Freiheit, die wir alle meinen

von Michael Bartsch

Dresden, 19. März 2015. Kann man "Tschick" toppen? Einen Jugendroman, der rund zwei Millionen Mal verkauft wurde, eine Bühnenfassung, die in keinem Spielplan mehr fehlen darf und an ihrem Dresdner Uraufführungsort wegen der großen Nachfrage von der Probebühne ans große Haus wanderte? Man darf dem Dresdner Staatsschauspiel unterstellen, dass es nicht auf Besucherzahlen eines Nachfolgehits spekuliert, wenn es nun Wolfgang Herrndorfs Abschiedsfragment "Bilder deiner großen Liebe" auf die Bühne bringt. Denn trotz des Premierenerfolges am Donnerstag dürfte diese Uraufführung die bislang 130 "Tschick"-Vorstellungen kaum erreichen.

Die Fortsetzung erscheint indessen nur logisch und kann zugleich als Hommage an den Autor verstanden werden, der sich in aussichtsloser gesundheitlicher Lage 2013 das Leben nahm. Herrndorf selbst verstand "Bilder deiner großen Liebe" als Vermächtnis, geprägt von Lebensliebe, ja Lebenshunger. Wieder projiziert er seine Sehnsüchte in das adoleszente Lebensalter hinein, dem man noch am ehesten Unverbrauchtheit unterstellen darf. Offenbar trifft er damit den Nerv von Millionen Lesern in einer akribisch durchgeregelten Gesellschaft, in der Freiheit eher ein umkränztes Postulat denn konkrete Erfahrung bedeutet.

Uralte Wunschwelt

Nicht erst eine Gegenwartserscheinung: Der Road-Trip von Maik und Tschick oder in diesem Buch eben von Isa findet seine Entsprechung im Genre der Road-Movies, wenn man so will sogar schon im "Simplicissimus" oder im "Leben eines Taugenichts". Projektionen einer Wunschwelt, in der es noch abenteuerliche Primärerfahrung statt bemühter Erlebnispädagogik gibt. Die anarchischen Selbstversuche von Herrndorfs jungen Helden würden heute realiter schon im Ansatz stecken bleiben.

Bilderdeinergrossenliebe3 560 David Baltzer u Eine, die Ordnungen durcheinander bringt: Isa (Lea Ruckpaul) und der eine Mann für
alles (Holger Hübner) © David Baltzer

Man stelle sich nur praktisch vor, wie weit zwei Halbwüchsige mit einem geklauten Lada kämen. Oder wann eine Isa nach ihrer Flucht aus der Anstalt wieder eingefangen wäre und welch empörtes Echo jeglicher Verstoß gegen die festgefahrene Ordnung nach sich zöge. Insofern kann man sich entspannt in die Romanfiktionen und in seine schlummernden persönlichen Erinnerungen an ein Alter hineinträumen, in dem noch alles möglich schien.

Isas Wiederbegegnung

Insofern geht aber auch so überragend gespieltes Theater wie im Dresdner Kleinen Haus nicht wirklich an die Nieren. Isa aus dem Tschick-Trio begegnet uns wieder, diesmal als Hauptfigur. Sie wird in Dresden mit Lea Ruckpaul auch von derselben Schauspielerin dargestellt, und Jan Gehler führt erneut Regie. Staatsschauspiel-Chefdramaturg Robert Koall bleibt mit seiner Bühnenfassung sehr dicht am Herrndorf-Original und setzt ganz auf die Ich-Erzählerin. Das Personarium ihrer Begegnungen wird reduziert auf einen einzigen Mehrzwecktypen, der im Textbuch als "ein Mann" und auf der einmal mehr angeschrägten Bühne in Gestalt von Holger Hübner daherkommt. Bühnenbildnerin Sabrina Rox bietet dem Auge auch nicht mehr als eine diagonal verkürzende Leinwand, die außer vereinzelten Schattenspielen lediglich die Lichtstimmungen unterstützt.

