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Savisaar – Superstar

von Christian Römer

11. März 2015. Ende Februar ist es in Tallinn noch sehr kalt und ziemlich dunkel. Die schnuckeligen Gassen und Restaurants der mittelalterlichen Hansestadt sind tagsüber bereits von lustig lärmenden Touristen gefüllt, aber der gemeine Este bleibt noch zu Hause und wartet, bis es wärmer wird. Wählen kann er per Internet und über 20 % der Wahlberechtigten machten bei den Parlamentswahlen am 1. März 2015 davon Gebrauch. Europarekord!

Am Abend gehen die Esten dann doch vor die Tür und ins Theater. Von den vollen Sälen Tallinner Schauspielhäuser können deutsche Städte nur träumen. Ein Stadttheater, ein Nationaltheater, ein staatliches Puppentheater, eine agile freie Szene vom Performance-Produktionshaus Kanuti Gildi Saal bis zu den Avantgardisten des Theater NO99 machen aus Tallinn die aufregendste Theaterstadt nördlich von Berlin.

Anlässlich der Wahlen enterte die Politik die Bühne. Edgar Savisaar, Estlands umstrittenster Politiker und Spitzenkandidat der Zentrumspartei, wurde zum Theaterheld. NO 99 (in Deutschland vor allem bekannt durch die Koproduktion Three Kingdoms gemeinsam mit den Münchner Kammerspielen) machte ihn zum Protagonisten eines Musicals in Form einer antiken Tragödie. Und rollte die alte Frage wieder neu auf: Kann Theater die (Wahl-)Wirklichkeit beeinflussen? Und welche Mittel sind heute dazu nötig?

Der Bürgermeister als antiker Held

Savisaar, eine estnische Mischung aus Franz-Josef Strauß und Bruno Kreisky, zu Zeiten der Sowjetischen Republik Estland (ESSR) noch zuständig für Planwirtschaft, wurde nach der "Singenden Revolution" von 1991 Estlands erster Premierminister. Auf Rücktritte wegen Wirtschaftskrise und Abhörskandal folgten stets politische Wiederauferstehungen. Der estnischen Regierung diente er als Innenminister und Wirtschaftsminister, seit 2007 ist er der allmächtige Bürgermeister der estnischen Hauptstadt und natürlich der ewige Vorsitzende und Spitzenkandidat seiner Partei, die ihre Stimmen zum großen Teil der russischen Bevölkerungsminderheit verdankt. Wie der Bürgermeister sich sonst gerne sieht, erzählt eine kleine Weihnachtsvideobotschaft der Stadtverwaltung mit dem Titel: Savisaarest – Superman, die eine Welle digitaler Parodien provozierte. Trotz Hybris und Peinlichkeiten führte die Partei des Ultimo Leader bis kurz vor Schluss des Wahlkampfes in den Umfragen aller Demoskopen.

savisaar3 560 ene-liis semper uDer "Nachbarkönig" im Pelzmantel (alias Putin) packt King Edgar (alias Savisaar) in
"Savisaar".  © Ene-Liis Semper

"Savisaar", das Musical, spiegelt diese Situation erstaunlich genau: Eine Stunde vor der Wahl geht es für König Edgar um alles. Pelzbemützte Abgesandte des mächtigen Nachbarkönigs versagen ihre Unterstützung, die Weissagungen einer Rollschuh fahrenden Furie verheißen Unklar-Unheilvolles, und Kronprinzessin Kadri drängt auf die Abdankung des Alten. King Edgar (dargestellt von der virtuosen Marika Vaarik) lehnt ab und beauftragt seinen Berater, die ehemaligen (Partei-)Freunde zu versammeln, um mit einer Last-minute-Kampagne seine Wiederwahl zu sichern. Freunde und Berater werden im Laufe dieser Kampagne vom König erdolcht, nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben. Die Furie ändert mehrmals ihre Weissagungen ("es gibt da ein kleines Missverständnis"), und im großen Finale liegt der König bereits am Boden, als die reitende Botin aus dem Osten vom erneuten Wahlsieg kündet.

Zwischen Epidauros und Dancing Stars

Die raffinierte Mischung aus antiker Tragödie und Musical spiegelt den schmalen Grat zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen – die Verhandlung der öffentlichen Angelegenheiten im Theater der Antike versus die (Selbst-)Profanisierung politischer Protagonisten in der "Dancing Stars"- Arena.

