Der Mummenschanz im Mythos

von Tim Slagman

München, 27. März 2015. Von Jakob Geßner sieht man zuerst seinen Hintern, wackelnd zu den Takten von AC/DC und "T.N.T.". Ein Kerl wie Dynamit ist er, dieser Siegfried, das ist durchaus wörtlich zu nehmen. So wie an diesem Abend alles wörtlich zu nehmen ist, an dem Stefan Hageneier die Bühne zum requisitenprallen Illusionsraum macht und dabei genau weiß, dass seine Illusionen nicht mehr funktionieren können: Entlarvung durch Übertreibung, die germanische Heldensage als genau der Kokolores, als den wir uns die Beschwörung von Herrschaft und Männlichkeit heute hoffentlich nur noch vorstellen können.

Dabei beginnt es, wenn die Hardrock-Ouvertüre der hervorragenden vierköpfigen Liveband mit dem trefflichen Drachennamen "Fafnir Club" beendet ist, beinahe schlicht: Der junge Siegfried gerät in ein Kreuzverhör, mitten auf der Bühne turnt er auf einer flachen Felslandschaft, hinten ragt eine Wand auf mit drei großen Aussparungen, die den Blick freigeben auf Fragmente seines Namens in einer Art Softcore-Frakturschrift. Der Hauslehrer und Vater Sigmund, König der Niederlande, diskutieren darüber, was wohl anzufangen wäre mit dem bildungsstörrischen Nachwuchs, während Jakob Geßner sich in die klassische Virilitätspose wirft, die er auch bisweilen einnimmt in "Nathan der Weise", Christian Stückls vorheriger Inszenierung am eigenen Haus: den Oberkörper weit und schräg nach hinten geworfen, die Arme baumelnd wie ein Gorilla, den Kopf zur Seite geneigt wie eine Kobra, die ihre Opfer beobachtet und jederzeit zupacken kann. Stehen so Mythenstifter in der Gegend herum, die in der kollektiven Phantasie Jahrhunderte überdauern? Wohl kaum.

Erlogene Abenteuer

Feridun Zaimoglu und Günter Senkel haben ihren "Siegfried" als Auftragswerk für das Volkstheater geschrieben und eine ulkige Kunstsprache gemixt: "Du hast den dunklen Pfad genommen, der die Jungfernschaft erhält?" – "Mir stand der Sinn nicht nach ihrem Kakapuppu." Der Zwergenkönig Alberich sagt wenig mehr als "Fotzenfresse" und "Pisspisse".

siegfried1 560 Arno Declair uKampf mit dem Ungetüm aus Nebel und Kunststoff: Jakob Geßner (Siegfried) © Arno Declair

Diese Niederländer, Nibelungen und Burgunder sind sehr eindeutig nichts weiter als Sklaven und gleichzeitig grausame Vollstrecker ihrer niederen Instinkte. Das könnte sie zu tragischen Figuren machen, aber Stück und Stückl zerren sie mit Gewalt in die andere Richtung und drehen die Hysterieschraube, bis all dies in jenen Unsinn kippt, mit dem der Schmied Mimer seinem neuen Lehrling Siegfried Mund und Höschen wässrig macht: Oliver Möller, gekleidet als Jesusyeti mit verfilztem Haar und felligem Riesenumhang, wirft sich in zackige Dandyposen und beschwört mit kreischend kehliger Stimme haarsträubend erlogene Abenteuer von Jagd und Krieg und Schlachterei – eine frühe Schlüsselszene, die zeigt, wie viel Mummenschanz in jedem Mythos steckt.

Der Siegelring aus der Kackeamphore

Als der Drache, ein Ungetüm aus Nebel und Kunststoff, dran glauben muss, entpuppen sich die Eingeweide der Bühne als Drachenhöhle. Von nun an verstummt das Geschrei ein wenig, das Gepolter wird leiser, die Bildeffekte sind sparsamer eingesetzt. Was vom Rest der Sage bleibt, ist allerdings vor allem viel Gequatsche um die Ehe und den Zweck, dessen Mittel sie in dieser Hölle aus Geilheit nur sein kann. Den Nibelungenschatz, der im Quellenstoff viel deutlicher Auslöser für die Intrige war, die zu Siegfrieds Tod führt, versenken Zaimoglu und Senkel buchstäblich in der Scheiße.

