Kultivierung des eigenen Nein

 19. März 2015. "Soll nach 25 Jahren schon Schluss sein?", so ist das Interview übertitelt, das Peter Kümmel mit Frank Castorf geführt hat und mit dem die Zeit ihr Feuilleton aufmacht.

Berlin sei nicht lau, aber cool geworden, so Castorf. Coolness aber sei nicht seine Temperatur. "Daher ist dies vielleicht die rechte Zeit für Veränderungen; so ein Theater ist ja kein Erbhof." Sein Vertrag ende 2016, "wir haben jetzt eine kleine Verlängerung, aber keine, die ausreichen würde, die Volksbühne neu zu strukturieren", so Castorf. Sein Abschied sei jedoch Wunsch der neuen Berliner Kulturpolitik. "Von meiner Seite hätte ich, da ich nie ein Ende finden kann, auch an der Volksbühne keins gefunden." Castorf sieht in der Politik heute "Nichtprofessionalität" und eine "andere Grundkompetenz", auch eine "Unkenntnis dessen, was dieser merkwürdige Ort Theater ist".

Kümmel sagt, dass ihm die letzten Inszenierungen zusammengenommen wie ein großer Monolog erscheinen: "Hatten Sie nie Sehnsucht nach einem Dialogpartner?" "Nee, die gibt's nicht", so Castorf. "Wenn ich ein politischer Mensch mit dem Programm wäre: dialogisieren, um was zu verändern, dann wäre die zweite Stimme sinnvoll. Aber eigentlich bedeutet meine Existenz Zurückgeworfensein auf die Reflexion. Die hat nur eine Stimme, deshalb mache ich Monologe. Schon in der DDR erschien mir als die einzige Stimme, der ich glauben konnte, die eigene." Viele Dinge könne man heute gar nicht mehr durchdringen, deswegen sei es gut, auf der Bühne das Nein zu kultivieren.

Theater sei eine Art von Einsamkeit oder Außenseitertum, die man produktiv macht. "Es war immer Außenseitertum. Zadek und Stein waren auf ihre Art und in ihrer gegenseitigen Antipathie auch Außenseiter." Heute würden sich alle in diesem marginalisierten Bereich des Theaters aus Angst immer mehr vernetzen, und er habe das Gefühl, "dass die Wut eines Einzelnen, der sich ins Halbdunkle einer Höhle zurückgezogen hat, eher fehlt. Man hat aber die Verpflichtung, diese Wut auszudrücken."

Auch um das gerichtliche Verbot seiner Baal-Inszenierung geht es in dem Interview. Es sei ihm jetzt zugestoßen, was ihm zuletzt in der DDR passiert ist und wonach er sich lange gesehnt habe: "Es ist endlich wieder eine Aufführung von mir verboten worden. Eigentlich ein lächerlicher Vorgang, von dem man nicht glauben sollte, dass er im 21. Jahrhundert noch passieren würde." Brecht sei ganz allgemein sehr lax mit Fragen geistigen Eigentums umgegangen. "Ich glaube nicht, dass er sein Werk unter so eine Glasglocke stellen wollte."

(sik)

 

Zum Urheberrechtsstreit um Frank Castorfs "Baal": ein Prozessbericht des Bayreuther Juristen Rupprecht Podszun.

 

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