Es lebe der Beitragszahler

von Dirk Pilz

3. März, 2015. Heute das Neueste von unserem Deutschen Bühnenverein. Die letzte Wortmeldung dieser mächtigen Kölner Institution ist auf den 20. Februar 2015 datiert, zwei Wochen her. Rolf Bolwin, der Bühnenvereinsdirektor, ließ wissen: "Seit Jahren weigert sich der Gesetzgeber, die für die Theater drängenden Fragen des geltenden Urheberrechts anzugehen. Das kann so nicht weitergehen."

Er hat vollkommen recht. Inzwischen hat die Sache, der Streit um Frank Castorfs Münchner "Baal"-Inszenierung, seinen Weg zum Gericht gefunden. Man einigte sich, der Bolwin-Satz behält jedoch seine Richtigkeit: So kann es nicht weitergehen.

Vier Tage nach diesem Kölner Ruf ist in unserer schönen Theaterlandschaft schon wieder was passiert: In Rostock haben sie für das Volkstheater eine Spartenamputation beschlossen. Das hat sich lange angekündigt, und keiner weiß, warum es sich nicht verhindern ließ. Es kommt so viel zusammen bei solchen Sachen, bis zur Frage: wozu das ganze Theater? Jetzt machen sie in Rostock zerhackstückt weiter, und es wird nicht einfacher werden.

Das ist Politik

Wolfgang Thierse hat danach sehr geschimpft. Man solle, bitte, die Entscheidung überdenken und das Theater nicht "kaputtsparen". Das kam ein bisschen spät, als das Kind schon im Brunnen war. Aber immerhin. Man ist inzwischen froh, wenn überhaupt noch wer sich aufregt, dass es derartige Brunnen gibt, in die das Theater hineingeschubst wird. Das ist ja kolumne dirkPolitik, laut und vernehmlich sagen, was man für richtig und falsch hält, selbst wenn es zu spät ist. Alle Theaterrettungs- oder Theatrervernichtungsfragen sind politische Fragen. Und ohne Politik sähe es für die Theater noch finsterer aus, als es das mit Politik ohnehin schon tun. Insofern: vielen Dank, Herr Thierse.

Aus Köln dagegen, vom Deutschen Bühnenverein: nichts. Gar nichts. Noch nicht einmal das bühnenvereinsobligatorische "Theater muss sein".

Hier sei zitiert, was der Deutsche Bühnenverein sich zum Ziel gesetzt hat, in voller Länge:

"Der Deutsche Bühnenverein hat das Ziel, die einzigartige Vielfalt unserer Theater- und Orchesterlandschaft und deren kulturelles Angebot zu erhalten, zu fördern und zu pflegen. In diesem Sinne versteht sich der Bühnenverein als Zusammenschluss, der Kunst und Kultur als unverzichtbaren Bestandteil städtischen Lebens in das Zentrum seines Bemühens stellt. Der Bühnenverein will die Theater und Kulturorchester bei der Erfüllung ihrer Aufgaben unterstützen, ihre Gesamtinteressen wahrnehmen, den Erfahrungsaustausch unter ihnen pflegen sowie der Gesetzgebung und Verwaltung mit Rat und Gutachten dienen. Dabei strebt er eine enge Zusammenarbeit seiner Mitglieder untereinander und mit den verwandten Institutionen an."

Das ist schön, wer wollte je auf den Deutschen Bühnenverein verzichten?

Das ist Lobbyismus

Für Rostock gilt das allerdings nicht, denn das Volkstheater ist aus dem Bühnenverein ausgetreten. Vielleicht war das fahrlässig, vielleicht voreilig. Immerhin weiß man jetzt, was der Bühnenverein für eine Truppe ist: Er hat das Ziel, die einzigartige Vielfalt der Theater- und Orchesterlandschaftsmitglieder zu erhalten. Das muss man in Zukunft immer dazu sagen. Es geht nicht um das Theater, sondern um Bühnenvereinsbeitragszahler.

Ich weiß schon, die Lokführergewerkschaft vertritt auch nur die Interessen von Lokführern, die in der Lokführergewerkschaft sind; sie darf ja gar nicht anders. Aber sie sagt nicht "Lokomotiven müssen sein", sie hantiert auch nicht mit moralischen Ansprüchen, sondern mit finanziellen. Sie redet nicht von "unverzichtbaren Bestandteilen" des städtischen Lebens und nicht von "einzigartiger Vielfalt", sondern von Geld und Arbeitsbedingungen. Dagegen habe ich nichts, das ist ihr Job. Und das ist auch der Job des Bühnenvereins: für seine Mitglieder das Beste herauszuschlagen.

Ich beantrage, dass der Bühnenverein dies unmissverständlich in seinen Zielvorgaben festhält: Wir schützen, wer uns unterstützt.

 

dirk pilz5 kleinDirk Pilz ist Redakteur und Mitgründer von nachtkritik.de. In seiner Kolumne Experte des Monats schreibt er über alles, wofür es Experten braucht.


 

 

Zur ersten Ausgabe der Kolume Experte des Monats: Ulrich Matthes beweist Kompetenz in Dschungelcamp- und Schreibfragen

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