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613 Traurigkeiten

von Michael Laages

Hannover, 15. März 2015. Jede Generation beginnt ganz von vorn. Was soll sie bloß anfangen mit dem Wissen um das unsagbare Grauen, das "der Holocaust" heißt? Wie können die Nach- und Nach- und Nach-Geborenen verstehen, was nicht zu verstehen ist: dass ein Volk, das doch so stolz war auf die eigene Kultur, alle Zivilisiertheit über Bord warf und ein anderes auslöschen wollte von der Karte der Welt? Jonathan Safran Foer ist so ein Nachgeborener, die Großeltern des amerikanischen Autors überlebten den Völkermord. Für sein literarisches Debüt machte sich der Mittzwanziger aus Washington kurz vor der Jahrtausendwende auf die Suche nach Opas Spuren. Der so entstandene Roman "Alles ist erleuchtet" erzählt von dieser Suche auf mehreren Ebenen, vor zehn Jahren wurde er verfilmt und bietet auch viel Stoff fürs Theater; nach Adaptionen in Heidelberg und Weimar ist er jetzt am hannoverschen Schauspielhaus zu sehen, ab Mitte April dann auch in Essen.

Die Fassung von Regisseurin Mina Salehpour, Dramaturgin Vivica Bocks und dem Ensemble in Hannover stürzt sich mutig auf die nicht ganz unkomplizierte Erzählstruktur des Romans – und beginnt mit den beiden Hauptfiguren. Foer selber, dem Schriftsteller, der im Grenzland zwischen Polen und der Ukraine nach der Frau suchte, die einst den Opa rettete (und der in Wirklichkeit nichts fand als eine Gedenktafel in acht Sprachen dort, wo "sein" Dorf nicht mehr zu finden ist), steht mit dem jungen Alex ein ziemlich schräger Reiseführer gegenüber.

Doppel-Dorf mit beweglicher Synagoge

Der lärmige Macho aus Odessa liebt Amerika und hat den eigenen Hund nach Sammy Davis jr. benannt; mit dem eigenen Großvater, der sich als blind ausgibt, aber den klapprigen Wagen steuert auf der Spurensuche, sowie dem ziemlich nervigen Köter hilft dieser Alex im Auftrag von "Heritage Tours" dem Amerikaner durch die Wirren der Ukraine. Die ist nach Auflösung des Sowjetreiches gerade frisch in die Unabhängigkeit entlassen worden. Später (das ist die zweite Ebene) schreibt er mit Foer gemeinsam die Erinnerung an diese Reise auf für den Roman; gemischt mit (Ebene 3) Foers Beschwörungen der (ziemlich frei erfundenen) Geschichte des Dörfchens Trachimbrod.Alles erleuchtet2 560 Isabel Machado Rios uDaniel Nerlich als Jonathan im mit Ballons gefüllten Erinnerungsraum
@ Isabel Machado Rios

Das muss ein sehr skurriles christlich-jüdisches Doppel-Dorf gewesen sein; die Synagoge stand exakt in der Mitte und konnte (je nach Stimmung der Gemeinde) mal mehr hinüber und mal mehr herüber geschoben werden. Es hatte eigentlich auch keinen Namen zu Beginn von Foers Chronik – erst mit der wundersamen Geburt eines Mädchens beim Unfallsturz eines Pferdewagens in den Fluss bekam es einen: Brod hieß das Mädchen, Trachimbrod darum das Dorf. Bei Jankel, einem Witwer im Dorf, wächst es auf; und es ist die Urahnin jener Augustine, die Foers Opa rettet im Holocaust-Jahr 1943. Als die Reisegruppe diese Retterin endlich findet, enthüllt sie auch gleich noch das tragische Schicksal des anderen, des blinden Großvaters von Alex – er, ein Ukrainer, wurde zum Verräter und damit zum Mörder am besten Freund, einem Juden, als die barbarischen Nazi-Horden Trachimbrod in Feuer, Schutt und Asche legten.

Das Sägeblatt im Schädel

Es gehört zu den erstaunlichen Qualitäten der hannoverschen Aufführung, dass von dieser eher verzwickten Struktur bald nichts mehr zu spüren ist. Klar: Die Exposition mit dem schrillen Alex im Zentrum mag ein wenig lang geraten sein, und dass die beiden Schreib-Partner Alex und Jonathan in der Folge jeweils Sessel auf die Bühne holen müssen, um die Ebene der gemeinsamen Produktionsgespräche zu markieren, ist auch bloß dem Bemühen um Verständlichkeit geschuldet.

