Men from the Moon

von Tim Schomacker

Bremen, 14. März 2015. Die vierte Wand bleibt erstmal dicht. Eine Reihe von schwarzen Publikumsleitgurten versperrt den Weg. Klar kann man darüber gucken oder drunter durch, aber eine Distanz ist erstmal eingerichtet. Sie trennt das Publikum, das sich einrichtet auf den Tribünenplätzen, vor einer Bühne, auf der erst einmal wenig passiert.

Visuelles Poem

Ein in einem von der Decke hängenden Metallkäfig gefangener Ventilator beginnt zu kreisen. Langsam sucht er zunächst seine gleichmäßige Umlaufbahn – wodurch die Geräusche von Rotorblättern und Elektromotor einen interessanten, immer gleichmäßigeren Loop etablieren. Dann dreht das Ding sich in und um sich selbst, fällt wieder aus der Bahn. Eine Spielerin schaut von hinten vorbei, betrachtet, staunt (vielleicht, das kann man nicht so gut erkennen), verschwindet dann wieder. Ziemlich lange geht das so.

Wer den Hinweis unter dem Untertitel von "World of Reason" gelesen hatte: "Inspiriert von Motiven aus Miloš Formans Film Man on the Moon", mochte zweierlei erwarten: Dass die vierte Wand irgendwann abgeräumt werden und das Bühnengeschehen ins Publikum schwappen würde. Und dass in Alexander Giesches visuellem Poem noch etwas exzessiver wenig bis nichts passieren würde.

Theater BremenAnnäherungen ans Unbegreifbare: Nadine Geyersbach und Andy Zondag in "World of Reason"
© Theater Bremen

In Formans Biopic über den eigenwilligen Komiker bzw. formbewussten Performer Andy Kaufman bestehen dessen performative Grundrechenarten a) im Übergriffigen sowie b) in der Verweigerung. Alexander Giesche fragt in seinem über weite Strecken textfreien, dafür bilderstarken Abend gemeinsam mit den ultrapräsenten Performern Nadine Geyersbach und Andy Zondag nach Gravitation und Gleichgewicht, nach Gefühl und Gegenwelt. Die Figur des grandiose Eigenbrötlers Andy Kaufman steht dabei (ebenso wie dessen kongenialer Film-Verkörperer Jim Carrey) eher für Formen und Überlegungen Pate.

Bilder schauen, wie man Gedichte liest

Übergriffe gibt es nicht. Zugleich simpel hergestellte und dafür aber nicht eindeutig einordenbare Momente gibt es aber zuhauf. Fragen entstehen: Was bedeutet das? Bedeutet das überhaupt was? Kann ich das denken? Oder doch eher essen? Schnürboden und Unterbühne, Licht, Ton, die ganze Theatermaschinerie wird angeworfen. Giesche baut mit einfachen Mitteln Bilder, die man anschaut, wie man ein Gedicht liest:  Man ahnt, schnappt auf, übersieht, verbindet, ergänzt – eine klare Handlungsanweisung gibt es nicht. Außer dass auf Seiten der Zusehenden eine Art enthusiastisches Interesse hergestellt wird für Sachverhalte und Fragen – die man hernach kaum in klare Worte fassen könnte.

Getragen von einem Continuo entspannter Anschauung, wechseln Szenen abrupter und ästhetisch harscher als man zunächst merkt. Geyersbach läuft staunend dem kreise(l)nden Rotordings hinterher, schlägt mit Seifenblasen eine Bresche in den Raum, die nach und nach verwirbelt wird. Sanfter Schnitt. Vor weißer Leinwand räsonieren zwei Pinguine über das ulkige Verhalten in der Menschenkolonie. Man habe unlängst Fälle von sexueller Desorientierung beobachtet. Auch dass einzelne Exemplare statt zum Meer oder Brutplatz sich in die eisigen Berge aufmachen würden. Sanfter Schnitt. Ein Video, in dem Geyersbach und Zondag die Kurzarm-Humanzentrifuge am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln ausprobieren. Sanfter Schnitt.

Übersetzungen und Näherungswerte

Eine grandiose lange Slow-Motion-Sequenz, in der die beiden Akteure zu dubbassunterwummertem Minimal-Techno im Kunstnebel schwarze Flaggen aufstellen. Sanfter Schnitt. Ein Ballett mit den Eingangs erwähnten Absperrgurten. Sanfter Schnitt. Geyersbach nimmt, nachdem Zondag ihre Füße rituell gereinigt hat, ein Fußbad in einem Aquarium. Putzerfische kitzeln sie sichtbar an den Fußen, so dass sie immer wieder lachen muss, als sie eine sehr lange Wortreihe Zondags – von Ukraine über Merkel bis Antidepressiva und Flugananas – mit jeweils witzig oder nicht witzig "beantworten" muss. Sanfter Schnitt. Während ein sehr großer, sich drehender Spiegel eine Art Mondfinsternis aus dem Bühnenscheinwerfer in den Raum wirft, dreht sich Geyersbach in glitzernder Burka-Attrappe auf einer kleinen Drehscheibe und singt in einem (wahrscheinlich) Phantasiejapanisch etwas, das nach Nothing Compares to You klingt.

