbauern im roten Overall, Staatsmann im Anzug vor Wahlplakaten und Sterbenden. Mit Sabine Effmert haben die Schauspieler gelernt, die fast lebensgroßen Puppen großartig zu führen.

Palmer2 560 DavidGraeter uLaura Sauer, Raphael Westermeier, Lukas Umlauft, Patrick Schnicke © David Graeter

In Michael Köpkes Raum voll gestapelter Obstkisten entfalten sie ein Szenario, das dramaturgisch stimmt. Und das, obwohl der Text über weite Strecken aus Palmer-Zitaten und Texten der Anzeigen besteht, die er in Zeitungen veröffentlichte – die Kosten dafür fraßen das Vermögen der Familie auf. Ein Diaprojektor wirft Wahlergebnisse an die Wand. Kahle Obstbäume, die nach dem von Palmer propagierten "Öschbergschnitt" ausgedünnt sind, stehen im Raum. Ein überdimensionales Hakenkreuz wird zum christlichen Symbol, das der Remstäler bei seinen Gefängnisaufenthalten in Stammheim mit sich schleppt.

Porträt als kluger Choleriker
Dominik Dittrichs Musik verknüpft virtuos den "Spätzle-Song", der das Zeug zum Ohrwurm hat, mit dem Finale, das den Rebellen zur Rock-Ikone stilisiert. Grünewald spielt mit Formen des Musicals, ohne die politische Schlagkraft des Stoffs auszudünnen. Dafür sorgen die Schauspieler, die jeweils ihren eigenen Palmer erschaffen. Patrick Schnicke lässt den Staatsmann mit klugen Einsichten in die Kommunal-, Landes- und Bundespolitik um Stimmen ringen. Auf allen politischen Ebenen scheiterte er beim Einzug in Parlamente. Wegen seiner cholerischen Ausbrüche wollten ihn Konkurrenten für verrückt erklären lassen. Raphael Westermeier peitscht seine Puppe in diese einsame Wut hinein. Tiefe Momente gelingen Lukas Umlauft, wenn er Palmer die Maske des Polterers vom Gesicht zerrt. Betörend schön singt Laura Sauer von der Verzweiflung der Ehefrau, deren Lebensglück der Querulant opferte.

Palmer1 560 DavidGraeter uPatrick Schnicke, Lukas Umlauft © David Graeter

Feinsinnig komponiert ist dieses Palmer-Political. Mit Fingerspitzengefühl nähern sich Grünewald und Grübmeyer dem widersprüchlichen Zeitgenossen an. Schaurig-schön sticht ihr kluger Blick von außen ins schwäbische Herz. In dieses Konzept passen sogar manche der dumpfen Klamauk-Passagen, etwa, wenn Palmer mit blonder Perücke den FDP-Dreikönigs-Parteitag aufmischt. Allerdings ist das nicht immer so. Dann entgleitet der Abend. Und auch das bäuerlich-derbe Ebenbild der Erika Palmer geht daneben. Trotzdem stimmte das Konzept. Und die sichtlich gerührte Ehefrau, im Original eher eine Dame, verteilte nach der umjubelten Premiere Tulpen an das Ensemble.    
    

Palmer – zur Liebe verdammt fürs Schwabenland
von Gernot Grünewald und Kerstin Grübmeyer
Regie: Gernot Grünewald, Ausstattung: Michael Köpke, Musik: Dominik Dittrich, Puppentraining: Sabine Effmert, Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer.
Mit: Laura Sauer, Patrick Schnicke, Lukas Umlauft und Raphael Westermeier.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.landestheater-tuebingen.de

 

Kritikenrundschau

"Eine theatralische Tour de Force mit blasenden Windmaschinen, fliegenden Äpfeln, Bäumen auf Rädern und übermannsgroßem Hakenkreuz" hat Peter Schwarz gesehen und schreibt in den Zeitungen des Zeitungsverlags Waiblingen (16.2.2015): "Da wird getrommelt, gesungen und geprügelt – und heraus kommt, man staune, doch nicht bloß ein Spektakel, sondern eine dichte Lebenserzählung mit ganz eigenem Rhythmus zwischen brodelnder Action und – jawohl: – ergreifend stillen Momenten." Palmers Egomanie und seine Selbstlosigkeit, sein massenhypnotisches Charisma und seine Einsamkeit: All das werde geradezu körperlich spürbar in dieser Inszenierung, "die dem Theater-Affen hemmungslos Zucker gibt, ohne sich in bloßer Effekthascherei zu verlieren".

"Modernes Theater voller Kunstgriffe, guter Ideen, kluger Lösungen" sah Veronika Renkenberger für den Reutlinger General-Anzeiger (16.2.2015) und schreibt: "Es war sehenswert, wie die vier allein und gemeinsam an den Puppen hantierten, Brüche erzeugten durch die Blicke zwischen Puppen und Menschen oder die Zerbrechlichkeit, die plötzlich da war, wenn eine Palmer-Puppe wie ein Kind getragen wurde." Trotz allem seien die vier Puppen manchmal nicht genug gewesen, "einfach zu sehr aus einem Holz beziehungsweise Textil". Mankos hätten sich da gezeigt, wo echte Gefühle und mehr Tiefe angebracht gewesen wären: "Tragik muss man nicht überzeichnen." Trauer und Angst funktionierten schlecht in Verbindung mit Ironiesignalen. "Leise Töne wären ohne Pathos und Larmoyanz stärker gewesen."

Als "anfangs zäh und dann trittsicherer" hat Wilhelm Triebold den Abend empfunden und schreibt u.a. in der Südwest Presse (16.2.2015): "Vor allem der Mittelteil des eindreiviertelstündigen Theaterabends beschäftigt sich eindrücklich, manchmal sogar ergreifend mit dem tief empfundenen Martyrium, das der unnachgiebige Delinquent Palmer in den Fängen von dumpfem Volk und oberfauler Justiz durchsteht."

"Mehr als nur ein schwäbischer Narrenstreich oder ein sentimentales Volksliedpotpourri" sei dieses "Political", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.2.2015),  "die Tragödie eines Mannes, dem auf Erden nicht zu helfen war, ein Oratorium für vier Palmer-Puppen, die ihr Klappmaul einfach nicht halten können". Dominique Dittrichs Lieder hätten das Zeug zu Ohrwürmern. Das Tübinger Palmer-Requiem sei vielleicht keine "neue Form des politischen Theaters", so habe es Intendant Weckherlin angekündigt. "Aber es ist ein verzweifelt komischer Abend."

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