Mysterien der Lust und Qual

von Falk Schreiber

Hamburg, 19. März 2015. "Es muss ein Ende nehmen, Johanna!" Der alte Pastor liegt im Sterben und ruft seine drei Kinder zu sich. Aber, ach, ein gutes Leben hatte der Pastor nicht, er verfiel dem Geschlechtlichen, verfaulte innerlich. Und wo Ephraim, Johanna und der uneheliche Sohn Jakob Abschied nehmen wollen, bekommen sie vor allem delirierenden Welthass zu hören. Als sich der Vater endlich erschießt, hat er eine schwarze Theologie in seine Nachfahren gepflanzt. Und die Saat geht auf: Erst manipulieren sich die drei in verquerer Gottsuche, dann quälen sie einander. Jakob bringt eine junge Frau um und wird daraufhin zum Tode verurteilt. Eine Erlösung ist das aber auch nicht. Puh.

Ein nahezu unspielbares Stück

Frank Castorf hat seit einiger Zeit eine Vorliebe für Poètes maudits, für Louis-Ferdinand Céline, für Curzio Malaparte, für Hans Henny Jahnn. Von letzterem inszenierte er vor einem Jahr Die Krönung Richards III. am Wiener Burgtheater, jetzt hat er sich am Hamburger Schauspielhaus das Frühwerk "Pastor Ephraim Magnus" vorgenommen. Ein nahezu unspielbares Stück: Erst drei Inszenierungen der 1919 entstandenen Vorlage sind bekannt, davon eine wenig beachtete Unterbühnenaufführung unter der Regie Silvia Riegers an Castorfs Stammhaus, der Berliner Volksbühne.

EphraimMagnus3 560 Matthias Horn uIn der Kathedrale des Grauens: Christoph Luser als Ephraim © Matthias Horn

Eine Aufführungstradition, in die sich eine Neuinszenierung stellen könnte, existiert praktisch nicht, was vielleicht erklärt, weswegen der Abend für Castorf-Verhältnisse zumindest narrativ recht brav daherkommt: Jahnns dräuende Vorlage wird nacherzählt, die bei diesem Regisseur unvermeidlichen Fremdtexte wirken wie pflichtschuldig eingesetzt, nicht wie radikale Eingriffe ins Stück. Kurzzeitig eröffnen sie eine Metatheaterebene, die allerdings nicht wirklich ein Angriff auf Jahnn ist, sondern eher ein freundliches Zitat des Skandals um Castorfs Münchner "Baal"-Inszenierung (nach Bertolt Brecht): "Es geht darum, die Unterwerfung des Theaters unter den Text zu beenden!", wird Artauds "Theater der Grausamkeit" zitiert, und schon geht es weiter, mit neuen "Mysterien der Qual und Mysterien der Lust". Nein, dieses Theater unterwirft sich mit Freude dem Text, und das hat durchaus eine gewisse masochistische Erotik.

Blick auf die Brüste

Auf der szenischen Ebene hat Castorf die schon häufiger eingesetzte Praxis des Livefilmens perfektioniert. Aleksandar Denić hat die Bühne mit pastoralen Wohn- und Arbeitsräumen vollgestellt, vorn staubige Bibliothek, hinten Barockkirche mit Kanzel und Orgel, zwischendrin Esszimmer. Außerdem: Kühlschrank (für einen fetischisierten Colaflaschenvorrat), riesiger, funktionsfähiger Kamin, Streckbank. Und, und, und. Weil all das ständig parallel bespielt wird und sich außerdem die Drehbühne fast ununterbrochen dreht, laufen ungefähr vier von fünf Stunden außerhalb der Sichtweite des Publikums ab – wäre da nicht der virtuose Filmeinsatz.

Zwei Kameramänner jagen über die Bühne, außerdem zwei Tonspezialisten mit Mikrofonangeln, was einerseits einen Brechtschen Verfremdungseffekt fabriziert, mit dem "Pastor Ephraim Magnus" als Sitcom des Grauens auf die auf- und abfahrenden Leinwände projiziert wird. Andererseits, und das ist nicht unproblematisch, holen die Filme die Darsteller auch ziemlich nahe an einen ran, wobei sich ein gewisser Altmännerblick des Regisseurs offenbart. Anders gesagt: Vorzugsweise sind es makellose Frauenkörper, denen die Kamera da auf die Pelle rückt. Ein recht konventionell heterosexueller Blick auf die Brüste Jeanne Balibars ist das, den Castorf hier zelebriert; die Sexualitätsmetaphern der Inszenierung sind weit weniger verstörend als diejenigen des Textes.

