Das Gyros-Konto voll überzogen

von Wolfgang Behrens

Hamburg, 14. Februar 2015. Das Abgesunkene ist von jeher das Spezialgebiet Christoph Marthalers: seien es abgesunkene Milieus, abgesunkenes Kulturgut, abgesunkene Örtlichkeiten – oder gar die abgesunkene Menschheit überhaupt, die an der verlorenen Sinnhaftigkeit ihres Tuns laboriert, während sie sich mittels zäh verteidigter Rituale am Leben hält. Und die große Kunst Marthalers ist es von jeher, in diesem Abgesunkenen nicht nur das Jämmerliche zu sehen – das allerdings auch! –, sondern zudem den Kern der Schönheit zu bergen, der sich darin in widerständiger Erinnerung an einstigen Glanz hält.

Music-Hall-Entertainment im Sinkflug

Es war daher wohl nur eine Frage der Zeit, wann Marthaler auf den "Entertainer" stoßen würde, ein Stück, in dem so ziemlich alle Sterne sinken. John Osborne hat darin vor knapp 60 Jahren einer abgesunkenen Form des Theaters, dem englischen Music-Hall-Entertainment, ein Denkmal gesetzt. Er porträtiert diese Form jedoch in einem Moment, da ihre Blütezeit längst der Vergangenheit angehört, zugleich zeigt er das Wertesystem des englischen Empires als im steilen Sinkflug begriffen. Auch die Protagonisten des Dramas haben ihre besten Zeiten gesehen: Hier wird nur noch abgetakelt.

Entertainer1 560 MatthiasHorn uDas Gruselkabinett des Entertainments, hier angeführt von Bettina Stucky und 
Josef Ostendorf © Matthias Horn

Das aber ist eine Welt, wie geschaffen für Christoph Marthaler! Auf ihre Figuren schaut er mit böser Distanz und unendlicher Liebe, durch Mitleid wissend und aus Schadenfreude klug. Und er schenkt ihnen ein Füllhorn von kleinen Szenen und Mini-Dramen, in denen ganze Sehnsuchtsräume eröffnet und hernach wieder verschlossen werden. Da kommt etwa gleich zu Beginn ein vor sich hin grantelnder, mit scheußlicher Langhaarmatte ausgestatteter Jean-Pierre Cornu als alter Entertainer Billy Rice die Treppe heruntergeschlappt, als plötzlich etwas von seinem Körper Besitz ergreift: Ein paar tänzelnde Schritte, eine mit Fistelstimme angesungene kleine Verdi-Arie aus "Falstaff" (Quand'ero paggio), und aus dem alten Sauertopf bricht momentweise ein früheres, eleganteres, womöglich glücklicheres Ich hervor. Es ist lächerlich in seinem Misslingen, doch anrührend in seinem Versuch. So wie wenn Irm Herrmann als Phoebe Rice, die so gerne eine Dame von Welt sein möchte, ihrer Stieftochter Jean Rice (Sasha Rau) mit großem Aplomb nur die ach so frischen Paprikachips (bei Osborne war das noch Yorkshire-Landschinken) anpreist.

Gyros-Konto ohne Dispo

Den englischen Kontext haben Marthaler und seine Dramaturgin Stefanie Carp für ihre Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus kurzerhand gestrichen, die Spielfassung ist kräftig in Richtung auf ein heutiges Europa mit all seinen aktuellen Problemen gebürstet. Entsprechend sind die Witze, die die abgehalfterten Entertainer des Stückes reißen. Michael Wittenborn als Archie Rice, der im Zentrum stehende Entertainer der mittleren Generation, führt ein Feuerwerk aus schalen Pointen vor, die aus einem schlechten Politkabarett stammen könnten: "Kommt ein Grieche auf die Bank: 'Ich möchte ein Gyros-Konto eröffnen.' Sagt die Angestellte: 'Das ist hier nicht Ouzo.'" Oder: "'Frauen' darf man ja heute nicht mehr sagen. Das sind jetzt 'Menschen mit Menstruationshintergrund.'" Wittenborn gibt auf bemitleidenswert schmierige und bewundernswert komische Weise eine abgesunkene Form von Dieter Hildebrandt, er spielt einen Kabarettisten, dem jeglicher politische Auftrag abhanden gekommen ist.

Auch sein Sohn Frank (Jan-Peter Kampwirth) ist bei Marthaler – anders als bei Osborne – ein Entertainer, und er ist gewissermaßen noch weiter heruntergekommen als sein Vater, da es bei ihm überhaupt nie so etwas wie einen Auftrag gab: Auf und ab tigernd übt er sich in billigster Comedy à la Mario Barth, und selbst die geht ihm noch daneben.