Der Zuschauer muss also weitestgehend imaginieren, was ihm das Darstellerduo verbal und gestisch anbietet. Das ist sehr viel, und dennoch balanciert solch ein gesprochenes Tagebuch manchmal hart am Rande des Leerlaufs entlang. Lea Ruckpaul gewinnt alle Sympathien, ist eine wunderbare mädchenhafte Erwachsende, ebenso energisch, schlagfertig und impulsiv wie in die poetischen Textpassagen versunken. Jogginghose, blaues Shirt, die ominöse grüne Trainingsjacke zur Schärpe geknotet.

Melancholische Töne

Die ersten 20 Minuten ist sie ganz allein, und auch die folgende Viertelstunde dient ihr Partner bestenfalls als lebendes Requisit. Szenisch passiert bei diesen Monologen nicht viel, Rhythmuswechsel hätten die Konzentrationsfähigkeit auf den Zuschauertraversen im Bühnenraum gewiss befördert. Bei aller Frische und Wandlungsfähigkeit kann Lea Ruckpaul allein die Spannung nicht immer halten.

Der lange und ausgespielte Dialog mit dem "Kapitän" des Lastkahns entschädigt dann aber gründlich. In der zweiten Hälfte wird mehr miteinander geredet und gespielt, der geschickte Einsatz des doppelten Bühnenbodens belebt sogar ein wenig Action die Szene. Der um einen reichlichen Kopf größere Holger Hübner steht der Protagonistin Isa an Liebenswürdigkeit nicht nach, findet etwa bei der Erinnerung an seine erste Liebe auch zu anrührend melancholischen Tönen oder bei der Remineszenz an "Tschick" zum Halbstarken-Gestus von Maik. Alle Register des Komödianten beherrscht Hübner ohnehin, man fühlt sich bei ihm reflexartig stets an den Klaus Uhltzscht aus Thomas Brussigs "Helden wie wir" erinnert.

Im Ganzen bleibt es erstaunlich, wie diese Reduktion auf ein – nun ja – Eineinhalbpersonenstück letztlich aufgeht. Begeisterter Applaus, vor allem für Lea Ruckpaul.

Bilder deiner großen Liebe
nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf, Bühnenfassung von Robert Koall
Regie: Jan Gehler, Bühne: Sabrina Rox, Kostüme: Cornelia Kahlert, Dramaturgie: Julia Weinreich.
Mit: Lea Ruckpaul, Holger Hübner.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Hier geht es zu Jan Gehlers Uraufführung von Tschick im November 2011 in Dresden. Alles über Jan Gehler auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Lea Ruckpaul spielt Isa suchend und kämpferisch, sie gibt ihr Ironie in langen Monologen", schreibt Rafael Barth in der Sächsischen Zeitung (21./22.3.15). "Man sieht sie gern." Nur fehle ihrer "melodiösen Sprache" die existentielle Wucht, die Herrndorfs Buch präge. "Es scheint, als sei die Trauer um den beliebten Autor in der Inszenierung gespeichert, so behutsam, klar, sparsam, zwar läuft der Abend ab." Noch stärker als bei Jan Gehlers erster Herrndorf-Adaption "Tschick" (die Uraufführung des Erfolgs-Romans und -Theaterstoffs) werde auf der Bühne vor allem erzählt. "Das sind viele Zuschauer wohl kaum gewohnt." Die hundert Minuten könnten manchem lang werden, mutmaßt Barth. Als "Hommage an einen klugen, gewitzten Autor" lasse sich der Abend aber "gut empfehlen".

Der Text wirkt für Mounia Meiborg von der Süddeutschen Zeitung (26.3.2015) "wie ein düsterer Gegenentwurf" zu "Tschick". Er tauge "zu einem leisen, poetischen Theaterabend". Ein wenig leider der Abend "an der Struktur des Textes: kaum Szenen, viele Monologe". Gesprochen wirke der Text "dann doch ein bisschen kleiner als im Roman; ein bisschen niedlicher, ein bisschen weniger verstörend." Protagonistin Isa werde "Lea Ruckpaul zu einer trotzigen Lebenskünstlerin, die mehr an Pippi Langstrumpf als an Lulu erinnert". Die Inszenierung deute sie als "Alter Ego des sterbenden Autors" Herrndorf an – "das erklärt vielleicht, warum dieses einsame Mädchen so herzzerreißend klug vom Leben redet."

 

 
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