"World of Reason" ist ein Abend der Übersetzungen und Näherungswerte. Naturwissenschaftliche und philosophisch-politische Recherchen werden in Bildstärken übersetzt. Die Zusehenden nehmen ihre Rolle als sich daran Annähernde (statt der Handlung Folgende) ein und an. Dass weder Vernunft noch Unvernunft alleinige Triebkraft des imposanten Abends sind, führt hin zu dessen Kern. Um sich einen klaren Reim drauf zu machen, müsste man "World of Reason" wohl noch mindestens einmal schauen – am besten nicht frontal, sondern aus dem Augenwinkel.

 

World of Reason
von Alexander Giesche
Regie: Alexander Giesche, Bühne, Kostüme: Nadia Fistarol, Musik, Sounddesign: Lorin Strohm, Video: Alexander Giesche, Chriss Bieger, Licht: Frédéric Dautier, Dramaturgie: Regula Schröter.
Mit: Nadine Geyersbach, Andy Zondag.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

"Alexander Giesches Theaterabend (…) richtet sich nicht an den Verstand des Zuschauers, sondern an seine Intuition", schreibt Anke Dürr auf Spiegel online (16.3.2015). Es sei eher eine Nummernshow als ein Stück, "zusammengehalten von den privaten Assoziationsketten des Regisseurs und vor allem von den tollen Performern, der Schauspielerin Nadine Geyersbach und dem Tänzer Andy Zondag". Einen Grundsatz habe Giesche von Andy Kaufman, (der den Abend lose inspiriert), übernommen: "die Erwartungen des Publikums zu unterlaufen". In einer Zeit, in der jeder TV-Zuschauer wisse, dass, wo "Reality Show" draufsteht, nichts Reales drin ist, sei das allerdings nicht mehr so leicht wie zu Kaufmans Zeiten. "Damals waren Rolle und Person noch klar getrennt – Kaufman hob diese Grenze auf", so Dürr: "Kaufman hat sein Publikum verstört, Giesche verwirrt es höchstens." Wenn man sich darauf einlasse, sei seine "World of Reason" ganz amüsant. "Aber sie bleibt harmlos."

Je weniger gesprochen wird, so lasse sich nach einigen Giesche-Produktionen in Bremen als Faustregel bilanzieren, desto besser sei das Stück, schreibt Johannes Bruggaier in der Kreiszeitung Syke (16.3.2015). "In 'World of Reason' (…) wird wenig gesprochen." "Der Bürger als Schöpfer einer Vernunft, die ihn selbst bedroht": Aus dieser Setzung entwickele Giesche manchen spannenden, bildstarken Gedanken. Er mache keine halben Sachen, "seine Bilder sind radikal bis wahnwitzig, mitunter unverständlich, dann aber wieder umso bestechender". Heraus komme "ein alle Sinne fordernder Abend voller theatralem Pathos". Giesekes Akteure hätten seine Ästhetik nicht nur verstanden, sondern geradezu aufgesogen, balancierten gekonnt auf dem Grat zwischen Ironie und Tragik, so Bruggaier. Ohne eindeutigen Bezug zu seinem Ausgangspunkt, dem Film "Der Mondmann", stehe und funktioniere das Stück "ganz für sich allein".

Unterhaltsame und wunderliche Eindrücke halten sich für Sven Garbade die Waage. "Möglicherweise sind hier jene Zuschauer im Vorteil, die sich mit dem Diskurs der bildenden Kunst befasst haben", schreibt Garbade im Weser-Kurier (16.3.2015). Dort gebe es nämlich nicht "jenen Effekt, den der Theaterfreund als Stillstand oder gar Leerlauf empfindet": "Dieses sonderbare Nichts, wo mit den Schuhspitzen gewippt und die Scheinwerfer unter der Decke gezählt werden." Mit solchem Leerlauf sei diese Aufführung stark gewürzt – obgleich nach und nach dann doch einige Dinge passierten. Garbade sieht manche "fraglos beängstigenden" Bilder und schreibt über die "Witzig/nicht witzig"-Szene, sie entwickle "eine seltsame gedankliche Reibung, eben weil sie so skurril und hilflos zugleich daherkommt". Weniger überzeugen könnten die "Phasen voller gedankenfreier Umbauarbeiten": "Absperrbänder werden mal hierhin, mal dorthin gestellt. Das dauert, und dauert." Manchmal rumpelten Musiken auf einem unverschämt hohen Energie-Level herein – zumindest fände diese Energie keine Entsprechung in den Körpern der Performer. "Da regiert bei Giesche ein mutiger Wille, die Gesetze des Theaters fröhlich zu ignorieren", so Garbade. An diesem Abend rette sich das Projekt jedoch noch halbwegs, weil mit Geyersbach und Zondag zwei Performer zur Verfügung stünden, "die auch gewisse Fähigkeiten als Komiker an den Tag legen".

 
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