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Unterm Bett liegt der digitale Strand

von Jan Fischer

Göttingen, 7. März 2015. Was du hörst, wenn du das Ohr dicht an den Router legst, ist keine Fehlfunktion. Was du hörst ist das Rauschen der gescheiterten Revolutionen. Derjenigen damals auf dem Tahrir-Platz. Das, was von Julian Assanges Versprechen von Transparenz übrig geblieben ist. Die leisen Echos von Edward Snowdens Enhüllungen. Die Reste der Versprechen der europäischen Piratenparteien, die mittlerweile mehr Splittergruppen gebildet haben, als es Mitglieder gibt.

Vieles davon steckt noch nicht in Lucas Svenssons Stück "Information wants to be free", das Marcus Lobbes am Deutschen Theater in Göttingen inszeniert hat. Der Autor hat es 2012 geschrieben – in Internetzeit gerechnet also schon vor einer Ewigkeit. Aktuell sind die großen Themen trotzdem noch.

information 560 thomasmueller u.pgIm weißen Kubus: Gabriel von Berlepsch und Rebecca Klingenberg  © Thomas Müller

Am Netz zerbrochene Figuren

Es beginnt mit einem weißen Kubus in der Mitte des Bühnenraumes. Es gibt keine Stühle in dem Raum, die Zuschauer sind eingeladen, sich frei um den Kubus zu bewegen. Brigitte Bardots Lied "Une histoire de plage" setzt ein und Ell erzählt von Wodka. Damit geht es los, und eine Episodengeschichte faltet sich auf: Sie kreist um vier Protagonisten, Ell, die mit David zusammen war, Eli, der, nach dem Vorbild von Julian Assange, zusammen mit David Informationen zugänglich gemacht hat, die den Arabischen Frühling ermöglichten und nun vor dem CIA flüchten muss. David, der sich vom Idealismus ab- und sich selbst zugewandt hat. Und Djamila, die früher einmal an die friedliche Revolution in Ägypten geglaubt hat, so lange, bis eine amerikanische Journalistin auf dem Tahrir-Platz vergewaltigt wurde. Seitdem hasst sie sich selbst und verletzt sich selbst mit einem im Netz von ihr veröffentlichten Pornovideo.

Bei Lobbes wird diese Versammlung von am und im Netz zerbrochenen Figuren von zwei Schauspielern gespielt – Gabriel von Berlepsch und Rebecca Klingenberg. Zuerst sprechen beide in ihrem weißen Kubus nur unsichtbar ihren Text, er wird mal abgelesen, mal gespielt, immer wieder lesen die beiden auch die Regieanweisungen. Stück für Stück entblättert sich der Kubus, manchmal wird auch von außen an seine weißen Wände projiziert, Zeitungsausschnitte oder Live-Aufnahmen aus dem Inneren.

Darin steht ein Bett, beide Schauspieler tragen weiße Schlafanzüge: Lobbes hat John Lennons und Yoko Onos Bed-In 1969 im Hilton Hotel in Amsterdam inklusive Präsentkorb vom Hotel genau nachgebaut. Hier bewegen sich die Schauspieler bis zum Ende der Inszenierung. Als der Kubus am Ende schließlich nicht mehr weiß ist, sondern transparent, die Geschichten sich komplett verflochten haben und sämtliche Figuren desillusioniert sind, ziehen beide Schauspieler sich in die Theaterlobby zurück.

Große Themen, große Naivität

Das Stück will sich am revolutionären Potential des Netzes abarbeiten, an großen Themen wie den Versprechungen von einer gerechteren Demokratie, die inzwischen zu Clicktivism oder wohlfeilem Unterschreiben von Online-Petitionen geronnen ist. Es möchte sich an der Frage abarbeiten, was genau es bedeutet, wenn sämtliche Informationen frei verfügbar sind und es keine Geheimnisse mehr gibt. Das Interessante an der Inszenierung ist allerdings, dass all diese Themen durch die historische Distanz nicht nur leicht staubig wirken – sondern auch der Blick darauf naiv. Wenn Eli von seiner bedingungslosen Transparenz erzählt, dann ist das in einem Internet, in dem die NSA ständig fast alles überwachen kann, kaum noch sinnvoll. Wenn Djamila in einer Talkshow davon erzählt, dass sie die Revolution in Ägypten nicht mehr unterstützen könne, nun, nach der Vergewaltigung, fragt man sich, was sie wohl zum Militärputsch ein paar Monate danach gesagt hätte.

Neben der historischen Distanz werden aber auch Sprache und Motivik des Bühnenbildes zum Problem. Denn die Sprache des Stückes versucht zum einen, stark zu poetisieren, zum anderen aber auch, fest in den realen Ereignissen zu wurzeln. Dieser Spagat führt gerne mal zu leicht windschiefen, nicht auserzählten Sprachbildern ("Die Bibliothek von Alexandria ist nur ein Symbol!", "Ich möchte keine Pyramiden mehr!"). Dies wiederum wird von der ebenso windschiefen Motivik des Bühnenbildes ungünstig ergänzt. Denn was genau das Bed-In – was überhaupt Brigitte Bardot, die 60er-Jahre-Poster an den Kubuswänden – jetzt mit Informationsfreiheit zu tun haben könnten, wird nicht recht klar. (Außer vielleicht, dass es der erste Google-Treffer zu den Suchbegriffen "Revolution" und "intim" ist.)

Stummer Kritiker, rauschender Router

Ohne zu einer plausiblen Sprache für ihre Themen zu finden, kann sich die Inszenierung aber trotz geradezu predigender Monologe ihren großen Fragen nicht nähern. Letztendlich ist "Information wants to be free" daher kaum mehr als ein resignierter Abgesang auf die Revolutionen vergangener Tage, ein Abschied von der optimistischen Idee von freier Information, immer, und für alle. "Und nun gehe raus, und verändere die Welt", lautet der letzte Satz der Inszenierung. Welche Welt?, möchte man da rufen. Diejenige, in der all diese gescheiterten Versuche nur noch aus dem Router rauschen? Ruft man aber natürlich nicht. Sondern geht stumm die Treppe hoch, hinein in die Göttinger Nacht.

 

Information wants to be free
von Lucas Svensson
Regie und Bühne: Marcus Lobbes, Dramaturgie: Sara Örtel
Mit: Gabriel von Berlepsch und Rebecca Klingenberg
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 


Kritikenrundschau

"Revolution und Widerstand im digitalen Zeitalter werden in Lobbes' Internet-Würfel kurzweilig und kompakt auf ihren neuen Heldenstatus befragt", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (9.3.2015). Gezeigt werde "die Verletzlichkeit von Menschen, die sich politische Macht zumuten. So liefert diese Inszenierung ein paar hilfreiche Fragen über die Grenze von Richtig und Falsch."

Im Göttinger Tageblatt (10.03.2015) schreibt Marie Varela, die "intellektuellen Wortbombardements", die einem um die Ohren fliegen, seien anstrengend. Es bleibe nicht viel davon. "Unklares und Rätselhaftes" durchziehe die Inszenierung, die Erzählstruktur sei "undurchsichtig". "Am Ende bleibt ein Eindruck von Unausgegorenheit und Ratlosigkeit. Experimente können scheitern. Sie haben das Recht dazu."