Darauf eine schöne, kühle Coke

Von diesen leicht abgestandenen Körperbildern abgesehen, scheint es Castorf sichtlich zu amüsieren, sein Ensemble an Grenzen zu führen: Samuel Weiss als Jakob irrlichtert aufs reizendste zwischen Irrsinn und kleinbürgerlichem Spießertum, Christoph Luser als Ephraim wankt zunächst somnambul durch die Szenerie, bis seine flackernden Augen den Wahn ankündigen, und Josef Ostendorf gibt den alten Pastor mit grotesker Körperlichkeit gleichzeitig lieb, lüstern, empathisch, widerlich und intellektuell.

EphraimMagnus4 560 Matthias Horn uStreckbankfantasien mit Coke: Christoph Luser und Jeanne Balibar © Matthias Horn

Angesichts dieses Alptraums einer Pastorenfamilie bleiben den Nebenfiguren nur kleinere Ausbrüche, um ihre Qualitäten auszuspielen: Bettina Stucky und Michael Weber machen aus der (schlussendlich weder Gerechtigkeit noch Rettung verheißenden) Judikative fiese Comedy, Carlo Ljubeks Paul vibriert vor untergründiger Sexyness, Kathrin Wehlisch wird als Mathilde von einer gewaltpornografischen Szene in die nächste geschubst, und Aljoscha Stadelmanns Andreas darf Johanna (Balibar) erst mit Cola besudeln und dann in den Kühlschrank sperren, in der Hoffnung, später "eine schöne, kühle Coke lecken" zu dürfen.

Das Ensemble brilliert, die Bühne rotiert, die Leinwände fahren auf und ab. Frank Castorf hat dem Schauspielhaus mit "Pastor Ephraim Magnus" eine tadellose Inszenierung gebastelt. Wäre da nicht der kleine Wermutstropfen, dass man von einem Regisseur wie Castorf doch etwas anderes erwartet als eine tadellose Inszenierung: eine gewisse Unverfrorenheit, eine Aggression gegenüber dem Text, dem Theater, den Verhältnissen. All das aber bietet dieser Abend nicht – nur ein dumpfes, virtuoses Wegdämmern in den Wahn.

 

Pastor Ephraim Magnus
von Hans Henny Jahnn
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Lothar Baumgarte, Video und Live-Schnitt: Alexander Grassek, Kamera: Marcel Didolff, Harald Mellwig, Produktionsleitung: Sebastian Klink, Dramaturgie: Jörg Bochow.
Mit: Jeanne Balibar, Carlo Ljubek, Christoph Luser, Josef Ostendorf, Aljoscha Stadelmann, Bettina Stucky, Michael Weber, Kathrin Wehlisch, Samuel Weiss.
Dauer: 5 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Alexander Kohlmann (der auch für die taz (23.3.2015) berichtet) schreibt auf der Website von Deutschlandradio (19.3.2015): Wie in einem "Gespensterschloss" zerflössen in Denićs Abenteuerspielplatz-Bühne "die Bedeutungsebenen". Der Abend sei "Mischung aus Theater und live inszeniertem Kino"  wie immer bei Castorf, in der "kompletten Vorhersehbarkeit" sei das "anstrengend museal". Jahnns Inhalt sei eher dünn, doch Castorf wäre nicht Castorf, wenn er seiner Erzählung nicht "mindestens eine epochale Bedeutung zuschreiben" würde. Unter einem "Ritt durch das 20. Jahrhundert" mache er es nicht. Nur leider sei diese "pervertierte Version eines Ibsen-Gesellschafsdramas" so "vordergründig und banal", dass es den" visuellen Zauber inhaltlich nicht rechtfertigen" könne.

