Pflanzt Klee!

von Falk Schreiber

Hamburg, 18. März 2015. 50, 60 Zuschauer stehen vor dem Kampnagel-Verwaltungsgebäude, trinken Bier, rauchen, smalltalken. Ein wenig abgerissen sehen einige aus, andere campy, die meisten elegantly wasted, Kampnagel-Premieren-Schick. Nur dass heute keine Premiere ansteht, sondern die Gründung einer Interessengemeinschaft: des Zentralrats der Asozialen in Deutschland, kurz ZAiD. "Es ist ZAiD!", ruft Tucké Royale, Berliner Performer, Autor, Künstler und vor allem Erster ZAiD-Sprecher in den warmen Frühlingsabend und durchtrennt ein blaues Band. Hurra, Einweihung! Einzelne klatschen, jemand johlt, dann zieht die Gruppe in das Gebäude, zur "Feierlichen Inauguration des Zentralrates".

Beete, Buttons, Zinken

Tatsächlich stößt die Aktion in eine Wunde: Es gibt keinerlei Erinnerungskonvention, was die Verfolgung "Asozialer" durch die Nazis angeht, im Gegenteil wurde die nationalsozialistische Diskriminierungstradition nahtlos durch Bundesrepublik und DDR fortgeführt. Unter anderem Obdachlose, Prostituierte, Suchtkranke und Empfänger von Sozialleistungen werden bis heute massiv sanktioniert, die ZAiD-Forderungen beispielsweise nach "ressentimentfreier Erwähnung von Asozialen im Unterricht" oder "Wohnraumbereitstellung für Obdachlose" haben als politische Agenda durchaus Hand und Fuß. Bloß: Zum landläufigen Verständnis von Asozialität gehört, dass die Formulierung politischer Agendas nicht unbedingt im Vordergrund steht. Entsprechend ist vieles an dieser Zentralratsgründung Aufbauarbeit, Nachdenken über die Frage, wo sich die extrem heterogene Gruppe der Betroffenen eigentlich positioniert. "Das Versprechen heißt: der ZAiD ist darstellbar!" ruft Royale und bringt damit das eigentliche Thema des Abends auf den Punkt: eine Sprache, eine Ästhetik zu finden, mit der man diese Darstellung vornehmen kann.

ZentralratAssozialen 560 Selim Sudheimer uTucké Royale, erster Sprecher des Zentralrats der Asozialen © Selim Sudheimer

Eine Ästhetik ist jedenfalls sehr wohl da: Auf Kampnagel stehen schwarze Blumenbeete, bepflanzt mit ebenfalls schwarzem Klee, der in Form und Farbe an die schwarzen Winkel erinnert, mit denen Asoziale unter den Nazis stigmatisiert wurden. "Der schwarze Klee ist das Symbol des Erinnerns", erklärt Royale, "vergleichbar der roten Nelke." Große Worte, aber vielleicht sind sie hier wirklich passend. Zumal in den kommenden Tagen ganz konkret das pathetische Symbol mit konkreter Basisarbeit verknüpft werden soll. "Folgendes steht an: Forderungskataloge an Ministerien schreiben. Buttons drucken. Unmögliche Orte mit Zinken markieren." Und schließlich: "Es muss Klee gepflanzt werden." Es muss! Schön!

Ist das jetzt Kunst – oder Politik?

Die anschließende Diskussion dreht sich dann allerdings soziologieseminarhaft hauptsächlich um die Frage, ob die diskriminierende Fremdzuschreibung "Asozialer" tatsächlich ein Begriff ist, den man verwenden möchte. Kann man hier eine Empowerment-Strategie fahren, oder wäre "Zentralrat der als Asoziale Diskriminierter" vielleicht passender? Jemand stellt in den Raum, dass die Struktur eines Zentralrats überhaupt problematisch sei, erinnere dieser Begriff doch an die politisch präsenten Zentralräte von Juden, Sinti und Roma oder Muslimen. Worauf sich eine junge Zuhörerin meldet: "Ich bin Jüdin, ich bin Atheistin, ich bin queer. Vom Zentralrat der Juden fühle ich mich nicht vertreten, sehr wohl aber vom ZAiD." Was nicht zuletzt deswegen eine problematische Aussage ist, weil der ZAiD bis heute noch überhaupt niemanden vertritt.

Ein Zuhörer ist enttäuscht. Er sei gekommen, weil er eine provokante Kunstaktion erwartet habe, sagt er, wenn man nun aber tatsächlich einen Zentralrat gründen wolle, dann müsse man das ganz anders angehen. Nur wie? Royale lächelt nachsichtig. Der Einwurf ist zwar besserwisserisch, unbewusst lenkt er aber den Blick auf das, was die Aktion ausmacht: Man kann gar nicht genau sagen, ob diese "Feierliche Einweihung" nun Kunst ist, Politik, politische oder ästhetische Inszenierung. Inszenierungsformen der Gruppenbildung prallen auf Inszenierungsformen des Asozialen, auf Egozentrik, auf Überästhetisierung. Bis das Ergebnis zu schillern beginnt, bis keine Zuschreibung mehr gilt. "Wollen wir eine Gesellschaft, in der Anerkennung nur über Produktivität und Konsum funktioniert?" fragt Royale. Eine Gesellschaft, in der diese Kriterien nicht zwingend gelten, das wäre zum Beispiel: die Kunst.

 

Feierliche Einweihung des Zentralrats der Asozialen in Deutschland (ZAiD)
von und mit: Marc Aschenbrenner, Eva Carbó, Daniel Cremer, Sebastian Fassnacht, Dorothee Halbrock, Julia Hörath, Miro Kaygalak, Tucké Royale, Franziska Schnoor, ehrliche arbeit – freies Kulturbüro, Benjamin Wiemann.

www.kampnagel.de
www.zentralrat-der-asozialen.de

 

Mehr lesen: Die Aktion hat auch Proteste von Betroffenen provoziert.


Kritikenrundschau

Für die Welt (21.3.2015) berichtet Stefan Grund über die Gründungsveranstaltung des "Zentralrats der Asozialen" und vermeldet: "Die Sozialperformance ist auf dem Vormarsch, alte Formen des Aktionstheaters von Christoph Schlingensief werden weiterentwickelt."

 

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