In den Fängen des Mensch-Getüms

von Nikolaus Merck

Berlin, 19. März 2015. Was ist das da auf der Bühne? Ein Schacht bis zum Ende der Welt? Eine endlose U-Bahn-Unterführung, in der die Räuber aufs Edelste holzvertäfelt hausen? Oder einfach jener sprichwörtliche Tunnel mit Licht am Ende? Alles zusammen oder nichts von all dem? Foul is fair and fair is foul, alles geht und nichts ist gewiss?

Wie am Rezitatoren-Tisch

Zu Beginn jedenfalls, heftiges Trommeln und Klopfen hinterm Holz, fungiert Karoly Risz' viereckiger, sich in den Bühnenhintergrund verjüngender Trichtergang als Geburtskanal. Fünflinge speit er aus, nackt bis auf die Unterhosen, ineinander verschlungen, zerrend, kriechend, keuchend, hechelnd, eine Ausgeburt mit fünf Köpfen, zehn Armen und Beinen. Dieses Getüm ist eine starke Spielidee von Tilmann Köhler und zugleich die Hauptfigur des Abends. Das Getüm sind die Hexen und die Hexen verwandeln sich mittels der herrlichen Kostümhaufen der Susanne Uhl, die von der stirnbandfähigen Plastiktüte bis zum schwarz-coolen Metrolook alles bereithalten, in alle, die in Shakespeares Buche stehn und nicht Macbeth und die Lady sind.

Denn Macbeth ist Ulrich Matthes. Sein Zweifel und seine Angst, wenn er den König Duncan meucheln geht, um selber König zu werden, seine Mordentschlossenheit, um den Gewinnst zu sichern, seine Verzweiflung, weil ein Mord den nächsten gebiert und niemals nie die Mörderseele ruhn und baumeln kann in Sicherheit und Königsglück... all diese Beschwernisse eines Großen teilt Matthes dem Publikum mit. Wie ein später Richard III. hält er Zwiesprach mit seinem Gewissen, seinem inneren Schweinehund, der das Publikum ist. Ein versonnener König, ein reflexiver Mordgesell, der all sein Erklügeltes und Erfühltes, mit großem, rollendem Aug', halboff'nem Mund und herrlichst modulierend genauso gut im Sitzen hätte vortragen können. Als Rezitator mit Tisch und Wasser drauf.

macbeth3 560 Arno Declair hVon Männern wie von Hexen umfangen: Macbeth (Ulrich Matthes mit Zweig) © Arno Declair

Eher unglücklich auch die Beziehung der Eheleute Macbeth. Wenn Maren Eggert und Ulrich Matthes versuchen, sexuelle Register ihrer Liebe vorzuführen, weiß er nicht wohin mit seinen Händen oder verhaspelt sich bei "Gebär' mir Söhne nur! / Aus deinem unbezwungenen Stoffe können / Nur Männer sprossen." Während sie den guten Gatten ausgerechnet für seine sympathischste Eigenschaft, seinen Hang zum Zweifel, sichtlich genervt beschimpft. Ansonsten steht Maren Eggert im blauen langen Kleid königlich aufrecht, leuchtet sich in der Wahnsinnszene schülertheaterhaft mit der Taschenlampe von unten ins Gesicht und trällert dabei ein Liedlein, so dass man sich ernsthaft fragt, aus welchem ganz anderen Stück diese sonst so herrliche Schauspielerin in den Kanal-Tunnel-Trichter hineingeraten konnte, der bei Tilmann Köhler die Welt bedeutet. Eine hermetische Welt ohne außen, in dem die Hirngespinste Gestalt annehmen.

Kein Theaterblut vergossen

Und die Hirngespinste heißen Elias Arens, Felix Goeser, Thorsten Hierse, Matthias Neukirch und Timo Weisschnur, spielen Banquo, die Familie Macduff, den armen König Duncan, seinen Sprößling Malcolm und alle Edlen und Unedlen des Reiches. Als Mörder tragen sie sich streng vermummt, im modischen IS-Look, wenn Neukirch den montypythonesken König macht, hängen die übrigen vier an seinem Leib und züngeln mit den Händen um seinen Kopf die Krone hin. Weil Goeser auch den großen Macht-Konkurrenten Banquo gibt, egal ob tot oder lebendig, macht er gleich die übrigen Unheilsboten mit, die Macbeth künden vom heranrückenden Birnhamer Wald oder dem Tod der Lady. Wann immer sein Schicksal böse aufgrellt, starrt Macbeth so dem gefürchteten Banquo ins Gesicht.

Das ist genauso klug ersonnen wie das Morden durch Augen zuhalten oder das bedrohliche Dröhnen der Schläge gegen die Holzwände, die Gedanken und schwellenden Zorn skandieren. Wenn überhaupt alles so fein ineinander spielt, nicht ein einz'ges Handy gezückt, gar kein Theaterblut vergossen, wenig gebrüllt und obendrein so klar und artikuliert gesprochen wird, was hast Du, ewig, unzufriedenes Herz, an diesem Abend auszusetzen?