Heinrich Oehmsen schreibt in Die Welt (21.03.2015) und gleichlautend im Hamburger Abendblatt (21.3.2015), die Inszenierung sei "bis auf den mäandernden Schluss weitgehend tadellos". In Denićs wuchtigem Bühnenbild zeigten die Kameras "Gesichter, nackte Bäuche und nackte Brüste in Großaufnahme". Gut, dass es auch Szenen vorne an der Rampe gäbe und das Drama nicht nur als Videoabend ablaufe. Viel drastischer als das, was Castorf und die Schauspieler präsentierten, sei jedoch die "pathetisch-monströse Sprache" von Jahnn. Beim Lesen wirke das Drama "völlig humorfrei", doch Castorf breche "diese Tonlage immer wieder auf" und bleibe zugleich "ziemlich eng an der Vorlage". Den Schauspielern gebühre "großes Lob" für die Befreiung vom "pathetischen Ton", Castorf für die ernsthafte Auseinandersetzung mit "Jahnns Totentanz und seinen Abgründen".

In der Frankfurter Rundschau wünscht sich Dirk Pilz (21.3.2015), Castorf müsse einmal in seinen eigenen Inszenierungen bis zum Schluss ausharren. Vielleicht verzichte er dann darauf, damit zu kokettieren, kein Ende zu finden. Das sei längst "zur wohlfeilen Stilisierung eines angeblichen Außenseitertums verkommen", dabei sei das Castorf-Theater doch, vor dem nicht erscheinenden Schluss, "wesentlich, grundsätzlich, allumfassend". Denićs Bühne: "Nichts ist stimmig, alles passt zusammen." Jahnns Stück: "Die 'Seele aussägen', die Därme anbeten, die Leiber erhöhen". Jahnn, "der Theologe des Leibes", ein "Häretiker des Humanismus", zutiefst "menschenliebender Gott- und Seelensucher". Denkbar weit von "jeglichem Gegenwartskonsens" entfernt. Jahnn gehöre mit Castorf und dem viel zitierten Artaud zu derselben Konfession: "Die Kunst soll nicht gefallen, sie soll die Wahrheit über uns Menschen ergründen. Und wahr ist nur, was schmerzt." Das spielten sie in Hamburg. Die Schauspieler kennten nur "den einen folternden Ton der Gequältheit", den aber in tausend Varianten. "Man erschrickt vor diesen Figuren, man verfällt ihnen". Dauerthema von Castorfs Theater sei der Tod, deshalb könne er nicht enden. Auch diesmal nicht.

"Das Stück ist wie gemacht für Castorf, der sich erstaunlich getreu an die Textvorlage hält und sie in eine gut fünfstündige kaputt-abgefuckte wie lebensgierige SM-Orgie verwandelt", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (23.3.2015). Dass das alles "nicht unfreiwillig komisch oder mit all den routiniert abgespulten Schockspäßen nur eitel und abgefuckt" wirke, sondern gegen Ende "erstaunlicherweise doch noch einige Sogkraft" entwickele, liege vor allem an der "rätselhaft verwinkelten Bühne" von Aleksandar Denic. "'Meiner Meinung nach ist das Theater nicht scheintot, es ist tot', heißt es gegen Ende des Abends", so Laudenbach: "Das Castorf-Theater ist nicht tot, es ist der seltsamste Zombie, der derzeit auf deutschen Bühnen umgeht." Es sei "eine Zumutung, aber eine, die dunkel verführerisch schimmert". "Berlins Kulturstaatssekretär Renner muss verrückt sein, wenn er glaubt, es sei eine gute Idee, Castorfs Intendantenvertrag an der Berliner Volksbühne nicht zu verlängern."

"Pastor Ephraim Magnus" sei "totaler Karneval im Sinn Michail Bachtins, ein Hymnus auf explodierende Körper, der hochsymbolisch von einem Pastor und dessen drei Kindern in einem Kirchenraum angestimmt wird", schreibt Kerstin Holm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.3.2015). Umso mehr sei dieser deutsch-expressionistische Marquis de Sade dazu prädestiniert gewesen, "wie es nun auch endlich geschah", vom "Altmeister der postdramatischen Zerstückelungsregie Frank Castorf" auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses gebracht zu werden. Castorf dekonstruiere mit seinem "Pastor Ephraim" einen ganzen Kulturtempel, wobei Jahnns "bombastische Textmassen" auch eine komische Dimension gewinnen dürften, so Holm. Nach einem "ausgewalzten" Finale sei festzustellen: "Der Regisseur siegt durch K.-o. über sein Publikum, das, sofern es nicht in der Pause floh, fürs Buhgeschrei keine Kraft mehr hat, die Schauspieler jedoch verdient bejubelt."

 

Kommentar schreiben