"Drage-Se mal Ihr Scheenheit in de Keller ..."

26. März 2015. Von Zeit zu Zeit lesen wir die Zeitung gern, erfahr'n wir draus vom Zustand unseres Landes doch: Mathias Döpfner ist der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE. Rund drei Milliarden Umsatz im Jahr 2014, 14.000 Mitarbeiter in über 40 Ländern.

Mathias DoepfnerMathias Döpfner
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Döpfner ist Chef im Hause seit 2002. Vorher, Mitte der 90er-Jahre, war er der letzte Chefredakteur der Wochenpost, bis zu seinem Amtsantritt, die beste Ost-West-Wochenzeitung im Lande. Noch früher war der studierte Theater- und Musikwissenschaftler Musikkritiker der FAZ. Mathias Döpfner ist im Aufsichtsrat des Medienkonzerns Time Warner und Besitzer der einen oder anderen Villa in Potsdam, wo er sich mit seinen Nachbarn wegen Zäunen streitet (was aber in Potsdam recht üblich ist). Außerdem ernannte die Financial Times Deutschland Mathias Döpfner 2012 zum "Strategen des Jahres", nun, die FTD ist inzwischen pleite. Aber jetzt erfährt Döpfner eine neue Ehre. Er darf in der Hessischen Spielgemeinschaft mittun. Sein Freund Helmut Markwort, der vom Focus, hat ihn eingeladen. Er wird im "Datterich" spielen, in Darmstadt, im Sommer, beim Datterich-Festival der Datterologischen Gesellschaft.

Großer Auftrieb steht zu erwarten, denn der Erfinder des Datterich (von Tatterich=Zittern) Ernst Elias Niebergall wäre 200 geworden, würden Darmstädter Suffköpp' so alt, und seine sogenannte "Lokalposse" ist vor genau 100 Jahren zum ersten Male im würd'gen Hoftheater vom Stapel gelassen worden (vorher nur in der Vorstadt). Blog Datterich Schattenriss Hermann Pfeiffer 280 aus Datterich hrsg Georg Hensel uDatterich-Schattenriss von Hermann Pfeiffer: rechts Helmut Markwort, 2.v.r. Mathias Döpfner. © Datterich, hrsg.v. Georg Hensel, Darmstadt 1965Der Datterich, ein Schnorrer, Angeber, war für Ernst Bloch "ein Quell von Lumperei und Freiheit, der durch lauter Muff fließt, ein kleines Raubwesen", einer "der net des best Renommeh" genießt "in de hiesige Stadt und de umliegende Ortschafte". Alfred Kerr hat ihn geliebt, "ein Nepper und ein Nassauer, doch mit seiner Frechheit beglückender als die Welt herum", schrieb er. Die Welt herum ist Bennelbächer, sein Gegenspieler. Ein Bürger, ein Pfennigfuchser, der spielt Karten ("E Katt odder e Scheit Holz!") nur so lang, bis er sein Geld wieder raus hat. Im Sommer wird Döpfner Bennelbächer spielen. Kann er Dammstädderisch schwätze? Wohl kaum. Aber Offenbacherisch, da ist er aufgewachsen. Inzwischen ist Mathias Döpfner oben angekommen, ganz oben, wo man nicht so spricht wie im "Datterich". Aber, vielleicht stimmt es ja. Und Theater ist Leben auf Probe. Jetzt etwas ausprobieren, was einer morgen tut. Vielleicht endet Döpfner, nach Potsdam und Springer, im Wirtshaus, als Zeitungsleser wie Bennelbächer. Oder er plant weiter voraus, Kerr hat er ja bestimmt gelesen, der über'n Datterich sagt: "Sprecht, wie zu sprechen ihr euch schämet, und ihr kommt ins Paradies." Oder auch: "Drage-Se emal Ihne Ihr Scheenheit in de Keller, un wann-Se widder howwe sinn, da hawwe-Se e Flasch Ingelheimer in Ihrer Schwanehand ...".

(jnm)

 

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