Die ins riesenhafte vergrößernde Bildästhetik des immer präsenten Videobildes zerrt mit scharfem schwarz-weiß Kontrast jede Pore, jeden Pickel und jede Plombe ins Licht. Politiker sein bedeutet heute: grelle Ausleuchtung, die bis tief unter die Schminke dringt. Wie an der Supermarktkasse liegt der Mandatsträger auf dem Scanner und das Kamerabild zeigt den Marktwert. Ist die Ware nicht mehr frisch, lauert der Parteifreund mit dem Dolch schon um die Ecke.

Empathie statt Parodie

War im Vorfeld eher eine ironische Parodie erwartet worden, überraschten die Macher vor allem durch Empathie für die politische Welt und deren tragische Helden. Die Begegnung zwischen der (nicht mehr ganz) jungen Politikerin und Kronprinzessin Kadri Simson und Edgar Savisaar fand wirklich statt – in der estnischen Realität existieren wenigstens drei Versionen der gescheiterten Machtübernahme (in Deutschland kennen wir das unter dem Titel "Das Wolfratshauser Frühstück").

estland2 560 ene liis semper uAlles gegeben für die Politik: Marika Vaarik als King Edgar (alias Savisaar) in "Savisaar".
© Ene-Liis Semper

Im Stück vertröstet der alte Politiker die junge Politikerin, "recht bald" sei es soweit, doch "noch nicht jetzt", sie müsse eben Geduld bewahren. Das ewige Warten auf den richtigen Moment verkürzt das Leben der Hoffnungsträgerin auf den 4-Jahresrhythmus der Wahlen: "Noch bin ich 38, dann 42, 46, 50 Jahre, kein Privatleben, alles gegeben für die Partei...".

Das rituelle Erdolchen auf dem parlamentarischen Parkett wird als strukturell notwendiger Teil des politischen Spieles präsentiert: Wer nicht mordet, wird selbst ermordet. Und so steht der König am Ende des Kampfes allein da: siegreich und von allen (guten Geistern) verlassen; wohl wissend, dass die freiwillige Abdankung seinen Tod bedeuten wird, oder schlimmer noch: die totale Bedeutungslosigkeit. Soweit, so wahr, so wohltuend unironisch. Großer Applaus.

"Bend it like Schlingensief"

Zum eigentlichen künstlerisch-politischen Ereignis wurde der Herstellungsprozess des Werkes selbst. In bester schlingensiefscher Manier verursachte schon die Ankündigung des Musicals vor einem Jahr Unruhe in den politischen Lagern Estlands. Zu gut war das Projekt "Vereinigtes Estland" (Ühtne Eesti) von 2010 noch in Erinnerung, in dessen Verlauf NO99 zur Gründung einer Partei aufgerufen hatte. Erst am Tag der Gründungsversammlung mit 7.500 (sic!) potentiellen Parteimitgliedern enthüllte das Theater den Kunstcharakter der Unternehmung, mit der es die etablierten Parteien über Monate in Angst und Schrecken versetzt hatte. Die fiktive neue Partei hatte in Umfragen bereits zweistellige Prozentwerte erreicht.

yhtneeesti no99 560 c no99 uSchlingensiefs "Chance 2000" auf Estnisch: der Gründungskongress der fiktiven Partei"
Vereinigtes Estland" (Ühtne Eesti) 2010. © NO 99

Wie volatil der Verlass etablierter Parteien auf den Wähler auch in Estland ist, bewies die aktuelle Wahl: Die "Freiheitspartei" (Vabaerakond) errang aus dem Stand 9 Prozent der Stimmen, die rechtspopulistische EKRE (ähnlich den "wahren Finnen" ) erzielte als Neugründung annähernd 8 Prozent.

Aktivistisches Marketing ist Politik

Dieses Mal trug nicht eine weitere Parteigründung sondern das Marketing des Theaters den politischen Sprengstoff in sich. Schon seit Februar 2014 zierten überdimensionale Plakatbanner die Stadt, darauf zu sehen: eine Grafik nach Art des Halloween-Kürbisgesichtes, darunter nur der Name des Bürgermeisters: "Savisaar". War das nun Werbung für das Musical oder (Anti-)Wahlwerbung oder vielleicht doch Ironie? Erste irritierte Nachfragen gingen beim Theater ein.

Es folgte der zweite Politmarketingstreich: Zwei Tage vor Weihnachten wollte der Bürgermeister eine große Rede halten. An repräsentativem Ort, in der Nationaloper. Flugs kündigte NO 99 ebenfalls eine "Savisaar-Rede" an, gleich nebenan im Nationaltheater, zur selben Uhrzeit. Resultat: zweimal volles Haus und ein Komplettabdruck der fiktionalen Savisaar-Rede in Estlands auflagenstärkster Tageszeitung "Postimees". Die Rede des Originals fand dort nur marginale Erwähnung. Das Lager des Bürgermeisters und Spitzenkandidaten war nicht amüsiert.