Aber im Hin und Her zwischen dem Reisebericht (fast einer klassischen Schelmengeschichte) und der sehr magischen Trachimbrod-Chronik entwickelt der schnelle Abend eine faszinierende Stimmung, die alle Spiel-Ebenen umstandslos vereint. Und Momente gibt's, die sind zum Atem-Anhalten schön – wenn etwa das Mädchen Brod beim Obst-Frühstück mit Ziehvater Jankel den "Almanach der 613 Traurigkeiten" entwickelt. Auch der sanfte Junge aus dem Nachbardorf Kolki bleibt in Erinnerung – er "gewinnt" das Mädchen Brod beim Dorffest als Hauptpreis und bleibt dann tatsächlich mit ihr zusammen, wenn er auch nach einem Unglück im Sägewerk den Rest des Lebens mit einem halben Sägeblatt mitten im Schädel verbringt; und die Geburt des eigenen Sohnes nicht mehr erlebt.

Zauberhaftes Kopulationsleuchten

Derart viel phantasiestiftende Energie setzt das Material frei, dass "Realität" in Bühne und Spielweise kaum produktiv wäre. Andrea Wagners weißer Dreiecksraum auf der Kammerbühne der Cumberlandschen Galerie hängt voller Luft- und Licht-Ballons, mal am Boden, mal an der Decke befestigt; einige werden später von Augustine, der Retterin, aufgestochen – und Staub und Asche der Erinnerung wehen aus ihnen herab; noch so ein Augenblick purer Magie! Aus einem der Ballons zieht der ukrainische Großvater von Alex dann auch das Foto hervor, das die eigene grauenhafte Täter-und-Opfer-Geschichte enthüllt.

Dieser Opa, Thomas Neumann, nach vielen Jahren am Deutschen Theater Berlin nun schon seit geraumer Zeit in Hannover, ist das eine Ereignis im Ensemble; Lisa Natalie Arnold als Brod und Augustine wie auch als fürchterlich furzender Hund ist das andere. Aber auch Sandro Tajouri (Alex) und Daniel Nerlich (Jonathan) sind starke Partner – vier Personen erzählen von einer Welt, die unsere Opas vernichtet haben. Der Titel übrigens ("Alles ist erleuchtet") bezieht sich auf das zauberhafte Leuchten, das allüberall auf der Welt Paare in den Kosmos hinauf senden im Augenblick der Kopulation, ebenso wie auf das Feuer-Licht der Synagoge, in dem das jüdische Trachimbrod verbrennt.

Das ist der Horizont, vor dem Jonathan Safran Foer eine Welt, die es nicht mehr gibt, gefunden und erfunden hat. Wie schön, sie auch auf der Bühne zu sehen …

 

Alles ist erleuchtet
nach dem Roman von Jonathan Safran Foer
Fassung: Vivica Bocks, Mina Salehpour und Ensemble
Regie: Mina Salehpour, Bühne: Andrea Wagner, Kostüme: Maria Anderski, Dramaturgie: Vivica Bocks.
Mit: Lisa Natalie Arnold, Daniel Nerlich, Thomas Neumann, Sandro Tajouri.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhannover.de

 

Kritikenrundschau

Die Spielfassung der komplexen Romanvorlage sei "klug gestrafft", schreibt Martina Sulner von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (17. 3. 2015). Die Inszenierung findet aus Sicht der Kritikerin "einen ganz eigenen, bitter vergnüglichen Ton". Man sehe "viele versponnen-schöne Szenen" auf der Bühne. Nur den "betont witzigen" Auftakt findet Sulner etwas aufgesetzt.

"Virtuos und präzise spielt diese Inszenierung mit den Gefühlen", schreibt Stefan Gohlisch von der Neuen Presse (17.3.2015). "Sie ist oft übermütig und dann wieder so tiefschürfend, dass der Atem stockt." Webige Requisiten und große Schauspielkunst genügten, um "Handlungsebenen und Personal trennscharf zu unterscheiden."

"Aus gutem Grund kam in der Cumberlandschen Galerie heftige Begeisterung auf", so Jörg Worat von der Kreiszeitung (17.3.2015). Mit der Theaterfassung dieses Romans habe das Staatsschauspiel ein kleines Juwel in die Landschaft gesetzt.