siegfried2 560 Arno Declair uScheiß auf die Nibelungen! © Arno Declair

Dort hinein greifen muss Robert Joseph Bartl, der nach dem verweichlichten Hauslehrer auch die Brunhild spielt. Bartl dominiert seine Szenen durch eine gesetzte Langsamkeit, die sich vom turbohaften Spektakel um ihn herum angenehm abhebt. Mit Würde und, zugegeben, einer guten Prise Gelangweiltheit, schließlich hat noch keiner der Freier Brunhild je beim Wettkampf um ihre Hand besiegen können, schreitet Bartl durch die Prüfungen, die Brunhild auferlegt sind. Und bei allem Witz, der auch um seine Walküre gemacht wird, gelingt es ihm, die Gedemütigte, die gegen ihren Willen entjungfert wird und ihren Siegelring aus der Kackeamphore ziehen muss, zum emotionalen Zentrum einer Inszenierung zu machen, deren Brachialhumor eigentlich keine emotionalen Zentren zulassen dürfte.

Siegfried

von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel 

Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Licht: Günther E. Weiß, Dramaturgie: Katja Friedrich, musikalische Leitung und Gitarre: Tom Wörndl, Kontrabass: Max Bloching, Wurlitzer: Michl Bloching, Schlagzeug: Maria Moling.

Mit: Jakob Geßner, Jona Bergander, Magdalena Wiedenhofer, Frederic Linkemann, Ursula Maria Burkhart, Robert Joseph Bartl, Oliver Möller, Mehmet Sözer, Paul Behren.

Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Zuletzt wurde hier aus Münchner Volkstheater Georg Büchners Woyzeck in der Inszenierung von Abullah Kenan Karaca besprochen.

 

Kritikenrundschau

Kein großer Theaterabend, aber ein kapitaler Spaß ist dieser Abend aus Sicht von Christopher Leibold in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandradio Kultur (27.3.2015). Vom Kunstnebel über Bühnenblut bis zum Stoffgedärm, das aus kopflosen Leichen gekramt wird, um damit Tauziehen zu veranstalten, lasse Stückl nichts aus. "Sogar der Drache den Siegfried tötet (und der bei Zaimoglu/Senkel nur in zerhackstücktem Zustand nach vollbrachter Heldentat vorkommt) bekommt einen Auftritt in Gestalt eines als riesigen Pappmaché-Kopfes, der hinter der Felskuppe hervorlugt, die Stefan Hageneier auf die Bühne gebaut hat." Die Kostüme unterstreichen für Leibold die Comic-Ästhetik der Aufführung ebenso wie das karikierenden Spiel der Darsteller.

Stück wie Inszenierung setzen aus Sicht von Sven Ricklefs in der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk (28.3.2015) so grandios auf die Posse, "dass es ein reines Vergnügen ist, dieser zuzuschauen". Dies liege an der unverkennbaren Spielfreude des Ensembles, aber auch "an der Wucht der säuischen Sprache des Autorenduos, dem fast naiven ästhetischen Zugriff, der vor keinem riesigen flügelschlagenden Drachen und vor keiner Travestiebesetzung der Walküren zurückschreckt und dass liegt daran, dass Regisseur Christian Stückl bei aller Ausfälligkeit immer wieder die Kurve zu kratzen versteht".

Zaimoglu/Senkel suchten in ihrer Umarbeitung der Nibelungen-Sage die "Demaskierung der versammelten Helden: als triebgesteuert, machtgeil, ehr- und und hirnlos", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (30.3.2015). Der "Bruch mit sämtlichen, bis heute geläufigen, heroischen Verklärungen" sei durchaus "ein sympathischer Ansatz" und "zeitweise" auch "spaßig anzuschauen". Die Uraufführung falle aber letztlich doch "enttäuschend eindimensional" aus als "Kasperletheater für spätpubertäre Erwachsene".

Die "schier überbordende Inszenierung" erscheint Hannes S. Macher vom Donaukurier (29.3.2015) wie "eine pralle Hommage an das Kiefersfeldener Bauerntheater, wo Laienschauspieler zum Gaudium des Publikums in die Vollen gehen und als Knallchargen so grenzenlos naiv agieren dürfen, dass die Kulissen wackeln und die Lachmuskeln überstrapaziert werden." Dabei wirken die drei "Stunden Dauerbespaßung durch eine hemmungslos auf die Bühne geklatschte Trivialschmonzette" auf den Kritiker "auch ermüdend". Gleichwohl habe das Werk das "Zeug zum neuen Kultstück des Volkstheaters".

 

 
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