Entertainer2 560 MatthiasHorn uTannenbäume mit Menstruationshintergrund? Links: Rosemary Hardy, Bettina Stucky,
Josef Ostendorf  © Matthias Horn

Die Stufenleiter des Abstiegs freilich kennt kein Ende. In dem ingeniösen, aus einstiger Pracht vor sich hin gammelnden Theatersaal, den Duri Bischoff leicht angeschrägt auf die Bühne gebaut hat und den auch einige abgesunkene Tänzerinnen bevölkern, öffnet sich ab und an der Vorhang und gibt den Blick auf ein verkleinertes gespiegeltes Abbild ebenjenes Saales frei. Hier haust eine von Marthaler neu hinzuerfundene "Varietéfamilie", angeführt von den Hoch-Wohlbeleibtheiten Josef Ostendorf und Bettina Stucky. An dieser Familie ist nun wirklich alles prekär, der viel zu knapp sitzende rote Pullover Ostendorfs, die sofort ausbrechenden Handgreiflichkeiten, wenn ihnen eine Varieté-Nummer misslingt (und es misslingt ihnen jede Nummer!), das kindlich treuherzige Winken, wenn die Musiker einen Tusch spielen. Abgesunkenheit in zweiter Ableitung.

Lächerlichkeit erfahren, Würde bewahren

Aber Marthaler wäre nicht Marthaler, wenn hinter all diesen Abgesunkenen nicht immer wieder ein Utopisches hervorfingerte, das ihnen gleichwohl als Ziel längst aus den Augen geraten ist. Zum Weinen schön ist es dann, wenn Ostendorf sentimentalitätstrunken die "Musik der Nacht" aus dem "Phantom der Oper" schmettert, als könne er darin irgendeine Lebenswahrheit finden. Oder wenn sich kurz vor Schluss das gesamte Ensemble einmal zu einer Erinnerung an die sinnstiftende Metaphysik zusammenfindet und in meditativ kreisender Bewegung den (auch in Osbornes Stück eine Rolle spielenden) Choral "Nearer My God to Thee" anstimmt. Die für einen Moment im Gesang vereinte Gemeinschaft zerfällt indes bald wieder. Noch ehe die Lichter im Saal verlöschen, übernimmt wieder die desolate Vereinzelung das Regiment, und Michael Wittenborn singt zuletzt – unbegleitet, spröde und von schmerzlichen, fast unerträglichen Pausen durchweht – den Kinks-Song Death of a Clown.

Christoph Marthaler zeigt an diesem Abend lächerliche Menschen bei ihrem Kampf um ein bisschen Würde. Und wie er ihnen dabei in ihrer Lächerlichkeit tatsächlich die Würde bewahrt, das ist schlicht ein Ereignis. Was kann da noch folgen? Natürlich Jubel.

 

Der Entertainer
von John Osborne, deutsch von Helmar Harald Fischer
In einer Spielfassung für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg
Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Anja Rabes, Musikalische Leitung: Andreas Böther, Choreografie: Altea Garrido, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Stefanie Carp. Mit Musik von John Addison u.a.
Mit: Jean-Pierre Cornu, Rosemary Hardy (in der Premiere Marion Martienzen), Irm Hermann, Jan-Peter Kampwirth, Josef Ostendorf, Sasha Rau, Bastian Reiber, Bettina Stucky, Michael Wittenborn, Tänzerinnen: Altea Garrido, Veronica Garzón, Begoña Quinones; Musiker: Andreas Böther, Volker Griepenstroh, Hartmut Kayser, Mickie Stickdorn, Allan Naylor.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Zuletzt wurde hier von Christoph Marthaler Tessa Blomstedt gibt nicht auf an der Volksbühne Berlin (10/2014) besprochen.

 

Kritikenrundschau

Marthaler behandele die Frage, ob Männer wie Archie Rice heute überhaupt noch stürzen können, und wenn ja, wohin, schreibt Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (16.2.2015). "Eine äußerst amüsante Frage, wie sich an diesem Abend zeigt." Marthaler nutze die Mittel des Stand-ups, um ihn zu entlarven als notwendig scheiternden Versuch sich selbst zu entkommen. Und erfinde mithilfe einer fünfköpfigen Combo und drei herumpurzelnden spanischen Tänzerinnen "ein Musical, das sich selbst immer wieder zu Fall bringt", so Hartmann. "Es ist ein Abend der großen Auftritte und schlechten Witze." Und es entstehe die paradoxe Situation, dass sich dieses Theater feiert. "Nach dem Motto: Totgesagte leben länger."

"Christoph Marthaler beerdigt mit dem Entertainer jetzt im Hamburger Schauspielhaus das deutsche Staatstheater und einige Reste bundesrepublikanischen Selbstverständnisses, die sich im wiedervereinigten Deutschland noch versteckt hielten", schreibt Stefan Grund in der Welt (16.2.2015). Dabei gerate ihm die Trauerfeier derart ergreifend, seien Spielwitz und Musik so kunstvoll miteinander verwoben, dass zumindest das Staatstheater sogleich wieder der Gruft entsteige. Marthaler erhebe den schlechten Witz zur Kunstform und mache so Identitätskrisen im wiedervereinigten Deutschland deutlich. Er ziele auf die Mitte: "Im 'Entertainer' machen frei nach Archie Menschen mit Menstruationshintergrund (Frauen) oder Masturbationshintergrund (Männer) Ausländerscherze wie 'Was denn nun: liegen die auf der faulen Haut oder nehmen sie uns die Arbeitsplätze weg' (…)", so Grund: "Harmlos aber wahr."