"Wählt das Quarkteilchen!"

Als nächstes überraschte das Theater mit einem Textplakat. "Vali Savisaar!" (Wählt Savisaar!) stand da geschrieben, aus Sicht des Theaters eine Werbung für den Ticketverkauf. Nach Hinweisen vermutlich aus dem Umfeld des Bürgermeisters wurde dem Theater das Plakat als unzulässige Wahlwerbung untersagt (kurz vor der Wahl darf in Estland keine Plakatwerbung für politische Parteien und Mandatsträger mehr gemacht werden).

savisaar-rede no99 560 c no99 uWenn Theater die Schlagzeilen klaut: Die Savisaar-Rede im Nationaltheater, Weihnachten 2014.
© NO 99

Daraufhin plakatierte das Theater ein zweites Textplakat mit dem Slogan "Vali Kohuke!" (Wählt das Quarkteilchen!), eine Anspielung auf eine Umgehung desselben Plakatverbotes durch Savisaars Partei in der Vergangenheit. Ein Milchproduktehersteller hatte im Wahlkampf 2005 für einen Skandal gesorgt, als er die Werbung für "K – Kohuke" (Kohuke = estnische nationale Süßspeise aus Quark) in der Keskerakond-Parteifarbe grün plakatierte und den Quarksnack auf der Straße verteilen ließ. Unter den Slogan druckte das Theater dann den Satz: "Diese Werbung ist aus staatlichen Mitteln bezahlt." Raffinierte Kritik, guter Lacher, hohe Aufmerksamkeit.

Volles Haus und hohe Wahlbeteiligung

Zuletzt wurde von interessierter Seite versucht, kurzfristig die beiden letzten Vorstellungen von "Savisaar" am Wahltag selbst verbieten zu lassen. Begründung: unzulässige Einmischung in die Wahlentscheidung der Bürger. Die Polizei sichtete Videomaterial der Aufführung, konnte allerdings nichts Tendenziöses entdecken.

Natürlich wurde jeder Teil dieser aktivistischen Öffentlichkeitsarbeit ausführlich berichtet und kommentiert, online und offline. So trug auch das Theater dazu bei, dass die Wahlbeteiligung den höchsten Wert seit 1995 erreichte, die Marketingkünstler warben letztlich für ein Interesse an Politik und an den Politikern selbst. Schöner Nebeneffekt: Die Aktionen sorgten für ausverkaufte Zusatzvorstellungen bis zum Wahltag.

Tragikomischer Wahlausgang

Und wie erging es "König Edgar" nun in der echten Wahl? Sein Ergebnis war in gewisser Weise tragisch. Seine Partei konnte ihr Ergebnis zwar steigern und blieb doch nur zweitstärkste Kraft im Nationalparlament. Da keine andere Partei mehr mit Edgar Savisaar koalieren möchte, bleiben er und seine Parteifreunde dort, wo sie seit 20 Jahren waren: in der Opposition.

Zum Verhängnis wurde ihm nach übereinstimmenden Analysen seine zu verständnisvolle Haltung für die Putinsche Expansionspolitik. Zwar konnte er so die Stimmen vieler russischstämmiger Esten hinter sich versammeln. Als Koalitionspartner der streng nach Westen ausgerichteten siegreichen Reformpartei kam er damit aber nicht in Frage. Nun scharren die Kronprinzen und Kronprinzessinnen mit den Dolchen. Die Bürgermeisterdämmerung ist eingeläutet.

 

Savisaar 
von NO99
Regie und Ausstattung: Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Musik: Vaiko Eplik und Jakob Juhkam, Text: Eero Epner, Tarmo Jüristo und Aare Pilv, Musikalische Leitung: Janne Fridolin.
Mit: Marika Vaarik, Rea Lest, Helena Pruuli, Gert Raudsep, Rasmus Kaljujärv, Simeoni Sundja, Jörgen Liik, Ragnar Uustal, Jarmo Reha, Liina Vahtrik, Raivo E. Tamm und dem Chor "Vox Populi".
Premiere 6. Februar 2015, NORDEA Concert Hall, Tallinn, Estland

 

christianroemer 92 uChristian Römer leitet seit 2011 das Referat Kultur und neue Medien bei der Heinrich-Böll-Stiftung. Davor war er Geschäftsführer der Neuköllner Oper. In Tallinn inszeniert er seit 2001 für das erste freie Theater Estlands, das VAT Teater, zuletzt 2014 Die Bekenntnisse eines Masochisten von Roman Sikora.