Oder anders: Wenn doch, angesichts des Regisseurs, zu erwarten stand, dass hier ein Abend aufs Wort gestellt würde, und wenn wir das doch klaglos zu ertragen bereit gewesen – warum um alles geht die Inszenierung so glatt und spurlos am Gedanken- und Schmerzzentrum vorbei?

 

Macbeth
von William Shakespeare
Deutsch von Dorothea Tieck
in einer Fassung von Sonja Anders und Tilmann Köhler
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Jörg-Martin Wagner, Dramaturgie: Sonja Anders und Hannes Oppermann.
Mit: Maren Eggert, Ulrich Matthes, Elias Arens, Felix Goeser, Thorsten Hierse, Matthias Neukirch, Timo Weisschnur.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Ein Problem der "Hauptstadtschauspielerkunst" macht Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (21.3.2015) an diesem Abend aus. Ulrich Matthes bewältige "Schauspielkunstoffenbarungsmonologe"; "er tut dies mit hochlöblich durchgestufter Deklamationskunst, die mehr als einmal ins Brüllen hinüberlappt und ihn gar die Hände vor die nackte Brust schlagen lässt, bis diese errötet. Das ist schon ganz schön dicke." Auch Maren Eggert "flippt" als Lady Macbeth "mit ihren Wahnsinnslachschreien ein bisschen sehr wirkungsvoll aus." Eine "volle Breitseite der spielerischen Druckaufbauerei und Dampfablasserei" bekomme man "von dem fünfköpfigen Hexenknäuel verpasst". Im Ergebnis sei das für "alle Beteiligten, auch für den Zuschauer, sehr viel freudlose Arbeit."

Ein "eher strenger Abend", der mit "sinnfälligen, in der Einfachheit manchmal schönen" Bildern besticht, ist dies für Peter von Becker vom Tagesspiegel (21.3.2015). Köhler nehme beim Bühnenbild Anleihen bei Michael Thalheimer, in der Männergruppe Anleihen bei Jürgen Goschs „Macbeth"-Inszenierung, beweise aber auch „Eigensinn", wenn das „Blut an Händen und Dolchen nur unsichtbar sichtbar gespielt" werde. Zwar wirke Ulrich Matthes „als selbstreflexiver Triebtäter" Macbeth mitunter „etwas monoton"; auch „fehlt's am erotischen, irgend begehrenden, zu Taten verführenden Zusammenspiel mit" der Lady Macbeth von Maren Eggert. Aber in der Summe gibt's Lob und den Eindruck: „bei der Premiere mal keine kichernde Claque und am Ende nachdenklicher, statt unbedenklicher Beifall."

"Die Inszenierung bringt ihre Figuren in wenig emotionalen Aufruhr, sondern lässt sie diesen nur erzählend andeuten. Dagegen kann auch Ulrich Matthes in der Titelrolle nicht an"; sein Macbeth wirke wie am "Rezitationspult", berichtet Hartmut Krug im Deutschlandfunk (20.3.2015). "Mit seinen die Fäuste ballenden, stereotypen Handbewegungen erscheint dieser blasse, wenn auch wunderbar aufs Wort setzende Macbeth mehr als Nachdenker denn als Macher." Fazit: "Auf- oder angeregt haben uns die langen zweieinviertel Stunden nicht, eher rutschten sie in lähmender Langsamkeit so an uns vorbei."

Anke Schaefer berichtet im Inforadio des rbb (20.3.2015): "Tilmann Köhler lässt keinen Tropfen Bühnenblut vergießen. Selten bei Macbeth und einzelne Bilder dieses Abends wirken nachhaltig." Aber die Inszenierung habe "solche Längen, dass mancher sich gestern bei der Premiere zwischendurch ein Nickerchen leistete", und "eine schlüssige Neudeutung" der Tragödie, "die uns wirklich erreicht hätte, ist Tilmann Köhler schuldig geblieben."

"Bis zu den letzten Sätzen, in denen er die Nichtigkeit des Lebens resignativ beschreibt, ist Matthes bewundernswert auf der Höhe seiner sprachlichen, darstellerischen und gedanklich abwägenden Kunst" mit seinem Macbeth, preist Peter Hans Göpfert die schauspielerischen Leistungen im Kulturradio des rbb (20.3.2015). "Maren Eggert gibt eine beinahe priesterliche Lady, die anfangs eher gelangweilt den Mann erotisch an sich fesselt, ihn anstachelt, bei seiner Männlichkeit packt, seine Schreckensbilder psychologisch deutet." Regisseur Tilmann Köhler aber schaffe es nur leidlich "mit viel Geturne, Mummenschanz, Rollenspringerei sein Konzept" aufrechtzuerhalten; bisweilen wirke seine Inszenierung "wie aus dem Regie-Handarbeitskurs, und wird irgendwann auch ziemlich lächerlich, wenn einer der Darsteller schrill und albern die arme Lady Macduff verkörpern muss".