"Die Schulden, das gegenseitige Sich-Niedermachen, der aufblitzende Rassismus - das ist die Mittelklasse am Rand des Abgrunds, die erkannt hat: 'Es ist sinnlos, das immer weiterzumachen, was nicht mehr gefragt ist'", schreibt Anke Dürr auf Spiegel online (16.2.2015). "Und gerade darum tun sie es. Es ist ihre Form des Widerstands." Diese Gemengelage sei ein ureigenes Marthaler-Thema, und so sehr er seine Figuren dem Lachen aussetze, so sehr spüre man die Liebe zu ihrer Welt, "zu ihrer Musik, zu ihrem Milieu, die der Regisseur zweieinhalb pausenlose Stunden lang samt Live-Band und Show-Tänzerinnen feiert". "Es ist wie in einer Marthaler-Inszenierung in den Neunzigern." Und so feiere dieser Abend nicht nur die von vielen schon untergegangen geglaubte Kunst des Varieté, sondern auch die Kunst des Regisseurs Marthaler, "diese wunderbare, unverwechselbare Mischung aus Komik, Depression und Melancholie". "Ist man also selbst in die Nostalgiefalle getappt? Kann sein, aber es lohnt sich."

"Dass sich 'Der Entertainer' und Christoph Marthaler nicht schon früher gefunden haben, ist unglaublich, sie passen perfekt zusammen", schreibt Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (16.2.2015). Marthaler und sein Ensemble – neun Schauspieler, drei Tänzerinnen und fünf swingende Musiker – zeigten schreckliche, peinliche, komische, sentimentale, großartige Momente an Schauspiel-, an Unterhaltungskunst. Sie präsentierten arme Gigolos, drittklassige Künstler, traurige Trinker, emsig wütende Spaßvögel. "Und man denkt bei jeder komischen wie bei jeder lausigen Pointe, hoffentlich ist es mit dieser Bühnenkunst noch lange nicht vorbei."

"Unter den Kronleuchtern des ehrwürdigen, subventionsmillionengepolsterten Deutschen Schauspielhauses, dem größten Staatstheater der Republik mit seinem gediegenen Publikum, ist der Anblick des liebevoll ausgestellten Absturzelends nicht mehr als ein aparter Reiz", findet dagegen Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (16.2.2015). Marthalers Inszenierung bediene diesen Reiz mit durchschlagender Harmlosigkeit. "Natürlich sollen die endlos zerdehnten Witze, diese Entertainer-Abgewracktheit ins Kaputte rutschen, um die Gesellschaft des Spektakels mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen." Aber dann setzten der Menschenfreund Marthaler und die publikumserfolgsorientierte Dramaturgie doch lieber auf gute Abendunterhaltung mit einer prächtig aufspielenden Show-Band und Marthalers bewährten Melancholie-Slapstick-Virtuosen, so Laudenbach: "Die eingebauten Verweise auf neuere Krisen, von neokolonialen Kriegen bis zur Besitzstandswahrungs-Verhärtung der Mittelschicht, bedienen kabarettistische Klischees, und sie verderben dem Publikum nicht den Abend mit überraschenden Gedanken."

"'Der Entertainer', der von Verlusten aller Art – Glaube, Liebe, Hoffnung – erzählt, scheint wie für den Regisseur Christoph Marthaler gemacht", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.2.2015). Der nämlich vermöge Schwund und Stagnation immer "so besonders schön wie spöttisch, so wehmütig wie bissig" in Szene zu setzen. Sehr kurzweilig, überzeugend und musikalisch amüsant angeschlagert legiere Marthaler nun auch hier in zweieinhalb Stunden Elemente aus Revue und Varieté, aus Karneval und Fernsehshow, aus Boulevard und bürgerlichem Trauerspiel, "bis in seiner virtuosen Inszenierung harmoniert, was kaum zusammengehört", so Bazinger: "Wenn Archie am Ende eindringlich, einsam und so traurig, dass Sentimentalität keinen Platz hat, die Kinks-Schnulze 'Death of a Clown' singt, wenn das Licht um ihn immer weißer und immer weniger wird, meint er einen Tod, bei dem auch etwas von uns sterben würde, gäbe es solche Figuren nicht mehr auf der Bühne zu sehen."  

"Marthaler und seine Dramaturgin Stefanie Carp nehmen den Zustand unserer Unterhaltungskultur als Symptom für den miesen Zustand unserer selbst", so deutet Peter Kümmel in der Zeit (19.2.2015) den Abend. Gezeigt werde der Untergang eines schlechten Entertainers. "Aber eigentlich geht es um den Untergang des (europäischen) Geistes." Die Essenz des Abends sei "eine feierliche Leere, die von Virtuosen durchspukt wird,
welche mit guten, vielleicht sogar kabarettistischpädagogischen Absichten das Allerniedrigste darstellen: Offenbar wollen sie den Ungeist unserer Zeit in die Flucht schlagen, indem sie mit exorzistischem Furor zeigen, was er angerichtet hat." In Hamburg zeige man ein altes Stück so, "als stehe uns, was darin geschieht, erst bevor. Als seien die alten Spiele unsere Zukunft."

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