"So spielerisch das wirkt, kann es doch auch als Versuch gelesen werden, von der Herausbildung des autonomen Subjekts in der Zeit des elisabethanischen Theaters einmal anders zu erzählen", so geht Katrin Bettina Müller in der taz (21.3.2015) dieser Inszenierung nach, die ihr "genug Stoff für ein Nachschmecken, Nachdenken, Nachlesen" bietet. "Man muss  und das ist etwas anstrengend  genau auf die Textzeilen hören, um die Handlung verfolgen zu können. Sparsam, theaterblutfrei und nur akustisch untermalt werden die Exzesse der Gewalt angedeutet. Köhler verzichtet auf die naheliegende Action und das Thriller-Moment in Macbeth."

In starken Bildern zeige Köhler "eine Welt, in der die Vorzeichen von Gut und Böse schon lange ins Gegenteil verkehrt sind. Gräueltaten sind normal, Gewalt ist ein kollektives Phänomen." So lobt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (21.3.2015), diagnostiziert aber auch ermüdende Phasen in der Inszenierung. Es werde betont "zeichenhaft und anti-illusionistisch" gespielt; nur Ulrich Matthes gebe seinen Macbeth "psychologisch. Das steht in merkwürdigem Kontrast zum Rest des Abends, der nicht realistisch sein will, sondern verfremdend; der den Stoff nicht als Tragödie des Einzelnen begreift, sondern als Parabel über eine Gesellschaft." Mit dieser Lesart gehe Köhler am Kern des Stückes vorbei: "Bei Shakespeare gibt es richtiges und falsches Töten. Hier dagegen wiegt jedes Verbrechen gleich schwer; alles wird mit diffusen, unsichtbaren Verhältnissen begründet. Das lässt eine der spannendsten Fragen Shakespeares außen vor: die der individuellen Schuld."

Macbeth und seine Lady seien zwar zu hören, "aber gefährlich wirken sie nie. Was in dem hölzernen eckigen Schacht im Bühnenbild von Karoly Risz passiert, ist solides Handwerk und redliches Bemühen", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.3.2015). "Maren Eggert sucht die Tiefen der Lady und findet bloß deren Oberfläche. Ulrich Matthes wiederum grübelt sich derart angestrengt ins Hirn des Macbeth hinein, dass man ihn keiner zupackenden Grausamkeit für fähig hält." Es mangele am "Blick in menschliche Abgründe und in die Verlaufsformen des Bösen. Noch am besten kriegt Köhler die Trabanten des Horrorpaars in den Griff, gezeigt von fünf Schauspielern als kraftvoll choreographiertes Kollektiv."

"Die ersten zehn Minuten von 'Macbeth' sehen aus wie ein Volkshochschulkurs 'Gemeinplätze der gegenwärtigen Bühnenkunst', gegeben von einem Lehrer, der vor zehn Jahren mal Jürgen-Gosch-Inszenierungen im Halbschlaf verduselt hat", berichtet ein Anonymus für die Welt (23.3.2015). Zwar werde es mit dem Auftritt von Ulrich Matthes als Macbeth und Maren Eggert als Lady Macbeth (und auch mit Felix Goeser) besser. "Aber es wird nicht mehr gut." Kurzum: "Mord und Lüge, Wahnsinn und Aufruhr, Hexerei und Hochverrat, können so unfassbar langweilig sein, wenn im Zu-heiß-Waschgang des Regietheatromats alle Farbe aus ihnen herausgespült wird."

Peter Kümmel beschreibt in der Zeit (26.3.2015) die Zusammenlegung von Rollen als Prinzip der "Übergänge, Metamorphosen, Rollenschwellen", um dann abzuwinken: "Es ist eh wurscht. Sollen sie sich doch alle auf der Bühne immerzu verwandeln oder einander verschlingen – das Gewimmel lässt einen verblüffend kalt." Wenn Tilmann Köhler mit seiner Inszenierung in den "großen Mechanismus" der Weltgeschichte (mit Jan Kott gesprochen) schauen wollte, so fehle dem Geschehen das "Unverwechselbare". (Diktum: "Das ist ja gerade das Unfassbare bei Shakespeare: dass er an den großen Mechanismus lauter überbordend vitale Gestalten verfüttert, die einzigartig blühen, ehe sie umstandslos verschwinden."). Köhler biete geräuschvolles, physisches Theater auf (Deutung: "Blinde Gewalt ist nötig, um die Zivilisation weiterzubringen."). "Im Gewimmel der 'körperlichen' Lösungen dieser Aufführung wirkt der große Rhetoriker und Psychologe Ulrich Matthes in der Titelrolle wie ein Mann auf verlorenem Posten."

 

 
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